Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 29 (18.7.1930)
- Date
- 1930-07-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEH Gegenstand der Mission Simpson, schließt Passfield, ist nicht ein verpflichtender Bericht, sondern Informationen. Die Regierung wird seine Informationen zur Grundlage ihrer Entscheidungen nehmen und nicht etwaige Empfehlungen. Simpson wird in drei bis vier Monaten zurückerwartet. Unterdessen sollten sich die Juden beruhigen und nicht mit Mißtrauen auf Großbritannien blicken, denn Großbritannien bricht sein Wort nicht. Im Leitartikel begrüßt die Redaktion des „Vorwärts" die vorstehende Aeußerung Lord Passfields als eine G e stedesFriedenswillens gegenüber den Juden. Die Juden, schreibt das Blatt, werden die ausgestreckte Friedenshand mit Wärme ergreifen. In seinem im „Neuen Wiener Journal" vom 6. d. M. veröffentlichten „Tagebuch" erzählt Hermann Bahr: „.. . An der Universität trat ich einer Burschenschaft bei, deren Stolz Theodor Herzl war. Zwei Semester später beschloß eine Burschenschaft — die der Silesen. wenn ich mich recht besinne —. fortan Juden nicht mehr aufzunehmen. Das Beispiel war ansteckend, auch meine Kameraden eilten nachzufolgen und Theodor Herzl wurde verständigt, daß er entlassen war. Den Antrag, antisämtlicher Arier ankreiden!" Ich muß darauf erschoß, einen Brief an unsere Burschenschaft zurücklassend, worin es hieß, zu leben lohne sich .als Deutscherem den sich aber kein Jude, mag er sich auch noch so redlich bemühen, jemals verwandeln kann. Theodor Herzl gestand mir viele Jahre später, daß jenes Erlebnis in unserer Burschenschaft den ersten Stein zu seinem Zionismus legte. In mir hielt der Antisemit de rigueur nicht lange vor, unter meinen besten Freunden ist eine Reihe von Juden. Einer von ihnen sagte mir allerdings einst gelegentlich: „Du bildest dir nur ein, kein Antisemit zu sein, aber wenn morgen einer deiner jüdischen Freunde sich gemein gegen dich benimmt, wirst du sagen, man soll sich eben doch mit Juden nicht einlassen! Die Gemeinheit eines einzelnen Ariers aber wirst du niemals der Gemeinschaft sämtlicher Arier ankreiden!" Ich muß gestehen, daß es mir schwer fiel, zu widersprechen: ich verstummte." Dieses „Verstummen" des ansonsten so red- und schreibseligen Hermann Bahr ist bezeichnend; es beweist, daß seine stolze Beteuerung: „In mir hielt der Antisemit de rigueur nicht lange vor" so ernst zu nehmen ist wie eine der jeweiligen Glaubens- oder Unglaubensbeteuerungen bei Hermann Bahrs vielfachen Wandlungen. Denn Hermann Bahrs Charakter gereicht es nicht zum Feuilleton Die jüdische Gefährdetenfürsorge. Von Dr. K. Kupfer. (Schluß.) Einzelne Fälle aus unserer Praxis. 1. Der Schuldlose. In der Zelle habe ich zum erstenmal den A. T. gesprochen. Er ist Wiener, erst 23 Jahre alt und wird von seinem Chef verfolgt. Auf Grund von unglücklichen Indizien, erstmalig, nach einem tadellosen Vorleben, ist er von der Justiz in einer Provinzstadt erfaßt worden. Er bekam trotz der Beteuerung seiner Unschuld 3 Monate und das Oberlandesgericht erhöhte es auf das Doppelte. Er hat um 3 Monate Aufschub gebeten, um den wahren Täter zu eruieren. Seine Detektivarbeit ist mißlungen. Er und seine zwei Schwestern, alle sind Vollwaisen, halten fest zusammen. Als wir die Schwestern zu uns beschieden haben, hatten sie Furcht vor uns. Sie glaubten, daß wir im Auftrage seines Verfolgers, seines Chefs, handeln. Sie haben sich allmählich beruhigt Als sie aber von mir hörten, daß ihr Bruder, den sie in dem Bezirksgefängnis wähnten, sich im Zuchthause Stein befindet da brachen sie in Tränen aus. Wir versprachen ihnen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um, wenn er wirklich unschuldig ist seine Rehabilitierung durchzusetzen. 