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Die Wahrheit · 1930-07-04 · Heft 27 (4.7.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 27 (4.7.1930)
Date
1930-07-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Der sechste Deutsche Orientalistentag in Wien 1930. $AAi Von Prof. Dr. S. Herzog in Graz. * < * Die Schriftleitung der „Wahrheit" hat das Ersuchen an mich gerichtet, ihr über den sechsten Deutschen Orientalistentag, der in diesem Jahre vom 10. bis 14 Juni in Wien abgehalten worden ist, und an aem ich als Mitglied der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft teilgenommen habe, zu berichten. Wenn ich nun im folgenden in aller Kürze einen kleinen (Juerschnitt durch diesen Kongreß gebe, möchte ich zunächst bemerken, daß an demselben wohl die besten und hervorragendsten Köpfe der Semitistik teilgenommen haben. Es fehlte fast keiner der hervorragenden Männer, der auf diesem Gebiete Rang und Namen hat. Dem entsprechend waren, wenn auch nicht alle, so doch immerhin die meisten Vorträge von einem hohen wissenschaftlichen Geiste erfüllt und haben sie mannigfache Anregungen geboten. Selbstredend kann ich, obschon ich an allen Tagen, Vormittag und Nachmittag, an den Sitzungen teilgenommen habe, nur über die Vorträge berichten, die ich selber gehört habe. Da möchte ich nu» zunächst bemerken, daß gerade die Vorträge in den Sektionen für Semistik und Keilschriftforschung, namentlich aber die in der des alten Testaments, einen breiten Raum am Kongresse eingenommen haben. Ein Beweis dafür, welches hohe Interesse noch immer der alttestamentlichen Wissenschaft entgegengebracht wird. Ich will nun da gleich auf den ganz vortrefflichen, auch rhetorisch vorzüglichen Vortrag Professor Wilkes (Wien) hinweisen, der über die kultische Keuschheit im israelitisch-jüdischen Altertum gesprochen hat. In geistvoller Weise legte Wilke an der Trias Krieger-. Trauer- und Kultabstinenz dar, wie sehr auch bei den Israeliten und dann im späteren Judentum der Gedanke, daß Keuschheit dem Menschen eine besondere Kraft verleihe, sich durchgerungen hat. Der auch mit reichem ethnologischen und, was besonders wohltuend aufgefallen ist, auch mit reichem talmudischen Wissen aufgefüllte Vortrag bot wertvolle Aufschlüsse über die hohe sittliche Auffassung des Keuschheitsgedankens im israelitisch-jüdischen Altertum. Ein sehr interessantes Kapitel über einen Exodus vor dem biblischen Exodus behandelte in wissenschaftlich sehr ernster und geistvoller Weise Prof. Dr. S. Krauss (Wien), indem er an der Hand einer Stelle in der sogenannten Israelstelle, einer Stelle II. Chron. 7. 21 und talmudischen Stellen einen Exodus vor dem im Jahre 1335 v. d. g. Z. erfolgten, in der Bibel erwähnten Exodus nachzuweisen suchte. Der Vortrag, der namentlich talmudische Quellen für eine weitere wissenschaftliche Erforschung von in der Bibel nur angedeuteten Ereignissen fruchtbar zu machen suchte, wird gewiß, wenn er einmal gedruckt vorliegen wird, Gegenstand lebhafter wissenschaftlicher Diskussion werden, doch wird die Ansicht Wellhausens, der auch Krauss sich anschließt, daß nur die Rahelstämme unterjocht waren, ganz gewiß neuerdings Widerspruch erwecken. Einen überaus wertvollen Beitrag zur hebräischen Grammatik bot Kahle (Bonn) in seinem Vortrage: „Die Funde der Alt-Kairoer Geniza und ihre Bedeutung für die hebräische Grammatik." Auf Grund von Genizafragmenten bot uns Kahle neuerlich einen tiefen Einblick