Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 28 (11.7.1930)
- Date
- 1930-07-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 gegen das heutige Weimar auf. Es hat noch niemals ein Unrecht in der Weltgeschichte gegeben, das sich in seinen Wirkungen nur auf eine Minorität erstreckt und nicht seine anarchischen Wirkungen auf die Gesamtheit geäußert hat. Wir rufen alle deutschen Mitbürger auf, uns in unserem Kampfe um die in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung aller Deutschen nicht allein zu lassen. Wir rufen sie auf, nicht bloß, weil es sich darum handelt, das Unrecht, das uns deutschen Juden zugefügt ist, abzuwehren, sondern weil auch dieser Kampf ein Kampf um das Recht ist, dem wir seit Jahrzehnten als gute Deutsche und gute Juden zum Wohle unseres Vaterlandes dienen. Das ist der Sinn unserer Kundgebung vom 17. Juni 1930. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil führte ungefähr aus: Die Angelegenheit der Haßgebete beschäftigte zwar den Staatsgerichtshof, und es sei zu erwarten, daß dieser ein Urteil fällen werde, aus dem sich das Verfassungswidrige der Frickschen Methode ergebe. Aber damit sei die Angelegenheit nicht erledigt. Es müsse die Frage aufgeworfen werden, ob es mit der verfassungsmäßigen Machtverteilung zwischen Reich und Ländern vereinbar sei, daß in einem der Ministerien eines der Länder der Exponent einer Partei sitze, deren ganzes Programm die Verneinung der gegenwärtigen Grundlage aller modernen Staaten, nämlich der Gleichberechtigung der Staatsbürger, bedeute. Ein Grundfehler sei schon begangen worden, als unter der vorigen Reichsregierung die Ernennung Fricks zum nationalsozialistischen Minister stillschweigend hingenommen worden sei. Es sei der Augenblick gekommen, zu fragen, ob der Reichsinnenminister nicht dem Reichspräsidenten vorschlagen müsse, von den Machtmitteln des Reiches Thüringen gegenüber Gebrauch zu machen. Die deutschen Juden seien nicht gesonnen, sich den Anspruch auf ihre verfassungsmäßigen Rechte von Thüringen aus, das nur eine Vorstufe von Sachsen und wer weiß, zu welchen anderen Ländern sein solle, nehmen zu lassen. Wenn nicht alle Staatsbürger vor dem Gesetz gleich seien, sondern wenn die Blutszugehörigkeit ein entscheidender Faktor sein müsse, wie es die Nationalsozialisten forderten, mit welchem Rechte könnten dann die deutschen Staatsangehörigen im ungarischen Staate, in der Tschechoslowakei, in Polen, in Dänemark, in Italien, wo überall blutsfremde Völker die Mehrheit haben, ihren Anspruch auf Gleichberechtigung geltend machen? Der Weg der Nationalsozialisten führe zurück ins finstere Mittelalter. Er sei die direkte Umkehrung aller modernen Staatsbegriffe und müsse letzten Endes zum Bürgerkrieg und zur Auflösung des Reichsgedankens führen. Darum ergehe ein Appell von den deutschen Juden als den besonders, aber nicht allein Getroffenen, an die verfassungsgemäß zuständigen Instanzen, darüber hinaus an die gesunden Kräfte im deutschen Volke, an alle diejenigen, denen der gegenwärtige Staat am Herzen liege und die die Grundlage moderner Staatsberechtigung nur in der Gleichberechtigung erblicken können, sich über Glaubens- und Parteiunterschiede und politische Meinungsverschiedenheiten hinweg zu entschlossener Abwehr des Nationalsozialismus zusammen zu finden. Der Verbundenheit der deutschen Juden mit dem deutschen Volke könne der Nationalsozialismsu keinen Abbruch tun; aber er sei geeignet, das mühsam in mehr als zehnjähriger Arbeit wieder erkämpfte Ansehen des deutschen Reiches und alle Ansätze zur Einigung des deutschen Volkes aufs Spiel zu setzen. Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer führte ungefähr aus: Wir lehnen uns auf gegen die Vergewaltigung des uns verbrieften Rechtes, darüber hinaus aber auch gegen die Verstümmelung der allgemeinen Bürgerrechte; denn wenn man unser Recht beugt, erniedrigt man das allgemeine Menschenrecht. Aber noch Tieferes wird verletzt: es wird Spott getrieben mit der Religion. In uns, die wir unseren Messias-Beruf fühlen, bäumt es sich auf. wenn der Gottesanruf profaniert wird. Und ein anderes: die Seele des unmündigen Kindes wird vergiftet durch Haß. Wir Hüter des Glaubensgedankens legen Verwahrung dagegen ein, daß Gottesgeschöpfe erzogen werden zu Haß und somit zu ihrem Unglück. Die Begründung des thüringischen Schächtverbotsvorschlags durch die Parteigenossen Fricks sagt es klar, daß nicht Rücksichten auf das Tier, sondern Herabsetzung des Judentums und der Juden maßgebend sind. Wir legen aus tiefstem Innern Verwahrung dagegen ein, daß man unseren Glauben schmäht Wir werden unsere Glaubensidee durchsetzen und erhalten. R.-A. Dr. Julius Blüht, Eisenach, führte aus. es beherrsche ihn ein eigentümliches Gefühl, wenn er hier über sein schönes und geliebtes Heimatland Thüringen klagen muß. Das thüringische .Volk ist nicht antisemitisch. Leider bilden durch Zufäll die Nationalsozialisten das Zünglein an der Wage, und sie sind die Akteure auf diesem traurigen Theater, über das man sich entsetzt und über das man lacht Der Redner meinte, daß der Weg des Staatsgerichtshofes, den Dr. Wirth beschritten hat, unsicher sei, die Reichsexekutive hätte sofort einschreiten sollen, wie sie dies 1923 gegen Thüringen tat, als Kommunisten in der Regierung waren. Damals stand es in bezug auf das Verhältnis Thüringens zum Reiche nicht so schlimm wie heute. Der Redner richtete zum Schluß eine Mahnung an alle deutschen Juden, nicht untätig zu bleiben und sich nicht, wie die Thüringer Juden, überraschen zu lassen, sondern rechtzeitig in Reih und Glied zur Abwehr dazustehen. Dr. Alfred Wiener, Syndikus des Centrai- Vereins, führte aus: Mit einer starken Zurückhaltung wird der Deutsche, dem Vaterlandsliebe nicht Lippenbekenntnis, sondern letztes Erlebnis ist von seinen deutschen Gefühlen in öffentlichen Versammlungen sprechen. Heute ist die Stunde, wo dies geschehen muß. Ein völkischer Führer hat einmal gesagt: Deutsch sein heißt eine Sache um ihrer selber willen tun. Gebe es einen Nobelpreis für deutsche Gesinnung, so würden die jüdischen Deutschen nicht die schlechtesten Anwärter auf diesen Nobelpreis sein. Auf allen Schlachtfeldern, wo deutsche Soldaten kämpften, sind deutsche Juden für ihr Vaterland gefallen. In Ostafrika kämpften und starben sie unter Lettow v. Vorbecks Fahnen. Für Deutschland gingen Posener Juden in polnische Konzentrationslager. Zu Tausenden verließen sie die durch den Friedensvertrag uns abgerissenen Gebiete, weil sie unter fremder Herrschaft nicht leben wollten. In der Weltkraftkonferenz steht ein Einstein unter den führenden deutschen Gelehrten. Max Liebermann ist der Maler deutschen Erlebens. Für alle diese strahlenden Beweise deutscher Vaterlandszugehörigkeit und deutscher Vaterlandsliebe haben sie bei einem Teil des deutschen Volkes Schimpf und Verleumdung geerntet Sl jüdische Friedhöfe sind geschändet und Gotteshäuser sind verunreinigt In wenigen Tagen wird die große Glocke des Kölner Doms die deutsche Freiheit am Rhein einläuten. Wir werden beglückt aufatmen, daß kein fremder Soldat mehr auf deutscher Erde steht. Ein ganz anderer Jubelsturm würde das deutsche Volk durchbrausen, wenn alle Glieder des deutschen Volkes sich freimachen würden von Haß und Niedrigkeit, wenn wahre vaterländische stille Arbeit erstes und höchstes Gebot wäre, wenn Menschlichkeit und Verstehenwollen das politisch niedergebrochene Leben Deutschlands wieder auszeichneten. Die Entschließung. Sämtliche Redner ernteten enthusiatischen Beifall Der Vorsitzende verlas die folgende Entschließung, der einmütig zugestimmt wurde: „Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden, die sich durch Geschichte. Kultur, seelische und geistige Gemeinschaft mit dem