Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 26 (27.6.1930)
- Date
- 1930-06-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064171--17956-3082936- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Ott" Vv AMKSIfcl f Die Union rumänischer Juden begrüßt König Carol II. Die Union rumänischer Juden beschloß auf einer unter dem Vorsitz ihres Präsidenten Doktor Wilhelm Fildermann abgehaltene« Plenarsitzung, das folgende Telegramm an König Carol II. zu senden: Das Zentralkomitee der Union rumänischer Juden sendet Eurer Majestät anläßlich der Thronbesteigung seinen Gruß. Es hofft, daß die Juden Rumäniens, die unter dem ruhmreichen Regime Ihres großen Vaters, König Ferdinand L, ihre Emanzipation erlangt haben, unter der Regierum; Eurer Majestät den Schutz des Gesetzes und der Behörden genießen werden. Wir versichern Eurer Majestät, daß die rumänischen Juden, wie in der Vergangenheit auch jetzt in Zukunft, treue und ergebene Bürger im Dienste für Thron und Vaterland sein werden. Wir wünschen Eurer Majestät eine lange, ruhmreiche und glückliche Regierung. Dr. Fildermann, der Präsident der Union rumänischer Juden, erschien im königlichen Palast, um König Carol IL seine Aufwartung zu machen. Die Union jüdischer Gemeinden Altrumäniens hat ihrerseits ein von ihrem Präsidenten, Eli Bercovici, unterzeichnetes Telegramm mit Glückwünschen aus Anlaß der Thronbesteigung gesandt Ein ähnliches Telegramm sandte der Landesrabbiner Senator Dr. N i e m irower als Vertreter der jüdischen Konfession im Senat an König Carol II. Die jüdische Bevölkerung Rumäniens atmete erleichtert auf, als M a n i u wieder eine Regierung gebildet hat: man sah nämlich den Versuchen des als Antisemit geltenden Generals Presan, eine Regierung zu bilden, mit Besorgnis entgegen. General Presan hat im Kriege als Chef des Generalstabes während des Rückzuges die jüdische Bevölkerung Rumäniens stark verfolgt Landesrabbiner Senator Dr. Niemircwer teilte demgegenüber dem ITA-Vertreter mit, daß General Presan, der, wie er Mitglied des Senates ist, ihm gegenüber wiederholt seinen herzlichen Gefühlen für die Juden Ausdruck gegeben und versichert hat daß die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen einer schlechten Behandlung der jüdischen Bevölkerung in der Kriegszeit den Tatsachen nicht entsprechen. Der ungarische Ministerpräsident Graf Bethlen empfing im Hause der Londoner ungarischen Gesandtschaft den Generalsekretär des Joint Foreign Committee der englischen Juden, Herrn Lucien Wolf, und unterhielt sich mit ihm in sehr herzlicher Weise über verschiedene Fragen. Im Namen des Joint Forreign Committee gab Lucien Wolf der Zufriedenheit über die geänderte Haltung der maßgebenden Organe Ungarns gegenüber den Juden Ausdruck und beglückwünschte den Grafen Bethlen dazu, daß er die Initiative zu dieser geänderten Haltung durch Verbesserung des Numerus clausus-Gesetzes ergriffen habe. Graf Beth- 1 e n erwiderte, die Verbesserung dieses Gesetzes sei eine Notwendigkeit gewesen, und er sei froh, daß er sie durchgeführt habe. Glücklicherweise sei die ungesunde Nachkriegsmentalität in Ungarn im Schwinden, so daß die allgemeine Lage wie das Verhalten gegenüber den Juden wieder normal zu werden beginnen. * Graf Stefan Bethlen hat während seines Londoner Aufenthaltes auch einen Vertreter der jüdischen Telegraphen-Agentur empfangen und sich ihm gegenüber über die Position der Juden im heutigen Ungarn geäußert Das Gesetz vom Numerus clausus, wie es heute in Geltung ist — sagte Graf Bethlen — ist in keiner Weise gegen die Juden als Sondergruppe gerichtet sondern es stellt eine für alle geltende Maßnahrae dar, die in der allgemeinen wirtschaftliche Lage begründet ist und abgeschafft werden wird, wenn sich die wirtschaftliche Lage gebessert hat In Ungarn bestünden keine gesetzlichen oler sonstigen Beschränkungen gegen die Juden. Auf die Frage, warum Juden, die im Kriege wegen Tapferkeit die höchsten Auszeichnungen erhielten, nicht in der. ungarischen Heldenorden aufgenommen worden sind, erwiderte Graf Bethlen, die den Heldenorden verwaltende Behörde sei keine Regierungsbehörde, sondern eine autonome Körperschaft, die unabhängig ihre Entscheidungen trifft und vor der Gewährung der Mitgliedschaft des Heldenordens die Qualitäten des Bewerbers in bezug