Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-07-04 · Heft 27 (4.7.1930) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 27 (4.7.1930)
Date
1930-07-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064172--17967-3082948
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 DIE WAHRHEIT ÜIE W Eine jüdische Musikgeschickte. Es ist schon seit längerer Zeit bekannt, daß der auf dem Gebiete der Theorie und Geschichte der Musik renommierte Musikprofessor Nahum Zwi Ehrlich ein umfangreiches Werk fertiggestellt hat, das geeignet wäre, für die Erkenntnis und Erforschung der jüdischen Musik von bahnbrechender Bedeutung zu werden. Dieses Werk, das in Konzeption und Durchführung gleichermaßen groß angelegt ist und den Titel „Die jüdische Volksmusik" führt, hat keinen geringeren Vorwurf zum Inhalte als den, einerseits die geschichtliche Entwicklung der jüdischen Volksmusik darzulegen, anderseits aber auch das besondere Wesen und Charakteristikum der jüdischen Musik und ihrer typischen Merkmale zu determinieren. Eine besondere Abteilung ist der Untersuchung über den Anteil der Juden an der internationalen Musik gewidmet, so daß damit tatsächlich jede Erscheinung, welche irgendeine Beziehung zwischen Musik und Judentum aufweist in diesem Werke aufgenommen ist. Uni einen annähernden Begriff über den Umfang des dort Gebotenen zu vermiteln, seien hier nur einige beiläufige Themata erwähnt, die in dem interessanten Werke ihre Behandlung finden. So heißt das einleitende Kapitel, das die Basis der ganzen Forschung darstellt: „Gibt es eine jüdische Volksmusik?" Nach Bejahung dieser Frage bietet das Kapitel „Wege und Methodik zu ihrer Erforschung" sowohl eine interessante und umfangreiche Quellenangabe und sozusagen die Methodologie für eine jüdische Musikgeschichte. „Die jüdische Musik im Vergleiche zur slawischen" weist auf gewisse slawische Einflüsse hin, zeigt aber deutlich, wie der spezifische jüdische Musikgeist jene Einflüsse nach der besonderen jüdischen Musikalität sozusagen verjüdischte. Sowohl „Der traditionelle Synagogalgesang" als auch „Der moderne Tempelgesang" erfahren eine eingehende tiefschürfende Analyse, wobei allerdings manche bisher anbestrittene Namen sich eine sehr kritische Behandlung gefallen lassen müssen. Damit aber ist der Umfang des Werkes noch nicht erschöpft Denn der sichtlich um Universalität bemühte Verfasser greift jedes Gebiet auf, das ihm irgendwelche Erkenntnisse in Hinsicht auf Wesen und Inhalt jüdischer Volksmusik zu bieten vermag. So behandelt er in einem Kapitel, das den Titel: „Jüdische Literatur und jüdische Musik" führt, den Einfluß, den sowohl die bewußt jüdische, als auch die pseudojüdische Literatur, also der manifest gewordene jüdische Geist in allen seinen Aeußerungen, unmittelbar auf die Geistesbildung und Gesinnung der jüdischen Komponisten und damit auch mittelbar auf ihr Werk ausgeübt hat In diesem Teil erweist Professor Ehrlich seine stupenden Kenntnisse auf dem Gebiete der jüdischen und internationalen Literatur. Dieses hier in knappen Umrissen geschilderte Werk ist wie gesagt, ganz fertiggestellt und bedarf nur noch einer letzten eingehenden Sichtung und Stilisierung, um das Licht der Welt erblicken zu können. Allein Professor Ehr lich ist der Ansicht daß ein solches Werk nicht nur in der Stube und in der Einsamkeit des Schreibtisches zur vollen Reife gedeihen könne, sondern daß es des lebendigen Kontaktes mit der Außenwelt bedarf, um wirklich jenes Fluidum fruchtbarer Wirksamkeit zu erlangen, das sein letztes Ziel ist So schwebt dem sehr arbeits- und tätigkeitsfrohen