deutschen Volke unlösbar verbunden fühlen, wird durch die deutsche Reichsverfassung verbürgt. Selbstherrliche Willkürakte eines Ministers oder der Regierung eines deutschen Landes werden die jüdischen Deutschen nicht hindern, wie bisher ihrem deutschen Vaterlande opferfreudig und hingebungsvoll zu dienen. Sie legen aber Protest ein gegen die Verfassungsverletzung, die sich der thüringische Innenminister Dr. Fr ick mit seinen Verordnungen, insbesondere der über .Deutsches Schulgebet' hat zuschulden kommen lassen. Wir erwarten von den Hütern der Reichsverfassung, dem Herrn Reichspräsidenten, dem Reichskabinett und dem verantwortlichen Herrn Reichsinnenminister, daß sie diese Verfassungsverletzung ahnden, den verfassungsmäßig gesicherten Anspruch der thüringischen und deutschen Juden auf Gleichberechtigung gewährleisten und ihn gegenüber der widerstrebenden Länderinstanz durchsetzen." In seinem Schlußwort teilte Justizrat Dr. Brodnitz mit, daß die Entschließung dem Reichspräsidenten und der Reichsregierung überreicht werden wird. ... Ans dem Hitler-Lager. Die von der Hitler-Goebbels-Front abgesplitterte Gruppe der „Revolutionären Nationalsozialisten" veröffentlicht in ihrem Organ, der von Otto Strasser herausgegebenen Tageszeitung „Der Nationalsozialist", eine Erklärung, in der „mit Bedauern und Mißbehagen" festgestellt wird, daß Adolf Hitler Verbindung zn den führenden Kreisen der Unternehmer- und Kapitalistenschaft aber nie zu den Kreisen der Arbeiter und Bauern unterhält. — Die Niederlage Fricks im thüringischen Landtag (der Mißtrauensantrag der Sozialdemokraten wurde mit 25 gegen 22 Stimmen bei Stimmenthaltung der 5 Volksparteiler angenommen), hat großes Aufsehen erregt; von nationalsozialistischer Seite wird aber erklärt daß Frick nicht daran denkt, aus dieser Abstimmung die Konsequenzen zu ziehen und zurückzutreten, da der Verfassung gemäß, ein Rücktritt nur dann zu erfolgen hat, wenn ein Mißtrauensvotum die absolute Mehrheit aller Mitglieder des Hauses findet Jehudo Epstein — ein Sechzigjähriger. Soweit Wien kunstliebend ist, kennt es den kleinen, grauhaarigen Maler Jehudo Epstein, der seinen „Weg von Ost nach West" gemacht hat. In Weißrußland, im tiefsten Ghetto, ist er zur Welt gekommen und im Osten hat er sich auch bei einem polnischen Maler seine ersten Kenntnisse und Sporen geholt. Aber erst in Wien bei Eisenmenger wurde er ein wahrer Künstler. Epstein ist im Leben wie in der Kunst stets ein Charakter gewesen. Er ging den geraden Weg seiner Ueberzeugungen und kannte keine Konzessionen. Immer war er ein knorriger, aufrechter, wahrer Mensch. Als Künstler hielt er sich immer von allen Richtungen ferne. Seine Kunst hat etwas Gerades, Ehrliches, Ungeziertes an sich. Er blieb Impressionist ohne Kampf — und Jude. Gerne verweilt er bei jüdischen Themen — ein Nachfolger Isidor Kaufmanns. Aber weniger ins Miniaturliche, mehr in die Breite gehend. Seine „Juden an der Klagemauer", sein „Tischo b'Aw" sind berühmt geworden. Die Ghettowelt hat er treffend festgehalten, wie nur irgend ein Naturalist. Und da ihn der Mensch als Ausdruckswesen immer packte und naheging, wurde er charaktervoller Porträtist Auch sein " ~k GROSSFLEISCHHAUEREI I11GM, KORNMEHL WIEN IX., BERQOASSE NR. 1» FILIALE ■ XVIII., WAHRINQBRSTRASSE tT Telephon Nr. A 17-3-99 and A 15-3-34 Lieferant für Hallanstalt*»» AbteilungenforKoscherffleisch unter Aufsieht uns ehrw. Rabbinato» dar lur. Kultusgeraainda uTInn. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Selbstbildnis mit grüner Weste und eingestemmter Linken — ein richtiges, stolzes Malerporträt — ist berühmt geworden. In den letzten Jahren faßte er das Historische, Künstlerische, Anekdotische seines Lebens zusammen. Seine hier wiederholt besprochene Autobiographie „Mein Weg von Ost nach West" (Engelhorn-Verlag), aus der er in der vergangenen Saison in der „U n i o n" interessante Kapitel vorlas, entstand. Ein knorriges, wahrhaftes Buch — ganz wie der Mensch. Aber es bricht mitten im Leben ab. Hoffentlich führt es der Jubilar zu Ende. Es ist ein Stück Menschenentwicklung unserer Zeit Pogromland Rumänien. Rumänisches Rassenprogramm. Der neue König des Landes Prof. Cuzas, des Inspirators sämtlicher im Bojarenlande fast zur Tagesordnung gehörenden Judenprogrome, hat, wie wir berichteten, wohl oder übel bei einem offiziellen Presseempfang auch ein paar konventionelle, zu gar nichts verpflichtende Worte über den Antisemitismus in seinem Reich von sich gegeben. Er sei, sagt er, „überrascht" von der Frage eines der Pressevertreter, wie er sich zur antisemitischen Bewegung in Rumänien stelle. Dem neuen König sei, um diese „Ueberraschung" zu verstehen, die Lektüre des Organs der bojarischen Antisemiten empfohlen. „Stralucitorul" (das ist zu deutsch: „Das Licht"), herausgegeben von dem Universitätsprofessor A. C. Cuza. dem neuerdings wieder schmählich bewährten Pogromanstifter, veröffentlicht sein offizielles „großes Programm", das recht lesenswert Ist: „3 1. Die Juden sind niederzumetzeln. Synagogen» . jüdische Schulen und Rabbinerseminare sind niederzureißen. § 2. Den ausländischen Christen wird eine Prist von sechs Monaten anberaumt: während dieser Zeit müssen sie sich entschließen, ob sie rumänische Staatsbürger sein wollen oder nicht § 3. Die Mohammedaner werden getauft die Armenier in Bausch und Bogen aus dem Lande gewiesen. § 4 Die Kneipen und die Apotheken werden verstaatlicht § 5. Die Soldaten können nicht mehr brutalisiert werden, indem man sie zu Offiziersdienern macht Subalterne Offiziere erhalten ein Monatsgehalt von 15.000 Lei (ungefähr 600 Schilling), Offiziere mittleren Ranges 30.000 Lei und Stabsoffiziere 45.000 Lei. § 6. Das Gesetz über die Kautionsheirat der Ofiiziere wird nunmehr außer Kraft gesetzt: weder sie noch die sonstigen Staatsbeamten dürfen eine Heirat mit Mitgift schließen, da sie Diener des herrlichen Volkes sind, das ihnen Geld. Macht Ansehen und Wohnungen zuteil werden läßt In diesem Zusammenhange werden aus patriotischer und moralischer Erwägung hieraus alle Klubs, Kabaretts. Varietes, Gesang- und Tanzlokale geschlossen. § 7. Das Neue Testament wird von dem mit Lügen und Unzüchtigkeiten durchtränkten Alten Testament getrennt Die Orden und Klöster werden aufgelöst Die Kirchen sind auf dem Lande durch die Bauern, in den Städten durch das Industrieproletariat zu erhalten. § 8. In den Schulen ist der Anfangs- und mittlere Unterricht obligat und unentgeltlich für alle rumänischen Kinder. Die Fremden werden als Verräter aus allen Schulen vollkommen ausgeschlossen, bis zur vollständigen Verwirklichung des ersten Paragraphen. Wann wird Herr Professor Cuza nach Jena berufen? Cuzisten brennen ein Judenstädtchen nieder. Die ununterbrochene Reihe terroristischer Akte, die die Anhänger des antisemitischen Abgeordneten Cuza in allen Teilen Alt- und Neu-Rumäniens seit mehreren Wochen gegen.die jüdische Bevölkerung verüben, wurde in der Nacht zum 5. Juli durch eine grauenvolle Tat übergipfelt Eine Gruppe Cuzisten drang in das transsylvanische Städtchen Bor sc ha, das bereits vor einigen Wochen Schauplatz terroristischer Pogrom* versuche war. die aber durch die jüdische Einwohnerschaft abgewehrt wurden, ein, und legte an mehreren Stellen Feuer an. Bei der herrschenden Hitze und Trockenheit griff das Feuer rasch um sich, so daß nach wenigen Stunden fast das ganze Städtchen ein einziges Flammenmeer bildete. 250 ausschließlich von jüdischen Familien bewohnte Häuser und vier Synagogen brannten bis auf den Grund nieder, mehr als 3600 jüdische Seelen sind obdachlos und der äußersten Not preisgegeben, da aus den Wohnungen und den Läden nichts in Sicherheit gebracht werden konnte. Auch drei Kirchen, die sich in den von Juden bewohnten Stadtvier-