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Die Wahrheit · 1930-07-04 · Heft 27 (4.7.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 27 (4.7.1930)
Date
1930-07-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 sie danndie ungarische Staatsbürgerschaft erlangeji würden. Der Minister des Innern hätte die Pflicht, dafür zu sorgen, daß man solche Leute nicht auffordern sollte, dem Glauben ihrer Väter abtrünnig zu werden. In einer Sektion des Ministeriums des Innern besteht ein sogenanntes jüdisches „Dossie r". das zu dem. Zwecke eingerichtet wurde, damit Angelegenheiten von Juden im Ministerium des Innern ganz anders behandelt werden, als jene der Katholiken und Protestanten. Es ist übrigens charakteristisch für die im Ministerium herrschenden Zustände, daß sich der Herr Minister die Erledigung der sogenannten jüdischen Angelegenheiten in allen Fällen selber vorbehalten hat. Das sind Dinge, die einmal gesagt werden mußten. Abg. Mesko (Regierungspartei): Solange in Ungarn die Arbeitslosigkeit so groß ist. geht es doch nicht an, daß ungarische Abgeordnete die Partei ausländischer Staatsbürger ergreifen. Abg. Esztergalyos: Die Betreffenden werden nur ausgewiesen, weil sie Juden sind! . Abg. Rothenstein (Soz.) bemerkte, nach seinen Informationen existiere im Ministerium des Innern ein sogenanntes jüdisches „Dossier". Ausgewiesen werden bloß fremde Staatsangehörige, die dem jüdischen Glauben angehören oder die sich zu den sozialistischen Ideen bekennen. Aus diesen Dingen mache man im Ministerium des Innern eine konfessionelle Frage. Innenminister Dr. Scitovszky erwiderte: Die neue Verordnung über die Fremdenkontrolle ist dazu angetan, die Kontrolle zu vereinfachen. Die Hauptsache ist allerdings, daß die Interessen des Staates unter allen Umständen vor Augen gehalten werden. Was nun die Ausweisungen anlangt, so halte ich es für richtig, die Erledigung der darauf, bezüglichen Angelegenheiten in ■einer Hand zu konzentrieren. Mehrere Mitglieder des Hauses haben besonders krasse Fälle zur Sprache gebracht. An sie richte ich die Aufforderung, alle diese Fälle aufzudecken und sie mir zur Kenntnis zu bringen. Ich werde bestrebt sein, sie in der humansten Weise zu erledigen. Im Schubhause befinden sich gegenwärtig noch 42 ausländische Staatsangehörige. Hinsichtlich der Erwerbung der Staatsbürgerschaft durch Ausländer sind unsere Hände durch die einschlägigen Bestimmungen •des Trianoner Vertrages gebunden. — Auf die Anklagen betreffend unterschiedliche Behandlung jüdischer Ausländer ging der Minister nicht ein. Aus der Wiener Kultusgemeinde. Dienstag, den 24. v. M., fand eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes unter Vorsitz des Präsidenten Prof. Dr. A. Pick statt, der in seiner einleitenden Rede insbesondere den nach längerer Krankheit wieder erschienenen ältesten Kultusvorsteher Herrn Rat S. Kauders herzlichst begrüßte und weiters Herrn Kultusyorsteher Kommerzialrat Max Markus zu seinem 70. Geburtstag namens des Vorstandes gratulierte. Diese Ausführungen wurden von allen Anwesenden mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Amtsdirektor Reg.