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Die Wahrheit · 1930-06-20 · Heft 25 (20.6.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 25 (20.6.1930)
Date
1930-06-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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jenen Glaubensgenossen, die bereits im Heiligen Lande leben, die dort ihre Existenz nunmehr gegründet haben, vom ganzen Herzen zur Seite zu stehen, ihnen in ihrem schweren Kampfe, den sie gegen politische und religiöse Fronten zu führen haben, glaubensbrüderliche Treue zu halten. Aber ebenso können und müssen alle Juden dieses Landes von ihren jüdischnationalen Glaubensbrüdern verlangen, daß sie in dieser krisenhaften schweren Zeit unseres Staates keine Politik betreiben, die ihren jüdischen Mitbürgern schaden kann. Die reaktionäre Welle des Antisemitismus ist im vergangenen Jahre wieder angestiegen. Die ,.Studente_nordnung" des Herrn Dr. Gleispach hat gezeigt, daß die Idee vom „Volksbürgerstaate" nur deshalb wieder propagiert werde, um die Flamme des Antisemitismus zu nähren. Es ist unverantwortlich, daß in einer solchen krisenhaften Zeit jüdische Studenten diese Aktionen gutheißen, sich dieser „Studentenordnung" unterwerfen. Es muß endlich von allen Juden dieses Staates verlangt werden, daß sie gemeinsam gegen den Moloch des Antisemitismus zu kämpfen bereit siud. Es muß von den Zionisten verlangt werden, daß sie ihre Landespolitik in diesem Staate endlich aufgeben. Wir leben in diesem Staate, wir haben die Pflichten aller Staatsbürger in gleichem Maße zu tragen wie unsere nichtjüdischen Mitbürger, wir leiden unter dieser Krise genau so wie unsere Mitmenschen und wir verlangen daher, als volle, gleichwertige Bürger dieses Staates, mit den gleichen Rechten wie alle anderen Staatsbürger anerkannt zu werden. Nicht erst der Beschluß des Völkerbundes hat uns diese Gleichberechtigung oder besser gesagt den Schutz als Minderheit in diesem Staate verschaffen müssen. Wir haben die Gleichberechtigung im Staatsgrundgesetze verankert und brauchen wohl nicht mehr als diese Gleichberechtigung zu verteidigen. Es darf nicht sein, daß die Rechte aller Juden der Welt — die Zahl der Juden, die den jüdischen Staat einst bilden sollen, wird immer eine verschwindende Minderheit im Verhältnis zu der Zahl der Juden der Welt bilden — angetastet werden, um einer Idee, die bisher in ihrem Erfolge nur ein Versuch war, zu dienen. ■■■•■■■■>■■■■■■■■■■■■■■>■■■«■■«■•■■■ Palästina vor dem Völkerbund. Die Beratungen der Mandatskommission des Völkerbundes über die Palästina- Unruhen im August und September 1929 sind beendet; weiter unten bringen wir die Berichte über die letzten Sitzungen auf Grund der eingelaufenen Meldungen. Die wichtige Tagung kann das jüdische Palästina wieder mit einigem, wenn auch nur schwachen Optimismus erfüllen. Die englische Regierung, mit deren einseitigen Maudatspolitik auch der Völkerbund anscheinend recht unzufrieden ist, mußte sich durch ihren Vertreter, Kolonialminister Dr. Drummond Shiels, mehrfach zu Erklärungen herbeilassen, in denen Festhalten an den Bestimmungen des Mandats versprochen wurde. Allerdings wurde hierbei immer die Notwendigkeit der Verständigung zwischen Juden und Araber betont, bzw. festgestellt, daß nichts geschehen soll, was die Rechte der letzteren irgendwie verletzen könnte. Zur Beruhigung der Araber, aber auch zur Aufklärung jener Zionisten, die in bezug auf die Zukunft des jüdischen Palästinas allzu übertriebene und unberechtigte Hoffnungen hegen, hat Dr. Shiels auch den bedeutsamen Satz gesprochen, der die künftige Palästina-Politik der englischen Mandatarmacht eindeutig umschreibt: „In Palästina wird kein jüdischer Staat, sondern nur ein jüdisches Heim errichtet!" Wir können uns lebhaft vorstellen, daß dieser Deklaration, die nur oft Gesagtes auch offiziell wiederholt, wieder ein Wutgeheul der radikalen Zionisten, die unentwegt an dem Phantom des „Judenstaates" festhalten, folgen wird. Solche Reden sind wohl geeignet, die künstlich entfachte Empörung gegen England zu verstärken und absurde Wünsche bezüglich des Mandats auszulösen, wie sie in der späterhin wiedergegebenen Genfer Meldung auftauchen. Unbeirrt durch solche „Politiker" muß das jüdische Palästina seinen schweren Weg gehen, frei von Haß gegen die Araber, mit dem es den teuren Boden teilt. *---'!-#- » .•Genf, 10. Juni (J. T. A.). Ein jüdisches Heim in Palästina, kein jüdischer Staat Ueber die heutigen,;Verhandlungen der Mandatskommission wird offiziell "mitgeteilt: Nachdem die Permanente Mandatskommission die von der britischen Regierung ergriffenen Maßnahmen zur Verhütung einer Wiederkehr von Ereignissen, ähnlich denen vom August und September 1929 untersucht hat, befaßte sie sich mit der Politik, die die Mandatarmacht in Zukunft zu befolgen beabsichtigt, um dem Mandat für Palästina Wirkung zu verleihen: ebenso befaßte sich die Kommission mit den von der Mandatarmacht zur Verwirklichung dieser Politik ins Auge gefaßten Maßnahmen. Der beglaubigte Vertreter der Mandatarmacht. Dr. T.