auf seine Leistungen im Kriege, sein Verhalten in der Zeit der bolschewistischen Herrschaft und seit der Ueberwindung des Bolschewismus prüft In der Form einer Anfrage im ungarischen Parlament wurde ich ersucht, bei den Führern dieser Institution dahin zu intervenieren, daß bei der Aufnahme in den Heldenorden religiöse Unterschiede nicht gemacht werden sollen: diesem Ersuchen Ersuchen kam ich nach. Auf die Frage, warum kein jüdischer Studierender bisher in ungarische Studienänstalten im Ausland aufgenommen worden ist, erwiderte Graf Bethlen, die Aufnahme in solche Anstalten, beziehungsweise die Gewährung der Auslandsstipendien geschähe nicht durch die Regierung, sondern durch ein aus Professoren und Gelehrten sich zusammensetzendes Komitee. Dieses Komitee entscheidet über die Verleihung von Stipendien auf der Basis der erworbenen Verdienste ohne Unterschied der Religion. Jüdischnationale Sorgen. Kürzlich fand in Wien der ordentliche Delegiertentag der österreichischen Zionisten statt. Dieser Parteitag war durch ein Moment besonders charakterisiert: seine Debatten galten weniger der kritischen Situation des Weltzionismus als der kritischen Lage des österreichischen Zionismus. Wohl beschäftigten sich einzelne oppositionelle Redner mit allgemeinen politischen Fragen und wandten sich ungemein scharf gegen Weizmann, der, wie ein Revisionist meinte, „die Schuld an den Mißerfolgen trägt". Ein eigenes Referat über die Lage des Weltzionismus wurde aber trotz der Aktualität dieses jetzt besonders schweren Problems und sehr zum Mißvergnügen der Opposition nicht erstattet. Man hatte ein solches Referat wohl, wie der Präsident des Landeskomitees, Dr. Jakob Ehrlich, mitteilte, einem Mitgliede der Exekutive vorbehalten, da diese aber keinen Vertreter entsandte — ein Beweis für die große „Bedeutung" unserer Zionisten —, war es von der Tagesordnung abgesetzt worden. Damit war für den österreichischen jüdischnationalen Parteitag diese Kardinalfrage so ziemlich erledigt Dafür befaßte man sich um so kräftiger mit den eigenen Sorgen, die nicht geringe sind. Doktor Ehrlich fand für diesen Kräfteausgleich sogar eine Begründung: „Wir müssen vor aillera bemüht sein, in unserem Wiener Haushalt Ordnung zu schaffen, und können KONKURS Der Tempelverein „Beth Hatfilah", Wien IX., Müllnergasse, und der „Bikkur Chaulim"-Verein des 9. Bezirkes benötigen für die hohen Feiertage, für die Filiale 9. Bezirk einen erstklassigen Oberkanfor Reflektanten, die über eine klangvolle Tenor¬ oder Baritonstimme verfügen und Referenzen über ihre religiös einwandfreie Lebensweise nachweisen können, mögen ihre Zuschriftee an Herrn Salomon Oesterreicher, Wien IX., Liechtensteinstraße .113, senden. Der Vorstand. uns nicht aussch4Ti'Ößlicn mit weltpolitischen Fragen befassen." Dieser Wiener zionistische Haushalt ist augeblich jetzt in größerer Ordnung, vor allem sind die Finanzen, das ständige Schmerzenskind unserer Jüdischnationalen, gebessert. Auch ganze sieben große Versammlungen fanden im Laufe eines Jahres statt, die dabei immer nur aus besonderen Anlässen, wie auswärtigen Besuchen, Gedenktagen und „Protesten" zustande kamen. Was sind aber diese „erfreulichen" Zustände gegenüber dem Um und Auf unserer Jüdischnationalen, der Landespolitik? Nachdem man von diesem Unding längere Zeit nichts gehört hatte, wird es jetzt, da die Wahlen näher kommen, wieder ausgegraben, zumal bekanntlich der Strickersche Verband der demokratischen Zionisten nun wieder der zionistischen Landesorganisation angehört. Stricker forderte auch prompt auf dem Delegiertentag „nationale aktive Politik". Er bekam wohl von Dr. Ehrlich die entsprechende Antwort, der ihn um eine authentische Interpretation des Begriffes „aktive" Politik ersuchte. Aber wir wissen ja alle zur Genüge, was Stricker darunter versteht: Mandatspolitik. Er ist unbelehrbar und hört nicht einmal auf die warnenden Stimmen im eigenen Lager. Gerade in der letzten Nummer der „Stimm e" ist ein Aufsatz zu dem von diesem zionistischen Blatte zur Diskussion gestellten leidigen Problem der „Landespolitik" von S. Picker erschienen. Es heißt da u. a.: „Das, was man landläufig zionistische Landespolitik nennt, ist im neuen Oesterreich ebenso unsinnig und unvorstellbar, wie in Deutschland, Frankreich und England. Geben wir von