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Die Wahrheit · 1930-06-20 · Heft 25 (20.6.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 25 (20.6.1930)
Date
1930-06-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT v i i Ii f Ii- Iii tili u-!»> - s 15, ■r.'i il: ^ll P3 *ür r ni wurde, und der schon dieserthalben den Anspruch erheben darf, in einer dem Judentum gewidmeten Zeitschrift auch hinsichtlich seiner abseits vom Judentum liegenden Schriften nicht unbeachtet zu bleiben, ist ein Polyhistor nicht geringen Formates. Vielen seiner Ausführungen kann allerdings nicht gut zugestimmt werden, schon deshalb nicht, weil die Prämissen, ausden verschiedensten Kulturen geholt, sich nicht immer als tragend erweisen. Um ein derartig gewaltiges Gebäude richtig aufzuführen, hätte es einer Vereinigung vieler auf ihrem Spezialgebiete maßgebenden Gelehrten — ungefähr wie seinerzeit bei den französischen Enzyklopädisten — bedurft, die sodann sicherlich alles niet- und nagelfest hergestellt hätten. Für solche Leser, die das in ungewöhnlich reichem Maße Dargebotene mit kritisch sichtendem Sinne aufzunehmen vermögen, wäre das umfassende Werk zu empfehlen. Dr. M. Rosenmann. Die große Enttäuschung. „Ich glaube, ein Geschlecht wunderbarer Juden wird aus der Erde wachsen, die Makkabäer werden wieder aufstehen." (Theodor Herzl.) Wie schlugen unsere Herzen bei der Kunde, ein neues Land harret unser, darin Gedrückte dereinst Ruhe und Erholung finden werden, darin Geknechtete einer glücklichen Zukunft entgegenblicken! Erez jisroel! — unser ist das Land, glaubten viele Hoffnungsfreudige. Da erfaßte uns namenloses Entsetzen. Unser, jüdisches Blut floß im Lande der Väter! Leben, Hab und Gut unserer Brüder und Schwestern ward bedroht vom feindlichen Araber! Und es kamen der Redner viele daher und berichteten von dem Ergebnis der Untersuchung, von der Ursache und von dem Entstehen der Unruhen und gaben uns — verheißungsvoll wie immer — die sanftesten Beruhigungsmittel. „An der Balfour-Deklaration wird nicht gerührt werden!" Die Zeitungen melden von einer Einschränkung der jüdischen Einwanderung, welche die Regierung plane; man ermesse diese Maßnahme in ihrer ganzen Bedeutung für uns, die wir noch nicht ein Fünftel der Bevölkerung des Landes bilden! Terra nostra ist zur terra prohibita^für uns geworden! Das heißt: Bankrott der nationalen Politik! John Jacobsohn, Hamburg. Veröffentfidfungen der Tinion deutsd}österreidfiscf}en Juden Dr. Alfred Wiener, der auch in Wien durch seine Palästinawerke bekannte Syndikus des Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, weilte in der Vorwoche zum 6. Deutschen Orientalistentag in Wien. Er nahm die Gelegenheit wahr, mit der „Union deutschösterreichischer Juden" eingehende Besprechungen über die diese beiden Abwehrorganisationen gemeinsam bewegenden Fragen zu pflegen, welche Konferenzen er hauptsächlich mit dem Präsidenten der „Union", Herrn Dr. Jakob Ornstein und deren Sekretär, Herrn Oskar Hirschfeld, führte. Darüber hinaus hat Dr. Alfred Wiener auch den Vertrauensmännern der „Union" einen äußerst instruktiven und interessanten Bericht über die hervorragende Tätigkeit des Centrai- Vereines erstattet, in dem der Kampf gegen den jetzt in Deutschland stark anwachsenden Nationalsozialismus einen sehr breiten Raum einnahm. Das Referat bot für die zahlreich erschienenen Vertrauensmänner der „Union" viel Wissenswertes, insbesondere machten die Mitteilungen