in die Arbeiten der Massoreten, auf welchem Gebiete ja Kahle eine unbestrittene Autorität ist, und zeigte uns, wie Vokalisation und Druckverhältnisse von den Massoreten tiefgründig erfaßt worden sind. Diese Studien Kahles werden stark unsere Kenntnisse über die Anfänge der hebräischen Grammatik beeinflussen und seine den Vortrag unterstützende tabellarische Uebersicht über die Entwicklung der Punktation im Hebräischen zeigt uns, wie viel wertvolles Gut aus den Arbeiten der Massoreten noch zu holen sein wird. In einem ruhigen, abgeklärten Vortrag hat Prokscb (Erlangen) über den Araberzug Sargon II. vom Jahre 715 v. d. g. Z. berichtet und auf Grund seines Materials darlegen können, daß Jesaia 10, 5 f. längstens vor 717 geschrieben worden sein mußte. Auch theologisch wurde das Kapitel sehr schön ausgedeutet. Sein Vortrag ergänzte, unter Beibringung reichen Materials, den biblischen Bericht. Aber auch da, glaube ich, wird sich Widerspruch rege machen. Ganz vorzüglich war der Vortrag Buddes (Marburg a. d. L.), des Altmeisters der alttestamentlichen Wissenschaft, über „Habakuk". Trotzdem Budde das 80. Lebensjahr bereits überschritten hat, vgl. über ihn und seine Arbeiten das letzte Heft der „Zeitschrift für Alttestamentliche Wissenschaft'*, hat er mit geradezu jugendlichem Elan und einer Geistesfrische gegen die von Duhm, Torrey und in jüngster Zeit auch von Sellin, in seinem Zwölfprophetenbuche dargelegte Ansicht, wonach der in „Habakuk" genannte Herrscher Alexander der Große sei, angekämpft. Zwei Imponderabilien führte Budde ins Kampffeld und zeigte, daß der dort genannte Herrscher unmöglich Alexander der Große sein könne. Auf den von Hempel in der Diskussion gemachten Einwand werde ich an einer anderen Stelle zu sprechen Gelegenheit haben. Einen zweiten von Budde gehaltenen Vortrag über „Jesaia undAhas", der ebenfalls sehr gut gewesen sein soll, konnte ich leider, weil er mit dem mich besonders interessierenden Vortrag von Brockelmann kollidierte, nicht anhören. Weniger Beifall hat ein Vortrag Ca spar is (Kiel) über: „Der personale und der thematische Aufbau alttestamentlicher Einzelbücher" gefunden, der in den Ueberschriften umgebaute Abteilungstitel sehen will. Wie so stark stach doch von diesem Vortrage der Vortrag Torczyners (Berlin) ab, der diese Ueberschriften in seinem temperamentvollen, wirklich geistvollen Vortrag: „Autorschaft und Echtheitsfragen im biblischen Schrifttum", behandelte. Ich gestehe offen, daß mich der Vortrag Torczyners durch seinen Scharfsinn und die geistvolle Art der Behandlung des Gegenstandes ganz besonders bewegt hat. Torczyner will in den poetischen Erzeugnissen der Bibel Teile sehen, die in eine Erzählungsliteratur eingebaut waren. So geben uns denn die vielen poetischen Stücken vorgelagerten Titel Hinweise auf Ereignisse, deren Kenntnis uns verloren gegangen ist. An der Hand des 90. und 91. Psalms bot er uns einen reizvollen Einblick in seine gewiß kühne Hypothese, welche die Wissenschaft noch vielfach beschäftigen wird. Reicher Beifall lohnte die trefflichen Darlegungen, für die Torczyner auch an dieser Stelle gedankt sein möge. Die in letzter Zeit stark vertretene Ansicht von der „poetischen Liturgie" wurde von Sellin (Berlin, früher in Wien) in seinem Vortrage : „Zum Problem über den Deuteroiesaia" neuerdings vertreten, doch gestehe ich offen, daß mich auch Sellin von der Richtigkeit dieser Hypothese nicht zu überzeugen vermocht hat. Die