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Die Wahrheit · 1930-06-27 · Heft 26 (27.6.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 26 (27.6.1930)
Date
1930-06-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHR HEU Die Ereignisse in Palästina., Von Dr. Ernst F e 1 d s b e r g. Da sich seit dem ausgezeichneten Referate, das Herr Dr. Ernst Feldsberg am 5. Juni 1930 auf dem Palästinaüiskussionsabend der „Union" erstattet hat und das wir in den beiden letzten Nummern der „W a h r h e i t" vollinhaltlich wiedergegeben haben. Ereignisse vollzogen haben, die für die Zukunft des jüdischen Palästinas von besonderer Bedeutung sind, haben wir Herrn Dr. Feldsberg ersucht, auch über diese Geschehnisse sich zu äußern. Herr Dr. Feldsberg ist in liebenswürdigster Weise unserem Ersuchen nachgekommen; sein folgender Artikel mag also als Ergänzung seines Referates betrachtet werden, dessen Publizieruug in der ..Wahrheit" mit größtem Interesse aufgenommen worden ist. Am 3. Juni 1930 begann dieaußerordentliche Tagung der ständigen Mandatskommission des Völkerbundes, die ausschließlich den Angelegenheiten Palästinas im Zusammenhange mit den Unruhen im August 1929 gewidmet war. Die Mandatskommission befaßte sich eingehend mit dem Berichte der Shaw-Kommission, mit dem Memorandum der Jewish Agency und mit den Erklärungen des Großmufti von Jerusalem in seiner Eigenschaft als Präsident des obersten moslemitischen Rates in Palästina. Es würde zu weit führen, wenn man hier den in der „Wahrheit" teilweise wiedergegebenen Inhalt der einzelnen Berichte kritisch beleuchten würde, allein das Ergebnis der Beratung der Mandatskommission möge hier einer kurzen Betrachtung unterzogen werden. Es wurde festgestellt, daß es im wahren Interesse des jüdischen Nationalheims gelegen sei, wenn der nichtjüdische Teil der Bevölkerung das Gefühl hat, daß die Mandatarmacht auch um sein Wohl besorgt sei. Der Enderfolg wird keineswegs von der Haltung der Regierung abhängen, sondern von dem Willen der beiden Bevölkerungselemente zur Zusammenarbeit. „Die Juden der Welt müssen wissen, daß die Mandatarraacht die Errichtung eines jüdischen Heimes in Palästina, nicht aber eines jüdischen Staates, übernommen habe", sagte der Vertreter der englischen Mandatarmacht, der britische Unterstaatssekretär für die Kolonien, Dr. Drummond S h i e I s, ausdrücklich. Dieses Ergebnis der Verhandlungen muß wohl jeden vor die Frage stellen, was geschehen solle, Feuilleton Walter Rathenau Am 24. Juni 1930 jährte sich zum achten Mal der Tag, an dem Walter Rathenau als Märtyrer dem Meuchelmord zum Opfer gefallen ist. Er ist mitten in seiner Tätigkeit für sein Vaterland der Menschheit geraubt worden. Sein Judentum hat Rathenau immer mit Würde, Stolz und Ueberzeugung verteidigt. Dafür zeugen seine Polemiken gegen den großen Gelehrten Josef Koh 1 er und den Baron von Drygalski. Beide forderten Rathenau und seine gleichwertigen Glaubensgenossen auf, sich als Preis für eine volle Gleichberechtigung taufen zu lassen. Rathenau hat stolz das Recht der Juden aui ihre Glaubensfreiheit vertreten. Graf Keßler erzählt über Rathenau, daß er stets sein Judentum in den höchsten Kreisen, sowie am Hofe wie ein Adelszeichen getragen hat. Die Biographien wissen es nicht, aber Rathenau erzählte mir, daß er mütterlicherseits von dem großen jüdischen Gelehrten Rambam abstammt. Erzogen auf den besten klassischen Schulen Berlins, für Musik und Malerei veranlagt (sein Vetter ist der große jüdische Maler Max Liebermann), entschließt er sich für das Studium der exakten Wissenschaften Physik, Chemie und Mathematik. In seinen Studentenjahren muß er sich selbst einer strengen Selbsterziehung unrerwerfen.Mit den 250 Fr., die er monatlich für seinen Lebensunterhalt erhält, muß er während seiner Studien in Straßburg und München haushalten. An seine Mutter schreibt er: „Am Ende des Monats bleiben mir 14 bis 20 Mark, je nachdem der Monat 30 oder 31 Tage hat. Mit diesem Gelde bestreite ich meine Bücher und Theaterbedürfnisse." Nach Beendigung: seines Studiums geht er. auf Anraten seines Vaters, in eine Fabrik, welche sich mit der Verarbeitung von neuen Metallen beschäftigt. Hier wenn die beiden Bevölkerungsschichten nicht miteinander arbeiten wollen, und was man