Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 26 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 OIE WAHRHEIT DIE säumte Zahlungstermine, anderseits sei diese Gebuhr eine schwere Last für die armen Bürger. Durch Verminderung des Mautgefälles und anderer Steuern sei der Staat schwer geschädigt Man könne ruhig behaupten, daß das jährliche Einkommen des Staates durch die Ausweisung der Juden um 40.000 fl verringert worden sei. Auch würde eine große Menge der vorhandenen Nahrungsmittel nicht verrbaucht weil weniger Konsumenten da seien, was eine verminderte Steuerianigkeit der Produzenten zur Folge habe. Es sei unleugbar daß. als die Juden noch im Lande waren. Wolle, lucn, Schmalz und fast alle anderen im Lande erzeugten Waren größeren Wert hatten, der gemeine Mann daher leichter die Steuer zahlen konnte. Für die Austreibung der Juden seien besonders die Wiener Krämer und Handelsleute gewesen, die sich für die Stadt hiervon großen Nutzen versprochen hätten. Diese Prophezeiung sei nicht eingetroffen, die Preise seien nur gestiegen und das sei nur natürlich, da der Stadt Wien durch den Entgang der jüdischen Steuern und die übernommene Toleranzgeldzahlung eine jährliche Summe von 13.700 fl aufgebürdet worden sei, die sie auf ihre Bürger .überwälzen müsse. Diese aber erleiden durch den Ausfall der Hauszinse und des Lebensmittelkonsumes große Verluste; desgleichen leiden Apotheker. Glaser, Tischler und andere. Man könne diesen Entgang einem Kapital von 500.000 G u 1 d e n gleichsetzen. Auch der Handel als solcher sei durch dieVertreibungder Juden schwer geschädigt worden: besonders der Verkauf der alten Ware leide, da bei den Christen und zumal bei den Wienern, die Faulheit gar zu groß sei, um derartiges anzunehmen. Besonderen Eintrag erfahre das Geldgeschäft, da die Juden die einzigen brauchbaren Mittelspersonen zwischen den Geldgebern 'und Geldbedürftigen gewesen seien. Dieser letzte Uebelstand treffe auch die Hofkammer schwer, da es jetzt manchmal unmöglich sei, größere Geldsummen aufzutreiben. Während man früher 50.000 bis 100.000 Gulden innerhalb 24 Stunden auftreiben konnte, sei es jetzt sehr schwer, 10.000 bis 15.000 Gulden gegen große Versprechungen innerhalb einiger Wochen aufzubringen. Frauen, die sich zur Vermittlung erboten, hätten die Darlehensbewerber zehnmal mehr als die Juden überhalten und etliche schändlich hintergangen. Die Bürger, die Hofkammer und der Kaiser leiden also alle durch die Abwesenheit der Juden; daher nicht zu zweifeln sei, daß, wenn der Kaiser diese Information früher erhalten hätte, er in eine solche Generalabschaffung nicht so leicht eingewilligt hätte. Es werde dem Ansehen des Kaisers gewiß nicht schaden, wenn er seine frühere Resolution widerrufe, übrigens könne er sich zur Archivierung dieser Gesinnungsänderung auf die vorgebrachten Wünsche der niederösterreichischen Stände berufen, die um die Wiederaufnahme der Juden gebeten hätten. (12. Mai 1672.)" Leopold 1. bemerkte zu diesem Gutachten, daß es von „höchster Importance" sei and als auch die theologische Fakultät plötzlich nichts mehr gegen die Juden hatte, siedelten sich allmählich wieder Juden in Wien an. Dieser Akt spricht eigentlich Bände und ich glaube, daß ich mir weitere Worte ersparen kann. Eines mögen aber die Juden erkennen. Schon vor 250 Jahren war unsere Bedeutung in Wien so groß. Heute?st natürlich die Bedeutung bedeutend größer. Erkennen wir das endlich und betonen wir stolz die Leistungen der Wiener Juden?