Doktor Wieners über die glänzende Abwehr- und Aufklärungsarbeit des Centrai-Vereines starken Eindruck. Dieser Berichtsabend und die verschiedenen Konferenzen dürften für die Zusammenarbeit der beiden Organisationen von nachhaltigem Erfolg gewesen sein. * * V Ortsgruppe Salzburg, Wir haben vor einiger Zeit berichtet, daß die auf Wunsch der Salzburger Ortsgruppe der „U n i o n" erfolgte Propagandareise des Herrn Dr. Ernst Feldsberg und Sekretär Oskar Hirschfeld von großem Erfolg begleitet war. Wir können nun heute mit Genugtuung feststellen, daß die damals provisorisch neu konstituierte Ortsgruppe in dankenswerter Weise ihre Arbeiten aufgenommen hat Nach Genehmigung der mit Hilfe der Zentrale ausgearbeiteten Statuten wurde Donnerstag, Lederhandschuhfabrik Josef JjasCmger L, Rotenturmstraße 23 Telephon Ü 25-3-29 IL, Hollandstraße 11 Telephon R* 47-2-40 den 12. d. M., eine neuerliche Mitgliederversammlung abehalten, die sehr gut besucht war, ein Beweis dafür, daß die Gründung der Ortsgruppe in Salzburg von weitesten jüdischen Kreisen lebhaft begrüßt wird. Nach Verlesung der Statuten wurden einstimmig folgende Herren in den Vorstand gewählt:' Obmann: Herr Max Köhler; Obmannstellvertreter: Herr Oswald Löwy; Schriftführer: Herr Max Dreifuß; Schriftführerstellvertreter: Herr Dr. Hermann Glaser; Kassier: Herr Artur Fürst. Als Mitgliedsbeitrag wurde ein Jahresbeitrag von 10 S festgesetz. Die rührige Ortsgruppe will in nächster Zeit Mitglieder werben und bei Beendigung der Sommerzeit eine regere Vereinstätigkeit aufnehmen, während die Arbeit nach außen schon jetzt organisiert wird, indem getrachtet werden soll, mit unseren Glaubensgenossen in ganz Salzburg ständig in Kontakt zu treten. Wahrheiten vom Sa&e Neuer Kurs unter König Carol II.? König Carol empfing am 11. Juni abends, wie letzthin kurz berichtet, im Palais auf der Calea Victoriei die Vertreter der ausländischen Presse, unter ihnen den Vertreter der Jüdischen TpJesraphen-Agentur, und gab ihnen Erklärungen über seine Politik als konstitutioneller König. Zum Schluß, richteten verschiedene Pressevertreter Fragen an den König, die er einzeln beantwortete. Der Vertreter der Judischen Telegraphen-Agentur richtete an den König das Ersuchen, der amerikanischen Judenheit und der Judenheit der übrigen Welt die Versicherung zu geben, daß die Juden in Rumänien unter seiner Herrschaft gegen antisemitische Hetze und Gewalt geschützt sein und wie in den westlichen Ländern volle Gleichberechtigung gleich den übrigen Bürgern genießen werden. Der König erwiderte: Ich bedauere, daß diese Frage überhaupt noch besteht. Das rumänische Volk ist von Natur tolerant. Leider existiert eine kleine antisemitische Partei, die aber von der Regierung in keiner Weise unterstützt wird. Ich betrachte die .Minderheiten als Rumänen, als treue Söhne des Landes. Angehörige des gemeinsamen Vaterlandes. Als ich in Amerika weilte, haben mich dort Tausende Rumänen freundlich empfangen: obwohl dauernd in den Vereinigten Staaten wohnend, halten sie Jreu zu Rumänien und denken in Liebe an ihr Heimatland. In jüdischen Kreisen Rumäniens glaubt man, daß unter der Regierung Carols II. der Einfluß des Antisemiten Cuza schwinden wird. Der neue Außenminister Mironescu, dessen Eintagsregierung die Wahl des neuen Königs vornahm, hat, wie erinnerlich, im vergangenen Jahre in einem Interview mit dem Chefredakteur der Jüdischen Telegraphen- Agentur, Herrn Jacob Landau, seinem Wunsche nach einer