2. Der Leumund des Kindes. In einem Wohnhause haben die bösen und scharfzüngigen Nachbarn dem Kinde zugerufen: Du bist die Tochter eines Zuchthäuslers. Das Kind wußte von nichts. Es weinte bitterlich. Erst eine Gerichtsverhandlung verschaffte Ruhe. Aber das Kind litt darunter, wurde von Wahnvorstellungen gequält und magerte täglich ab. 3. Ein Opfer der richterlichen Milde. Mit vier Jahren begann er zu stehlen. Er stahl in der Hauptschule und auch später als Beamter im Amte. Wieder offizielle Beziehungen zwischen Zionistc-n und England. Die seit der Suspendierung der Arbeiterzertifikate durch die Londoner Regierung seitens der Zionistischen Exekutive abgebrochenen offiziellen Beziehungen zum Colonial Office sind, wie die Jüdische Telegraphen- Agentur aus autoritativer Quelle erfährt wieder aufgenommen worden. Es sind Verhandlungen über die. schwebenden Fragen im Gange, die aber kein endgültiges Ergebnis haben können, solange der Bericht Sir John Hope Simpsons über seine in Palästina angestellten Untersuchungen nicht vorliegt. Der Bericht, soll, wie wiederholt angekündigt wurde, Ende Juli abgeschlossen vorliegen. Sir John Chancellor in London. Der High Commissioner für Palästina, Sir John Chancellor, der vor kurzem seinen Urlaub angetreten hat, ist am 7. Juli in London eingetroffen. Es verlautet daß die Regierung mit ihm während seines Londoner Aufenthaltes über die Frage der zukünftigen Politik in Palästina herate.n wird. Ruhme, daß er die G e n e r a 1 i s i e r u n g bei den Juden verständlich findet, bei den „Ariern" aber nicht Wo bleibt da das Gerechtigkeitsempfinden, das ein solcher „Schöngeist" doch besitzen sollte, will er auf diesen Ehrentitel Anspruch erheben. Hermann Bahr hat aber diesen Anspruch ver- . wirkt, seitdem er sich „allerdings einst gelegentlich" in dem scharf antisemitischen Blatte „Schönere Zukunft" zu einer herzlichen Sympathiekundgebung für die „doch nur in Hitlers Reihen stehende beste Kraft reinster Jugend Deutschlands" hinreißen ließ. Damals ging das „Neue Wiener Journal" des Herrn Lippowitz, in dem man allsonntäglich dem mehr von des Alters als der Gedanken Bläße angekränkelten „Tagebuch" Bahrs begegnet, mit schonendem Schweigen, vielleicht aus Rücksicht für die schönere Vergangenheit über diese Exkursion seines Mitarbeiters hinweg, in der die Wertschätzung für die hakenkreuzlerisch gesinnte Jugend Deutschlands schrankenlos durchbrach. Hermann Bahr ist durch viele Wandlungen durchgegangen, aber daß er nicht bei dem frommen Glauben an das Kreuz, halt machte, daß ihn dies nicht hinderte, demtlas Alte wie das Neue Testament gleichmäßig verhöhnenden Hakenkreuzlertum seine Verbeugung zu machen, war denn doch empörend. Man mag ein noch so geübter Ver- •wandlungskünstler und Equilibrist sein, es ist aber doch schwer, auf die Dauer honoraris causa mit den „Judenblättern" und honoris causa mit den Hakenkreuzlern zu tanzen, ohne dabei zu entgleisen. Rasch durchschritt er alle Stufen der Strafen und beglückte mit seiner Anwesenheit eine Reihe von Ländern, wo er als berühmter Rockmarder bekannt wurde. Mit Unterbrechungen blieb er in Stein zirka 30 Jahre. Die letzte Strafe ist so milde ausgefallen. Er erhielt bloß acht Monate. Er war gewohnt, mit Jahren zu operieren. Auch seine Beschäftigung, das Kartoffelschälen, konnte er nicht wieder ausüben, da sie nur für „Mehrjährige" bestimmt ist Er ist heute ein Greis, siech und krank. Gehört bestimmt in ein erst zu errichtendes Irrenhaus für Grenzfälle. 