Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 27 (4.7.1930)
- Date
- 1930-07-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064172--17963-3082944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIE WAHRHEI1 der Beschimpfung zu kämpfen. Ich muß aber an dieser Stelle feststellen, daß in der Versammlung, in der ich die in der „Wahrheit" wiedergegebene Rede hielt, ein zionistischer Redner mir Dank dafür sagte, daß ich ohne jede Hetzpolitik Tatsachen klargestellt habe, über die man nicht zur Tagesordnung übergehen kann, ohne sich mit den von mir aufgerollten Problemen zu befassen. Ich glaube nicht, bei denjenigen Persönlichkeiten, die mich kennen, jemals den Eindruck erweckt zu haben, zu jenen Juden zu gehören, die sich am Unglücke ihrer Glaubensgenossen erfreuen. Ich muß vielmehr der Ueberzeugung sein, daß auf den Schreiber dieser „Glossen" das alte Sprichwort Anwendung findet: „Wie der Schelm denkt, so ist er." Ich glaube, daß alle Juden der Welt ein Recht haben, sich mit den Ereignissen in Palästina zu beschäftigen und daß es möglich sein muß, ein freies Wort zu sprechen. Es wird vielleicht die Art und Weise der Bekämpfung meiner Rede in den „Glossen" der „Stimme" auf Juden einen Eindruck machen, die es durch die Hetzpolitik so weit gebracht hatten, die Demagogie als das einzig richtige Kampfmittel ihrer Ideen anzusehen. Keinen Eindruck aber hat diese Beschimpfung auf diejenigen Juden ohne Unterschied, ob Zionisten oder Nichtzionisten, gemacht, die gewohnt sind, ihre Ideen und ihre Ansichten mit den Waffen des Geistes zu verteidigen. Wenn also, wie ich fest überzeugt bin, die Beschimpfung meiner Person auf diejenigen Glaubensbrüder, die meine Einstellung zum Judentum kennen, keinen Eindruck machen wird, so muß ich eigentlich dafür dankbar sein, daß der Verfasser dieser Glossen für meine Ausführungen in der „Wahrheit" so rege Propaganda gemacht hat.*) Der Schreiber der „Glossen" bedarf aber noch einer besonderen Belehrung über die Jewish Agency, die ich ihm auf diesem Wege, da ich ihn ja persönlich nicht kenne, erteilen will. Die Jewish Agency ist eine paritätisch von Zionisten und Nichtzionisten besetzte Kommission, die England bei der Durchführung der in der Balfour-Deklaration in Aussicht gestellten Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina unterstützen soll. In diese Kommission wurden Zionisten und Nichtzionisten entsendet, nicht vielleicht zu dem Zwecke, daß die Nichtzionisten als Stimmtiere das zu tun haben, was die Ansichten der Zionisten fördert, und das zu unterlassen haben, was die Ansichten der Zionisten schädigt Meiner Meinung nach sind die Nichtzionisten in die Jewish Agency eingetreten, *) Das gleiche Dankgefühl erfüllt die Redaktion dieses Blattes, dem die „Stimme" zugegebenermaßen eine so hübsche Reklame gemacht hat D. Red. Feuilleton Die jüdische Gefährdetenfürsorge. Von Dr. K. Kupfer. Selbstlos werktätige Nächstenliebe waren stets die mächtigsten Förderungsmittel eines schönen Kulturfortschrittes. Diese Liebe wirkt sich mannigfaltig aus und umfaßt die Kinder Gottes, die seelisch oder körperlich krank und elend sind und Güte und Sorgfalt verdienen. Unser Leben birgt so viele Gefahren. Wohl dem, der sie glücklich umsegelt Für die Gefährdeten würden Freunde genügen, um sie zu retten. Solche Menschenfreunde, sobald sie sich