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Die Wahrheit · 1930-07-11 · Heft 28 (11.7.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 28 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sehe 6 DIE WAHRHEIT teln befanden, fielen den Flammen zum Opfer. Das Elend und die Panik unter der jüdischen Bevölkerung von Borscha sind unbeschreiblich. In Marmaros Sziget bildete sich sofort ein Hilfskomitee, welches sich telegraphisch an das europäische Büro des American Joint Distribution Committee iii Berlin, sowie an das. Berliner Büro der American Joint Reconstruction Foundation mit der Bitte wandte, sofort einen Betrag zur Linderung der dringendsten Not zur Verfügung zu stellen. Die Regierung „greift ein". Das rumänische Innenministerium ordnete strenge Maßnahmen gegen alle jene an, die in Warna und K i m p o 1 u n g antisemitische Demonstrationen und vandalische Exzesse verschuldet haben. Unterstaatssekretär Anghelescu ordnete telegraphisch die Enthebung des Polizeichefs von Kimpolung an, weil er die höheren Behörden von den Vorfällen in Warna und Kimpolung nicht verständigt hat Der Unterstaatssekretär gab Auftrag, die Anführer der Demonstranten festzunehmen und dem Gerichte zu überstellen. Das Innenministerium teilt mit, daß ein Teil der antisemitischen Agitatoren in Warna und Kimpolung bereits verhaftet wurde, es würden die strengsten Maßnahmen gegen die Schuldigen ergriffen. — Das „Czernowitzer Morgenblatt" äußert sich zu der Amtsenthebung des Polizeiinspektors von Kimpolung wie folgt: Polizeipräfekt Cobilansche hat seine Pflicht erfüllt und sich als Hüter der öffentlichen Ordnung geradezu heroisch benommen. Rücksichtslos und unerschrocken ging er gegen die Exzedenten vor und hat sich redlich bemüht, die Ruhe in der Stadt und im Bezirke aufrechtzuerhalten. Er wurde dabei von den cuzistischen Rowdies mißhandelt Das soll nun der Lohn seiner heroischen Pflichterfüllung sein? Das wird die Bevölkerung kaum verstehen. Wahrheiten vom Ja&e Das Hakenkreuz. Den „A b w e h r - BI ä 11 e r n" teilt Pfarrer Borchardt folgende Erinnerung mit: 1903 war ich am Niagara, wo an die Reisenden überall Andenken verkauft wurden. Darunter waren auch Wandkalender mit dem Bilde eines Indianerknaben, zwei Glücksringen und einem großen Hakenkreuz. Die Ringe und das Hakenkreuz würden in der Bevölkerung als alte indianische Zeichen angesehen. Ich habe noch heute den Kalender als Andenken bei mir hängen. Non ölet Aus der „Deutschen Heimat" sei hier eine Besprechung des Buches Ottokar von der March, „Pogrom von rechts und links", wiedergegeben: ..Diese Broschüre ist eine jener Schriften, wie sie geflissentlich, von der „Großen Presse" totgeschwiegen werden. Und je mehr das jetzt geschieht, um so zeitgerechter sind sie eigentlich, zumal jetzt die Zeit wieder gekommen scheint wo man hochprozentige Wucherzinsen nimmt und das Volk in ohnmächtiger Wut nach und nach die Urheber seiner Verelendung erkennt. Wer hinter die frechen Geschichts- und Tatsachenverdrehungen kommt, welche die Juden zur Verschleierung ihrer Tätigkeit und zur Entschuldigung ihnen gemachter Vorwürfe in die Welt setzen, fühlt sich derart mißbraucht und mißhandelt daß er auch heute noch eines Pogroms fähig wäre. In keinem Punkte tut den abendländischen Völkern Aufklärung so not wie in diesem, und darum ist .diesen Schriften weiteste Verbreitung zu wünschen. G. P." Die genannte Zeitschrift hat es sich zur Aufgabe gemacht, sudetendeutsche Literatur und Kunst zu „fördern".. Fraglich ist aber, ob be« einer derartigen Schreibweise auch andere Anhänger als bloße Rasseantisemiten in größerer Anzahl gefunden werden können. Schließlich muß es auch einen Nichtjuden. der fortschrittlicher Denkungsweise ist. anwidern, wenn sogenannte vornehme Blätter als eines ihrer Hauptziele die- Förderung des