_E. Rubin. Wahrheiten vom Jage Hakenkreuz in Berlin verboten. Der Berliner Polizeipräsident weist in einer Verfügung darauf hin, daß den Angehörigen der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei das Tragen des Hakenkreuzes verboten ist Die Nationalsozialisten hatten nämlich das Uniformverbot dadurch umgangen, daß sie gleichmäßig weißes Hemd und dunkle Hosen und auf der Brust das Hakenkreuz trugen. Hierin erblickte der Polizeipräsident gleichfalls eine verschleierte Uniformierung und verbot deshalb kurzerhand das Tragen des Hakenkreuzes. Abzeichen, die trotz des Verbots getragen werden, sind von der Polizei einzuziehen. — In Kassel wurde der Rechtsanwalt Doktor Roland Kreiß 1 er, der mit dem Hakenkreuz auf der Robe im Gerichtssaal erschien, nachher auf dem Korridor des Gerichtsgebäudes von einem Kriminalbeamten festgenommen und dem Polizeipräsidium zugeführt weil das Tragen des Hakenkreuzes einen Verstoß gegen den Uniformverbot-Erlaß des preußischen Innenministers darstellt. Nach seiner Vernehmung und nach Auslieferung des Abzeichens an die Polizei wurde er entlassen. „Juda verrecke." . In einem Spandauer Restaurant, wo ein sogenannter „Sprechabend" der Nationalzozialisten stattfand, erschien ein Ueberiallkommando der Polizei unter Führung eines Leutnants und untersuchte sämtliche Teilnehmer auf Waffen. In dem Augenblick, als das Kommando den Saal verließ, stieß ein Versammlungsteilnehmer den Ruf: „Juda verrecke!" aus, der alsbald bei seinen Gesinnungsgenossen ein begeistertes Echo fand. Alle brüllten wie besessen immer wieder dieselben Worte. Der Polizeileutnant ging sofort zurück und verhaftete den Arbeiter Franz Kirsch, der am lautesten brüllte. Dieser versetzte dem Leutnant einen derartigen Stoß vor die Brust daß der Leutnant zu Boden stürzte und liegen blieb. Wie sich später herausstellte, hat sich der Leutnant die Kniescheibe ausgekegelt Er mußte von seinen Leuten weggebracht werden und hütet noch heute das Bett. Kirsch wurde verhaftet und vom Amtsgerichtsrat Rosenthal — da Kirsch wegen eines ähnlichen Deliktes bereits vorbestraft ist — zu drei Wochen Gefängnis verurteilt. Lederhandschuhfabrik Josef TjasCmger 1., Rotenturmstraße 23 II Telephon U 25-3-29 * Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 Antisemitische Sommerfrischen in Amerika. In gewissen amerikanischen Seebädern, die jährlich von Tausenden von Juden aufgesucht werden, wie z. B. auch in dem Mineralbad Mt. Clemens, macht sich ein judenfeindliches Bestreben bemerkbar. Der Wirtschaftsausschuß von Mt. Clemens empfahl die Entfernung aller Schilder, die in hebräischer Sprache die Aufschrift „Koscher" tragen, da — so wird in dem Schreiben behauptet — 98 Prozent der Bevölkerung und der Besucher Nichtjuden sind. Diese Angaben werden übrigens von jüdischer Seite bestritten. Der Wirtschaftsausschuß wendet sich in seinem Schreiben an seine Mitglieder auch dagegen, daß mehrere Hotels Schilder tragen mit den Aufschriften „Streng christlich" oder „Nur für Christen". In dem Schreiben wird erklärt, es müsse das Wohl des Ganzen in Betracht gezogen werden. Das Wort „Koscher" könne auch englisch gedruckt werden. Verbot der amerikanischen Staatsprüfungen am Sabbath. Albert D. Schänzer aus Broocklyn, Mitglied der Repräsentantenversammlung des Staates New York, hat Rabbi Louis D. Groß, Herausgeber eines jüdischen Wochenblattes in Brooklyn, mitgeteilt, er werde In der Sitzung der Repräsentantenversammlung einen Gesetzenwurf einbringen, wonach staatliche oder Munizipalprüfungen jeder Art an Sabbath- und jüdischen Feiertagen verboten sein sollen. Rabbi Groß hatte Schanzers Aufmerksamkeit auf die Tatsache geleiiKt, daß die Prüfung für ein Stipendium des Staates New York an der Cornell-Universität für einen Sabbath festgesetzt wurde und daß viele andere Prüfungen an jüdischen religiösen Feiertagen abgehalten werden, so daß traditiohstreue jüdische Studenten sich gezwungen sehen, den Prüfungen fern zu bleiben. Vandalenakt an der Klagemauer. Unbekannte Täter begingen zu nächtlicher Stunde Vandalenakte an der Klagemauer zu Jerusalem. An vierundzwanzig Stellen wurden jüdische Inschriften auf Monolithen und Steinen der Klagemauer verwischt und weggemeißelt. Die Polizei leitete ein& Untersuchung ein. Es steht nicht fest, ob es sich um einen gewöhnlichen Akt von