versammeln, bringen nach einem bleibenden Gesetze Rettungstaten hervor. Wer sind diese Gefährdeten? Der Dichter hat sie erkannt und gesungen: Ruhelo_s wandern sie auf Erden Schon als Embryos belastet Und in Purpur und in Lumpen Tragen ihres Daseins Fluch sie. (Hesse.) Die Nachkriegszeit Gefährdete hat es immer gegeben. Sie fielen aber weniger auf und wußten oft sich selber zu helfen. Der Krieg aber, der in der Weltgeschichte einzig dasteht hat das Innere des Menschen aufgewühlt und verwüstet Die wirtschaftlichen Folgen dieses Weltkrieges sind von keinem Menschen vorher je geahnt worden. Die Nachkriegszeit hat unser Denken und Wollen gewaltig erregt Anfangs brauste es in ungeheuren Sturzwellen und Stößen einher, entwickelte jählings neue Aussichten und neue Erwerbsziele und warf so manchen aus seiner natürlichen Bahn heraus. Der jüdische Verbrecher. So entstand ein anderer Typus des jüdischen Verbrechers, des Verbrechers der Nachkriegszeit Ein anderes Leid erfaßte dann den Menschen, über das er um bei 'dem Palästinaaufbauwerk ebenso ein offenes Wort reden zu dürfen, wie die Zionisten. Durch den Eintritt der Nichtzionisten in die Jewish Agency sind dieselben nicht Zionisten geworden, und es würde sich jedes Mitglied der nichtzionistischen Fraktion der Jewish Agency dagegen verwahren, durch den Eintritt in die Jewish Agency ein Bekenntnis zum Zionismus abgelegt zu haben. Ich kann natürlich darauf überhaupt nicht reagieren, wenn man mir vorwirft, daß meine Worte der Sympathie zu den in Palästina lebenden Juden erheuchelte Wendungen sind. Ich kann nur wiederholen, daß auf solche Gedanken nur jene Menschen kommen können, die selbst gewohnt sind, anders zu denken, als sie reden. Ich verspreche Ihnen, lieber Verfasser der „Glossen", auch weiterhin jenen Weg zu gehen, der mir für die österreichische Judenschaft als der richtige erscheint, auch für den Fall, daß Sie mir den von Ihnen verliehenen Titel eines „Großmufti von Wien" einmal auf Ihre Kosten auf meinen Grabstein setzen werden. Dr. Ernst Feldsberg. Mittel englischer Politik. In der vergangenen Woche wurden, wie bereits gemeldet, in Jerusalem drei Araber hingerichtet, die wegen der Augustmorde im Jahre 1929 zum Tode verurteilt und nicht in die Begnadigungsakte mit einbezogen waren. Es waren gewiß keine Unschuldigen, die diese härteste Strafe erlitten, die Menschen verhängen können, denn noch kurz vor ihrem Tode gestand der eine Araber ein, allein drei, und der andere, allein fünf Juden getötet zu haben, und der dritte hatte in besonders grausiger Weise seinen eigenen jüdischen Lehrer, der üim bis zum letzten Augenblick vertraute, mit seiner ganzen Familie getötet. Und doch stieß die Nachricht von der vollzogenen Hinrichtung wie eine Fanfare in alle die bisher noch etwas theoretischen Debatten über die Bestrafung der arabischen Uebeltäter. Unsere Leser wissen, daß man von arabischer Seite mit aller Gewalt versuchte, aus den Unruhen eine Art Aufstand eines geknechteten Volksteiles zu machen. Daß selbst der Bericht der englischen Untersuchungskommission dem in gewisser Beziehung Rechnung getragen hat, daß man also vor aller Welt versuchte, die arabischen Mörder nicht als Mörder, sondern als politische Uebeltäter hinzustellen, die eine mildere Beurteilung verdienten. Nicht nur das, auch in der jüdischen Welt erhoben sich allenthalben