Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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0!E WAHRHEIT Seite 5 Jüdische Von Dr. A. Während der Anteil der Juden an Theater, Oper und Kabarett augenfällig ist, wird ihr Anteil an der Artistik meist übersehen. Dies hat meines Erachtens zwei Gründe. Erstens nimmt man die Zirkusleute immer noch nicht für voll, fragt überhaupt nicht nach ihren persönlichen Eigenheiten, und zweitens ist allen Menschen des Zirkus durchweg ein exotisches Aussehen und eine exotische Haltung eigen, so daß „rassige" Besonderheiten dabei nicht auffallen. Nur, wenn einmal ein so großartiges artistisches Phänomen auftaucht wie der ..Eiseukönig" Breitbart, dann wird vom großen Publikum wohl nach „Nam' und Art" gefragt, dann stellt sich zur unangenehmen Ueberraschung derer, die vom „schlappen Juden" zu reden pflegen, heraus, daß dieser Athlet ostjüdischer Herkunft war. Immer wird am Anfange einer Darstellung jüdischen Artistentums der Name Blumenfeld stehen müssen. So habe ich 1925 mein Büchlein „Die Große Nummer" (Ulistein 1925) mit einer Schilderung der in Magdeburg lebenden Brüder Blumenield begonnen und iiöre zu meiner Freude, daß in der englischen Ausgabe dieses Buches*) wie auch in der holländischen**) gerade diese Blumenfeld-Geschichten besonders gefallen haben. Von den Blumenfelds, deren Stammvater bei den Krönungsfeierlichkeiten der Maria Theresia seine Künste zeigte, sagt jeder Artist das Beste, was er von einem Zirkusdirektor sagen kann, nämlich: herzlich gute Menschen. Jeder vom Fach bedauert, daß 1927 der Zirkus Blumenield, älter als 150 Jahre, in Konkurs ging, wobei — wie man hinter den Kulissen erzählt — gewisse antisemitische Tendenzen mitgespielt haben sollen. Mit einem ausgezeichneten Programm, in dem besonders die edlen Pferde eine große Rolle spielten, bereisten Blumenfelds vor dem Weltkriege Deutschland. Wie beliebt sie waren, geht aus der Tatsache hervor, daß sie in ostpreußischen Städten sofort nach der Premiere zu *inem Gastspiele im folgenden Jahre eingeladen wurden, ihnen die Spielerlaubnis automatisch zuflog, zuweilen der Marktplatz nicht gepflastert wurde, nur, damit Blumenfelds im nächsten Jahre wieder bequem aufbauen könnten. Wie nobel waren aber auch diese Zirkusbesitzer in ihrem Geschäftsverkehr! Da gab es fast nie Differenzen, nie Mahnungen, Prozesse. War das Haus ausverkauft — und das war es sehr oft —, dann gingen die Brüder in ihrem Reiche umher, steckten jedem Angesteliten, jedem Artisten einen Extrataler zu; sie hatten solche Prinzipien geerbt von ihren Eltern, dem Emanuel und der Jeanette, die wegen ihrer Wohltätigkeit in der Artistenwelt berühmt waren. Bei Blumenfelds wurde •auch noch das heute so gut wie ausgestorbene Zinti gesprochen, die Fachsprache der Zirkuszigeuner, in der sehr viele hebräische Bestandteile enthalten sind. Die alten Blumenfelds — Emanuel. geboren 1811 bei Göttingen, und Jeanette — hatten durch eisernen Fleiß das Geschäft hochgebracht, auf den Jahrmärkten wurden damals zwanzig, dreißig Vorstellungen hintereinander gegeben, dann wurde nachts abgebaut, mit den grünen Wagen weitergereist, in der nächsten Stadt wieder aufgebaut, und bei allen Arbeiten mußte jeder anpacken, Arbeiter, Artist, Direktor. Emanuel Blumenfeld hatte, wie Renz, Pferdeverstand und Blick für artistische Attraktionen, war dazu ein kluger Kaufmann und hatte in seiner Frau die beste Helferin, die er sich wünschen konnte. Die zwölf Kinder wurden natürlich in allen Sparten des Zirkusfaches ausgebildet, wuchsen in der Zeltstadt auf, lernten nie etwas anderes kennen als den Zirkus, und sie fühlten sich wohl darin; nie haben sie noble Passionen gehabt, der schließliche geschäftliche Zusammenbruch der Magdeburger Brüder Hermann, Simon