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Die Wahrheit · 1930-07-11 · Heft 28 (11.7.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 28 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 20a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UND JUDAIKA iv englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BAND GEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH! Gegen Fricks Ungeist Geschlossener Widerstand der deutschen Juden gegen die Angritfe auf ihre Gleichberechtigung. Verfassungsgerichtshofes erklären. Aber in welcher Verfassung mag sich der Herr Prorektor befunden haben, als er die Berichte seiner Blätter über die Parlamentssitzung las, in welcher der immune Leuthner die Rede über seine „Studentenordnung" gehalten? Der Herr Rektor konnte lange den die „Studentenordnung" betreffenden wichtigsten Passus der Rede Leuthners in der „Dötz", in der „Reichspost", in den „Neuesten Wiener Nachrichten" usw. suchen. Und die Leser dieser Blätter haben diesen Passus ebenfalls nicht gefunden. Begreiflicherweise. Diese Blätter hatten ihn nämlich ganz einfach, ich will aus Vorsicht nicht sagen, eskamotiert, aber sie hatten ihn, sagen wir aus Raumrücksichten, weggelassen. Die „Dötz" raffte sich, wohl um Gleispach eine Freude zu machen, zu folgender schlagfertiger Entgegnung auf: „Mit lebhaften Handbewegungen polemisierte Leuthner gegen Rektor Gleispach, der an der Universität Wien dem Volksrecht zur Geltung verholten hat". Das war die schärfste Abfuhr Leuthners! Zermalmend, vernichtend für den Angreifer Gleispachs! Man bedenke: Mit lebhaften Handbewegungen hat Leuthner gesprochen! Wie verjudet! * ~ * * Wenn der Unterrichtsminister und die Gleispach-Blätter schweigen, darf man da verlangen, daß auch der Herr Prorektor sich wenigstens so lange einige Reserve auferlegt, bis der Verfassungsgerichtshof gesprochen? Fällt dem Herrn Grafen, der selbst in Professor Hupka keinen ebenbürtigen, einer Antwort werten Gegner erblicken kann, nicht im Traum ein. Der Herr Prorektor begnügt sich jetzt nicht mehr damit, bei Fackelzügen, die ihm zu Ehren veranstaltet werden, lichtvolle Aufklärungen über die Ziele zu geben, die er mit seiner „Studentenordnung" verfolgt Bei dem Fackelzug der Eisenhahnerwehren und der Heimwehren in Eisenstadt hat er dem Heimwehrführer Nossek, der ihn mit einer Huldigungsrede begrüßte, feierlich erklärt: „Die Rassenreinheit ist durch die neue Studentenordnung an der Wiener Universität verbürgt". Der Herr Heimwehrführer Nossek soll unverbürgten Mitteilungen zufolge hierauf geantwortet haben: „Aber bei meinen Söhnen, Herr Graf, werden Sie doch vielleicht gütigst ein Aug' zudrücken". * * * In Mainz fand dieser Tage die feierliche Grundsteinlegung zu dem Streesemann- Ehrenmal statt, das dem großen Patrioten errichtet werden soll. Wie mächtig würde das Denkmal werden, wenn man dazu all die Steine verwenden könnte, mit denen die hakenkreuzlerischen Hetzer den edlen Mann beworfen. * * * Ein Roman der Gräfin Bethlen, der Gattin des ungarischen Ministerpräsidenten, wird demnächst in den „Daily News" übersetzt erscheinen. Graf Bethlen mag stolz auf diesen Erfolg seiner Gattin sein. Aber er, der erst vor kurzem in London einer Pressevertretung erklärte, der Numerus clausus berühre nicht die Juden und in Ungarn sei der konfessionelle Friede vollkommen hergestellt, dürfte mit noch größerer Berechtigung behaupten, er habe in London noch ganz andere Originalromane veröffentlicht Ego. llerree- und Düieiiler nur Ia Qualitäten, nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt 'LEIDER-UN101 ^WlENVLKasernena.6 TeLB2021 Der Landesverband Thüringen des Centrai-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete am 15. Juni in Eisenach eine Protestkundgebung gegen die Beschimpfungen der deutschen und thüringischen Juden durch den Staatsminister Dr. F r i c k. Die Kundgebung, die unter dem Motto: „Der alte und der neue Geist von Weimar" stand, war aus allen Teilen Thüringens überaus stark besucht, der Saal war überfüllt Fabriksbesitzer fl e i n e m a n n - Meiningen leitete die Versammlung. Der stellvertretende Vorsitzende des Centrai- Vereins. R.