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Die Wahrheit · 1930-07-11 · Heft 28 (11.7.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 28 (11.7.1930)
Date
1930-07-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische DI« UUrU n Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichisch er Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 11. Juli 1930 Nummer 28 Der Fall Drevfus. Ein Hauptmann der französischen Armee, fälschlich der Spionage verdächtigt, vom Kriegsgericht zu harter Strafe verurteilt, erhält wieder die Freiheit und schließlich volle Rehabilitation, dank zäher Arbeit unermüdlicher Helfer. Ein ungewöhnlicher Fall, in vieler Hinsicht: ein Offizier, so schimpflicher Tat zu Unrecht beschuldigt, wird von Kameraden verurteilt? Ja, es ist ein Jude! Ein von allen Verstoßener, auf wüsteste, entfernteste Insel Verbannter, wird so unablässig verteidigt, so voller Eifer losgerissen? Ja, es ist ein Jude! Der Elsässer Jude Alfred Dreyfus ist deshalb der Held eines grandiosen Dramas, der Träger eines großen Schicksals geworden, weil sein „Fall" alle die bewegenden Faktoren des 19. Jahrhunderts erbarmungslos bloßgelegt hat (und in vieler Hinsicht stecken wir sicherlich auch heute noch im 19. Jahrhundert). Sehen wir zu: da ist um 1900 der Imperialismus, der bewaffnete Friede. Die Großmächte starren in fast nicht mehr zu schleppender Rüstung, umlauern einander, spähen einander aus. Frankreich und Deutschland in beherrschendem Gegensatz, aber auch Italien, auch England als mögliche Gegner beider. Da ist die Geheimdiplomatie: raffiniert, alles, auch Seelenregungen, berechnend, aber, weil selbst seelenlos, falsch rechnend, tötend, und selbst lange tot, ein lebender Leichnam, der die Nationen vergiftet Da ist die Sondergruppe der Militärs, in allen Ländern einander merkwürdig ähnlich, von eigentümlicher Mentalität, nach Macht strebend, wobei kein Mitte! unrecht scheint, wenn es Erfolg verspricht. Da ist der Rassenhaß, in die Massen hineingehämmert, die Massenverhetzung überhaupt, die das 19. Jahrhundert von früheren so stark abhebt. Und da ist endlich die große Menschlichkeit, der unbeirrbare, über alle Rücksichten hinwegschreitende Drang nach Wahrheit und Gerechtigkeit, verkörpert in den Namen Zola, Labori, Jaures, Picquart. Das alles hat ein unerreichter Meister, das Leben selbst, dies bunte, unregelbare, einfallüberschäumende Leben, kunstvoll kontrastierend gemengt, so daß ein Sang entstand von Mannesmut und Treue, Falschheit und Hinterlist, Dummheit und Bosheit, Standhaftigkeit und Kraft, wie ihn ferne Generationen noch staunend vernehmen werden. Der Fall Dreyfus kündet ungeheure Warnung, aber zugleich unendlichen Trost, weil er zeigt, daß, nach Björnstjerne Björnsons schönen Worten, die Wahrheit „Verlassen von den als Wache Berufenen am Tor," dennoch sich durchsetzt. „Erst als ein leises Brausen Im Sommerkorngefild Das dann zu mächtigem Rauschen Im Waldesdickicht schwillt, Als Meeres-Donnerrollen Zum Schluß die Welt durchdröhnt, Und siegend alles, alles Gewaltig übertönt." Der Fall beginnt als Spionage. Die Papierkörbe der deutschen Botschaft in Paris, die bestochene Reinemachefrau, sie spielen die Hauptrolle. Das ganze Handwerkszeug wird gezeigt: kleine Brieffetzen zusammensetzen, Dokumente photographieren, Ziffern dechiffrieren, Zusammenkünfte abhorchen. Dreyfus wird beschuldigt, angeklagt, verurteilt, deportiert, gequält, befreit, hingehalten, begnadigt, rehabilitiert. Dr. Bruno Weil führt in seinem (kürzlich bei D r. Walter Rothschild , Berlin erschienenen) Buche „Der Prozeß des Hauptmanns Dreyfus" diesen verschlungenen Weg so, daß man ihn atemlos gespannt durchjagt. Was ist's mit Henry, der das Rasiermesser durch seine Kehle führte? Wer half Esterhazy, der die Franzosen nicht liebte und die Juden anbettelte, der in England sein Wissen um die Affäre verkaufte? Wann siegt Picquart, der in Beschränktheit aufrecht männlich-ritterliche unerschrockene Offizier? Und wie trägt Dreyfus diese Last, die ihm das Schicksal auf die schwachen Schultern bürdet? Weil läßt Clemenceaus skeptisch spöttische Stimme hören. Der Tiger kratzte auch hier zu böse. Dreyfus hat eine unerhörte Kraft des stark im Tragen, uner- Auch darin ein typischer Leidens entwickelt, schrocken im Rufen. Repräsentant des Judentums, das man offenbar in seiner Person hatte treffen wollen. Dreyfus wurde Opfer, weil er Jude war, und er fand Helfer, weil er Jude war. Die Schmach, daß der Jude als Verräter unschuldig leiden sollte, weil er Jude war, rief die Männer auf den Plan, die erkannten, daß diese Schmach alle traf, die sie zuließen. Der Mensch fand sich zum Menschen. Nicht, als ob dem