Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-07-11 · Heft 28 (11.7.1930) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 28 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064173--17972-3082954
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

*•<• fä; *i I' Seite 2 DIE WAHKHEI1 I ¥« |i«?! S'« II Ii» i i I I?i! «ff: l'i II Ii] in I 3lii »Ii; 1 f 4 # »h ■ M m ä i i* i i. . i» nicht gegen Großbritannien gerichtet, ' sondern einzig gegen ein Vorgehen der britischen Regierung, das dem Ceist und dem Buchstaben des Mandates widerspricht. Theoretische Zusicherung hinsichtlich der Politik des Mandates sind nutzlos, wenn sie Hand in Hand gehen mit administrativen Maßnahmen, die dazu angetan sind, unser Werk .zunichte zu machen." Die in diesem Teile der Resolution semachten Feststellungen mögen vollkommen gerechtfertigt sein, aber feststehend bleibt die Tatsache, daß gegen das allmächtige England, das das Mandat in seinem, nicht in jüdischem Sinne führt, noch so temperamentvolle „Proteste" ebenso nutzlos sind wie Englands „theoretische Zusicherungen". Besonders gefährlich für die Zukunft ist die Verwahrung, die gegen Sir Simpsons Untersuchungen eingelegt wird und die da lautet: „In Verfolg der im Shaw-Bericht dargelegten Richtlinien hat die Regierung einen Experten entsandt, der die Bedingungen zu definieren hat. unter denen von jetzt ab die Entwicklung des jüdischen Nationalheims vor sich gehen soll. Wir zweifeln die Kompetenz oder die Unparteilichkeit von Sir John Hope Simpson gewiß nicht an, wenn wir uns außerstande erklären, den Bericht eines Experten als ein Verdikt über die Zukunft des Jüdischen Nationalheims zu akzeptieren. Technische und wirtschaftliche Ueberlegungen können gegen Imponderabilien des Willens und der Arbeit eines Volkes nicht ins Treffen geführt werden. Die Entschlossenheit und die Energie des jüdischen Volkes können die potentiellen Möglichkeiten Palästinas über die Grenzen einer zeitbedingten Definition hinaus erweitern. Die Errichtung des Jüdischen Nationalheims ist das zentrale Ziel des Palästina-Mandates: die einzig mögliche Politik, die von der Mandatarmacht verfolgt werden kann, ist bereits festgelegt, die Politik nämlich: zu allen Zeiten jenes Maximum-jüdischer Einwanderung zuzulassen, das der Aufnahmefähigkeit Palästina entspricht. Merken die Herren der Politischen Kommission der Agency nicht, wie sie sich in dieser Verwaltung mehrfach widersprechen? „Wirtschaftliche Ueberlegungen", durch eine sachliche Untersuchung klargestellt, bedingen ja eben das „Maximum jüdischer Einwanderung, das der Aufnahmsfähigkeit Palästinas entspricht". Es muß einmal objektiv festgestellt werden, wieviel Juden das auch politisch so differenzierte Palästina verträgt, ohne daß der Aufbau Schaden erleidet. Das müßten gerade jene, in deren Händen das Aufbauwerk ruht, einsehen und danach auch handeln. Angesichts der vielen Widersprüche der Resolution klingt deren Schluß besonders übertrieben pathetisch. Es heißt da nämlich: „Wir setzen Vertrauen in die moralischen Energien des jüdischen Volkes, wir werden stets auf tfeuitleton Die jüdische Gefährdetenfürsorge. Von Dr. K. Kupfer. (Fortsetzung.) Die Familien der Strafgefangenen. Nach der Verurteilung und nach dem Strafantritte beginnt der krisenhafte Anfangszustand in der Familie ein stationärer zu werden. Die Frau und die Kinder müssen lernen, zu sparen, mit dem Wenigsten auszukommen. Oftmals greift sie zu einer Beschäftigung, die Verzweiflung gibt Kraft und Mut und auch Geschicklichkeit, einen Erwerb zu finden, der hinreichen muß, um sie und die Kinder vor dem gänzlichen Verhungern zu schützen. Die Betreuung der Kinder übernimmt die -tadellos funktionierende jüdische Jugendfürsorge. Es ist hiebei vorgekommen, daß die Jugendfürsorge oftmals den Grund zur Fürsorge, die Haft des Ernährers, gar nicht gewußt hat Da hat die