unter einem jüdischen Hehn im Gegensatze zu einem jüdischen Staate verstehe. Man darf, wie bereits in ausführlicher Weise aufzuzeigen versucht wurde, nicht glauben, daß religiöse Gegensätze durch Vernunftsgründe überbrückt werden können. Die heiligen Stätten in Palästina werden immer ein Streitpunkt zwischen Juden, Christen und Mohammedanern bleiben, wenn man von all den übrigen Sekten absieht, die auch noch auf diese Stätten Anspruch erheben. Es wird immer den in aller Welt lebenden unverantwortlichen politischen Hetzern gelingen, angebahnte Versöhnungsversuche zu stören, respektive den gesäten Haß zur vollen Blüte reifen zu lassen. England selbst hat sich in vorsichtiger Weise aus der Affäre gezogen, indem es die Versöhnungspolitik dem Willen der Araber und Juden überläßt Allerdings kennt England den Kernpunkt der Gegensätze sehr genau. Denn mit der offiziellen Erklärung, daß die Errichtung eines jüdischen Heimes nicht identisch sei mit der Errichtung eines jüdischen States, hat England den Weg gewiesen, der vielleicht zur Versöhnung führen kann. Die Erklärung ist eine schroffe Absage an die nationalistischjüdische Idee. Wenn die Bildung eines jüdischen Staates in Palästina von England nicht geduldet wird, dann werden die Juden in Palästina ungefähr die gleiche Stellung einnehmen, wie die Juden in der zivilisierten Welt. Sie werden alle Rechte der Freiheit und Gleichheit genießen, aber nicht im eigenen Staate leben. Das einzige Ideal, das sie vor allen anderen Juden der Welt scheinbar erreicht haben, ist die Tatsache, daß sie in Freiheit im Lande der Väter leben. Dieses Ideal kann aber nicht die Erfüllung der nationalistischen Wünsche darstellen, da diese in ihrem Endziele im nationalen Heim wurzeln, nicht aber in dem Bewußtsein, im Lande der Väter auf heiligem Boden zu leben. Es muß aber von allen Zionisten und Nichtzionisten zugegeben werden, daß das Streben nach Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina mit den religiösen Ideen vom Lande der Väter nichts zu tun hat. Das Ergebnis der Beratungen der Mandatskommission macht den Eindruck, als ob England durch die neuerliche Interpretation der Balfourmußte er eine harte Schule durchmachen, eine Schule der Arbeit und der Disziplin. Es gelingt ihm, ein neues Verfahren zur Herstellung des Aluminiums zu entdecken, welches das Verarbeiten dieses Metalls erst möglich machte. Sein Vater hat ihn aber erst im Alter von 28 Jahren für geeignet befunden, ihm vertrauensvolle und verantwortliche Missionen zu übertragen, welche ihm die Möglichkeiten gaben, seine Fähigkeiten auf dem Gebiete der Organisation und der Technik anzuwenden. Im Alter von 40 Jahren hat Rathenau die Leitung von 84 Unternehmungen der Industrie, des Handels und der Banken in der Hand. Erfolgreich auf allen Gebieten der Arbeit, mußte er die Wahrnehmung machen, daß Verdienste in Deutschland bei dem Glaubensbekenntnis eine Grenze haben. Zum ersten Mal mußte er seine Zurücksetzung als Jude spüren, als er während seiner Militärdienstzeit trotz aller vorhandenen Voraussetzungen nicht die verdiente Beförderung erhielt, einzig und allein deshalb, weil er ein Jude war. Die Not der Juden kam ihm zu Gesicht, als er im Jahre 1892—93 die Massen von Juden, vertrieben aus Moskau, Berlin passieren sah, wo sie von seinem Vater und seiner Mutter brüderlich am Königsplatz aufgenommen und verpflegt wurden. Als ich ihn, aus Palästina kommend, persönlich kennenlernte, stand er auf der Höhe seines geistigen und wirtschaftlichen Schaffens. Das war im November 1903. Seine erste Frage war: „Wie geht es den Rothschildschen Kolonien in Palästina?" Obwohl sehr beschäftigt, entschloß er sich, im Alter von 38 Jahren, bei mir das Hebräische zu erlernen. Er erzählte mir, daß er, die Organisationsfähigkeiten Herzls bewundernd, an diesen einen Brief geschrieben habe. Aber die Umgebung Herzls hat Um nicht verstanden; sie sandte ihm die „Welt", Herzls Wochenschrift. Er setzte aber sein Interesse für die Kolonisationsprobleme fort, indem er die Angelegenheit im Detail studierte. So ließ er sich von seinem Deklaration den Arabern beweisen will, daß sie um ihren Staat nicht zu fürchten brauchen, da England an die Errichtung eines jüdischen Staates nicht denke. Professor Weizmann hat sehr