-Rat Guido Fuchsgelb brachte hierauf eine Resolution anläßlich der Sperre der Immigration nach Palästina zum Vortrag, die mit einem dringenden Appell an die englische Regierung schließt und einstimmig angenommen wurde. Dem Einlaufe entnehmen wir unter anderem: Es liegt ein Bericht der Verwaltung der Versorgungsanstalt der israelitischen Kultusgemeinde Wien vor, nach welchem ein Damenkomitee unter Leitung der Frau Direktor Ulmann als Spende des Verbandes der -,,Weibliche Fürsorge" so wie alljährlich auch in diesem Jahre an sämtliche weiblichen Insassen der Anstalt Liebesgaben zur Verteilung brachte; bei dieser Gelegenheit wurden auch die männlichen Insassen bedacht. Die „Weibliche Fürsorge" hat in der gleichen Weise auch für die jüdischen Insassen des städtischen Versorgungsheimes in Lainz liebevoll gesorgt. Des ferneren hat aus Anlaß des Muttertages die Inhaberin der Bäckerei Plank, Frau Hartl, welche nicht unserer Glaubensgemeinschaft angehört, den Pfleglingen 200 Stück Peregrini-Kipferln übersandt und damit ihre Uebung fortgesetzt, bei festlichen Anlässen unserer Schützlinge durch Gratis-Beistellung von Backwerk zu gedenken. Von der Chewra Kadischa in Novisad, die ihren 200jährigen Bestand feierte, ist für das Gratulationsschreiben des Kultusvorstandes ein herzliches Dankschreiben eingelangt. Ebenso von dem Festausschuß der I. Bundesrealschule im II. Wiener Gemeindebezirk, welche anläßlich des 75jährigen Bestandes der Anstalt eine Spende der Kultusgemeinde für ihre Wohlfahrtseinrichtungen erhielt Es liegen ferner Dankschreiben vor: von dem Herausgeber . der „Korrespondenz Wilhelm", Herrn Reg.-Rat Richard Wilhelm für die Gratulation der Kultusgemeinde anläßlich seines 60. Geburtstages; vom Direktor des Bundesrealgymnasiums im II. Wiener Gemeindebezirk, Herrn Hofrat Dr. Heinrich Montzka für die Gratulation der Kultusgemeinde anläßlich seiner Auszeichnung, desgleichen von Studienrat Otto Simon. Aus dem Spendeneinlaufe sei hervorgehoben: Zuwendung von S 10.000.— im Sinne einer letztwilligen Verfügung des verstorbenen Herrn Bergrates Dr. Max Gut mann; eine Spende von Herrn E. Larsen von S 1000.— für die jüdische Jugendfürsorge als Zeichen des Dankes für eine von Matrikenführer Rosenfeld entgegenkommendst durchgeführte Beratung in einer Matrikenangelegenheit; eine Spende von S 500.— von der Witwe und den Geschwistern des seligen Herrn Josef Schmelz für verschiedene Wohltätigkeitsanstalten. Herr Louis Guttmann, wohnhaft in Nizza, hat Wertpapiere im Betrage von 3000 Dollar für eine Bettstiftung im Spitale der Kultusgemeinde mit der Verfügung erlegt, daß. er sich den lebenslänglichen Fruchtgenuß der gewidmeten Effekten vorbehält Durch das am 24. Mai 1930 erfolgte Ableben des Fräuleins Pauline Engel wird nun das Vermögen der Markus- Engel-Paulinen-Stiftung in der approximativen Höhe von S 230.000.— für den Stiftungszweck verfügbar. Die eine Hälfte der Stiftungserträgnisse ist zwar zur Unterstützung von hilfsbedürftigen Nachkommen der Geschwister des Herrn Markus Engel bestimmt, aus der zweiten Hälfte der Erträgnisse wird */i7 zur Erteilung von Subventionen an zehn christliche und 10/i7 zur Erteilung von Subventionen an jüdisch-konfessionelle Wohltätigkeitsanstalten zu verwenden sein. Die Kinder des verstorbenen Religionsinspektors, Professor Moriz K a n i t z, sprechen der Kultusgemeinde den Dank für die Errichtung eines Grabsteines aus. Herr Rechtsanwalt Dr. Otto E k s t e i n hat die israelitische Kultusgemeinde in einem schwierigen und langwierigen Schiedsgerichtsprozeß vertreten und schon bei Uebernahme der Vertretung erklärt, aui jedes Honorar zu verzichten. Der Kultusvorstand hat Herrn Dr. Otto E kstein seinen besonderen Dank zum Ausdruck gebracht und ihm ein Exemplar der ersten Statuten des Bethauses der Inneren Stadt, sowie sämtliche von der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde herausgegebenen Werke gewidmet. Dafür spricht Herrn Dr. Ekstein in einen sehr herzlich gehaltenen Schreiben seinen Dank aus und seine Bereitwiligkeit, auch in Zukunft der Kultusgemeinde zur Verfügung zu stehen. Von Herrn Prof. Dr. Kupfer sind eine Anzahl von Pastorierungsberichte betreffend die Strafgefangenen in Stein eingelangt. Aus dem ebenfalls von Herrn Amtsdirektor Reg.