Vandalismus seitens der Araber oder um den Versuch handelt, Generationen alte jüdische Symbole vor Ankunft der Klagemauerkommission zu entfernen. Die Meldung ausländischer Zeitungen, daß diese vandalischen Akte als Racheakte für die Hinrichtungen anzusehen sind, trifft nicht zu, da diese Akte noch vor den Hinrichtungen geschehen sind. Dreyfus und Schwartzkoppen. Im Verlag für Kulturpolitik, Berlin, erschienen soeben die nachgelassenen Aufzeichnungen über die Affäre Dreyfus des einstigen deutschen Militärattachees in Paris, Oberstleutnant v. Schwartzkoppen, der während des Krieges, Ende 1916, als General der Infanterie an den Folgen einer Erkrankung, die er sich im Felde zugezogen hat gestorben ist Seine Witwe hat den Obersten Schwertfeger beauftragt, die Aufzeichnungen, die Schwartzkoppen während seiner Pariser Jahre gemacht hat, sowie eine Reihe weiterer Dokumente zu veröffentlichen. Das Buch trägt den Titel: „Die Wahrheit über Dreyfus". In seinem Vorwort weist Oberst Bernhard Schvvertfeger auf die soeben erschienene Dreyfus - Monographie des Berliner Rechtsanwaltes Dr. Bruno Weil, welche den Titel „Der Prozeß des Hauptmann Dreyfus" trägt, sowie auf die Vorträge Dr. Weils über den Fall Dreyfus hin. Unter den Beweisstücken Weils spielten Teile eines Briefes des Obersten v. Schwartzkoppen an den deutschen Botschafter in Paris, dem Grafen Münster, vom 22. Dezember 1898 eine bedeutende und für die Beurteilung des ehemaligen Militärattachees v. Schwartzkoppen ungünstige Rolle. Schwertfeger erklärt dies daraus, daß die näheren Zusammenhänge und der vorhergehende Briefwechsel nicht mitgeteilt werden konnten. „Erinnerungen an die Affäre Dreyfus", fährt Schwertfeger fort „haben den General bis an die Schwelle des Todes begleitet. Als er nach seiner Rückkehr vom östlichen Kriegsschauplatz im Dezember 1916 schwer erkrankt im Elisabeth-Krankenhause in Berlin lag, richtete er sich, wie seine bei ihm weilende Gattin aus eigenem Erleben bekundet, an einem der letzten Dezembertage 1916, aus langer Bewußtlosigkeit erwachend, im Bette auf und rief mit lauter Stimme: „Franzosen! Hört auf mich, Alfred Dreyfus ist unschuldig! Er hat niemals etwas begangen! Alles waren nur Intrigen und Fälschungen! Dreyfus ist unschuldig!" Im Anschluß an diese Worte, die seine .Gattin nachher sofort zu Papier brachte, hielt er sodann noch eine längere französische Verteidigungsrede, etwa in der Art, als ob er sich vor Gericht äußern wollte. Schwartzkoppen war der Hauptzeuge des Dreyfus-Prozesses. Jetzt meldet er sich zum Wort." Die vom Völkerbunde geplante Einführung eines bürgerlichen Kalenders mit Blankotag wird Millionen Juden der ganzen Welt großen moralischen und materiellen Schaden zufügen. Die Durchbrechung der siebentägigen Woche ist eine Verletzung unserer tiefsten religiösen Gefühle unfl ein Hemmnis in der Beobachtung des Sabbats, der vor tausenden Jahren der Welt den wöchentlichen Ruhetag gab. um den die zivilisierte Menschheit bis in die Gegenwart kämpfen mußte. Die Judenschaft der ganzen Welt hat eine Aktion gegen die Einführung dieser Kalenderreform eingeleitet und bitten wir, den Bogen, den Ihnen ein Werber in den nächsten Tagen vorlegen wird, in Ihrem eigenen Interesse und dem der gesamten Judenschaft zu fertigen. Das interterritoriale Aktionskomitee in Zürich: Oberrabbiner Herz, London; Grand Rabbin Levy, Paris; Luden Wolf. London; Dr. Löwenstein, Zürich; Rabbiner S. Fürst, Wien. Das Wiener Aktionskomitee: Präsidium und Rabbinat der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, die Vorstände aller Tempel- und Bethausvereine. Von Wodke %u Wothe Max Liebermann wieder Akademiepräsident. Wie der „Amtliche Preußische Pressedienst" mitteilt, ist Professor Dr. Max Liebermann auch für die Zeit vom 1. Oktober 1930 bis Ende September 1931 zum Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste gewählt worden. Das Statut der Akademie, das vorschreibt, daß ein und dieselbe Persönlichkeit nicht zweimal zum Präsidenten gewählt werden könne, wurde für die Person Liebermanns u mgeändert. so daß er seit einer längeren Reihe von Jahren als Akademiepräsident fungieren kann.