Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 26 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT -<em' 5 GROSSFLEISCHHAUEREI MGM. KORNMEHL WIMM IX* BIRGOASSI NR. 1» FILIALE i XVIII., WAHRINQER STRASSE n Telephon Nr. A 17-3-99und A 18-9-34 Ltafenurt für HallanstaitM AbteflungenfflrKoscherfleisch ■atep Aofsleht *m* mhrm. Rabbiutes d«r Imrm Kaltosgaaialada Wl**. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreises sagen?" Was mag Dr. G ö b b e i s sich gesagt haben, als ihn nach dieser Leistung die Aufforderung des Vorsitzenden traf, er möge sofort den Sitzungssaal verlassen. Der Judenfresser Dr. Göbbels dürfte nicht einmal den Trost mitnehmen, daß der Vorsitzende, Dr. Esser, ein Sozialdemokrat oder gar ein Jude sei; Dr. Esser gehört nämlich der Zentrumspartei an. * * ..* Wer kann das Neidgefühl hakenkreuzlerischer Parlamentarier in Deutschland ermessen, wenn sie aus den Berichten über Sitzungen im österreichischen Nationalrat oder im Gemeinderat der Stadt Wien erfahren,-, daß dort die Vorsitzenden zu Zwischenrufen wie: „Der Saujud hat da gar nichts zu sagen!" schweigt. Glaubt man vielleicht Während der Beratung des Haushalts des Reichsministers des Innern führte der volksparteiliche Führer Abgeordneter von Kardorff aus: Im Konflikt mit Thüringen billigen wir durchaus das Vorgehen des Ministers Dr. Wirth. Ich bitte, mir nicht mit dem Einwand zu kommen, daß meine Partei ja in der thüringischen Regierung sitze. Leider sind manchmal in den Ländern Zwangsehen nötig; sie sind eine Folge der Parlamentsspielerei in den Einzelstaaten. Ich bedaure, daß der frühere Reichsminister des Innern Severing nicht sofort eine klare Auseinandersetzung mit der thüringischen Regierung herbeigeführt hat. als Herr Fr ick Minister in Thüringen geworden war. Nationalsozialisten gehören ihrer ganzen politischen Einstellung nach nicht in führende Beamtenstellen. Die Schulgebete sind eine Profanierung der Gebetshandlung. Beschleunigung der Reichsform tut not, damit Schluß gemacht wird mit der Selbständigkeit der Einzelstaaten. Als der Redner sich gegen die Berufung Günthers als Professor der Rassenkunde an der Universität Jena wandte, rief ihm der Nationalsozialist Strasser zu: Sie sind wohl Jude? Als der Sozialdemokrat Dr. Rosenfeld einen Zwischenruf machte, rief Dr. Goebbels: „Was will hier der Jude?" Goebbels wird daraufhin vom Präsidenten aus dem Saale gewiesen. Abgeordneier Dr. Frick führte aus. es sei nicht wahr, daß die Nationalsozialisten mit Gewalt die Verfassung stützen wollen; das wäre eine Dummheit. Das heutige System erledigt sich von selbst Die von mir empfohlenen Schulgebete enthalten keinen Angriff gegen irgend eine Volksschicht. Ich habe in der Erläuterung gesagt, daß sie sich gegen die art- und volksfremden Elemente richten, und daß zu diesen Elementen in erster Linie die Juden gehören (Unruhe). Es handelt sich nicht um Haßgebete, sondern um Freiheitsgebete (Lärm links). Ich führe die Politik in dem neuen Geist von Weimar, wie ich ihn verstehe. Reichsminister des Innern Dr. Wirth führte unter anderem aus: Der thüringische Staatsminister B a u m hat vor einigen Tagen dem thüringischen Volksbildungsministerium über die Art seines Vorgehens in der Schulgebetsfrage eine sehr kräftige Lehre erteilt. Ein Volk, wie das deutsche, in dem so wenig Staatsgeist lebendig ist. das parteigemäß und klassengemäß zerrissen ist, das auseinandergeht wie ein Faß ohne Reifen, ein Volk, das in schwersten Stunden sich gegenseitig zerfleischt, und in dem Augenblick, wo größte Gefahren drohen, innerlich und nach außen das Bild der Zerrissenheit gibt — ein solches Volk hat allen Anlaß zu beten. Aber bei diesen Gebeten des Hasses frage ich doch, welchen Betrug und