Vorträge von Bertholet (Berlin): „Zum Verständnis des alttestamentlichen Opfergedankens" und von Bertram (Gießen) über: „Das Problem des Todes in der volkstümlichen jüdisch-hellenistischen Frömmigkeit", boten fruchtbare Anregungen und zeigten, wie viel geistiges Gut sich da noch ausschöpfen läßt Sehr lehrreich war auch der Vortrag von Schmidt (Halle a. S.) über: „Das Dankgebet im Kultus des alten Israel". Aeußerst sympathisch berührte der so ruhig und ernst gehaltene Vortrag des katholischen Pfarrers J. Gabniel (Wien), der über die Lage des biblischen Sinai berichtete. Gegen die Tradition lokalisierte er den Sinai nicht in die Halbinsel der Sinaiwüste, weil er der Ansicht ist, daß die Aegypter es unmöglich geduldet hätten, daß die Israeliten 11 Monate in der ihrer Macbtdie jüdische Gefährdetenfürsorge in Berlin mit ihren zahlreichen Abzweigungen und Niederlassungen in allen Städten des Reiches. Inhalt der jüdischen Gefährdetenfürsorge. Hier ist noch alles im Werden und im Wandeln begriffen. Diese seltsame Fürsorge erfaßt alle gefährdeten Personen des Judentums, die den Weg zu ihr finden. Sie sucht auch die Gefahren, die arme Menschenkinder bedrohen, zu verkleinern und zu vermindern. Sie will auch in die Flammen, in die Trümmer Sodoms und Gomorrhas eindringen, um die letzten Reste des Menschentums vor ihrem Verglimmen zu retten. Jüdische Sträflingsfürsorge. Zu den wichtigsten Tätigkeiten dieser neuen Organisation gehört die Pflege der jüdischen Sträflingsfürsorge. Durch das wirtschaftliche Elend, durch die Not, durch die zweite Natur des Menschen, durch das Triebtier in ihm, das er aus vielen angeborenen und angeeigneten Ursachen nicht bekämpfen kann, durch tausend Gelüste hin- und hergerissen, hat sich der Keim zum Verbrechen ausgebildet. Das Strafgesetz mit seinen zahlreichen, engmaschigen Paragraphen, die verurteilende Kraft der Gelehrten, Richter, der Schöffen und Geschworenen, faßt den Rechtsbrecher, der sich gegen die menschliche Gesellschaft vergangen hat Das Strafrecht ist hart und in seinen einzelnen Paragraphen eng umgrenzt; es läßt aber dem Richter sehr viel Spielraum für freies Ermessen und für Anwendungen der Milde. Aber der Strafvollzug ist furchtbar, mitleidslos. Furchtbar in den Zellen der Zuchthäuser, mitleidlos in der sogenannten Freiheit nach der Entlassung, durch die menschliche Gesellschaft ausgeübt, unbewußt alles zermalmend, was noch Menschenwürdiges in diesem armen Schicksalswrack sich befindet Folge dessen ist im günstigen Falle, daß sich viele mit ihrem Entlassenenschicksale so abfinden, als ob das Verbrechen ihr ganzen Leben verfälscht hätte; Im ungünstigen Falle sehen wir ihn, den Entlassenen, fortschreiten, von Rückfall zu Rückfall, bis zur Stufe des Gewohnheitsverbrechers, für den das österreichische Strafrecht nur mehrjährige Kerkerstrafen kennt Die Sträflingsfürsorge hat als jüdische Abteilung in Gemeinschaft und in Unterordnung unter der allgemeinen kAAi p nerren-Natt-Schneiderei WILDEM BRAUNER Wien IL, Praterstraße Nr. 21 Gegründet 1900 Telephon R 41-6-64 empfiehlt sich zur Anfertigung eleganter Herren - Garderoben Orig. englische Stoffe stets lagernd Zahlnngs-Erleichterungen Erstklassige Ausführung Mässige Preise ► ► ► *■ /▼TTTTVVTfTTTTfTTTTTTTfTTTTTfffTTTfY sphäre gehörenden Halbinsel sich aufgehalten hätten, ohne daß die inden dortigen Bergwerken lagernden ägyptischen Besatzungstruppen die Israeliten angegriffen hätten. Doch hat bereits