-A. Dr. Bruno Weil-Berlin. verglich den Geist der Goethe-Zeit, der ein Geist des Weltbürgertums, der Toleranz und der Achtung des Nebenmenschen war, mit dem gegenwärtigen Regime Fricks. Die deutschen Juden, die sich im Laufe vieler Jahrzehnte die Gleichberechtigung erkämpft hätten, seien nicht gesonnen, die Angriffe des Herrn Frick wehrlos und ohne Protest hinzunehmen. Der Versuch, die Juden und die jüdische Glaubensgemeinschaft als außerhalb der Gesetze stehend zu stempeln, werde an dem geschlossenen Widerstand der deutschen Juden zerschellen. Indem aber diese zum Protest gegen Frick aufrufen, handeln sie nicht nur in eigener Sache. Sie rufen zu Bundesgenossen alle die auf, denen an der Erhaltung des gegenwärtigen Staates gelegen ist, alle die, die der Meinung sind, daß ein modernes Staatswesen nur vom Gesichtspunkt der Gleichberechtigung aus existieren und sich Rang und Ansehen im Rat der Völker sichern kann. Darüber hinaus aber sei es gerade angesichts der großen deutschen Minderheiten, die zerstreut in fremden Staaten Europas leben, eine besondere politische Torheit, den Grundsatz zu verfechten, Blutzugehörigkeit sei für den Aufbau des Staates entscheidend. Herr Frick, der sich zunächst nicht gescheut hat, offen auszusprechen, daß die Haßgebete gegen den jüdischen Volksteil in Europa gerichtet seien, habe nachher Angst vor seiner eigenen Courage bekommen und zunächst in halber Form die einmal ausgesprochene Torheit zu dementieren versucht Die thüringische Gesamtregierung habe ihn dann aber noch übertrumpft, indem sie seine Aeußerung als „offensichtlich erkennbare Ironie" bezeichnet hatte. Dr. Weil erinnerte an die sarkastische Definition der Ironie, die Heinrich Heine gegeben hat, wonach die Ironie eine Erfindung der Berliner sei, dazu gemacht, um bei jeder Gelegenheit, bei der eine kapitale Dummheit geschehen ist, erklären zu können, daß es gar keine. Dummheit sondern „Ironie" gewesen sei. Die deutschen Juden erinnern die verfassungsmäßig bestellten Hüter der Gleichberechtigung, den Reichsinnenminister und schließlich auch den Reichspräsidenten, an ihre Pflichten. Auch Reichspräsident Ebert habe in den Fällen, in denen Landesregierungen sich in offensichtlichem Widerspruch zu der Reichsverfassung gestellt hatten, die Autorität des Reiches zu wahren gewußt Wenn der Reichsinnenminister nicht die Kraft aufbringen werde, der offensichtlichen Verhöhnung und Verächtlichmachung der Reichsautorität durch die thüringische Regierung energisch Halt zu gebieten, so bleibe der Reichspräsident als letzte Instanz gegen Uebergriffe und Haßexzesse, zumal gerade Hindenburg den Gedanken der Einheit des deutschen Volkes immer erneut betont habe. Die deutschen Juden lassen sich auch nicht durch die Angriffe des Herrn Frick, auch nicht durch die Lehrmeinungen des gegen den Willen der Universität zum Professor gemachten Rasseforschers Dr. Günther vom geraden Weg der Pflichterfüllung und der vaterländischen Treue abbringen. Aber sie fordern energisch, daß mit dem thüringischen Spuk, der Deutschland vor Europa und der Welt lächerlich zu machen drohe, jetzt endlich und gründlich aufgeräumt werde. Der zweite Redner, R.