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Die Wahrheit · 1930-06-20 · Heft 25 (20.6.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 25 (20.6.1930)
Date
1930-06-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Volk" und „Rasse". Von Regierungsrat J. Kreppe!. In den letzten Wochen stand Oesterreich im Mittelpunkt des internationalen Interesses. Bundeskanzler Dr. Schober hat eine Reise nach Paris und London unternommen, und besonders der Besuch in Paris hatte eine große politische Bedeutung. Trotz Locarno und Young-Plan hat sich die öffentliche Meinung in Frankreich noch immer nicht von der Psychose der Angst vor einer deutschen Revanche befreien können, und der Wunsch, Deutschland ja nur nicht allzu mächtig werden zu lassen, beherrscht nach wie vor die französische Außenpolitik. Dazu gehört auch der Widerstand gegen den Anschluß Oesterreichs an das Reich, der Deutschland nicht nur einen wesentlichen Zuwachs an Gebiet und Bevölkerung bringen und die Verluste des Krieges weitaus wett machen würde, sondern auch seine geographischen Verbindungen und seine geopolitische Bedeutung wesentlich erhöhen dürfte. Es ist daher nur allzu begreiflich, daß der österreichische Kanzler in Paris vielfach dahin interpelliert worden ist, wie er sich eigentlich zum Anschlußproblem stelle. Dr. Schober ist nun Diplomat genug, um in dieser heiklen Angelegenheit eine ausweichende Position zu beziehen, und so definierte er das Verhältnis zwischen Oesterreich und Deutschland mit der Formel „ein Volk, zwei Staaten". Diese Formel konnte jedoch die Franzosen nur wenig befriedigen. Die französische Sprache kennt nämlich den Begriff „Volk" in dem Sinne, wie ihn die deutsche Sprache auffaßt, nicht. Für den Franzosen sind alle Bürger Frankreichs, mögen sie ethnologisch, sprachlich und national welchem Volke immer angehören, Mitglieder der französischen Nation. Für den nationalen Begriff im Sinne der deutschen Sprache kennt der Franzose nur die Bezeichnung „Rasse" — und so mußte denn der österreichische Gesandte in Paris die Formel des Bundeskanzlers dahin umschreiben: „eine Rasse, zwei Staaten", was schließlich die mißtrauischen Franzosen einigermaßen beruhigte. Wenn diese Angelegenheit an dieser Stelle berührt wird, so hat dies seinen Grund darin, daß diese linguistische Frage auch für die österreichischen Juden von einschneidender Bedeutung war und ist. Der Friedensvertrag von St.-Germain hat nämlich u. a. auch den Schutz der Minderheiten im neuen Oesterreich vorgesehen, und hierüber sind in den Vertrag eine Reihe von Bestimmungen aufgenommen worden. Um den Begriff der „Minderheiten" regelrecht zu definieren, bedienen sich die Verfasser der Bezeichnung „Rasse", da für den Friedensvertrag der französische Text maßgebend ist und die Aufnahme der Bezeichnung „nationale Minderheit" zu Mißverständnissen Anlaß gegeben hätte. Die Bestimmungen sprechen daher von „nach Religion, Sprache und Rasse" sich von der Mehrheit der Bevölkerung unterscheidenden Minderheiten, zu deren Gunsten gewisse Schutzklauseln aufgenommen wurden. Die Anwendung der Bezeichnung „Rasse" gab nun den offenen und versteckten Judenfeinden die Handhabe, Tausende und Abertausende Juden, die Bürger der österreichischen Monarchie waren, von der Erwerbung der Staatsbürgerschaft in der österreichischen Republik auszuschließen, mit der Begründung, sie wären der „Rasse" nach keine „Deutsche". Es ergaben sich hierbei ganz groteske Erscheinungen: hervorragende Schriftsteller und Künstler, deren Kultur- und Geistesleben ausschließlich deutsch waren, die keine andere Muttersprache kannten und sich seit jeher zum Deutschtum bekannten, wurden mit ihren Optionsgesuchen abgewiesen, da sie den „Beweis" für die Zugehörigkeit zum deutschen „Volke", vulgo „Rasse" nicht erbringen konnten — obwohl der Friedensvertrag die Bezeichnung „Rasse" eigentlich nur aus sprachlichen Gründen zur Anwendung brachte. Das Rassengespenst spukte auch einige Jahre später in Oesterreich, als im