Gefährdetenfürsorge einzugreifen. Sie hat der Frau zu helfen, mit Rat und Tat beizustehen, ihr den Weg zum Wohlfahrtsamt und zur Jugendfürsorge zu ebnen, und da es vorläufig keine jüdische Sträflingsfürsorge gibt, auch den Kontakt der Familie mit dem besserungsfähigen Häftling aufrechtzuerhalten. Welche Mühsal, welche Arbeit das erfordert, kann man sich kaum vorstellen. Eine Arbeitsgemeinschaft, eine Organisation könnte hier eine Arbeitsteilung, eine Ordnung schaffen. Sonst ist jedes Bemühen trotz mancher Erfolge nur eitel Stückwerk, ein Torso. Hier sollte die Wiener jüdische Frauenorganisation schöpferisch und bildend eingreifen. Andere ähnliche Gefahren. Der Strafgefangene begibt sich in seine Zelle. Seines Willens beraubt, zur Ohnmacht verurteilt, kann er seine Familie weder erhalten, noch schützen. Die unschuldige Frau, die unschuldigen Kinder verlieren ihren guten Ruf in der Nachbarschaft und in der Gesellschaft Bei Kindern kann es katastrophal werden, wenn sie durch einen Zufall den vor ihnen verheimlichten Fall des Vaters oder der Mutter erfahren. Hier muß wieder unsere Organisation behutsam, taktvoll eingreifen und die Unschuldigen schützen und schonen. unsere Rechte pochen. Wir werden unser Werk fortsetzen und den uns vom Schicksal gewiesenen Weg weitergehen. Unsere Generationen alte Entschlossenheit, nach Palästina zurückzukehren, kann nicht ins Wanken gebracht werden. In dieser Stunde, in der die Wege vorgezeichnet werden, die wir vielleicht viele Jahre lang werden gehen müssen, wenden wir uns noch einmal an die Araber und an die M a ndatarmacht. Wir wollen keine mit unserer Ehre vereinbarliche Anstrengung scheuen, um eine Zusammenarbeit mit den Arabern in der Arbeit für die Entwicklung des Landes sicherzustellen, und w i r fordern die Araber auf. eine solche Zusammenarbeit möglich zu machen. Von der britischen Regierung aber fordern wir, daß sie wieder einmal ihre Autgabe in Palästina mit den Augen jener Männer sieht, die die - Balfour-Deklaration verfaßt haben." „Wir fordern die Araber auf!" Wie oft haben „wir" diese Araber zurückgestoßen und tun es auch jetzt noch! Nein, mit allen diesen Sentenzen wird die Tatsache nicht aus der Welt geschafft: in Palästina besteht nach wie vor die auch in der Resolution festgestellte „Atmosphäre der Ungewißheit". England „berichtet". Am 1. Juli veröffentlichte die britische Regierung ihren Bericht an den Völkerbundsrat über die Verwaltung Palästinas und Transjordaniens im Jahre 1929. in dem Bericht heißt es: Die Ereignisse in Palästina und die Tätigkeit der Verwaltung im Jahre 1929 sind überschattet von den Unruhen, die sich in der Woche vom 23. bis zum 29. August abspielten. Die Ereignisse jener Woche sind von der Shaw-Kommission untersucht worden, deren Bericht bereits zugänglich gemacht worden ist. Im allgemeinen waren die letzten Monate des Jahres charakterisiert durch politische Unruhe. Verstärkung der Maßnahmen zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit und Verminderung der wirtschaftlichen Aktivität. Der Konflikt zwischen den jüdischen und arabischen Ansprüchen auf Rechte an der Klagemauer gab weiteren Anlaß zu öffentlicher Beunruhigung. Auf arabischer Seite wird jede jüdische Handlung in der Nachbarschaft der Mauer mit Argwohn betrachtet, es herrscht dort Unzufriedenheit mit den vom High Comraissioner erlassenen provisorischen Verfügungen, die von manchen Moslems so interpretiert werden, als ob sie Ermächtigung zur Abhaltung jüdischer Gemeinde-Gottesdienste geben, für den es ihrer Aleinung nach keine rechtliche Grundlage gibt. Auf jüdischer Seite herrscht Beunruhigung wegen der Akte der Moslems, die in der provisorischen Verfügung des High Commissioner nicht vorgesehen sind und darauf abzielen, Gottesdienste sowohl privater als auch öffentlichen Charakters unvollziehbar zu machen. Die Verwaltung war daher und ist noch weiter