Professor Ehrlich eine Vortragstournee in Deutschland vor, wo die einzelnen Teile seines Werkes das Substrat für eine Reihe hochinteressanter Vorträge abgeben könnten und wodurch eine befruchtende Stellungnahme der musikalischen Kritik hervorgerufen würde, die seinem Werk im voraus den so notwendigen Kontakt mit der Oeffentlicbkeit vermitteln würde. Es wäre sehr zu wünschen, daß die an dieser Stelle gemachten Mitteilungen in unserem Bruderlande Gehör und Anklang fänden und daß durch das Arrangement einer solchen Vortragstournee in Deutschland, einem Manne und seinem Werke jene Förderung zuteil würde, die sie beide zweifellos in vollstem Maße verdienen. Este. Wahrheiten vom finge Einberufung des XVIL Zionistenkongresses. Die Zionistische Exekutive beschloß, den XVIL Zionistenkongreß noch vor Dezember des Ja Ii res 1930 abzuhalten. Am 24. August tritt das Aktionskomitee in Berlin zu einer Tagung zusammen, in der das genaue Datum und der Tagungsort des Kongresses bestimmt werden sollen. Warum nur der Verteidiger? Der von seinen Hochschulaffären unrühmlich bekannte frühere Führer der „Deutschen Studentenschaft", Diplomkaufmann Dr. Robert K ö r b e r, hat sich im vergangenen Winter auf dem Eislaufplatz besonders „vornehm" benommen. Er hat in aus seinen Studentenzeiten gewohntem jugendlichen Ueberschwange mehrere Kinder umgeworfen, was ihm ein Schimpfwort des Vaters eines der Kinder eintrug, der den Diplomkaufmann mit einem Tiernamen belegte. Der stets streitsüchtige Dr. Körber war nicht faul und lief vom Eislauf- Lederhandschuhfabrik Josef Tjasßnger L, Rotenturmsfraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 platz zum Kadi. Der Verteidiger des Vaters trat für den Freispruch seines Klienten ein, der sich damals in begreiflicher maßloser Aufregung befunden hatte, da sich Dr. Körber und seine Begleiter wie Rowdies benommen hatten. Wegen dieses Ausdruckes klagte nun der leicht gekränkte Dr. Körber auch den Verteidiger, dieser wurde aber freigesprochen, da er in Wahrung der Interessen seines Klienten gehandelt hatte. Dieser Freispruch zwingt zu Betrachtungen: Wenn es einer Zeitung einfiele, Dr. Körber und die Seinen, die bei ilochschulkrawallen wiederholt jüdische Studentinnen bei den Haaren geschleift und mißhandelt, jüdische Studenten, gestützt auf ihre teutsche Majorität, mit Stöcken verprügelt und blutig geschlagen, Lehrsäle vandalisch demoliert haben usw., als Rowdies zu bezeichnen, das neue Preßgesetz würde schon die Möglichkeit bieten, den verantwortlichen Redakteur mit einer saftigen Geldstrafe zu belegen. Da wäre von „Wahrung der Interessen" der buchstäblich mit Füßen getretenen Universitätsfreiheit keine Spur. Ja, so ein Verteidiger hat's gut. P.T. Erlaube mir höflichst mitzuteilen, daß ich das Grand Cafe Central. Wien II.. TaborstraBe 8 käuflich erworben and kürzlich vollständig neu renoviert eröffnet habe, und bitte um Ihren werten Besuch. Ich werde trachten, in meinem gutbürgerlichen Cafi durch zivile Preise und beste Qualität der verabreichten Speisen und Getränke, sowie aufmerksamste Bedienung meine p. t Gäste bestens zufriedenzustellen Hochachtungsvoll Die Besitzerin Der Parteitag der Zionisten Oesterreichs. Der vor einiger Zeit begonnene, aber in der Mitte abgebrochene Parteitag der Zionisten Oesterreichs wurde am 29. v. M. wieder aufgenommen und friedlich zu Ende geführt Zum Präsidenten des zionistischen Landeskomitees wurde der bisherige Vorsitzende des „Rings des Alten Herren-Verbandes", Dr. Oskar Grünbaum, gewählt. Es wurde beschlossen, zu Beginn des Herbstes 1930 einen außerordentlichen Parteitag