Antisemitismus und die Ausmerzung des Judentums durch Pogroms befürworten. Nichtsdestoweniger stellt die Prager „Wahrheit" dazu fest, daß die in iJRede stehende Zeitschrift zahlreiche Probenummern und Werbeschriften an Banken, Industriekonzerne und Großkaufleute sendet, denen eine Bitte um Inserierung beigefügt ist Es hat den Anschein, als ob beim Geldnehmen dieses Blatt nicht den Arier-Paragraphen einführen wird, denn wo es sich darum handelt, da fühlt man sich keineswegs „mißbraucht und mißhandelt". Aehnliches soll auch in Oesterreich von im Dienste der „fortschrittlichen" Literatur und Kunst stehenden Zeitschriften geschehen. Geschäftstüchtigkeit Mitgliederversammlungen politischer Organisationen sind im allgemeinen deren höchste Lokalinstanz. Die Teilnahme an ihnen ist das vornehmste Recht der Mitglieder. Anders scheint es bei den Hitler-Leuten zu sein, denn dort müssen unter Umständen die Teilnehmer Eintritt bezahlen. Als im Mai d. J. die Nationalsozialisten in München ihre Generalversammlung abhielten, kündigte der „Völkische Beobachter" an: „Karten zu Mk. 1.— und numerierter Platz zu Mk. 5.— noch in der Geschäftsstelle erhältlich". Das ist gewiß nicht billig, selbst wenn die Attraktion dieser Lustbarkeit in dem Trommler des dritten Reiches, Hitler selbst bestand. Daß die Ankündigung nicht etwa für Nichtparteimitglieder galt bewies der Zusatz: „Mitgliederausweis mitbringen". Numerierte Plätze zu Mk. 5.— in der Generalmitgliederversammlung einer „Arbeiterpartei", das ist an sich schon so bezeichnend, daß sich jedes weitere Wort der Beurteilung erübrigt. Lederhandschuhfabrik Josef Tjasfinger 1., Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 Wirtb über Rathenau. Am 28. Juni veranstaltete die Walter Rathenau- Gesellschaft im Plenarsaal des Reichswirtschaftsrates ihre erste öffentliche Hauptversammlung. Vor einer aufmerksamen Zuhörerschaft, die sich aus Mitgliedern des Kabinetts, Vertretern der Wissenschaft und vielen Freunden Rathenaus zusammensetzte, sprach Reichsminister des Innern Dr. W i r t h über „Erinnerungen an die gemeinsame Arbeit mit Walter Rathenau". Dr. Wirth erzählte, wie er 1920, als er Finanzminister geworden war, Rathenau ins Ministerium gerufen habe. Mit innerer Wahrhaftigkeit hat Rathenau Auskunft gegeben über die Lage der Dinge und der internationalen Wirtschaft. In dieser Wahrhaftigkeit allein waren die Elemente enthalten, die einen Weg finden ließen zu einer wenigstens vorläufigen Lösung der Reparationsfrage. Rathenau suchte auch in dem Chaos des internationalen Hasses etwas Geistiges. Im Geistigen glaubte er den Anknüpfungspunkt an andere Völker und Nationen zu finden. Er hat vieles hinter sich gelassen und ging den Wesvder von Spa zum Haag führte. Zehn Jahre Arbeit, schloß Dr. Wirth, haben uns ein wieder freies Rheinland gebracht. Bad isdil Pension „Wanna" an der Esplanade und Kaltenbachstraße 19 Zwei Minuten zum Kurkonzert Ruhige staubfreie Lage Beste Küche Leitung und Aufsicht Adolf Glatter, Wien Vi.. Schmalzhofgasse 12 Bruno Weils Pariser Vortrag ein großer Erfolg. Dr. Bruno Weil, der bekannte Berliner. Rechtsanwalt und Vizevorsitzende des Central-Vereius deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, dessen Vorträge über die Dreyfus-Affäre und dessen Dreyfus-Buch (siehe unseren dieswöchentlichen Leitartikel) in Deutschland wie in der ganzen Welt so viel Aufsehen erregt haben, hielt am 30. Juni abends in Paris einen massenhaft besuchten Vortrag über die Affäre Dreytus, der sich zu einer Friedenskundgebung von seltener Aufrichtigkeit und Wärme gestaltete. Der große Saal der Societes Savantes und die Nebensäle waren überfüllt. Die Rede Dr. Weils erhob sich über die „Affäre" hinaus in den Bereich internationaler Gemeinschaft, als Dr. Weil von dem Frieden zwischen Deutschland und Frankreich