und Alexander lag wohl begründet in der neuen Zeit, die für den Zirkus klassischer Tradition nichts mehr übrig hatte. Verwandt mit den Blumenfelds sind die G o 1 dkettes, deren prominenteste Vertreter die vier ausgezeichneten Clowns sind, die heute als „Vier Bronetts" auftreten. Ihr Vater hatte einen Zirkus, mit dem er hauptsächlich in Skandinavien reiste, bis hinauf in den hohen Norden Finnlands. Erschütternd sind die Erzählungen der Bronetts über die Leiden ihrer Jugendzeit; nicht, daß sie selber oft nachts im Schneesturm arbeiten, das Zelt sichern mußten, daß harte Lehrjahre ihnen die sonst zu erwartenden Freuden der Kinderzeit nahmen, sondern: daß die Eltern oft Not leiden, hungern, frieren, darben mußten. Nach des Vaters Tode gaben die Jungen ■den Zirkus auf, arbeiteten sich eine „Nummer" für den Zirkus und das Variete aus, wurden Clowns. Und zwar ausgezeichnete Clowns, weil sie perfekte Akrobaten, Reiter, Springer sind, in allen artistischen Fächern firm und fest. Verwandt mit Blumenfelds und mit Goldkettes sind die Ungarn Könyöts, deren Stammvater sich noch Kohn genannt haben soll. Könyöts sind wie Blumenfelds über die ganze Erde verstreut, in jedem Zirkus findet man einen Vertreter dieses altberühmten Namens. Hauptsächlich in der Reiterei und der Pferdedressur haben sich Könyöts betätigt Sandor Könyöt, mein Gewährsmann, heute 54jährig, harte sechs Schwestern nnd fünf Brüder, und als sie 1910 zum größten Zirkus der Welt, zu Ringlings nach Amerika, engagiert wurden — als Jockeis —, da nahmen sie na- *) „Star turns", London. Noel Douglas. **) „Successnummers", Haag 1927. Kleider sofort Zahlungspäter Heinaand Dtmeakliider nach M»8 and fertig aar «ntUauigs Stoffe, bis 12 Monate Krallt Kleiderhaus werter. Wien Xf l., Ottakrlfttferstr. IT Tel. A2i-soi Artisten. 1. K o b e r. türlich die alten Eltern mit Mit Stolz erzählt Sandor, daß sein seliger Vater als einer der Ersten am fliegenden Trapez gearbeitet habe, nebenbei ein vorzüglicher Jongleur und Klischnigger („Schlangenmensch") war; er sollte ursprünglich Kaufmann werden, jonglierte aber mit Tüten, Waren und Gewichten, so daß sein Lehrherr es schließlich besser befand, ihn zum Zirkus ziehen zu lassen. Sandors Bruder Adolf ist heute international bekannt als eleganter Schulreiter, zugleich ist er Chei einer Jockeitruppe von einem halben Dutzend Schwestern, Schwägerinnen, Schwägern. Die Könyöts haben auch eigene Zirkusse gehabt und von ihnen als Direktoren sagen die Artisten dasselbe wie von Blumenteids: herzlich gute Menschen. Zu dem ungeheuren Verwandtenkreise der Blumenields gehören auch die Goldschmidts, alte, in allen Künsten gerechte Artisten, von denen jetzt zwei als Goudsmiths — musikalische Clowns — auf den amerikanischen Varietes sehr beliebt sind. Ein holländischer Jude war Schuitenförderer, der viele Jahre mit dem Zirkus Carre reiste, ein vorzüglicher „Dummer August" war und urkomische Reiterparodien ritt. Clown soll zuerst auch Jansly gewesen sein, der vor etwa dreißig Jahren mit einem sehr hübschen, respektablen Zeltzirkus in Deutschland Erfolg hatte, ein ausgezeichneter Pferdedresseur ist. sich in diesem schwierigen Fache bei Sarrasani und jetzt dreiundsiebzigjährig, bei Krone betätigt. Ob die S t ra ßb u r ge rs, wie mir ihr Name anzudeuten scheint, Juden sind, weiß ich nicht genau; wenn ja, dann hätten wir in ihnen eine fast ebenso alte Zirkusunternehmerfamilie wie in den Blumenfelds. Zu derselben Zeit wie Jansly hatte Papa Lorch als Zirkusbesitzer seine Hochblüte. Seine Kinder, unter Führung des Julius, sind Akrobaten von Weltruhm, sie zeigen die sogenannten Ikarischen Spiele, bei denen der liegende Untermann mit seinen Füßen die Mitarbeiter im Saltomortale wirft zum Schluß eine ganze Pyramide von Menschen