richtig in seinem an den Höchstkommissär in Palästina gerichteten Schreiben erklärt, „daß ein Nationalheim ohne Menschen und ohne Boden nicht existieren kann, eine Beschränkung der Einwanderung aus politischen Gründen oder eine Gesetzgebung, die die Juden der Möglichkeit beraubt, Boden für ihre Siedlungen zu erwerben, dem Wesen nach eine Aufhebung der Polirik des Mandates bedeuten würden. Die Position der Juden im Lande würde sich dann in keiner Weise von derjenigen unterscheiden, die in ein fremdes Land kommende Einwanderer einnehmen. Die Bestimmungen des Mandates, die ein jüdisches Nationaiheim in Palästina vorsehen, würden dann bedeutungslos werden". Diese Worte Chaim Weizmanns, der mit ganzem Herzen der Sache dient, gegenübergestellt der Politik Englands in den letzten Jahren, insbesondere den ausweichenden Erklärungen vor der Mandatskommission, lassen nur zu deutlich erkennen,"daß die nationale Idee durch Englands Politik in dem letzten Jahre wieder um ein großes Stück von de;r. schon vermeintlichen Erfolge zurückgedrängt wurde. Es kann nur immer wiederholt werden, daß in dieser für das Aufbauwerk so kritischen Zeit alle jüdisch-politischen Gegensätze zurückgestellt werden müssen, um den im Heiligen Lande lebenden Juden die Lebensmöglichkeit zu schaffen, respektive erhalten zu helfen. Eine rein nationale Politik kann und wird die Errichtung einer Heimstätte in Palästina durch die immer bestehenden Gegensätzlichkeiten zu dem in Palästina bodenständigen Volke unmöglich machen. Nach meinen Ausführungen, die ich in den letzten Nummern der „Wahrheit" über die Ereignisse in Palästina zu machen mir erlaubte, wird es mir auch gestattet sein, ein freies Wort an alle Juden ohne Unterschied ihres politischen Parteibekenntnisses richten zu dürfen. Es wird immer wieder behauptet, daß die nationale Idee die Jugend, die schon dem Judentume sich zu entfremden schien, dem Judentume wiedergewonnen hat Hand in Hand mit dieser Renaissance im Bekenntnisse der Jugend zum Judentume ging ein Rückschritt in der Erziehung der Jugend in den traditionellen Grundsätzen unseres Glaubens. Die nationale Idee kann nur auf eine im Zuge der Geschichte sehr Bekannten Lachmann, Mitglied der Ika, die Kostenzahlen geben. Er fand, daß für den Aufwand von 30.000 Fr. für eine jüdische Familie in Argentinien man in Mitteleuropa 6 Familien ansiedeln könne. Als im Jahre 1912 das deutsche Volk Kaiser Wilhelm II. ein Denkmal in Form einer Stiftung für Studenten errichten wollte, wurde Rathenau, der zur Umgebung des Kaisers gehörte, zu der Gründungskommission einberufen. Rathenau aber stellte die Bedingung, daß die antisemitischen Studenten zu keiner Zeit in die Lage kommen sollen, den jüdischen Studenten jemals Schwierigkeiten zu machen. Da seine Bedingungen nicht angenommen worden sind, konnte die Stiftung nicht zustande kommen. Bis zu Beginn des Krieges setzte er seine Tätigkeit in der Leitung der 84 Gesellschaften und die Herausgabe seiner Schriften, als deren wichtigste nach seiner Meinung die „Mechanik des Geistes" anzusehen ist, fort. Als der Krieg ausbrach, war er verzweifelt: nicht weil er Pazifist war. sondern weil er wußte, daß dieser Krieg zu vermeiden gewesen wäre, und ebenso auch, daß alle Welt gegen Deutschland gehen wird. Hohe Bekannte erzählen, daß er bei der Kriegserklärung weinte. Hier aber beginnt die Tragödie. Kurze Zeit nach Ausbruch des Krieges wurde es evident daß die deutschen Militärs an alles gedacht haben, nur hatten sie an das Wichtigste vergessen: an die Vorbereitung der Rohstoffe. Tatsächlich fehlten in Deutschland drei Monate nach Kriegsausbruch alle notwendigen Rohstoffe für die Fortführung des Krieges. Obwohl gegen den Krieg, wollte Rathenau sein Land nicht kapitulieren sehen und stellte sich zur Verfügung des Kriegsministeriums. In einem Jahre wurde die Gesamtorganisation der Rohstoffe in wundervoller Weise bewerkstelligt. Aber nach seinen glänzenden Leistungen mußte Rathenau die Undankbarkeit gegen seine Person und seine an der Front mitkämpfenden Brüder empfinden. Nach seinem Rücktritt benutzte er seine soziale Stellung, um gegen die Verlängerung des Krieges und gegen die Nutzlosigkeit, ,auf einen Sieg zu hoffen, aufzutreten.

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