welchen Verrat der Lehrer den Kindern darstellen soll, wenn sie fragen, was mit den von Dr. Frick empfohlenen Schulgebeten gemeint sei: „Herr, mach ' uns frei von Verrat und Betrug." Ein gewissenhafter Lehrer wird dann auch auf die verschiedenen Hochverratsfälle eingehen. Vielleicht spricht er auch davon, daß der jetzige Minister Dr. Frick wegen Beihilfe zu Hochverrat zu einem Jahr und drei Monaten Festungshaft verurteilt worden ist. Dr. Frick hat in seinen Erläuterungen klar gesagt, daß der Vorwurf des Verrats sich gegen die Juden richten soll, er hat als art- und volksfremde Elemente auch die Juden bezeichnet. (Zuruf bei den Nationalsozialisten: „Bestreiten Sie das?"). Um der Ehre der deutschen Juden willen bestreite ich das! Ich weise diesen Vorwurf zurück. Niemand ist berechtigt, einen Yolksteil in Deutschland von vornherein ob seiner Art zu diffamieren. Das ist der Kern unseres staatlichen Lebens, daß Jeder Staatsbürger in seiner Ehre, Würde und Freiheit geschützt wird (Beifall). Die von Dr. Frick empfohlenen Schulgebete sind in den Gutachten hervorragender evangelischer Theologen abgelehnt worden, auch von dem jüngst verstorbenen großen Theologen v. Harnack. Die Art, in der die Nationalsozialisten die Disziplin in unserer kleinen Wehrmacht zu untergraben versuchen, indem sie dsn Reichspräsidenten beschimpfen, zum gewaltsamen Sturz der Verfassung auffordern, läßt es unmöglich erscheinen, einen leitenden Polizeiposten in die Hände eines Nationalsozialisten die Diszizu legen. Neue Erklärungen Wirths. In der Reichstagssitzung brachte Abgeordneter Soll mann (Sozialdemokrat) den Konflikt des Reiches mit Thüringen zur Sprache. Er bedauerte, daß der Reichsinnenminister Dr. Wirth durch das scheinim Deutschen Reich, daß bei uns die Empörung über derlei antisemitische Redeexzesse so übermächtig sei, daß man darum zu ihrer Zurückweisung kein Wort findet? * * * Ein Dialog: — Haben Sie gelesen, in der „Frankfurter Zeitung" wird dokumentarisch nachgewiesen, daß die Familien Bethlen, Teleki, Bänffy usw. durch Heiraten stark „veriudet" sind. Na, dann ist es für diese Herren nur ein Glück, daß an den ungarischen Universitäten nicht auch ein neues „Studentenrecht" eingeführt wurde, das mit Verachtung des Numerus clausus bloß auf dem — Arierparagraphen aufgebaut ist Ego. bare Entgegenkommen der thüringischen Herren sich verleiten ließ, die Sperre über die Polizei aufzuheben. Eine Regierung, in der Frick sitzt, ist für ein Gentleman agreement nicht geeignet F r i c k s Verfassungseid empfinden wir als eine Geschmacklosigkeit. Frick war schon einmal wegen Bruch des Beamteneides verurteilt. Es ist eine Sünde wider den Heiligen Geist der Reichsverfassung, einen solchen Mann als Polizeiminister zu dulden. Es ist eine unerhörte Zumutung an das Reich, diesem erklärten Putschisten, diesem gerichtsnotorischen Hochverräter Reichsgelder zur Bewaffnung von Nationalsozialisten in die Hand zu geben. (Sehr wahr! Links.) Wir müssen uns von dem politischen Strolchewismus von rechts und links freimachen. Jeden Sonntag fließt Blut auf unseren Straßen. Das darf die Staatsgewalt nicht länger dulden. Nach ihren eigenen Worten wollen die Nationalsozialisten der Republik die Luft abdrücken. Gegen eine solche Bewegung muß die Staatsgewalt und muß die Justiz hart und erbarmungslos vorgehen. Reichsinnenminister Dr. Wirth erwiderte unter anderm: Gerade evangelische Theologen lehnen die thüringischen Schulgebete entschieden ab und bezeichnen es als durchaus richtig, daß ich diese für unser Verfassungsleben bedeutsame Frage vor den Staatsgerichtshof gebracht habe. Was heute in Thüringen möglich ist. kann bei einer kommenden Wahl leicht ins Gegenteil umschlagen. Der leider verstorbene