-A. Dr. B1 ü t h - Eisenach, sprach als Thüringer von der Verbundenheit der thüringischen Juden mit ihren Volksgenossen und von ihrem tiefen Bedauern, daß das schöne Land Thüringen zum Tummelplatz völkischer Elemente geworden sei. Es sei bezeichnend, daß man sich einen Bayern nach Thüringen habe holen müssen, um nationalsozialistische Politik zu machen. Die Thüringer Juden protestieren einmütig gegen die Sonderbehandlung, gegen die Haßgebete, gegen die Bemühung, ein Schächtverbot einzuführen. Auch die Verwaltungsmaßnahmen zur Erschwerung der Einbürgerungen seien lediglich aus judenfeindlichen Motiven geboren. Dr. Blüth rief den thüringischen Mitgliedern des Centrai-Vereins zu, sich nicht entmutigen zu lassen. Er sei der festen Ueberzeugung, daß auch die völkischen Wellen sich brechen werden. Der stellvertretende Syndikus des Centrai-Vereins, Dr. Hans Reichmann-Berlin, setzte sich mit dem Nationalsozialismus als Idee auseinander. Diese Auseinandersetzung sei schwer, weil eine klare eindeutige Idee nicht zu finden sei. Die Nationalsozialisten seien geschickte Propagandisten, die die Not der Zeit ausbeuten, um parteipolitische Geschäfte zu machen. Sie gebärdeten sich nationalistisch, um die Jugend zu gewinnen. Es sei bezeichnend, daß die Führer des neuen Nationalismus, Männer wie Jünger und Schauwecker, für den kleinbürgerlichen Parteibetrieb des Herrn Hitler nur ein Lächeln übrig haben. Und ebenso sei der demagogische Kniff des Nationalsozialismus, sich zu einem angeblichen Sozialismus zu bekennen, gerade in letzter Zeit von Kapitän Ehrhardt als Betrug gebrandmarkt worden. In einem Punkte aber seien sich die Nationalsozialisten klar: das ist ihr .Judenhaß und die Judenhetze, die sie durchs Land tragen. Dieser Judenhaß basiert auf der völkischen Rasse-Idee und auf dem Grundsatz, daß Staatsbürger nur der sein kann, wer Volksgenosse sei, daß aber Volksgenosse nur sei, wer deutschblütig sei. Bisher habe man verschwiegen, wie man „deutsche Blutzugehörigkeit" feststellen wolle. Jetzt werde aber der Entwurf eines Rassengesetzes in der nationalsozialistischen Presse besprochen, wonach ein anthropologisches Gutachten vor Verleihung des Staatsbürgerrechtes einzuholen sei. Dieses Gutachten sollte feststellen, ob jemand als deutschblütig gelten könne. Der Redner erinnerte daran, daß ein solches Gutachten vor Jahren von dem alldeutschen Rasse-Hygieniker Professor v. Gruber über den Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler abgegeben wurde, daß aber dieses Gutachten vernichtend ausgefallen sei. Gruber bezeichnete Hitler als einen Mann von schlechter Rasse, als einen Mischling. Wenn die völkische Wahnidee in der praktischen Politik sich hätte Geltung verschaffen können, dann wäre z. B. die oberschlesische Abstimmung mit Erfolg nicht durchzuführen gewesen. In Oberschlesien sei man nicht mit dem Schädelmeßapparat herumgegangen und habe auch nicht in Reagenzgläsern das Blut der Abstimmungsberechtigten geprüft, sondern man habe an den Willen jedes Oberschlesiers appelliert sich zum Deutschtum zu bekennen. Hier habe die Praxis die volksbildende Kraft des Willens bewiesen. Die deutschen Juden fühlen sich nicht art- und volksfremd. Wenn allerdings die Brutalität und Gesinnungsroheit, die das Charakteristikum der nationalsozialistischen Propaganda sei, als deutsches Wesen gelten sollte, dann würde mit den deutschen Juden die überwiegende Masse des deutschen Volkes' art- und volksfremd sein. Rechtsanwalt Dr. Freudenthal -Erfurt der Vorsitzende des Landesverbandes Thüringen des Centrai-Vereins, faßte die Protesterklärung zusammen und appellierte an die thüringischen Juden, den Kampf ums Recht weiterzuführen. Die Entschließung: Die in einem 