-Rat Guido Fuchsgelb erstatteten Präsidialbericht sei erwähnt: Im Zuge der vom Kultusvorstande beschlossenen und mit 1. Mai d. J. stattgehabten Errichtung der „Fürsorge-Zentrale" wurde an die formelle Auflösung der „Zentralstelle für jüdische soziale Fürsorge" geschritten und es hat die am 12. Juni d. J. stattgehabte außerordentliche Delegiertenversammlung die Auflösung beschlossen. Der Präsident hat diesen Anlaß wahrgenommen, um dem Präsidenten der Zentralstelle, Herrn Kommerzialrat Karl Klemp e r e r, sowie den Kuratoriumsmitgliedern und den Vereinsdelegierten für ihre geleisteten Arbeiten den Dank der Kultusgemeinde zum Ausdruck zu bringen. Seitens der Rechnungskontrolle liegen nunmehr die Berichte über den Abschluß der im September 1929 begonnenen Aktion des Zentralhilfskomitees für die Opfer der Ereignisse in Palästina vor. Es sind insgesamt S 145.646.— eingegangen. Die Gesamtspesen der Aktion einschließlich aller Portoauslagen haben S 6100.— betragen. Die Eingänge wurden etappenweise an die Jewish Ägency in London übermittelt Es wurden noch die usuellen Aufträge in bezug auf die Geschäftsführung während der Sommermonate angenommen; hierauf wurde die öffentliche Sitzung geschlossen, es folgte eine vertrauliche. 9lo$sen. Se. Magnifizenz Herr Rektor Wenzel Gleisp a c h, bei dessen Nennung selbst die „Wiener Zeitung" in Klammer „Graf setzt, hat anläßlich der ihm gewidmeten großen Ehrung erklärt, daß er zur Verteidigung seines neuen „Studentenrechtes" die Waffe ziehen werde, „wenn ein ebenbürtiger Gegner mit gewichtigen Einwänden aufzieht. Bisher freilich habe er einen Anlaß dazu nicht gefunden". Es ist anzunehmen, daß der Herr Rektor den von Professor H u p k a veröffentlichten sensationellen Artikel gegen das neue „Studentenrecht" gelesen hat, aber er hat ganz logisch auch diesen keiner Erwiderung gewürdigt Professor Hupka gehört zwar sicherlich zu den hervorragendsten Rechtslehrern an der Wiener Universität, aber man wird zugeben müssen, daß der simpel bürgerliche Herr, trotz des großen Namens, den er sich in der Wissenschaft gemacht, dem Rektor (Graf) Gleispach nicht ebenbürtig ist * * * Ein Dialog. — „Haben Sie gelesen, die Juristische Gesellschaft' in Wien hat nach der Berufung Professor Kelsens nach Köln sich an das Unterrichtsministerium mit dem Ansuchen gewendet, dahin zu wirken, daß Kelsen, dessen Scheiden einen schweren Verlust für die Wissenschaft und das geistige Leben in Oesterreich bedeuten würde, dem Vaterland erhalten bleibe." „Das ist wirklich zum Lachen. Glaubt denn die Juristische Gesellschaft', daß man im Unterrichtsministerium nicht genau weiß, wer Professor Kelsen ist? Uebrigens hat wahrhaftig auch schon der berühmte „Studentenführer" der Wiener Universität, zu welchem kein Geringerer als Se. Magnifizenz der Rektor das Geleitwort geschrieben, nachdrücklich genug auf ihn hingewiesen. * * * Nun haben wir in Oesterreich von den zehn ägyptischen Plagen auch die einer Heuschreckeninvasion kennen gelernt. Was Finsternis ist, hat man wenige Tage vorher, so paradox es auch GROSSFLEISCHHAUEREI S1EGM. KORNMEHL ■^■■■■■■■■■■■■■MaaHHaHMaMMHHHBBM WIEN IX., BEROOASSE NR. 1» FILIALE i XVIII., WÄHRINdERSTRASSE »7 Tel «Phon Nr. A 17-3-99 and A 1S-9-34 Lieferant für H«llanstaltea AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsteht das ehrw. Rabbiaatas dar Isr. Ksltusgamainda Was. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen klingen mag, anläßlich des Fackelzuges erfahren können, der nach der Meinung vieler hauptsächlich der Verherrlichung des Arier-Paragraphen galt. * * Herr Dr. Walter Riehl klagt öffentlich bitterbös darüber, daß der Minister Schumy sich in einem Prozeß von einem jüdischen und nicht von einem unverfälscht arischen Anwalt vertreten ließ. Herr Dr. Riehl hätte zu noch gründlicherer Beschämung des Herrn Ministers darauf hinweisen können, daß er selbst bei einem Rothstock hätte lernen können, was sich schickt, wenn man einen Anwalt braucht. « * Der Deputierte Matza hat als der Führer einer Deputation vor dem rumänischen Minister des Innern bittere Klage über die Untätigkeit geführt, der sich Polizei und Staatsanwaltschaft anläßlich der nichtswürdigen antisemitischen Ausschreitungen in Balti (Bessarabien) hingaben. Da sich bei diesen Exzessen hauptsächlich Gymnasiasten unter der Führung einzelner ihrer Lehrer hervortaten, hätte der Innenminister wirklich die Deputation damit abfertigen können, daß diese Angelegenheit eigentlich den Unterrichtsminister angehe. Die Gymnasien bereiten ja auch in Rumänien die noch unreifen Schüler für die — Universitäten vor. * * * > Professor Cuza, der geistige Führer der hakenkreuzlerischen Studenten in Rumänien, sucht allerlei Vorwände, um gegen die Juden zu hetzen. Er erinnert da an einen seiner Vorgänger in Rumänien, der im Jahre 1886 eine von Invektiven und Beschimpfungen der Juden strotzende Schrift auch an Adolf Frank, den berühmten Professor am College de France in Paris, mit dem Wunsche sandte, er möge ihm seine Meinung über das Buch aussprechen. Frank antwortete ihm u. a.: „Ich gehöre, mein Herr, und ich bin stolz darauf, jenem alten Geschlechte an, welches der Menschheit die Bibel, das Evangelium, die Apostel und sogar die Person Jesu Christi geschenkt hat. Die Juden waren da moralisch und physisch schmutzig, wo man sie — beschmutzt hat." Nach der Versicherung König Karols, der nach seiner Heimkehr aus Paris erklärte, seine Regierung werde der antisemitischen Hetze ein Ende machen, wäre zu hoffen, daß die Reminiszenz an Franks Urteil ihre Aktualität — verlieren wird. * * * Baronin Rothschild hat dem französischen Postbeamten, der nur wie durch ein Wunder dem mörderischen Attentat entging, das ihr gegolten, einen Scheck auf einen großen Betrag zum Geschenk gemacht. Die Antisemiten können auch bei dieser Gelegenheit wieder einmal hinweisen, wie die Juden in ihrer Feigheit um ihr Leben zittern. * * * Man bekrittelt es, daß in Ungarn fast alle öffentlichen Angelegenheiten mit den Juden in Verbindung gebracht werden. Mit Unrecht. Neulich haben im Magnatenhause zwei Bischöfe über die ungeheure Wichtigkeit des konfessionellen Friedens für das Land gesprochen. Aber sie hüteten sich so peinlich, ein Wort von den Juden zu sprechen, daß mancher glauben mochte, es sei nur die Rede von dem friedlichen Zusammenleben zwischen Katholiken und Protestanten. Ego. 1 *• Repbet un d V8FhraitBt.Di8 HahPtisit'I i

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