Professor v. Harnack hat mir gegenüber betont daß diese Gebetanempfehlung die sittlichen Werte unseres Volkslebens berührt die der Radikalismus zu verwüsten droht. In der amtlichen Empfehlung Fricks steht, daß diese Gebete sich gegen „art- und volksfremde Elemente" richten. Sie richten sich gegen die Weimarer Verfassung, gegen Geist und Sinn des deutschen Volkstums, gegen ganze Gruppen unserer Volksgenossen, (Goebbels: Das sind keine Volksgenossen!) Darauf gebe ich keine Antwort Katholische und evangelische Kreise lehnen diese Gebete auf das Entschiedenste ab. Der Artikel 148,2 der Verfassung schreibt vor. daß die Gesinnung Andersdenkender nicht verletzt werden darf. (Goebbels: Unsere Empfindungen sind vogelfrei, aber die Empfindungen der Juden müssen geschützt werden!) Ihre Empfindungen sind nicht vogelfrei, aber Sie haben die Freiheit dieser Republik mißbraucht Die Verseuchung der Jenaer Universität In der „Frankfurter Zeitung" befaßt sich Prof. Dr. W. Peters (Jena) mit dem Thüringer Universitätskonflikt und meint, der Versuch Fr icks, seinen Gesinnungsgenossen Rüge an die Universität Jena zu bringen, sei zumindest vorläufig fehlgeschlagen; für den „Rassenforscher" Günther aber hat man eine ordentliche Professur für soziale Anthropologie errichtet, wogegen der Rektor, Rektor und Senat der Große Senat, die Studentenschaft in Erklärungen und Protesten Stellung genommen haben. Die Fälle Rüge und Günther, fährt Prof. Peters fort, sind keineswegs isolierte Versuche einer politischen Beeinflussung der Universität. Man machte zum Beispiel auch den Versuch, dem antisemitischen Literarhistoriker Adolf Bartels einen besoldeten Lehrauftrag an der Universität zu verschaffen. Es sind weiters Fälle bekannt von der Nichtberufung eines Professors, der mit einer Jüdin verheiratet ist. von dem Versuch, einen jungen Wissenschaftler von der Habilitation auszuschließen, weil er jüdischer Abstammung ist Da die Mittel für Günthers neuen Lehrstuhl fehlen, soll, wie verlautet, der unentbehrliche Lehrstuhl der klassischen Archäologie eingezogen werden. Es kann nicht bezweifelt werden, schließt Prof. Peters, daß die Anhänger der Rechten unter der Professorenschaft und Dozentenschaft zahlenmäßig stark überwiegen; die Universität weiß aber, daß die Erhaltung ihrer Selbstverwaltung nur durch den strengsten Willen zur wissenschaftlichen Objektivität und politischen Neutralität möglich ist. Günthers Aufstellung vollzogen. Wie Reichstagsabgeordneter Dr. Blueth, Eisenach, auf einer Kundgebung des Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegen Fricks Ungeist über die wir nächstens ausführlich berichten werden, mitteilte, ist die Anstellung Dr. Günthers als Professor für Rassenkunde an der Universität Jena erfolgt Dr. Frick hat in Verhandlungen mit den Vertretern der in ihrer großen Mehrheit rechtsgerichteten Dozentenschaft eine Einigung hierüber erzielt. Wien ohne Süden* Es ist schon oft von Schriftstellern versucht worden, Wien als Stadt ohne Juden zu schildern, die Folgen ihrer Abwesenheit in den düstersten Farben zu malen; aber es dürfte weiten Kreisen wohl ganz unbekannt sein, daß es einen Bericht der k. k. Hofkammer, des heutigen Finanzministeriums, aus dem 17. Jahrhundert gibt der „Wien ohne Juden" viel natürlicher beschreibt als der beste Schriftsteller, da er dieser Behörde aus schwergeprüftem Herzen kommt. Es ist daher bestimmt von Vorteil, wenn derartige Aeußerungen einer hohen staatlichen Stelle, die wahrscheinlich heute nicht anders lauten würden, einer weiteren Oeffentlichkeit bekannt werden. Zum besseren Verständnisse des Schriftstückes nun einige nähere historische Angaben. Unter Kaiser Leopold I. (1658—1705) ging es den Juden anfangs nicht schlecht Das ist