Prof. A11 in der anschließenden Diskussion richtig dagegen eingewendet, daß wir über die Machtsphäre der Aegypter in der damaligen Zeit durchaus nicht genau unterrichtet sind. Man könnte aber auch einwenden, und dies ist meine Meinung, daß Israel damals bereits mit dem ihm verbündeten Midjan eine so bedeutende Macht darstellte, daß die ägyptischen Besatzungstruppen kaum gewagt hätten, gegen diese beiden anzukämpfen. Die Darlegungen Gabriels waren wohl von ernstem wissenschaftlichen Wollen erfüllt, zeigten auch große Vertrautheit mit der einschlägigen Literatur, waren aber durchaus nicht überzeugend und widersprechen gar zu sehr den überlieferten und gut bezeugten Texten. Immerhin aber war es eine anregende Leistung, für die dem Vortragenden entschieden Dank gebührt. Auf einem ganz besonders hohen Niveau standen die Vorträge in der Sektion Semitistik und Keilschriftforschung. Namentlich die letztere wird uns Semitisten noch viele wertvolle Anregungen bieten und für die Entwicklung der semitischen Sprachen bedeutendes Material liefern. Hier möchte ich nun zunächst den Vortrag von Landsberger (Leipzig), des Schülers und Nachfolgers von Zimmern, ganz besonders hervorheben. Landsberger sprach in äußerst temperamentvoller Weise über: „Die älteste Stammgeschichte der Semiten: Akkadier und Amoriter." Aus diesem geistvollen Vortrag wäre besonders hervorzuheben die Auffassung, daß die Lautverschiebung durchaus keinen Anlaß bietet, Verwandtschaft zwischen Akkadischem und Hebräischem anzunehmen, und ist Verwandtschaft zwischen Akkadischem und Hebräischem nicht vorhanden. Wichtig war in diesem Vortrage auch die Darlegung über die diskursive und komplexive Stellung der Wörter, wie auch die Feststellung, daß nur ein Dialekt des Kananäischen mit dem Akkadischen zusammenhänge. Sehr wichtig auch die Feststellung, daß Aramäer erst im 12. Jahrhundert v. Chr. Akkader und Summerer durchdringen. Ob aber die Amariter Akkader waren, wird sich schwer sagen lassen. Aeußerst anregend waren auch die sprachlichen Darlegungen Levys (Gießen) über die altassyrischen Texte von Külpete. Ganz bedeutend, wie nicht anders zu erwarten gewesen, war der Vortrag von Brockelmann (Breslau), über: „Stand und Aufgaben der Erforschung des semitischen Verbalbaues mit besonderer Berücksichtigung der Temporafrage", in welchem Brockelmann abermals die Frage über den Imperfekt aufgerollt hat und in Anlehnung an Landsbergers Verballehre, mit dem er im wesentlichen über- Sträflingsfürsorge. wie sie in der Institution der Heimschwestern (leider nur für Wien) organisiert ist. Milderung und Tröstung in die Zellen hineinzutragen. Einen Grundsatz haben uns nur Frauen gelehrt: Nichts darf uns empören oder anekeln, was menschlich ist Es ist die Art der Mütter, seltener der Väter, dem gehorsamen Kinde das widerspenstige vorzuziehen, den verlorenen Sohn nicht ganz zu verstoßen, weil er der heilenden Kraft der Liebe so sehr bedarf. Deshalb hat die manche, auch hartgesottene Sünder nicht aushalten, wirken, daß sozial fühlenden Frauen der Eintritt in die Zellen der Häftlingen gestattet wird. Der Unterricht in den Strafhäusern soll in die richtigen Bahnen geleitet werden. Erlernen oder Weiterpflegen eines Gewerbes, das dem Menschen späterhin die Grundlage zum Existenzaufbau geben kann und der moralische Unterricht durch moderne Mittel, Radio, Lichtbilder, Musik, Aufführung von Theaterstücken, ein Versuch, der in Deutschland selbstredend mit