genötigt, sorgfältige Vorkehrungen zur Vermeidung von Unruhen zu treffen. Der Bericht nimmt dann weiter auf die vom Völkerbundsrat ernannte und gegenwärtig in Palästina befindliche Kommission Bezug, die mit der endgültigen Regelung der Klagemauerfrage betraut ist. Maßnahmen zur Wahrung der Sicherheit. Auf die Sicherheitsfrage übergehend, fährt der Bericht fort: Es werden unter der Leitung von Dowb i g g i n Maßnahmen zur Organisation der Polizei getroffen, um Sicherungen zu schaffen, daß sie in Zukunft fähig sein soll, ähnliche Unruhen schneller und wirksamer zu bekämpfen. Der Schutz^ der fernabliegeuden jüdischen Siedlungen soll durch die E rrichtung neuer Polizeiposten, Verbesserung der Straßen- und Telephonverbindungen, sowie der Nachrichtenübermittlung gewährleistet werden. Die Zahl der britischen Polizisten ist bereits wesentlich vermehrt worden. Im Laufe der Monate September und Oktober kamen, als weitere Folgen der Unruhen, Ueberfälle ernsten Charakters auf Einzelpersonen vor. doch war das Land zu Ende des Jahres äußerlich ruhig. Der Boykott. Die jüdische Mißstimmung wegen der Unruhen führte für kurze Zeit zu einem sporadischen Boykott arabischer Erzeugnisse. Das wiedererwachte nationalistische und antijüdische Empfinden der Araber führte als Reaktion darauf zu einem organisiertenBoykott jüdischer Produkte, der mit Einschüchterungsmaßnahmen verbunden war. Eine Zeit lang machte sich bei den Arabern Feindseligkeit bemerkbar, die sich darin ausdrückte, daß wirtschaftliche Transaktionen mit Juden unterlassen wurden, aber die Bedingungen waren in Anbetracht der Kleinheit des Landes, in dem der wirtschaftliche Verkehr zwischen den beiden Teilen der Bevölkerung unvermeidlich, ist, so künstlich, daß bald der Schaden klar wurde, der durch den Boykott nicht nur den Juden, sondern auch den Arabern zugefügt werden mußte. Ueberwachung der Presse. Es wurde eine strengere Ueberwachung der Presse eingeführt und die Regierung geht schnell gegen jede Zeitung vor. die den Verordnungen des ottomannischen Pressegesetzes zuwiderhandelt, indem sie -Artikel veröffentlicht, die zur Feindschaft zwischen beiden Gemeinschaften aufreizen oder den Frieden bedrohen. Fragen der Konstitution. — Die Jewish Agencv. Die Augustunruhen hatten die Vertagung weiterer Verhandlung über die konstitutionellen Fragen zur Folge. Infolgedessen wurden in diesem Jahr in Palästina Aenderungen konstitutionellen Charakters nicht vollzogen, doch war die arabische Palästina-Exekutive in engerem Kontakt mit der Palästina-Regierung, als dies in den letzten Jahren der Fall war. Der Bericht nimmt ferner auf die Bildung der erweiterten Jewish Agency im August vorigen Jahres in Zürich Bezug, wo „die Juden als Ganzes sich geeinigt haben zum Aufbau Palästinas, in dem das jüdische Nationalheim errichtet und ohne" Präjudizierung der bürgerlichen und religiösen Die Mutter des Gefangenen. Die Mutter verzeiht trotz aller Widerwärtigkeiten dem schlecht geratenen Kinde. Die Mutterliebe dem Häftlinge zu erhalten, gelingt sehr leicht Manchmal ist Oei einem Häftling die Mutterliebe die letzte Karte, aut die er seine lezte Hoffnung setzt. Die Mutterliebe kann auch beim Häftling, trotz seiner inneren Verarmung, trotz seiner furchtbaren Verelendung doch zuletzt das Wunder der Lebenserneuerung zeigen. Die Frau oder die Braut des Gefangenen. Der Lebenslauf der Gefangenen ist oft wunderbar und mutet uns legendenhaft an. Diese eigenartigen Schicksale gemahnen uns an die Abwässer der Großstadt die doch in den Strom münden, in ihm aufgehen und das Meer der Vergessenheit erreichen. Wenn es einem Entlassenen gelingt, seine böse Vergangenheit zu vergessen, darunter einen Strich zu machen, so verdankt er dies allein der Hilfe seiner treuen Frau, seiner liebenden Braut. Er, der Verbrecher, lebt vom Inhalte eines zerbrochenen Gefäßes. Diesen seelischen Inhalt wieder festzuhalten, das