4. Der Erfinder. Er ist bildhaft schön und sie tapfer und treu. Sie halten so schön zusammen. Für seine anerkannten Erfindungsprobleme hat er viel Geld benötigt. Die Folge davon war betrügerische Krida, Schädigung vieler kleiner Sparer und mehrjährige Haft. Er wird nie mehr Verbrecher, obwohl er noch heute von Erfindungen träumt Allerdings die wichtigste Erfindung wäre für ihn, einen Posten zu finden, wo er auch seine große fachmännische Begabung verwerten könnte, um seine Familie wieder erhalten zu können. Durch unsere Intervention bei den Behörden, wo wir stets Entgegenkommen finden, ist er begnadigt worden. Begnadigungen sind der wichtigste Teil unserer Tätigkeit, mit der wir überraschende Resultate erzielen. Wenn wir nur später von der unversöhnlichen menschlichen Gesellschaft Begnadigung erlangen könnten. Auch hier müßte die Gefährdetenfürsorge eingreifen, um eine ökonomische und soziale Rettung herbeizuführen. 5. Eine Wahnsinnige verkündet den Untergang der Welt. Als ich als Gefährdetenfürsorger ein Irrenhaus besuchte, unterhielt ich mich mit einer-Kranken, mit der ich mich langsam befreundete. Sie hielt einen langatmigen Vortrag über den Untergang der Welt, die sie als schlecht verurteilte. Ich wunderte mich über ihre Erregung und erkundigte mich bei der Krankenschwester nach ihren Verhältnissen. Ich erfuhr, daß sie von ihren Verwandten, die wohl regelmäßig Geld einsandten, schon lange kein Schreiben erhielt. Durch meine brieflich Intervention gelang es mir, zu bewirken, daß Briefe wieder kamen. Die arme Irre hat darauf ihren Pessimismus wieder abgelegt Die Tragödie von Borsdia, Die israelitische Kultusgemeinde von Dorna-Vatra in der Süd-Bukowina hat von der Leitung der jüdischen Gemeinde von Borscha einen von der gesamten jüdischen Bevölkerung Borschas unterzeichneten Appell erhalten, in dem unter anderem ausgeführt wird: Seit dem 7. Juni 1930 haben hier die beiden Pfarrer Berindei und Dumitrescu zusammen mit vier Schullehrern und einigen Postbeamten eine ununterbrochene antisemitische Hetze betrieben; sie bildeten ein Komitee, das fortwährend geheime Sitzungen in der Kirche abhielt Sie luden den Cuza-Studenten Constantin D a n i 1 a nach Borscha ein, unter seiner Leitung wurden die arbeitslosen Bauern und überhaupt alle unverantwortlichen und gefährlichen Elemente organisiert Die Behörden schritten nicht ein. Wir haben die Regierung informiert, aber die Autoritäten blieben passiv und lachten uns aus. Nach dem Osterfest schritt ein Zug von 3000 Bauern mit Kirchenfahnen durch die Straßen von Borscha und rief fortwährend: „Zündet tötet treibt sie hinaus!" An der Spitze des Zuges schritten Danila und die genannten Pfarrer. Das dauerte so den ganzen Tag. Am Abend wurden von den Anführern zehn Juden fürchterlich geschlagen und drei ins Wasser geworfen. Ain nächsten Tage waren schon 6000 bis 7000 Bauern in der Stadt Der Gendarmeriekapitän ließ einen Pfarrer verhaften. Danila stellte ein Ultimatum und forderte die sofortige Freilassung des Pfarrers, ansonsten würde die Bauernschaft Gewalt anwenden. In Gegenwart der ganzen johlenden Menge wurde der Pfarrer aus der Haft entlassen. Der Gendarmeriekapitän wurde von seinem Amte suspendiert Am Donnerstag, den 3. Juli, hatte die Hetze ihr gefährlichstes Stadium erreicht, wir fühlten uns preisgegeben. 6000 bis 7000 Bauern mit Bomben, Knüppeln und anderen Waffen versehen, weilten in der Stadt es wurde bekannt, daß sie auch Benzin mit sich führten. Aber noch schritten sie nicht zur Ausführung ihres Werkes. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag flüchtete der größte Teil der jüdischen Bevölkerung aus Borscha. Freitag früh war Militär eingetroffen, welches aber gegen die angesammelten Bauern nicht einschritt Die Behörden setzten es nur durch, daß Danila abreiste. Die übrigen Agitatoren blieben im Orte und hetzten öffentlich zu Brandstiftungen und Mord. Alle unsere Bitten und Tränen gegenüber den Autoritäten halfen nicht die Hetzer durften ungestört ihre gefährliche Arbeit tun. Wir schickten immer wieder Abordnungen zu den übergeordneten Behörden, man wollte sie aber nicht anhören. Die übergeordneten Behörden in Sziget gaben die Instruktion, keinen der Hetzer zu verhaften. Die Kirche war beflaggt, drinnen hatten sich die verhetzten Bauern angesammelt Die Juden wagten nicht, die Straßen zu betreten. Das war am Freitag, den 4. Juli. Plötzlich schlugen an drei ganz verschiedenen Ecken der Stadt auf einmal Flammen empor, Benzingeruch verbreitete sich. Bald stand der ganze Ort in Flammen. 132 Wohnhäuser, 199 Nebengebäude brannten innerhalb zwei Stunden bis auf den Grund ab. Mehr als 2500 jüdische Seelen sind ohne Obdach und ohne Nahrung. Die Agitatoren aber hetzen ungehindert weiter, wir wissen nicht, was weiter unser Der Anfang einer Gefährdetenfürsorge. Seit Jahren besteht wohl in Wien eine nicht vom Staate, sondern von der Kultusgemeinde selbst erhaltene Strafseelsorge, die aber keinen staatlichen Charakter besitzt Auch ein gewisser, wenn auch sehr schwacher Ansatz zu einer Fürsorge für die Irrennäusre ist vorhanden, aber da er sich auf kaum einen einmaligen Besuch im Jahre erstreckt, kommt er gar nicht in Betracht Die Straffürsorge hingegen wird gänzlich in das Wohltätigkeitsamt der Kultusgemeinde hinübergeleitet, wo mit Abstufungen von oben nach unten oder umgekehrt, mit dem 5—20-Schillingsystem gearbeitet wird, ähnlich wie die allgemeine soziale Gerichtshilfe es tut. Das Beschaffen von Kleidern wurde nicht durchgeführt. Zu den jüdischen Feiertagen bekommen die Häftlinge in Wien jüdische Kost, die auf jeden Fall als eine Verbesserung und als eine Abwechslung von allen freudig begrüßt wird. Daß wenigstens diese Bescherung glatt vor sich geht und bereits einen gesetzlichen Charakter angenommen hat. ist das Verdienst des Direktors B i r n s t e i n, der auch sonst in der Fürsorge uns hilfreich beisteht Vor zwei Jahren hat aber der Staat die Strafseelsorge in Stein geschaffen. Damit ist der Anfang einer jüdischen Gefährdetenfürsorge gemacht worden. Die produktive Arbeit begann mit dem Beschaffen von Kleidern für Entlassene. Erst mußte ein volles Jahre das Mißtrauen der Sträflinge überwunden werden und seit einem Jahr arbeitet diese Gefährdetenfürsorge von der Kultusgemeinde mit den nötigsten unentbehrlichen Mitteln für Interventionen und Fahrtspesen, wie auch mit einzelnen Gaben für Entlassene unterstützt, und kann manche schönen Erfolge aufweisen. Seit einigen Monaten ist ein neues Leben eingetreten. Eine einzige Mitarbeiterin hat hier Wandel geschaffen. Es wirkt wie das Fahnentragen einer neuen Zeit Aus nachdenklichen Herzen strahlen Flammen nach allen Seiten, die trotz vieler Zerstörungen neue Lebendigkeit schaffen. Wir haben schon jetzt einige Wohltäter hinter uns, die uns helfend beispringen. Sie bilden eine Fronde von Wollenden und Helfenden, die zur Liebe des Mitmenschentums führen. Aber alles ist noch keine Organisation, keine Arbeitsgemeinschaft Die Frauenorganisationen, die schon in Wien vorhanden sind, die humanitären Vereinigungen der Bnei Brith und die Kultusgemeinde mußten den Anstoß geben.!•■•••■■■■■«■■■■■■•■■■■■•■■■■■ '•■•■•^♦••■•■•■■■■■■■■■■■■»■■■»■•«•■••»■«■■■■■••■«•«■■■■■•■■■»■•■••■■•«■••■■»«■■■»■■•«■•■■■•■•»•■•■■»«■»»»i Hermann Bahrs letzte Wandlung.