sprach, der durch die Befreiung des Rheins von französischer Besatzung gerade am Abend des Vortrags geweiht wurde. Als der Redner das Wort Walther Rathenaus ausrief, das von jetzt an das heilige Gelöbnis der beiden Völker sein müsse, französisch und deutsch: la Paix, la Paix, la Paix, Friede. Friede, Friede, da erhoben sich die Anwesenden von ihren Sitzen, und zu der Rednertribüne drangen die vielstimmigen Rufe: „Vive la Justice, vive la Paix!" Am Schlüsse dankte der Präsident der französischen Liga für Menschenrechte, Professor Victor Bäsch, dem deutschen Gast und rief zum Kampfe gegen die Kriegsgerichte auf, die auch heute noch bestehen und, wie zur Zeit der Affäre Dreyfus, der menschlichen Gerechtigkeit ins Gesicht schlagen. Die Presse bezeichnet den Erfolg des Redners Bruno Weil als einen Erfolg für den Gerechtigkeitssinn und die Friede n ssehnsucjit der Völker. Die Presse stellt weiter fest, daß der deutsche Gast die französische Sprache mit sroßer Vollendung meisterte. Neubau an der Klagemauer. Die Araber haben neuerdings die im vorigen Jahr in der Nachbarschaft der Klagemauer errichtete Treppe mit einem Treppengeländer versehen. Die jüdischen Behörden haben in der Befürchtung, daß durch diese Maßnahme lediglich das ausschließliche Verfügungsrecht der Moslems über die Mauer von neuem demonstriert werden soll, dem Distriktscommissioner einen Protest überreicht Dieser versprach, sich mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Moslemische Gesellschaften in Ramleh, Hebron, Ludd, Gaza und in Aegypten überfluten die Klagemauerkommission (über deren Beratungen nach Beendigung derselben ausführlich berichtet werden soll. D. Red.) mit Resolutionen, in denen dargelegt wird, die Klagemauer sei ein Teil der Aksa-Moschee und die palästinensischen Moslems ihre Hüter für die ganze moslemische Welt. ' Antienglischer Warenboykott im Orient Die .lerusalemer arabische Zeitung „Annafir"^ schreibt, daß der antienglische Warenboykott sich nicht auf Indien und Palästina beschränkt, sondern bereits auf Syrien übergegriffen und sein Zentrum in Beirut hat. Alle Araber und Moslemiten, schreibt die Zeitung, sind einig im Protest gegen England, das seine den Arabern Palästinas gegebenen Versprec n u n ge n nicht hält. Ein interessanter Prozeß. Ein interessanter Beleidigungsprozeß, den der bekannte Schriftsteller Dr. Walter B1 o e m gegen den Redakteur der „Pommerschen Tagespost" Paul Niehaus angestrengt hat, beschäftigte jüngst die Stettiner Strafkammer. In der „Pommerschen Tagespost'1 war ein Aufsatz unter dem Titel „Renegaten" erschienen, der sich u. a. mit Walter Bloem, insbesondere mit seinem Reisebuch „Weltgesicht", befaßte. Es war darauf hingewiesen worden, daß Walter Bioems neuester Band Verse eine kolossal lobende Besprechung im „Berliner Tageblatt" gefunden hatte. Der Beklagte sah das Renegatentum Bioems darin, daß er in seinem Buch, während er vorher gut vaterländisch gewesen sei. sich als international eingestellter Kosmopolit gebe. In der Verhandlung, in der der Angeklagte durch den Rechtsanwalt Graf von der Goltz verteidigt wurde, wurde auch als charakteristisch für Bioems angeblichen Gesinnungswechsel darauf hingewiesen, daß Walter Bloem für das „Hamburger Israelitische Familienblatt" geschrieben habe. (!) Dies in Verbindungmit der lobenden Kritik im „Berliner Tageblatt" zeige auch, daß er nicht mehr den nationalen Standpunkt, den er früher eingenommen habe, vertrete. Deshalb sei die Bezeichnung „Renegat" durchaus gerechtfertigt. Der Vertreter Dr. Bioems. Rechtsanwalt Dr. Klee-Berlin führte aus. daß eine gut vaterländische Gesinnung, wie sie Bloem immer gezeigt habe und noch heute zeige, durchaus vereinbar sei mit der gerechten Würdigung anderer Völker und daß gerade Bloem diese höhere Form einer nationalen Gesinnung zeige, die