Stimmen, die gegen die Vollstreckung der Todesurteile an den Arabern sich aussprachen. Bedeutende Juden, unter ihnen in erster Linie Professor Einstein, sich nicht zu beklagen denkt Es bilden sich Uebelstände, unter denen sie leiden. Sie erscheinen ihnen ebenso natürlich wie der Winter oder der Hagel. Es lebt in uns aber eine unbeirrbare Empfindung, daß hier eine große, schreckliche Gefährdung merklich ist Die Stellung des Judentums. Martin Buber hat -die Vergegenwärtigung der Seele des Bruders vor der eigenen Seele als eine besondere Fälligkeit und Aufgabe des Judentums bezeichnet Viel Wahres ist daran. Somit haben Juden und Jüdinnen, die sich ihrer Herkunft aus diesem Stamme bewußt sind, ein solches Gnadengeschenk in geradezu unerhörtem Maße mitbekommen. Die jüdische Frau. Mehr noch als Männer besitzen Frauen eine alles durchdringende Religiosität, die sich doppelt auswirken kann: in dem mit der tiefsten Ergriffenheit verbundenen Bewußtsein, daß wir alle Menschen vor dem Stuhle des Allrichters als schuldig erscheinen, und in dem Glauben an das innere Licht, das in jedem Menschen leuchtet Die Frau als Mutter, als Weib, hat den unbeirrbaren Glauben an die seeleneingelagerten Möglichkeiten, die neues Leben erwecken. Sie sind die rätselhaften Wiederentdecker der schlummernden vergessenen Gefühle, der Liebesgefühle, die Menschen miteinander verketten. Wenn wir Männer in unserer düsteren Stimmung jede Hoffnung auf Besserung aufgeben, der Rettungsinstinkt der Mutter, der Frau und auch der Schwester bleibt doch rege erhalten. In der Frau ist oft mehr Seufzen, Klagen, Bedrücktheit und Dumpfheit enthalten, aber sie ist weit davon entfernt jede Hoffnung zu verlieren. Sie bekämpft das Sterbegebot für gejagte Seelen. Während die Männer schon den Trauergottesdienst für die eingesargten Seelen abhalten, wagt die Frau, den Glauben zu errichten an Gottes Welt, die auf Güte und Opfermut aufgebaut ist auf Hingabe und Streben nach Verbesserung. Damit ist die Grundlage für unsere neuartige Fürsorge gegeben. Hinweis auf Deutschland. Es wird uns immer traurig zu Mute, wenn wir Wiener Juden auf. Deutschland hinweisen. Das Judensetzten sich für Begnadigung ein. Das Judentum wollte keine Märtyrer für die Araber schaffen, das Judentum, dem jedes Leben so heilig ist, daß zur Zeit, als es noch selbständige Gerichshöfe besaß, das Gericht als ein „Blutgericht" bezeichnet wurde, das innerhalb von 70 Jahren auch nur ein Todesurteil fällte und vollstreckte . . . Die Juden haben den Tod dieser Araber nicht gefordert. Sie wären zufrieden, wenn man ihnen für alle Zukunft Schutz vor weiteren Mördern verbürgte und die Bestrafung der überführten Uebeltäter auf eine Weise besorgte, die nicht wieder Blut fließen läßt! Die englische Politik hatte es anders beschlossen. Demi diese Hinrichtungen sollten aller Welt zeigen, daß es sich in Palästina bei den Augustunruhen nicht um politische Dinge handelte, daß hier kein Aufstand gegen Englands „weise" Regierungsmethoden vor sich gegangen war, daß die Araber nicht aufgehetzt waren durch politische Führer, und daß die letzte Folge dieser Hetze schließlich Morde sein mußten, — nein — diese Hinrichtungen sollten zeigen, daß hier ganz gewöhnliche Mörder am Werke waren, Mörder und Räuber, wie sie gelegentlich einmal überall in der Welt vorzukommen pflegen, und daß diese Mörder