Nicht-Juden die Helfer gefehlt haben würden. (Ihm wäre wohl das Fehlurteil nicht so kraß gesprochen worden.) Aber weil manche der Helfer den judengegnerischen Adam in sich selbst erst überwinden mußten, weil manche erst „Komplexe" zu „verdrängen" hatten, deshalb „überkompensierten" sie, deshalb fochten sie kräftiger und unermüdlicher, als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre. Wir haben in Oesterreich einen Fall, der in manchem ähnlich ist dem Fall Dreyfus: der Fall H a I s m a n n. So ist z. B. auch hier das Opfer ein Mann, von dem, ebenso wie einst bei Dreyfus, kein Charme ausgeht, der bezauberte oder auch nur anspräche. Juden und Nichtjuden sind dieses Jünglings Verteidiger, seit Jahren mühen sie sich, ihn aus dem Zuchthaus herauszuholen. Vergeblich! Weils Buch, eine ausgezeichnete, historisch äußerst exakt fundierte, herrlich lesbare Schilderung des Falles Dreyfus, rüttelt jeden auf, der es liest. Möge es, um der Gerechtigkeit willen, viele Leser finden! „Atmosphäre der Ungewißheit". den schon abgedroschenen Vorwurf der „Kompetenzüberschreitung" machen kann, ohne auf die angeblich „nicht gerechtfertigten" Schlußfolgerungen näher einzugehen. Es heißt da nämlich: „Die Shaw-Kommission erhielt den Auftrag, die unmittelbaren Ursachen der Palästinaunruhen im August 1929 zu untersuchen. In dem der Permanenten Mandatskommission seitens der Jewish Agency unterbreiteten Memorandum sind gewichtige Gründe ins Treffen geführt, die dartun, daß viele Schlußfolgerungen im Shaw-Bericht — selbst innerhalb der der Kommission zugewiesenen eigentlichen Sphäre — durch das der Kommission unterbreitet gewesene Material nicht gerechtfertigt sind. Es kommt hinzu, daß die Shaw-Kommission ihren Aufgabenkreis überschritt und an Fragen heranging, über die zu urteilen sie weder ermächtigt, noch kompetent war. Nach dem, was der Herr Ministerpräsident am 23. Dezember 1929 im Unterhaus ausgeführt hat, hätte man erwarten dürfen, daß die Regierung die Befunde der Kommission hinsichtlich Fragen höherer Politik, wie z. B. jüdische Einwanderung, jüdischer Bodenkauf und Kolonisation, nicht in Rücksicht ziehen werde. Dennoch lehnt sich das im vorigen Monat veröffentlichte Weißbuch an die Befunde der Shaw-Kommission betreffend die erwähnten Angelegenheiten an." Zu der Suspendierung der Einwanderung weiß die Resolution folgendes zu sagen: „In Verfolg der Politik dieses Weißbuches wurde die Einwanderung unserer Arbeiter nach Palästina zu einem Zeitpunkt suspendiert, an dem der High Commissioner nach sorgfältiger Prüfung feststellen konnte, daß die Gewährung neuer Arbeiterzertifikate wirtschaftlich vollkommen gerechtfertigt sei. Die Suspendierungsverordn u n g, die ihrem Charakter nach eine politische, nicht eine wirtschaftliche Maßnahme ist. legt die Axt andie eigentlichen Fundamente des Mandates. Darum unsere Proteste und die Proteste der jüdischen Massen, in deren Namen wir sprechen. Diese Proteste sind Am 23. und 24. Juni tagte in London unter dem Vorsitz von Lord Me 1 che11 die Politische Kommission der Jewish Agency. Diese Tagung war von einer solch tristen Stimmung beherrscht, daß man von einem wahren Pessimismus sprechen könnte. Seinen Niederschlag fand dieser Pessimismus in der von der Kommission angenommenen Resolution, die beredter als eingehende Sitzungsberichte die prekäre Situation enthüllt, anderseits aber auch zu kritischen Bemerkungen Anlaß gibt. Die Resolution beginnt mit folgender interessanten Feststellung: „Die Politische Kommission der Jewish Agency ist zu einem Zeitpunkt zusammengetreten, an dem das unbedingte Vertrauen des jüdischen Volkes in die britische Regierung — bisher die Basis ihrer gegenseitigen Beziehungen bildend — einen schweren Stoß erlitten hat Die von der britischen Regierung in Verfolg des Shaw-Berichtes eingeschlagene Richtung, die in Verbindung mit einer anscheinend die eigentlichen Grundlagen unserer Arbeit für das Jüdische Nationalheim in Frage stellenden Untersuchung verfügte Suspendierung der jüdischen Arbeitereinwanderung und die in dem jüngsten Weißbuch dargelegte Politik haben eine Atmosphäre der Ungewißheit geschaffen und im jüdischen Volke die Befürchtung geweckt, daß die Politik des Mandates in Gefahr ist.'« Krasser kann man die momentane Situation nicht mehr ausdrücken. „Atmosphäre der Ungewißheit", „Befürchtung, daß die Politik des Mandates in Gefahr ist", das sind Hinweise, die, von solch verantwortlicher Seite gegeben, die triste Lage blitzlichtartig beleuchten. Die Resolution beschäftigt sich nun mit dem Bericht der Shaw-Kommission, der die Politische Kommission der Agency eigentlich nur

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