Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 27 (4.7.1930)
- Date
- 1930-07-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen » Erscheint jeden Freitag IUI mit den Veröffentlichungen der Union detitschösterr eichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien t* Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 4. Juli 1930 Nummer 27 Die Sachsenwahlen. Von Dr. Alfred Wiener, Berlin. I. Ueber das Ergebnis der Sachsenwahlen hat die Tagespresse berichtet: Die Nationalsozialisten haben ihre Stimmenzahl fast verdreifacht; ihre Mandatszahl ist von 5 auf 14 gestiegen. Deutschnationale haben 3, Deutsche Volkspartei gar 5 Sitze verloren. Die Wirtschaftspartei hat bei einem Verluste von knapp 30.000 Stimmen statt 11 10 Sitze im Landtag erhalten. Die Sozialdemokraten und Kommunisten haben ihren Besitzstand gut behauptet. Die Sozialdemokraten haben rund 50.000 Stimmen öetzt 32 Sitze gegen 33) eingebüßt, die Kommunisten 10.000 gewonnen (13 Sitze gegen 12). Die Mahraunsche Volksnationale Reichsvereinigung errang im ersten Anlauf fast 40.000 Stimmen und 2 Sitze. Der „Marxismus", das Kampfziel der bürgerlichen Parteien und der „unbedingt niederzuzwingende Todfeind" der Hitler-Partei, steht demnach unangetastet, wenn auch nicht verstärkt. Folge also: der Nationalsozialismus hat sich seine Wählermassen aus den Rechtsparteien geholt und hat bewiesen, daß er, in Sachsen wenigstens, gar nicht die Fähigkeiten hatte, die Arbeiterschaft entscheidend zu beeinflussen. Er hat die bürgerlichen Parteien zersetzt und Angehörige des Mittelstandes — welche bittere Wahrheit aus einem deutschnationalen Flugblatt! — „einem verkappten, mit dem Worte national verbrämten Marxismus" nahegebracht. Wer die Teilnehmer der großen Hitler-Versammlung im Dresdener Zirkus Sarasani (Eintrittspreise 0,30 bs 3 Mark) genau beobachtete, konnte unschwer die Besucherinnen der vielen Kaffeekränzchen in den Dresdener Konditoreien, die Kaufleute und Rentiers, die höheren Beamten, den Studenten mit seinen Familienangehörigen, vereinzelt auch den Angestellten erkennen. „Der Mann der schwieligen Faust" zierte nur die nationalsozialistischen Flugblätter. Er pflegt ja auch nicht im Privatautomobil, die in stattlicher Zahl unweit des Zirkus parkten, zu Versammlungen zu fahren. Für unsere Bestrebungen ist es von Wert zu wissen, daß die Nationalsozialisten in ihrer Agitation den programmäßigen Antisemitismus fast ganz einrosten ließen. Die „große staatspolitische Linie", der Kampf für wahren Sozialismus, gegen Marxismus und Republik, sollte ersichtlich nicht durch zu groben Antisemitismus verrückt, die neu zu werbenden Anhänger wohl auch nicht durch die antijüdischen Haßpredigten der Schule Streicher und Strasser kopfscheu gemacht werden. Deshalb also die Versammlungen frei von Judenhaß! „Angriff", „Nationalsozialist", „Stürmer", „Völkischer Beobachter", die ja kaum in des Wählers Hände kommen, sorgen schon dafür, daß der Artikel „Judenhaß" im nationalsozialistischen Lager reichlich und in guter Qualität vorhanden ist n. Wenn heute behauptet wird, daß die bürgerlichen Parteien, vor allem Deutschnationale und Deutsche Volkspartei, den Nationalsozialismus hätten gewähren lassen und ihm in wohlwollender Neutralität begegnet seien, so ist das unwahr. Die Deutschnationalen haben in Wort und Schrift, besonders in einem in Chemnitz gedruckten Flugblatt, den Hitler-Jüngern recht deutliche Wahrheiten gesagt, haben den Wählern aus nationalsozialistischen Wirtschaftsprogrammen und aus nationalsozialistischer Praxis den Widersinn und die Gefahr des nationalen Sozialismus ausführlich und überzeugend vorgeführt. Auch die Volkspartei hat es an nichts fehlen lassen. In Anschlägen und Anzeigen hat der Abgeordnete Dr. Rudolf Schneider mit den Nationalsozialisten kräftiges Deutsch geredet, und auch sonst hat die Volkspartei um ihretwillen sich scharf gegen die Hitler-Partei gewendet. Nur das eine und Entscheidende: die Presse ist nicht mitgegangen. Der „Kampf gegen ein rotes Sachsen" hat viele Schriftleiter anscheinend farbenblind gemacht. Wie hätten sie sonst das strahlende Rot der Hakenkreuzfahne übersehen können? Schon die einflußreichen „Leipziger Neuesten Nachrichten" begönnerten die Hitler-Jünger. Der „Dresdener Anzeiger", der der Volkspartei nahestehen soll, handelte brav nach dem alten Sprichwort vom Waschen, bei dem die Hände naß zu machen unratsam ist. Die Chemnitzer Presse („Allgemeine Zeitung", „Chemnitzer Neueste Nachrichten", „Chemnitzer Tageblatt") half nolens volens Hitler schon dadurch in den Sattel, daß über alle wichtigeren Hitler-Versammlungen ausführlich an den