abzuhalten, der darüber die Entscheidung treffen soll, ob die Zionistische Organisation Oesterreichs sich auch in der Landespolitik betätigen oder nur Arbeit für Palästina leisten solle. Die neue Leitung ist nur aus allgemeinen Zionisten und Vertretern der Hitachduth zusammengesetzt, man hofft aber, daß nach dem außerordentlichen Parteitag im Herbst auch Radikale und Revisionisten in die Leitung eintreten werden. Die Wünsche der Mehrheit gehen dahin, die landespolitische Arbeit einer neu zu schaffenden nationalen Organisation, wie sie z. B. in Kongreßpolen besteht, zu überlassen. (Wir kommen auf die Beendigung des zionistischen Parteitages noch zurück und begnügen uns für heute mit der Wiedergabe der obigen J. T. A.¬ Nachricht.) Um die Jüdische Abstammung der Habsburger. Bekanntlich hat Präsident Masaryk in einem Gespräch mit dem Chefredakteur der „Vossischen Zeitung". Prof. Georg Bernhard, die Andeutung gemacht, daß seinerzeit das österreichische Kaiserhaus den größten Teil einer Auflage von Meyers Konversations-Lexikon habe aufkaufen und vernichten lassen, weil darin auf die jüdische Herkunft der Habsburgerhingewiesen war. Wiener Familien sind noch im Besitze von Exemplaren der 1887 erschienenen vierten Auflage von Meyers Konversationslexikon, in deren siebentem Bande, Seite 987, es heißt, daß Geschichtsschreiber des Hauses Habsburg im 13. und 14. Jahrhundert die Abstammung der Habsburger von der römischen Familie Pier Leoni herleiten, aus welcher im 12. Jahrhundert auch ein Papst, Anaclet IL, hervorging; die Pier Leoni waren unzweifelhaft jüdischer Herkunft Dieser Hinweis fehlt in weiteren Auflagen von Meyers Lexikon. Auf eine Anfrage der Jüdischen Telegraphen-Agentur beim Bibliographischen Institut in Leipzig, in dessen Verlag Meyers Lexikon erscheint, ob tatsächlich die vierte Auflage des Lexikons auf Veranlassung der Habsburger aus dem Verkehr gezogen worden sei. wurde erwidert: „In unserem Hause erinnert sich niemand, daß eine Auflage unseres Lexikons aus dem Verkehr gezogen ist... Unserem Haushistoriographen ist bei seinen Studien für die Geschichte des Bibliographischen Instituts, die er 1926 geschrieben hat. nichts begegnet Auch ist hier niemandem bekannt warum in der fünften Auflage die betreffende Textstelle nicht wieder gebracht worden ist. Von der Redaktion lebt niemand mehr, auch die in Frage kommenden Autoren sind tot." Dem Bibliographischen Institut, das sich an die Kanzlei des Präsidenten Masaryk mit einer Anfrage gewandt hat, ist von dort die Antwort zugegangen, daß sich Präsident Masaryk in dem betreffenden Gespräche dahin geäußert hat er habe in Wien gehört, daß einmal eine ganze Auflage von Meyers Lexikon durch Aufkauf dem Verkehr entzogen worden sei, weil darin die jüdische Abkunft des Hauses Habsburg behauptet worden sei. Von wem er diese Behauptung gehört hat, kann er sich-nicht mehr erinnern. Jedenfalls gibt das Bibliographische Institut zu. daß der in der vierten Auflage des Lexikons enthalten gewesene Hinweis auf die jüdische Abstammung der Habsburger in der fünften Auflage und in den weiteren Auflagen fehlt. Am Grabe Walther Rathenaus. Das Berliner Reichsbanner, dessen erster Marsch nach seiner Gründung im Jahre 1924 der zum Grabe Walter Rathenaus war, hielt am achten Todestage des ermordeten Schöpfers der neuen Außenpolitik der deutschen Republik die traditionelle Gedenkfeier an dessen Grabe ab. Mit den Reichsbannerleuten zog die Bevölkerung in Massen zum Grabe, wo die traditionelle Ehrenwache stand. Nach einem Trauermarsch sprachen S o 11 a u und Landtagsabgeordneter N u s c h k e. Letzterer führte