Stabilisierung der Lage der Juden in Rumänien Ausdruck gegeben und die Notwendigkeit von Maßnahmen betont, damit die Belästigung von Juden_in den Eisenbahnen und die antisemitischen Exzesse in den Universitäten endgültig aufhören; Der Centrai-Verein bei Minister Dr. Wirth. Der Reichsminister des Innern Dr. Wirth empfing am Freitag, den 13. Juni, die Führer der größten Organisation der deutschen Judenheit des Central- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Justizrat Dr. Brodnitz und Rechtsanwalt Dr. Weil, sowie den Syndikus Doktor Rejahmaüin, die hierbei Gelegenheit nahmen, die Beschwerden der deutschen Juden über die Vorgänge in Thüringen ausführlich vorzutragen. Die thüringische Regierung billigt die Haßgebete. Vom thüringischen Staatsministerium ist am 10. Juni das in dem Streite um die sogenannten .Jreibeitsgebete" des Kultusministers Dr. Frick an den vom Reichsinnenminister Dr. Wirth angerufenen Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich gerichtete Schreiben bekanntgegeben worden. Die Ausführungen bedeuten eine Identifizierung der gesamten Landesregierung mit der Frickschen Verordnung. Es wird der Ansicht des Reichsinnenministers Dr. Wirth widersprochen, daß die Empfehlung der Schulgebete 2. 3 und 4 gegen Artikel 148, Absatz 2, der ReichsverfassunjE verstoße und gleichzeitig Verwahrung eingelegt gegen die Behauptung, daß die Form der Gebete aus" parteipolitischen Gründen gewählt sei. Die Behauptungen Fricks im Haushaltausschuß des Landtages über Wesen und Zweck seiner'Schulgebete (nämlich daß sie gegen die Juden gerichtet seien, Anm. d. Red.) seien „in nicht mißverständlicher Ironie" gehalten gewesen und darum nicht buchstäblich zu nehmen. Man sieht, daß die jetzige thüringische Regierung des nationalsozialistischen Einfluß verfallen ist. Gegen den Antisemitismus. Der in diesen Tagen in Beziers unter dem Vorsitz von Professor Charles R i c h e t abgehaltene 12. Kongreß der französischen Friedensfreunde, dem zahlreiche Parlamentarier und hohe Funktionäre beiwohnten, faßte einmütig die folgende von der Internationalen Liga zur Bekämpfung des 'Antisemitismus unterbreitete Entschließung: Der 12. Nationale Friedenskongreß weist auf die bedauernswerte Lage israelitischer Bevölkerungsteile in gewissen Ländern hin, bedauert es, daß die jüdische Frage seitens der betreffenden. Regierungen nicht eingehender geprüft wird, und klagt die verantwortlichen Regierungen an, die sich der Pflicht, die ethnischen Minderheiten, insbesondere die jüdische Minderheit, zu schützen, entziehen. Der Kongreß schlägt den Pazifisten aller Länder und dem Internationalen Friedenskongreß vor. in ihr Programm den Kampf gegen den Numerus clausus für Juden, für Gleichberechtigung der Juden, sowie die feierliche Verurteilung von die Menschheit entehrenden Pogromen aufzunehmen. Hebron infolge des Auszugs der Juden ruiniert. Eine Abordnung des Waad Leunii begab sich nach Hebron, um die Meldungen über Entweihung der Grabsteine der jüdischen Opfer der Massakers vom August 1929 auf ihre Richtigkeit hin zu prüfen. Bei dieser Gelegenheit wurde der Abordnung seitens der britischen Behörden in Hebron, sowie auch seitens prominenter Araber mitgeteilt, daß die Stadt Hebron infolge des Auszuges der jüdischen Bevölkerung an den Rand des Ruins geraten ist Die Abordnung selbst konnte feststellen, daß die Mieten für Geschäftsräume und Privatwohnungen um 20 bis 50 Prozent gefallen sind. Der Handel liegt