besten Stellen der Blätter und in blühender Sprache berichtet wurde. So hielten es auch viele Zeitungen in den Klein- und Mittelstädten und waren so die brauchbarsten und billigsten nationalsozialistischen Wahlhelfer. Das Münchener Leiborgan der Partei hatte dann nur nötig, ein halbes Dutzend Stimmen sogenannter bürgerlicher Zeitungen aus Sachsen nachzudrucken, um „Hitlers Siegeszug" zu beweisen. Wird alle die freiwilligen und unfreiwilligen Helfer des großen Trommlers das zertrümmerte Porzellan im sächsischen Wahlladen nicht endlich stutzig machen? III. Die Ursachen des nationalsozialistischen Aufstieges in Sachsen — und damit im wesentlichen in Deutschland überhaupt — klarlegen, bedeutete eine umfangreiche Arbeit, die im Augenblick hier nicht ausgeführt werden kann. Nur das eine: Die Nationalsozialisten sind glänzende Strategen, sind fleißige, fleißigste Politiker. Sie beginnen ihren Wahlkampf nicht vier Wochen vor dem Wahltag. Landauf und landab überzogen und überziehen sie Sachsen, nicht minder als das Reich sonst, täglich mit ihren Versammlungen. Der Staatsbürger von heute ist ein anderer als der von 1910. Die wirtschaftliche Not hat das aufkommende politische Interesse entscheidend belebt. Die politischen Parteien sollen Rede und Antwort über die brennenden Tagesfragen stehen. Die blinde Gläubigkeit den Parlamenten gegenüber ist zerronnen. Diese Tatsachen werten die Nationalsozialisten geschickt für sich aus. Sie allein geben im wesentlichen den Wählermassen die Antwort. Die meisten der anderen Parteien haben das Deutschland von 1910 kaum hinter sich gelassen. Sie sollten den Nationalsozialisten dies Alleinrecht auf den politischen Markt streitig machen. Sie sollten von nationalsozialistischer Versammlungs¬ und Plakattechnik manches lernen. Sie sollten bei aller grundsätzlichen Gegnerschaft die aufopfernde Redetätigkeit der nationalsozialistischen Abgeordneten anerkennen und — nachahmen. Sie sollten aber auch endlich dafür sorgen, daß die ihnen nahestehende Presse nicht fortgesetzt den Nationalsozialisten Zutreiberdienste leistet, die das frische Grab eines Stresemann so widerlich beschmutzen, deren Abgeordnete und Anhänger in wüsten Angriffen vor des Reichspräsidenten Hindenburg verehrter Greisengestalt nicht haltmachen. IV. Einen bemerkenswerten Ersterfolg in Sachsen hatte Mahrauns Volksnationale Reichsvereinigung. Was beachtlich ist: Viel Jugend schloß sich ihr an. Der gesunde Nationalismus, die Ablehnung jeder Radaupolitik, der Hinweis auf die Armut der Partei, besonders aber sympathische Redner und Rednerinnen eroberten ihr viele Herzen. Mit vorbildlicher Deutlichkeit erklärte August Abel in Dresden: Hinter diesem Radauantisemitismus. hinter diesem Appell an die niedrigsten Instinkte will man nur die eigene Unzulänglichkeit verdecken. Der Radauantisemitismus ist das Eingeständnis der eigenen Minderwertigkeit Selbstbewußte Völker, wie die Engländer, lehnen ihn ab, und der von den Rechtsradikalen viel bewunderte Mussolini erklärte erst vor kurzer Zeit: ..Wir amüsieren uns köstlich darüber, daß die Nationalsozialisten ihr Glück mit dem Antisemitismus versuchen. Der Antisemitismus ist ein Zeichen der Barbarei." Daß Volkspartei, Wirtschaftspartei, Demokraten, Sozialdemokraten ähnlich denken und, wo erforderlich, sprechen, ist hervorzuheben unnötig. Ebenso unnötig darauf hinzuweisen, daß die Zentrale des Centraivereins in Berlin und der Landesverband Freistaat Sachsen in Leipzig sowie seine Ortsgruppen alles mit Eifer und Hingabe getan haben, was im Rahmen unserer Aufgabe liegt. Die Ereignisse in Palästina. Es war vorauszusehen, daß in gewohnter Weise die jüdischnationale Zeitung „Die Stimme" in ihren „Glossen" versuchen wird, mich wegen meines über die Ereignisse in Palästina gehaltenen Referates anzugreifen. Ich muß ehrlich eingestehen, daß ich mir vorgestellt habe, daß man versuchen würde, meine Ausführungen zu widerlegen. Das wurde nicht getan, es wurden vielmehr Teile, d. h. Sätze aus -meinen Ausführungen unter Anführungszeichen zitiert und dazu benützt, mich wegen dieser Sätze zu beschimpfen. Ich muß feststellen, daß ich den Mut besessen habe, auch zu einer Zeit meine Ansichten bekanntzugeben, in der die traurigen Ereignisse der letzten Jahre in Palästina noch nicht eingetreten waren. Ich habe immer den Mut besessen, offen meine Ansichten bekanntzugeben. Ich habe aber niemals den „Mut" aufgebracht, mich in gewöhnlichen Schimpfereien gegen meine Gegner zu ergehen und als mutiger Mann solche Beschimpfungen nicht zu zeichnen. Ich werde es selbstverständlich auch diesmal wieder ablehnen, mit den für mich unfairen Waffen