aus: Wenn wir Walther Rathenaus Ziel fortsetzen wollen, dann müssen wir mit aller Kraft den Kampf gegen Faschismus aufnehmen. Heute, am Grabe Walther Rathenaus, leisten wir das Gelöbnis, der Republik auch in diesen Stunden, in denen der Nationalsozialismus zum aktiven Kampf gegen die Republik aufruft treu zur Seite zu stehen. Nach Absingen des Liedes „Ich hatt' einen Kameraden" senkten sich die Fahnen und die Reichsbannerkolonne marschierte zurück. Pogromstimmung In Berlin. In der Berliner Zeitschrift „Der Angriff" des Reichstagsabgeordneten Dr. Goebbels wird gegen das Uniformverbot das die preußische Regierung erlassen hat polemisiert Der „Kampf Aller gegen Alle" wird als bevorstehend angekündigt Dann heißt es wörtlich weiter: „Wenn es dabei zu von uns nicht gewünschten und bisher verhinderten Judenpogromen kommen sollte, so hat uns die Regierung selbst die Möglichkeit geraubt, die Disziplin unserer Anhänger zu gewährleisten." Für diese Auslassung wird sich wohl auch der Staatsanwalt interessieren. Das Organ des Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens schreibt dazu: „Wir brauchen wohl nicht erst zu erklärn, daß wir gegen diesen R oheitsrekord in Verhetzung der Oeffentlichkeit durch den immunen Herrn Richstagsabgeordneten Goebbels mit allen uns zur Verfügung stehenden legalen Mitteln vorgehen werden. Leib und Leben der Juden in Deutschland werden durch Goebbels mit der Kulturschande des Pogroms bedroht Herr Goebbels aber beneiden wir nicht um die Verantwortung, die er durch diese unverhüllte Pogromhetze auf sich lädt Zu der Berliner Polizei haben wir das Vertrauen, daß sie alle Bürger, also auch die jüdischen, zu schützen weiß. Sollten sich trotzdem Zwischenfälle ereignen, so wissen wir diesesmal genau, wer die Anregung dazu ggeben hat" Der Berliner Polizeipräsident Z ö r g i e b e 1 empfing am Mittwoch, den 25. Juni, die Vertreter des Reichsbundes jüdischerFrontsoldaten, Ortsgruppe Berlin, Dr. London und Koppe, die ihm ernste Besorgnisse über die neuerdings gesteigerte Pogrom-Stimmung zum Ausdruck brachten. Der Herr Polizeipräsident nahm Gelegenheit, mit Nachdruck zu betonen, daß die Polizei die ihr zu Gebote stehenden Machtmittel einsetzen werde, um allen Statsbürgern die Sicherheit von Leben und Eigentum zu gewährleisten. Der Thüringer Fremdenverkehr gefährdet? Vom Verein jüdischer Hotelbesitzer und Restauratenre wird der JTA mitgeteilt: Durch die Presse gingeD dieser Tage Mitteilungen, wonach der thüringische Fremdenverkehr in diesem Jahre durch die politischen Verhältnisse in Thüringen schwer bedroht sei. weil gegen politisch und konfessionell Andersdenkende von nationalsozialistischer Seite Terror verübt wurde. Diesen Mitteilungen gegenüber ist rein sachlich festzustellen, daß von irgendwelchen Terrormaßnahnien bisher in Thüringen nicht die Rede sein kann. Neuerdings haben sich die Verbände des Fremdenverkehrsgewerbes, der Thüringer Verkehrsverband, der Thüringer Hotelbesitzerverband, der Thüringische Gastwirteverband, der Verband Thüringer Fremdenheime, sowie der Landesverband der Thüringer Haus- und Grundbesitzer-Vereine mit der Angelegenheit eingehend beschäftigt. Auf Grund übereinstimmender Berichte aus dem ganzen Lande, die weder von irgendwelchen Belästigungen der in Thüringen zur Kur weilenden Fremden, noch von Zurückweisungen Erholungsuchender aus konfessionellen Gründen etwas feststellen konnten, haben die vorgenannten Verbände sich entschlossen, mit allen Mitteln gegen irreführende Aeußerungen über den Thüringer Fremdenverkehr vorzugehen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.