sich darin auszeichne, daß er das deutsche Volk in den friedlichen Wettbewerb der Nationen eingereiht sehen wolle. Der Ausdruck „Renegat" sei unter allen Umständen schwer beleidigend. Er bedeute nach allgemeinem deutschen Sprachgebrauch einen Gesinnungswechsel aus Charakterlosigkeit oder unlauteren Beweggründen. Das Gericht schloß sich diesen Ausführungen an. Es erklärte, daß der Ausdruck „Renegat" beleidigend sei, und daß die Absicht dieser Beleidigung auch aus der im allgemeinen kränkenden Form des Aufsatzes deutlich erhelle. Der Beleidiger wurde zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt. Gegen die Rassenhetze. In Freiburg i. B. verhandelte am 1. Juli der allgemeine Studentenausschuß unter stärkster Beteiligung über den von nationalsozialistischer Seite gestellten Antrag auf Einführung des Numerus clausus für jüdische Studierende. Der Antrag wurde mit22 gegen 3 Stimmen abgelehnt. Neue antisemitische Welle in Mexiko. In den Provinzorten Mexikos macht sich seit einiger Zeit eine starke antisemitische Bewegung bemerkbar, die die Judenschaft mit Besorgnis erfüllt. Die in Mexico City erscheinende „Jiddische Zeitung" veröffentlicht ein von 20 jüdischen Familien in der Provinz San Louis Potosi unterzeichnetes Schreiben, in welchem mitgeteilt wird, daß in der Bevölkerung eine scharfe Boykott-Bewegung gegen die jüdischen Kauf- 1 e u t e besteht. Die Juden der mexikanischen Hauptstadt werden gebeten, ihren Brüdern in der Provinz in der Abwehr der antisemitischen Bewegung zu Hilfe zo kommen. Gesühnte Friedhofschändung. Im August 1918 wurden auf dem jüdischen Friedhof in P r e r a u 40 Grabsteine zertrümmert. Als Täter wurden 8 junge Leute im Alter von 15 bis 19 Jahren festgestellt. Einer der Anführer wurde nun vom Gericht zu einem Monat Kerker, zwei weitere Täter zu je drei Wochen Kerker und die übrigen Täter zu je fünf Tagen Gefängnis mit Bewährungsfrist für die Dauer von zwei Jahren verurteilt. Die Kultusgerheinde hatte durch die Zerstörung einen Schaden von 20.000 K5 erlitten. Die Befreiungsfeier in Stadt und Land Trier. Den Reigen der im großen Stil einsetzenden verschiedenen kirchlichen und weltlichen Befreiungsfeiern in Trier eröffnete der feierliche Dankgottesdienst in der Synagoge in T r i e r am Samstag, den 28. Juni. Die feierliche erleuchtete Synagoge wies zu diesem Anlaß festlichen Blumen- und Flaggenschmuck auf. Eine besondere Weihe erfüllte den ehrwürdigen, heiligen Raum. Kantor M. Isenberg trug schön und eindrucksvoll' einen jubilierenden Psalm vor. Hierauf bestieg Oberrabbiner Dr. Alt mann die Kanzel zur Festrede. Die Predigt ging von dem Textwort der Haftora aus Samuel aus: „Denn nicht lassen wird der Ewige sein Volk um seines großen Namens Willen, denn der Ewige hat beschlossen, euch sich zum Volke zu machen." Die packenden, auf hoher Warte stehenden klassischen Ausführungen rissen alle mit. Die Predigt, nach Form, Inhalt und Vortrags^ weise ein rhetorisches Meisterwerk, soll auf allgemeinen Wunsch in Druck erscheinen. Die Feier wurde durch ein weiteres Rezitativ des Kantors abgeschlossen und hat ihre Wirkung auf die zahlreich Anwesenden nicht ver^ fehlt Herr Oberrabbiner Dr. Alt mann wurde seitens der Behörden zu der großen mitternächtlichen Befreiungsfeier sowie zu der Kriegerdenkmalseinweibung und den sämtlichen Veranstaltungen der Stadt, des Landes, der Regimenter, der Schulen und Sportorganisationen, ebenso zu den Feierlichkeiten anläßlich der Anwesenheit des Reichspräsidenten v. Hindenburg am 23. Juli in Vertretung der Israeliten in Stadt und Land Trier offiziell eingeladen. Bei vielen dieser Veranstaltungen ist Heir Oberrabbiner in den Ehrenausschuß gewählt. In der Kommission zur Errichtung des Kriegerdenkmals hat er jahrelang aktiv mitgewirkt.

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