trägt. Die Lorchs waren 1923 bis 1925 mit Sarrasani in Amerika; dort, in Buenos-Aires, ist der Papa gestorben: nach ihrer Rückkehr begannen die jungen Lorchs wieder mit einem eigenen Zirkus zu reisen. Große Artisten um 1920 waren zwei Juden: Houdini und Breitbart Harry Houdini wurde als Harry Weiß in Budapest geboren, wanderte jung nach den Vereinigten Staaten aus, wurde Zauberkünstler, weltberühmt dann aber als Entiesselungsartist Seine geradezu enormen Tricks sind noch in aller Erinnerung. Er ließ sich, gefesselt an Händen und Füßen, in eine Zwangsjacke gesteckt, von der Weidendammer Brücke in Berlin in die Spree werfen, aus dem zwanzigsten Stockwerke eines Wolkenkratzers heraushängen, in eine Milchkanne zwängen — und war jedesmal nach wenigen Minuten befreit Niemals hat einer der zahllosen Nachahmer Houdinis seine Entfesselungskünste auch nur annähernd erreicht In seinen letzten Lebensjahren klagte Houdini darüber, daß ihm die Niere beschädigt worden sei durch einen Mann, der, um ihn zu fesseln, seine Knie in Houdinis Rücken gestemmt hatte; er gab die Entfesselungskunst auf und verlegte sich auf eine andere, nicht minder zugkräftige Spezialität: das Entlarven von spiritistischen Medien. 5000 Dollar setzte er aus für dasjenige spiritistische Experiment, das er nicht sofort hätte nachmachen oder erklären können; und diese 50«» Dollar sind nie von jemand gewonnen worden. Amerika hatte ein so ungeheures Interesse an diesen Vorstellungen Houdinis, daß er jahrelang durch Kontrakte mit den großen Varietetheatern drüben festgehalten wurde und nicht mehr nach Europa gekommen ist. 1926 rief ihn der Tod jäh aus seiner Laufbahn ab. Houdini, der ein Alter von einigen fünfzig Jahren erreicht hat, hatte seinen Künstlernamen abgeleitet von dem berühmten Zauberkünstler und Automatenkonstrukteur Robert Houdin, der etwa ein Jahrhundert vor ihm gelebt hatte. Houdinis Wohnung war ein Museum, vollgestopft mit allen möglichen Fesseln, Zwangsjacken, Schlössern, Kettenverschlüssen und mit einer einzigartigen Bibliothek über die verschiedenen Geheimkünste und den Spiritismus. Auch an Houdini war der Zug zu finden, den wir schon bei den Blumenfelds bemerkten; menschliche Güte. Er hat sehr viel für notleidende Kollegen getan, Gräber vergessener Artisten pflegen und hegen lassen, Legate ausgesetzt. Der jüdische Schmied aus Lodz, der sich stolz der „Eisenkönig" nennen konnte, Siegmund Breitbart, war eine wahrhafte Siegfrieds-Gestalt: groß, muskulös, edel proportioniert Die Tricks, mit denen er in den Varietes Sensationserfolge hatte, waren im einzelnen schon von Athleten vorher gezeigt worden, noch nie aber in dieser Vollkommenheit und Schönheit; er bog Eisen, zerriß Ketten, belastete sich mit Steinblöcken, die Männer mit mächtigen Hämmern bearbeiteten, legte sich auf ein Nagelbrett und ließ einen mit Pferden bespannten Wagen über sich hinwegfahren. (Das unfeine Wesen eines Managers verdunkelte in den letzten Jahren leider die Schönheit der Breitbartschen Vorführungen.) An der geringfügigen Verletzung durch einen rostigen Nagel ist dieser jüdische Athlet gestorben. Er hinterließ wenig Bargeld, obwohl er Riesengagen gehabt hatte. Aber: Breitbart hatte eine offene Hand, spendete viel, tat wohl, keiner der zahllosen Verwandten, die sich mit wachsendem Weltruhm bei ihm als Bittende einstellten, ging ohne eine Gabe von ihm. Das Wohnhaus, das sich Breitbart in der Nähe von Berlin gebaut hatte, war mit frommen Sprüchen geschmückt Nur wenige charakteristische Namen jüdischer Artisten habe ich hier genannt es bleiben daneben die zahllosen Juden, die in allen Zirkussen, allen Varietes der Welt als Reiter, Akrobaten, Athleten, Clowns, Jongleure usw. arbeiten. Sie widerlegen die noch weit verbreitete Fabel von der körperlichen Schwäche oder Ungeschicklichkeit des Juden, und es wäre eine dankbare Aufgabe, einmal das jüdische Artistentum nach diesem Gesichtspunkte, medikophysikalisch ausführlich zu untersuchen. GROSSFLEISCHHAUEREI IIIGM. KORNMEHL WKN IX* BIRaOJUU NR. 1» flUAUi XVIIL, WAHMNaMSTRASSfi »7 Telephon Nr. A 17-349und A 18-3-3-4 Ltetaraa* für HallaMstaltM AbteilungenforKoscherfieisch «ater Aufsteht tf«s ehrw. RahMaatra 4«r Isr. Kalhnflttiaatate Wlu. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Stossen. Fünfundzwanzig Jahre sind es, daß Nothnagel, der edle Mensch, der auch eine Leuchte seiner Wissenschaft war, von uns gegangen ist Was Nothnagel für die Wissenschaft geleistet das ist in den zahlreichen, mächtigen Bänden aufbewahrt, die er geschrieben. Was er als Mensch war, erkennt man zur Genüge schon aus zwei kurzen Sätzen, die mit seinem Namen für ewige Zeiten verbunden bleiben: „Der Antisemitismus ist eine Schmach", so lautet der Ausspruch, mit dem er seine Begrüßungsrede im „Verein zur Abwehr des Antisemitismus'' begann, zu dessen Gründern er gehörte. „Nur ein guter Mensch kann ein guter Arzt sein", lautet der zweite Satz. Unvergessene Worte! Man wird nämlich immer wieder an sie erinnert. Nicht etwa weil sie schon allgemein zur Geltung gelangt sind, ganz im Gegenteil . . . * * Professor Hans Kelsen hat bekanntlich eine mit zahlreichen Unterschriften hervorragender freisinniger Persönlichkeiten versehene Adresse erhalten, in welcher er gebeten wird, dem aus Köln an ihn ergangenen Ruf nicht Folge zu leisten, da sein Scheiden aus Oesterreich einen schweren Verlust für das geistige Leben und Schaffen unseres Landes bedeuten würde. Obwohl man in allen antisemitischen Kreisen feststellen durfte, daß von keiner in Frage kommenden offiziellen Stelle der Versuch unternommen wurde, dieser Huldigung für einen „rassenfremden" Gelehrten Nachdruck zu verleihen, glaubten doch eminente hakenkreuzlerische Persönlichkeiten, daß es schicklich wäre, auch ihrerseits durch eine Kundgebung ihr heißes Interesse für die Wissenschaft zu dokumentieren. In einer von rassenreiner Begeisterung durchglühten Adresse an den Herrn Professor (Graf) Wenzel G1 e i s p a c h sollte die dringende Bitte ausgesprochen werden, der Mann, der, wie er es selbst verkündete, durch sein neues Studentenrecht dafür sorgte, daß „die Rassenreinheit an der Wiener Universität verbürgt ist", möge einem eventuellen Ruf nach Jena Folge leisten. Es wäre nämlich ein nicht hoch genug anzuschlagender Gewinn, wenn ein Gleispach an der Seite eines Günther, dem in Jena bereits ein Katheder für Rassenforschung eingeräumt wurde, für die Rassenreinheit auf allen Gebieten des geistigen Lebens wirken könnte. * * Man weiß, daß Herr Hermann Bahr für seine verschiedenen „Richtungen", die er mitunter gleichzeitig zärtlich zu pflegen versteht, verschiedene Ablagerungsstätten findet. Sein Namen zierte schon manches „Judenblatt" an demselben Tage, an dem er auch in einem klerikal-antisemitischen Organ mit einer Arbeit prangte. Herr Bahr versteht es aber auch, mitunter sich über eine Frage derart auszulassen, daß der gründlichste Leser schließlich fragt, was der verehrte Autor eigentlich sagen wollte. So liest man z. B. in dem „Tagebuch", das Herr Bahr im „Neuen Wiener Journal" nicht immer bloß zur Verbreitung und Förderung katholischer Gläubigkeit benützt allerlei Bemerkungen über Rasse. Z. B.: „Daß es gute Rassen und schlechte gibt daran zweifelt niemand, es steht ihnen an der Stirn geschrieben." (Welch grandioser Scharfblick!) „Doch" — fährt Herr Bahr fort — „man vergißt darüber gelegentlich, daß es in guten Rassen zuweilen auch Exemplare wenig erfreulicher Art und ebenso wieder .in schlechten Rassen Beispiele von hohen Tugenden gibt." (Wie edel von Herrn