vollkommen darnieder. Der Auszug der Slobcdka-Jeschiwah, deren Zöglinge jährlich ungefähr 25.000 Pfund in Hebron ausgaben, war der größte Verlust für die Stadt. Die arabische Presse teilt mit daß Repräsentanten der früheren jüdischen Einwohnerschaft von Hebron kürzlich erklärt haben, die Juden würden nach Hebron zurückkehren, wenn die Araber der Stadt sich vor den Ueberlebenden wegen der Massakers entschuldigen würden. Inzwischen hat auch eine Abwanderung von Arabern aus Hebron eingesetzt, da als Folge des Auszuges der jüdischen Einwohnerschaft die Arbeitsmöglichkeit auf ein Minimum gesunken ist. Jabotinsky darf nicht nach Palästina. Wladimir Jabotinsky. der Führer die Zionisten-Revisionisten, hat sofort nach seiner Rückkehr von seiner Südafrikareise von London aus ein Schreiben an das britische Kolonialamt gerichtet in welchem er die bedingungslose Zurückziehung der Verordnung der Palästinaregierung, in welcher das ihm bei seiner Abreise nach Palästina erteilte Wiedereinreisevisum für ungültig erklärt worden ist. verlangt. Er fordert, daß man ihm seine Rechte als ständiger Einwohner Palästinas wieder gibt, damit er sich jeder im Gesetz nicht verbotenen Tätigkeit frei widmen könne. Vom Büro der Weltunion der Zionisten-Revisionisten in London wird mitgeteilt, daß vor einigen Monaten das Kolonialamt eine Mitteilung machte, aus der geschlossen werden könne, daß man Jabotinsky die Rückkehr nach Palästina nicht gestatten werde. Die Hetze geht weiter. Die in Jerusalem erscheinende hebräische Tageszeitung „Doar Hayom". Organ der Zionisten- Revisionisten, sowie die arabische Tageszeitung „Fa 1 estin", Organ der arabischen Exekutive, und die ebenfalls als Organ der a r a b ischeu Exekutive geltende Zeitung „EI Jamea eI Arabia" wurden durch die Palästina-Regierung bis auf weiteres verboten. Ein Grund für die Verbote wurde offiziell nicht angegeben. Es verlautet jedoch, daß das Verbot wegen erschienener aufreizender Artikel erfolgt ist. (Proben der aufreizenden Methoden des „Doar Hajom" waren im ersten Teil des Referates von Dr. Ernst Feldsberg enthalten. Siehe den Leitartikel in Nummer 24 der „Wahrheit". D. Red.) Die Zeitung „Doar Hayom" erscheint weiter unter dem Namen „J e r u s c h a 1 a j i m" unter der gleichen Redaktion und in der gleichen Druckerei wie bisher. Dies Wurde ermöglicht auf Grund eines Abkommens mit einem Verlag, der unter diesem Namen früher eine hebräische Wochenschrift herausgab und die Berechtigung zur weiteren Herausgabe noch hat. Alfred Dreyfus protestiert. Oberst Alfred Dreyfus und sein Sohn haben?egen die für Paris geplante Aufführung des deutschen Dramas ..Die Afiäre Dreyfus" von Rehfisch und Herzog Protest eingelegt. Unter der Ueberschrift „Der Wunsch der Leidtragenden" schreibt hierzu die „Frankfurter Zeitung": „Die .extremen Nationalisten haben jedenfalls ihren tollsten Widerstand in Aussicht gestellt. Das brauchte noch kein Grund zu einem Verbot zu sein. Aber es ist sicherlich das beste, wenn es gar nicht so weit kommt. Von dem zu erwartenden Lärm würden wir uns gar nichts Vorteilhaftes für die deutsch-französischen Beziehungen versprechen. Alfred Dreyfus' Wunsch wird zweifellosbeachtet werden. Durch sein zurückgezogenes Leben beweist er. daß er nicht aufs neue in den .politischen Kampf gezogen werden will. Es wäre falsch, ihn gegen seinen Willen wiederum zum Gegenstand leidenschaftlichen Parteihaders zu machen."

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