Lebensgefäß wieder zusammenzukitten, ist die Aufgabe seiner Frau. Wir haben Fälle von rührender Treue der Gattinnen und der Bräute gefunden, an denen wir unseren Menschheitsglauben laben konnten. Für den Seelsorger ist die Entdeckung einer liebenden Frau ein wahres Glück. Dann kann er leicht zur moralischen Bekehrung schreiten und kann erhoffen, daß das Leben seines Schützlings eine vollkommene Wandlung erfahren wird. Auch diese Liebe, diese Treue ist zeitlos. Jahre hindurch warten geduldig diese Frauen und Bräute. Sie verlassen ihre Männer nicht, denn gerade das Unglück, so behauptete eine Schauspielerin, kettet sie erst recht an den Mann. Da kann wieder die jüdische Gefährdetenfürsorge taktvoll eingreifen. Da hat die fürsorgliche Frau ein weites Arbeitsfeld und kann den Neuaufbau eines Menschenschicksales vorbereiten. Die Kinder. Müssen Kinder von Verbrechern wieder Verbrecher werden? Durchaus nicht. Kinder von Blinden bleiben sehend, von Stummen sprechend. Aber hier erwächst der Gefährdetenfürsorge eine große Arbeit In erster Linie muß eine Unterordnung unter die jüdische Jugendfürsorge herrschen, wohin sofort solche Fälle abdirigiert werden. Die Erziehung muß durch unsere Organisation, die wir schaffen wollen, überwacht werden und die fürsorglichen erzieherischen Experimente, die nur zum Guten führen, werden uns gewiß gelingen. Wir haben schon eine Reihe von Kindern. die weniger materielle Unterstützung als erzieherische Ueberwachung benötigen. Wir haben eine Mission des Menschendienstes vor uns, die sich auf Jahre und Jahrzehnte ausdehnen kann. Wenn wir wollen, wenn uns eine Organisation gelingt, wird die Begeisterung nicht in Hilflosigkeit ausarten. Das weite Gebiet der Interventionen. 1. Heimatlosigkeit Ein schier unerschöpfliches Gebiet unserer Tätigkeit bilden die Interventionen. Seit jeher ist jeder Jude und jede Jüdin von Gefahren des Antisemitismus bedroht, die sich mannigfaltig und vielfach auswirken. Der Zerfall der Monarchie schuf das für Juden so brennende Problem der Heimatlosigkeit. Es ist für uns nichts Neues. Im Mittelalter, im Ghetto waren wir immer heimatlos, landlos. Aber im modernen Zeitalter ist die Heimatlosigkeit ein schreiendes Unrecht gegen Menschenkinder und scheint besonders für Juden geschaffen worden zu sein. Ein solcher Fall: J. K. ist wegen Vagabundage, da er arbeitslos und unterstandslos in Poysdorf war, nur zum Landesverweise von Oesterreich verurteilt worden. Er ist aber unverbesserlich. Erstens ist er Jude und dann hat er hier in Oesterreich etwas zu suchen, nämlich seine alte Mutter. Wegen Reversion wurde er schon oftmals bestraft und stets mit der zulässigen Höchststrafe von drei Monaten. Solange seine alte Mutter lebt, werden wir ihn kaum bessern. Vielleicht wird er einmal eine Heimat finden. Er kam zu uns um Intervention. Der Fall sieht noch harmlos aus. Aber Familienerhalter, Abgeschaffte, Heimatlose, wie Wild gehetzte Menschen brauchen unseren Schutz. Denn einmal wird das stete Drängen einen Erfolg haben und wir werden für diese Heimatlosen einen Modus vivendi schaffen. Diese Zustände hat der unselige Weltkrieg am Gewissen. 2. Scheidungen. Es gibt Amoralische, Menschen, die moralische Bedenken für einen ganz lächerlichen Luxus halten. Es gibt Verbrecher, die sehr oft rückfällig werden, für die erwerbende junge Frau eine stete Gefahr bilden, für die Kinder eine schwere Bleikugel, die sie dann unverschuldet im Leben mit sich herumschleppen müssen. Da muß die Intervention zur Scheidung eingreifen. Die Gefährdetenorganisation mit dem Seelsorger sollen helfen, daß die Wege sich trennen. Zu dieser Arbeit gehört fast übermenschliche Geduld. Wir haben jetzt einige Fälle vor uns, die sich derartig schwierig gestalten, daß wir fast daran verzweifeln. Aber andere, ebenso schwierige Fälle sind uns gelungen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.