praktischen Erwägungen aus, so ist jeder solche Versuch bei uns ein mäßiges Beginnen, gegen welches der gesunde Instinkt der jüdischen Wählerschaft sich bereits zur Wehr setzt, bei all der Disziplin, die Tausende (?) der Parteileitung bewahrten und noch bewahren würden . . . Tatsächlich haben wir. hierzulande das Gros der Juden durch die sogenannte Landespolitik von uns abgestoßen. Wir haben uns selber, wie es in keinem Lande der Fall ist, zu einer Partei gestempelt Als Partei will nun der Zionismus auch von der Masse nicht hingenommen werden." Der gute Mann hat recht, ob er aber auch Recht behalten wird, ist die große Frage. Schon sind Bestrebungen im Gange, die „Landespolitik", NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 20a TEL R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN 1 REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UND JUDAIKA Id englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BANDGEBÜHR 1 TÄGLICHER UMTAUSCH! wie es in. anderen Ländern der Fall ist, von der zionistischen Landesörganisation loszulösen und einer eigenen Organisation anzuvertrauen. Diese Augenauswischerei, mit der wir uns noch näher befassen werden, soll auf einem außerordentlichen Delegiertentag beraten werden. Vom diesmaligen ordentlichen Delegiertentag aber bleibt nur noch zu melden: Nach eineinhalbtägigen schwierigen, aber von allseitigem „Friedenswunsch" beseelten Beratungen wurde der Parteitag unbeendigt vertagt. Wahrscheinlich werden die Beratungen Ende dieses Monats wieder aufgenommen werden, ohne daß es vorläufig zu der Wahl einer Leitung kommt, da die Allgemeinen Zionisten sich bemüht zeigen, eine Möglichkeit zur Erfüllung der Forderungen der Radikalen und Revisionisten zu finden und diesen Gruppen eine Teilnahme an der Leitung einzuräumen. Bevor die Verhandlungen vertagt wurden, nahm der Parteitag noch eine scharfe Protestresolution gegen die Sperrung der Einwanderung nach Palästina, sowie gegen die mandatswidrige Politik der englischen Regierung an. Der Parteitag hat also doch nicht umbin können, sich wenigstens in einer „Protestresolution" mit „weltpolitischen Fragen" zu befassen. Der allgemeine jüdische. Wiener Haushalt, das kann ruhig gesagt werden, wird zerstört, wenn sich die Herren weiter in demagogischer Weise mit der „Landespolitik" befassen. Glossen. Freudestrahlend teilte die „Dötz" mit, daß die überwiegend vom hakenkreuzlerischen Geiste beseelte Studentenschaft einen Fackelzug zu Ehren des Herrn Rektors Gleispach vorbereite. Man wird Sr. Magnifizenz sicherlich von ganzem Herzen diese Ehrung gönnen, man darf jedoch dabei nicht den Wunsch unterdrücken, daß auch das von dem Geiste des Herrn Rektors beseelte große Werk demnächst vor dem Forum des Verfassungsgerichtshofes in die helle Beleuchtung gerückt wird, die jeden beunruhigenden Zweifel über die gesetzliche Zulässigkeit des neuen „Studentenrechtes" beseitigen wird. * * * Johann Schneider, der sich fälschlich als den Mörder des alten Halsmann bekannte, muß die Irreführung der Behörden mit vier Monaten Kerker büßen. Philipp Halsmann, an dessen Schuldlosigkeit viele glauben und der noch immer nicht bekennen will, den Mord verübt zu haben, ist zu vier Jahren Kerker verurteilt worden. Diese Differenz zwischen vier Monaten und vier Jahren dürfte den zehn Geschworenen, die das Gnadengesuch für Philipp Halsmann unterschrieben, viel zu denken geben. * * * Ein Nationalsozialist leistete sich neulich buchstäblich folgende programmatische Erklärung: „Wir Nationalsozialisten süid keine Antisemiten. Wir sympathisieren mit manchen semitischen Völkern, z. B. den Arabern, die jetzt eben dabei sind, die bei ihnen eingedrungenen Hebräer zu verjagen." Diese Sympathiebekundung für ein räuberisches Mordgesindel ist ein merkwürdiges Dokument der Vorurteilslosigkeit. Die Juden, die so oft Zeugen des Schauspieles sind, wie die Antisemiten der verschiedenen Couleurs einander mit Kot bewerfen, haben sich nie zu der Höhe der Auffassung emporgeschwungen, einen Unterschied in der Bewertung der Antisemiten zu machen. * * * Der hakenkreuzlerische Abgeordnete Doktor Göbbels rief im preußischen Landtage einem jüdischen Mitgliede des Hauses, das sich bei der Rede des Ministers F r i c k einen Zwischenruf gestattete, höhnisch zu: „Was hat der Jude da zu