bestraft werden mußten, rein nach Gesetz und Recht, ohne Rücksicht auf die gesamte politische Situation, die England eben als durchaus unpolitisch hinzustellen in den Kram paßte. So ließ sich die englische Regierung nicht beirren. Sie ließ keine Mörder hinrichten, die Führern gefolgt waren, welche geheiligte englische Regierungsprinzipien angegriffen, sie ließ gemeine Strauchdiebe nach strengem Kolonialgesetz aburteilen und dem Nachrichter übergeben ... Gewiß ist es zum erstenmal in der modernen Geschichte der Judenverfolgungen, daß überhaupt Pogromhelden ernstliche Strafe erlitten. Aber in einer Zeit, in der auch in Deutschland die Todesstrafe hart umstritten ist, wo sich die Gesamtbevölkerung darüber erregt, daß eine Landesregierung eine Todesstrafe vollstrecken ließ, in dem Augenblick, da das Reich an die Abschaffung der Todesstrafe denkt, in diesem Augenblick empfindet man die Vollstreckung der Todesstrafe als politische Maßnahme als nicht mehr in den Rahmen neuzeitlicher Denkungsart passend, einer Denkungsart, die für uns nicht neuzeitlich genannt werden darf, sondern die dem Fühlen der jüdischen Seele schon seit Jahrtausenden entspricht. („Israelitisches Familienblatt", Hamburg.) Oerlanstin Oafesnsw. „Die Wahrheir'l tum in Deutschland hat stets die Tendenz nach Zentralisierung, nach einer Einigung des Judentums bewahrt trotz aller religiösen und politischen Differenzierungen. Vor dem Kriege war es der Zentralverein der deutschen Juden, die Zentralorganisation der deutschen jüdischen Frauenvereirie, die diese Tendenz verkörperten. Nach dem Kriege war es der soziale Ausschuß des Rabbinerverbandes, der sein Augenmerk der sozialen Fürsorge zuwandte. In Berlin und in anderen Großstädten ist das neue Rabbinat für soziale Fürsorge geschaffen und in anderen Städten sind sämtliche deutsche Rabbiner zur Entfaltung einer sozialen Fürsorgearbeit angehalten worden. Bei uns in Wien. In Wien und in Oesterreich herrscht auf keinem Gebiete eine Einigung oder ein Streben darnach. Die politischen Gegensätze werden ebenso wenig überbrückt, wie die religiösen. Der Rabbinerverband ist auf Wien allein beschränkt und entfaltet überhaupt keine soziale Tätigkeit. Eine Einigung mit den Rabbinaten der österreichischen Bundesländer wird nicht einmal in Erwägung gezogen. Die Entstehung der jüdischen Gefährdetenfürsorge in Berlin. Der soziale Ausschuß des deutschen Rabbineryerbandes griff aber zur rettenden Tat Er richtete seinen Appell an die jüdischen Frauenorganisationen und fand dort sofort lebhaft Widerhall. So ist das Festland unter den Füßen erreicht worden. Es sind Beratungen gepflogen worden, deren Berichte vor uns liegen, die oft bis in die späte Nacht dauerten. Der Rabbiner Dr. Horowitz aus Frankfurt a. M. führte den Vorsitz.' Der Begriff „Gefährdete" wurde herauskristallisiert Frauen, die als Rednerinnen auftraten, verfochten mit Leidenschaft und mit Wärme ihren verzeihenden, menschenfreundlichen Standpunkt „Das Vorgehen der menschlichen Gesellschaft gegen Gefährdete ist immer ungerechtfertigt", meinte eine junge Hochschülerin in der Debatte. „Wenn wir nicht bald etwas unternehmen", meinte eine andere Rednerin, „laufen wir Gefahr, daß sich der Gegenstand unseres Mitleides unserem Zugriffe entzieht." Aus diesen Debatten entwickelten sich die edlen Wünsche und man schritt zur Tat So, entstand