allerdings sehr relativ zu nehmen; es hätte schließlich noch ärger sein können. Er bestätigt ihre Privilegien, kommt ihnen entgegen und schützt sie vor allem gegen die Uebergriffe des Magistrates und der Bürger der Stadt Wien, die zumindest damals auf die Juden nicht gut •zu sprechen waren und ununterbrochen darauf drängten, daß diese ausgewiesen werden. Nach zehn Jahren haben die Bemühungen Erfolg und die Ausweisung der Juden wird vom Kaiser in Erwägung gezogen. Interessant sind die Gründe, die die sogenannte Inquisitionskommission für die Ausweisung der Juden anführt, besonders beim Vergleiche mit den später angeführten Gründen für die Wiederaufnahme. Der diesbezügliche Akt befindet sich im Archiv des Ministeriums des Innern. „1. Die Juden sind die größten Feinde des christlichen Volkes und Glaubens. 2. Die Juden fügen dem Lande, der hiesigen Stadt (Wien) als auch den anderen landesfürstlichen Städten, der Kaufmannschaft und den Bürgern vielfältigen Nachteil und Schaden zu. 3. Die Juden besitzen in Wien mehr als 70 (?) Geschäfte an den vornehmsten Plätzen der Stadt wodurch die bürgerlichen Geschäfte geschädigt sind. Sie treiben durch ihr Handeln viele bürgerliche Handelsleute in den Konkurs, erregen durch ihre Verkäufe Teuerungen und infizieren mit dem Verkauf von alten Kleidern die Stadt." Eine Anführung weiterer Gründe ist wohl nicht mehr nötig. Nachdem sich noch die Bürger Wiens bereit erklärt hatten, den Ausfall an Judensteuern in der Höhe von 10.000 fl zu ersetzen, was für Leopold I. bestimmt nicht ohne Bedeutung war, wird am 13. Juni 1669 die Ausweisung beschlossen. Ende Juli 1670 war Wien judenrein. Am 18. August wird die Synagoge zu Ehren Leopolds I. in die Leopoldskirche umgewandelt (in der heutigen Pfarrgasse); der ganze Bezirk bekommt den Namen ..Leopoldstadt". Vielleicht ist es nur ein Zufall, daß in diesem Stadtteil heute die meisten Juden wohnen. Die großen Versprechungen und Hoffnungen der Wiener gingen jetzt aber keineswegs in Erfüllung. Die Lage wurde schlechter und selbstverständlich wurden auch die versprochenen 10.000 fl nicht bezahlt Die Juden suchten indessen um Wiederaufnahme an. Der Kaiser befragt die Hofkammer, die ihm im Sommer 1673 einen langen Bericht übersendet, den ich nun im Auszug wiedergebe. „Die Juden würden gegenwärtig an vielen Orten geduldet was wohl darauf hinweise, daß sie den Staaten, in denen sie wohnen, von Nutzen seien: allerdings seien sie aus anderen Staaten wegen angeblich begangener Verbrechen ausgewiesen worden. Die Folgen solcher Vertreibungen seien meist eine Entvölkerung und materielle Schädigung der betreffenden Länder gewesen. Man .habe die Juden seit alten Zeiten beschuldigt Christenblut gebraucht und die Brunnen vergiftet zu haben, niemals aber hätte sich ein Beweis hierfür erbringen lassen. Es seien auch nicht die „großen Glückseligkeiten" gefolgt, welche einzelne Männer zur Förderung der Vertreibung prophezeit hätten. Wenn man wegen etlicher Verbrechen eine ganze Nation strafen und verjagen wollte, so würde in kurzer Zeit in vielen Ländern weder Christ noch Jud zu sehen sein. Seit vielen Jahren wäre nicht öffentlich bekannt geworden, daß die Juden sich einiger Rebellion, Verräter ei oder dergleichen teilhaft gemacht Für die Wiederaufnahme der Juden spreche vor allem das finanzielle Moment. Die Wiener Juden hätten jährlich 10.000 fl, in den letzten Jahren sogar 12.000 fl ins Proviantamt gezahlt; diese Steuer hätten zwar beim Abzug der Juden die Bürger zu entrichten übernommen, man höre aber einerseits fortwährende Klagen über ver- UlUilllllllllllllllUlllllliniWUlllllltHMillllllimilMIIHIHllllttmiUlllimMtHMiMMfiHMMMII Gegen Fricks Ungeist Zwei große Thüringendebatten im deutschen Reichstag.