100jährigen Emanzipationskampfe errungene Gleichberechtigung kann nicht gemindert oder vernichtet werden. Die Versammlung nahm folgende Entschließung an: Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der deutschen Juden ist das Ergebnis eines mehr als hundert Jahre langen Emanzipationskampfes, das durch selbstherrliche Willkürakte der Minister oder der Regierung eines einzelnen Landes in keiner Weise gemindert oder vernichtet werden kann. Die Maßnahmen des nationalsozialistischen thüringischen Innenministers werden die thüringischen Juden auch in Zukunft nicht daran hindern, wie bisher ihrem deutschen Vaterlande opferfreudig und hingebungsvoll zu dienen. Aber sie legen entrüsteten Protest ein gegen die in Reden und Handlungen der gegenwärtigen thüringischen Regierung und besonders ihres; Innenministers zum Ausdruck - gebrachte Absicht - der Herabsetzung der thüringischen Juden und sie erwarten von den verantwortlichen Reichsinstanzen, daß diese gewillt und in der Lage sein werden, den verfassungsgemäßig gesicherten unverjährbaren Anspruch auf Gleichberechtigung der thüringischen und deutschen Juden zu gewährleisten und auch gegenüber einer widerstrebenden Länder-Instanz durchzusetzen. Der Vorsitzende des Landesverbandes verlas schließlich Schreiben des thüringischen Bäder- und Hotelierverbandes, in denen diese Verbände gegen die Aeußerung der Nationalsozialisten protestieren, wonach Juden nicht nach Thüringen zu kommen brauchten. Beide Verbände versichern, daß ihnen jeder Gast willkommen sei. Der Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat für Dienstag, den 17. Juni, abends, nach dem Berliner Herrenhaus zu einer Protestkundgebung gegen die Beschimpfung der deutschen Juden durch den thüringischen Minister Dr. Frick eingeladen. Das Interesse für die Kundgebung war ein so starkes, daß für denselben Abend zwei Parallel-Versammlungen — die eine im Oberlichtsaal der Philharmonie, die zweite im Bechstein-Saal — arrangiert werden mußten. In der Kundgebung im Herrenhaus führte der Vorsitzende des Centrai-Vereins, Justizrat Dr. Brodnitz, den Vorsitz. Er begrüßte die erschienenen Vertreter der Behörden und Organisationen, wies auf die von uns in der vorletzten Nummer wiedergegebene Debatte im Reichstag hin, in der der thüringische Minister Doktor Frick gegenüber den Vorstellungen des volksparteilichen Führers v. Kardorff gekniffen hat, sowie auf die unzweideutigen Ausführungen des Innenministers Dr. Wirth in der gleichen Debatte hin und führte dann aus: Drei Versammlungen bei heißer Sommerzeit! Drei Versammlungen getragen von sittlichem Ernste und staatsbürgerlichem Verantwortungsgefühl! Wir rechnen es uns zur Ehre an, daß wir in unserer Arbeit niemals uns wohlfeiler demagogischer Mittel bedienen. Wir haben es nie als unsere Aufgabe angesehen, die kochende Volksseele vor der Oeffentlichkeit zu produzieren. Die Feierstunde, die wir mit unseren Freunden erleben, soll eine Weihestunde sein, die in allen Zuhörern den entschiedenen Willen zum Ausdruck kommen lassen soll, uns nicht die Schmach von Weimar, die unsere heiligsten Gefühle verletzt, gefallen zu-lassen. Wir haben stets den Kampf um unser Recht als einen Kampf für das Recht und nicht für einen kleinen Teil der deutschen Staatsbürger geführt Es handelt sich auch in Weimar um eine Verletzung "wesentlichster staatsbürgerlicher Rechte, um den Schutz der Verfassung, die uns in Weimar gegeben ist. Mann oder Frau, Christ oder Jude haben nach unserer Verfassung gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Wir rufen die alte Tradition von Weimar, den Geist der Weimarer Nationalversammlung

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