Jahre 1923 die erste Volkszählung in der Republik vorgenommen wurde, und auf Betreiben der „Rassenhetzer" in den Zählungsformularen auch eine Rubrik „Rasse" aufgenommen worden ist — um eben die Juden zu treffen... Es ergab sich hierbei ein derartiger Wirrwarr, daß das Ergebnis dieser „Rassenzählung" statistisch gar nicht aufgearbeitet werden konnte und die Regierung es angesichts der bevorstehenden neuen Volkszählung ausdrücklich ablehnen mußte, dieses kindische Spiel zu wiederholen. Werden nun unsere Rassenhelden einsehen, daß das Jonglieren mit dem Rassenbegriff zuweilen sehr gefährlich werden könne? Die Diskussion über die Definition Dr. Schobers in Paris ist ihnen ja höchst unangenehm — werden sie nun erkennen, wie gefährlich es ist, dieses zweischneidige Schwert zu handhaben? Bei der Auktion war für einen geringen Bruchteil aus der „Sammlung F i g d o r" der Erlös von mehr als sieben Millionen Schilling zu verzeichnen. Ja, da erkannte man wieder einmal die Vordringlichkeit der Juden! Der jüdische Kunstfreund hatte die Absicht, um im Zusammenhang mit der Sammlung seinen Namen für die Nachwelt zu erhalten, sie vollständig ohne jede Gegenleistung für den dauernden Besitz Oesterreichs zu sichern. Er erfuhr die ihm gebührende, beschämende Zurückweisung. Wie nahe lag wieder die Gefahr, daß das jüdische Protzentum einen Erfolg gehabt hätte! Das wurde, Gott sei Dank! zur freudigen Genugtuung aller Antisemiten, rechtzeitig verhütet! * * * „Der Unterrichtsminister hat gegen den Rektor der Universität wegen der Unterstützung nationalsozialistischer Umtriebe eine Untersuchung einleiten lassen." Man kann sich lebhaft vorstellen, v/elchen Eindruck diese — nach einem Telegramm aus Berlin — von dem preußischen Unterrichtsminister gegen den Rektor der Greifswalder Universität, Herrn Prof. Hochne, verfügte Maßnahme in allen Universitätskreisen hervorrief. Insbesondere aber bei jenen hakenkreuzlerischen Studenten, die sich in dem Wahn wiegen, daß sie berufen sind, ihre Professoren zu erziehen, und kein Minister es wagen dürfe, einem auf Irrwege geratenen Rektor Halt zu gebieten. * * * Der Herr Nationalrat Raab hat in einer Aus-. einandersetzung mit Dr. Otto Bauer den Versuch unternommen, in Kürze drei Grade von Frechheit festzustellen: Erster Grad: „Frechheit!" Zweiter Grad: „Jud!" Dritter Grad: „Saujud!" Das ist wirklich ganz respektabel lapidarer Still. Aber der Herr Nationalrat hätte doch noch von Dr. Max Nordau lernen können, wie man noch kürzer von einen Gegner abgefertigt wird. Ihm genügte ein Wort: Trottel! * * I:in Dialog: — „Was sagen Sie zu den Ausdrücken des ungeheuren Staunens über die Ausweisverfügung, von der der Major Pabst ereilt wurde?" „Alles noch viel zu wenig! Ich glaube, daß man geradezu fassungslos gegenüber der Tatsache stehen mußte, daß diese Ausweisung — erst jetzt erfolgte." * * Die Pläne des „lästigen Ausländers", dessen unheilvolle Mitwirkung an den Putschversuchen gegen die deutsche Republik noch unvergessen sind, konnten auf die Dauer auch in Oesterreich nicht verschleiert bleiben. Was von den hochfliegenden Plänen geblieben? Vorläufig ist der Herr Bundesstabschef selbst — geflogen. * * Die Tiroler Landesregierung hat, sofort nach dem Bekanntwerden der Ausweisverfügung gegen Major Pabst, einen Protest gegen diese Maßnahme beschlossen. Ueber die Argumente, mit denen der Protest unterstützt wurde, herrscht — ein seltener Fall! — volle Uebereinstimmung bei allen Parteien. Diese Argumente werden mit einem Worte charakterisiert. — Stumpf nennt man sie. * « * Herr Ivan Hejjas hat in lodernder Empörung eine Interpellation wegen Verletzung seiner Abgeordnetenimmunität eingebracht. Man hat es gewagt, bei einer Razzia nach verbotenen Waffen auch in dem Gehöft, das sich in seinem und seines Bruders gemeinsamen Besitz befindet, Nachschau zu halten! Die Empörung Ivan Hejjas' ist nur zu k GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM, KORNMEHL «iun nc, berooasse NR. 1» FILIALE l XVIII., WÄHRINQERSTRASSE Vt Telephon Nr. A 17*99 and A 164-34 Lieferant fOr Mallanstaltea AbteilungenforKoscherfleisch iiatar Aufsieht tMmm «hrw. Rabbfoate» <••* Isp. KultiMa«m«hMl* Wl«a. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen begreiflich, wenn man bedenkt, daß sich dieser Herr schon zur Zeit, als er noch nicht Abgeordneter war, einer Immunität erfreute, deren Maßlosigkeit und Unbegrenztheit kaum jemals selbst einem Abgeordneten in europäischen Staaten eingeräumt wurde. * * * Weniger begreiflich erscheint das etwas unlogisch motivierte Staunen, welches bei diesem Anlasse der „Pester Lloyd" über die Empörung des Abgeordneten Ivan Hejjas zum Ausdrucke bringt. Das Blatt meint, diese Rolle des unschuldig verfolgten Lammes paßte ihm nicht, denn von ihm hat „ein Vertreter der staatlichen Anklagebehörde in offener Verhandlung erwähnt, daß er nicht weniger als f ü n f z i g Morde auf dem Gewissen hat." Ja, um Himmelswillen, wer war denn damals wegen dieser so nebenbei gefallenen Beschuldigung von der Gefahr bedroht, eingesperrt zu werden? Nicht Hejjas, sondern der von idealer Rechtsliebe beseelte Staatsanwalt. Und dieser Hejjas, der nie auch nur auf der Anklagebank gesessen, soll jetzt, wo er auf den Fauteuils der Gesetzgeber im Parlament seinen Platz hat, dulden, daß er in seinem gemeinsam mit einem Bruder bewohnten Hause durch das Auge des Gesetzes molestiert wird? Lächerlich. Das braucht sich doch ein Hejjas nicht gefallen zu lassen, ein Mann, der offiziell als einer der ersten zum „Helden" geschlagen wurde, während von den hunderten jüdischen Soldaten, die im Kriege für ihre Heldentaten die höchsten Auszeichnungen erhielten, auch — wie Paul Sändor in seiner sensationellen Interpellation feststellte — nicht ein einziger zum Mitglied des Heldenkapitels ernannt wurde. Ego. Theodor Lessing, Europa and Asien. Untergang der Erde am Geist, 5. Auflage. Felix Meiners Verlag, Leipzig. In der Kulturgeschichte der Menschheit gibt es manche Epoche, die man am besten mit dem Ausdrucke Synkretismus bezeichnen kann. Es findet nämlich ein Zusammentreffen verschiedener Kulturen an einem bestimmten Orte und zu einer bestimmten Zeit statt, die sodann trotz ihrer Gegensätze verschmelzen, zusammenwachsen. So war es um die Zeit der Entstehung des Christentums in Alexandrien der Fall, wo sich die römisch-hellenistische Weltanschauung mit der jüdischen, persischen und sogar indischen begegnete. So war es auch im fünfzehnten Jahrhundert, als in Spanien die arabischmaurische Philosophie und die christliche Scholastik — trotz der Gegensätze ihrer Ursprünge — in vielen Punkten sich berührten. Ein gleicher Vorgang machte sich am Ende des verflossenen Jahrhunderts, namentlich in Deutschland geltend und griff nach Ablauf der Kriegszeit auch in unsere Zeit hinüber. Die Fülle des durch Uebersetzungen herbeigeschafften Stoffes aus den entfernten Ländern — „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen." — ballte sich in einigen Geisteszentren und Geistesmenschen zusammen und drängte nach Formung. Gestaltung, Wiedergabe. Bewußte und auch unbewußte Exponenten dieses neuzeitlichen Synkretismus sind genügend vorhanden. Als der bezauberndste Vertreter dieser Richtung darf Friedrich Nietzsche gelten, der den „Zarathustra" aus vergilbten Papieren Wiederaufleben ließ, um scheinbar neue Weisheit in alte Schläuche zu geben. Als der ödeste Afterphilosoph, der wahllos alles, was ihm unter die Hand kam, in seinen „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" aufhäufte, ist Chamberlain anzusehen, dessen Judenfeindschaft den Lockruf für seine minderwertige Ware abgab. Werke des soeben geschilderten gegenwärtigen Synkretismus sind auch das allzuviel überschätzte Buch Oswald Spenglers: „Untergang des Abendlands" und Theodor Lessings „Europa und Asien. Untergang der Erde am Geiste". Professor Lessing, dem seinerzeit von den antisemitischen Studenten seiner Universität arg mitgespielt

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