* Abgeordneter Dr. Ludwig Singer Präsident der jüdischen Gemeinde Prag. Zum Präsidenten der jüdischen Gemeinde wurde in. der letzten Sitzung der Repräsentanz mit den Stimmen aller Parteien mit Ausnahme der Tschechoiuden der jüdische Parlamentsabgeordnete Dr. Ludwig Singer gewählt. Zum Präsidentenstellvertreter wurde das tschechoslowakische Mitglied im Council der Jewish Agency Dr. Joseph Popper, der Vorsitzende der Großloge Bnei Brith für die Tschechoslowakei, zum zweiten Vizevorsitzenden Dr. Emil Kafka gewählt. Für die Tschechojuden, die den bisherigen Präsidenten Dr. August Stein kandidiert hatten, gab Dr. Maximilian Reiner die Erklärung ab, die Partei könne sich an den Wahlen nicht beteiligen, da die Leitung der jüdischen Gemeinde Prag mit Rücksicht auf den tschechischen Charakter der Stadt Prag und im Interesse des tschechoslowakischen Judentums einem bewußten Tschechen anvertraut werden müsse. Die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Lettland. Gemäß dem soeben veröffentlichten Resultat der letzten Volkszählung leben in Lettland 94.600 Juden. Das bedeutet eine Verminderung der jüdischen Bevölkerung um 1300 Seelen im Vergleich mit der Volkszählung von 1925. Dies ist durch die verstärkte Auswanderung der letzten Jahre zu erklären. Die Juden Lettlands bilden heute 4,97 Prozent (gegen 5,19 Prozent im Jahre 1925) der allgemeinen Bevölkerung Lettlands. Ein irdisches Paradies. Jahr für Jahr, wenn die heißen Tage kommen, zieht es mich mit unwiderstehlicher Kraft nach dem lieblichen Franzensbad. Hier finden meine in schwerer Geistesarbeit abgespannten Nerven Erstarkung. Und oft kommen mir da die ersten Sätze des Berichtes von der Welterschaffung in der Heiligen Schrift in Erinnerung: „Und Gott, der Herr, pflanzte einen Garten im Eden .... Und es ging vom Eden ein Strom und teilte sich in vier Teile." (f. Buch Mos. 2. 8—4.) Der talmudische Ausspruch „Gott schickt erst das Heilmittel, dann erst die Krankheit" wird den nach Franzensbad kommenden jüdischen Kranken geradezu zum Erlebnis. Im weiten Becken des wunderschönen Egerlandes liegt dieses herrliche Stückchen Erde, der Ort, über den die Natur Gottes in überreichem Maße ihr Füllhorn leerte. Die Luft ist rein und frisch. Durch waldreiche Gebirge geschützt, bietet Franzensbad inmitten ausgedehnter Parkanlagen das Bild einer herrlichen Gartenstadt. In den umliegenden Waldanlagen lustwandeln Tausende von Menschen. Daß die Juden hier stark vertreten sind, ist ein Beweis, daß sie von der Franzensbader Bevölkerung, im Gegensatze zu Sommerfrischen letzten Ranges, gastfreundlich aufgenommen werden. (Daß diese Bevölkerung dabei gar nicht so schlecht abschneidet, muß nicht erst gesagt werden\) Aber nicht nur von den wunderbaren Naturschönheiten, deren Genuß in unserem lieben Oesterreich oft Juden verwehrt wird, soll hier die Rede sein, sondern mehr von den Naturquellen, die Franzensbad in die erste Reihe der Weltkurorte stellen, mit dem einzigen Unterschiede, daß hier der Kranke — im Gegensatze zu anderen Weltkurorten — auch seine Ruhe findet. Das Heilbad Goethes und Beethovens, nach denen Stadtteile benannt sind, wurde im Laufe eines Jahrhunderts der beliebte Kurort tausender jüdischer Gelehrter und Rabbiner. Die Franzensbad angrenzende eine rEBfcBEMAIJreRIVELAE'r. Dame, deren Sohn und Tochter bestens erprobte Pädagogen sind, übernimmt schulpflichtige Kinder zur Schulnachhilfe und zur Ueberwachung, in volle Pension oder tagsüber, auch ohne Verpflegung. Für Musik- und Sprachunterricht sowie Badegelegenheit in eigener Strandhütte im Klosterneuburger Strandbad ist Vorsorge getroffen. Unter ..Rituell und beste Referenzen" an die Expedition._-