Erfolg unternommen wurde. Nietzsche hat das herrliche Wort über Verbrecher geprägt, das allerdings sehr idealistisch klingt: „Kranker" sollt ihr sagen, aber nicht „Schuft"; „Thor" sollt ihr sagen, aber nicht „Sünder" (Zarathustra). Heilmethoden der sogenannten Grenzfälle zwischen „Stein" und „Steinhof" sollten durch freiwillige Aerzte und Aerztinnen, Seelsorger und Psychologen schon in der Haft an den einzelnen Entarteten in Anwendung gebracht werden. Sorge für die Entlassenen. Wer die Entlassenen, gleich nach ihrer Freiwerdung nicht gesehen hat, hat ein grenzenloses, zeitloses Elend nie gesehen. Die frisch eingelieferten erstmaligen Häftlinge erleben alle eine sogenannte Gefängnispsychose, die sich mehr oder minder heftig äußert Aber sie legt sich in der Regel und macht einer stillen Resignation Platz. Aber die „Freiheitspsychose" hat weder der Arzt noch der Dichter in ihrer ganzen entsetzlichen Tiefe erfaßt Bei Ausländern, die oft sehr arm sind, beginnt die Quarantäne der Abschiebungen, die manche, auch hartgesottene Sünder nicht aushalten. Der Tatort seines Verbrechens will ihn nicht weiter beherbergen und jagt ihn davon. Die Heimat ist nicht begierig, ihn wieder aufzunehmen. Dazu kommt noch das Stigma des Judentums. Wo denn noch sonst kann sich der Antisemitismus so schrankenlos austoben als hier, bei der Behandlung der Parias von Menschentum? Noch nie ist mir das Leben so als Tyrann vorgekommen als bei der Betrachtung dieser schaurigen Menschenbilder. Diese Schubzellen, an deren Wand düstere Drohungen gemalt sind, "sind wie ein Hauch vom Grabe, ein ewiges Menetekel. Der bodenständige Entlassene. Auch der Bodenständige stellt sich in der Entlassung dar, wie ein Häuflein Unglück. Erst bemächtigt sich seiner die Angst vor der Straße, das befremdende Gefühl vor den Seinigen. Kein einziger Entlassener wünschte je von den Seinigen abgeholt zu werden. Diese Stimmungen, diese Gefühle, diese endlose Traurigkeit hat Jakob Wassermann in seinem unsterblichen „Fall Maurizius" in einer bezaubernden unvergleichlichen Weise geschildert, die mich umso mehr in Staunen versetzte, da ich sie in der Wirklichkeit so vorfand, wie es die dichterische Phantasie ersonnen hat Dann kommt das Träumen von besseren Zeiten, verbunden mit einem schauervollen Erahnen der düsteren Wirklichkeit. Sie spielen mit sich selbst ein furchtbares Versteckspiel. Mit verschlossenen Augen und mit verschatteten Lippen tun sie vieles gegen ihr besseres Wissen, das sie zu verschleiern suchen. Aber dann zuckt der Kopf in unsäglicher Kraftlosigkeit, denn jede Hoffnung, jede Selbsttäuschung wird zu nichte. Diese Tragik hat mich meine Mitarbeiterin, eine Frau, verstehen gelehrt. Die Gefahren für die Familien. Hat die große Walzmaschine der Gerechtigkeit einen Sterblichen erfaßt, so ist gleich eine große Gefahrenzone für die Angehörigen entstanden. Bei nur halbwegs Bemittelten ist sofort der Schrei nach einem Anwalt zu vernehmen. Inzwischen kommt die Untersuchungshaft, wo schon die Fürsorge helfend eingreifen kann. Der Untersuchungshäftling ist vor seinem Urteil unschuldig, lautet das talmudische Recht und das allgemeine Rechtsbewußtsein. Ihn dort vor Angst und Psychosen schützen, ist schon Aufgabe der Richter. Aber die Angehörigen bilden frühzeitig den typischen Fall von Gefährdeten, da sie plötzlich ihres Ernährers und Oberhauptes beraubt sind. (Fortsetzung folgt.)

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