- Drummond Shiels, leste in einem Expose die von der Mandatarmacht zu befolgende Politik dar. Er erklärte, daß die britische Regierung das Mandat voll durchführen wird. Die Politik wird keine Aenderung erfahren. Es sind nur Maßnahmen ergriffen worden oder es werden solche ergriffen werden, um diese Politik wirksamer zu gestalten. Die militärischen und die polizeilichen Kontingente bieten jetzt größere Sicherheit Die Verstöße einer gewissen Presse und die aufrührerische Propaganda werden in Zukunft einer strengen Kontrolle begegnen. Man habe, sagte Dr. Shiels, oft behauptet, daß die Verpflichtungen der britischen Regierung positiv, während diejenigen gegen die Araber negativ seien. Die britische Regierung hält diese Art Einwendungen für gefährlich und ist der Ansicht, daß es i m wahren Interesse des jüdischen Nationalheims gelegen ist, daß der nichtjüdische Teil der Bevölkerung das Gefühl hat. daß die Mandat'armacht auch um sein Wohl besorgt ist. Der Enderfolg wird keineswegs von der Haltung der Regierung abhängen, sondern von dem Willen der beiden Bevölkerungselemente zur Zusammenarbeit. Die arabischen Führer müssen so handeln, daß Ereignisse wie die vom letzten August niemals wiederkehren. Die britische Regierung ist vernünftigen Argumenten zugänglich, sie hat aber kein Verständnis für Taten, die mit der Zivilisation unvereinbar sind. Anderseits müßten die jüdischen Führer verstehen, daß man demjenigen, der feierliche Verpflichtungen übernommen hat. mehr Kredit geben soll. Die Juden der Welt sollten auch wissen, daß die Mandatarmacht die Errichtung eines jüdischen Heimes in Palästina, nicht aber eines jüdischen Staates übernommen hat. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß Anlaß besteht, hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Genf, 11. Juni (I. T. A.). Ueber die Sitzung der Mandatskommission am 10. Juni wird offiziell mitgeteilt: Die Mandatskommission ging nach Beendigung der Prüfung der Ereignisse in Palästina in den Monaten August und September 1929 zur Diskussion des Jahresberichtes der Mandatarmacht für das Gesamtjahr 1929 betreffend die Verwaltung in Palästina und Transjordanien über. Seitens der britischen Regierung waren der Generalsekretär des Oberkommissariats in Palästina, Herr Luke, und Herr CI a u s o n vom Colonial Office anwesend. Die Vertreter der Mandatarmacht gaben der Kommission ergänzende Mitteilungen über die Bodenverhältnisse, das Rechtssystem, die gleiche Behandlung in wirtschaftlicher Hinsicht, die Arbeiten am Bau des Hafens in Haifa, die Tote Meer- Konzession, den Handel und die Wirtschaftslage in Palästina und Transjordanien, die Verhältnisse im Unterrichtswesen, in der öffentlichen Gesundheit, in den Finanzen, im Handel mit Rauschgiften usw. Die Kommission schritt sodann an die Ausarbeitung eines Berichts über die Ergebnisse ihner außerordentlichen Session an den Rat de-s ^Völkerbundes. Verfängliche Fragen. Die Pariser Presse berichtet aus Genf: Der französische" Vertreter in der Mandatskommission richtete an den britischen Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Drummond Shiels die Frage, wieso es möglich war. daß der im Jahre 1920 wegen Rebellion verurteilte Jerusalemer Mufti heute ein Gehalt von der britischen Regierung bezieht und ungehindert eine Propaganda gegen Frankreich unter den syrischen Mohammedanern entfalten darf. Es ergibt Feuilleton Jüdisches auf der Dresdner Hygiene-Ausstellung. Vor kurzem sind in Dresden die von fast allen Ländern der Welt beschickte Internationale Hygiene-Ausstellung und das Reichs- Hygiene-Museum feierlich eröffnet worden. Die jüdischen Gesundheitsorganisationen Ose-Toz und die dem Agro-Joint angeschlossene Medizinische Kommission Joint-Ose vertreten auf der Internationalen Hygiene- Ausstellung das Werk der Selbsthilfe der jüdischen Bevölkerung Osteuropas auf dem Gebiete der Hygiene. Im Verlaufe des Weltkrieges und unmittelbar darnach entwickelten die Ose- und Toz-Gesellschaften mit Unterstützung des American Joint Distribution Com-' mittee in Osteuropa eine umfangreiche Tätigkeit auf dem Gebiete der medizinischen Hilfe. Schon damals beschränkten sie ihre Arbeit nicht allein auf die ärztliche Hilfeleistung und Krankenunterstützung, sie verfolgten vielmehr von Anbeginn das Ziel, die physischen, und somit auch die psychischen Kräfte der jüdischen Bevölkerung zu stärken und Krankheiten vorzubeugen. Je weiter das Leben in geordnetere Bahnen kam, desto mehr Aufmerksamkeit konnten die Gesellschaften der Hebung des hygienisch-kulturellen Niveaus der lüdischen Massen widmen. In den letzten Jahren wird diese Tätigkeit bei den meisten Abteilungen bereits planmäßig durchgeführt Auf der Ausstellung werden die erzielten Erfolge in Diagrammen, Diapositiven, Photographien, Karten und Modellen verschiedener Anstalten anschaulich dargestellt. Es ist einer privaten Organisation selbstverständlich unmöglich, einen eigenen Pavillon von größeren Ausmaßen zu errichten, um ihre Tätigkeit gebührend darstellen zu können, doch wird hier in verhältnismäßig bescheidenen Raumausmaßen eine Fülle von Material vorgeführt . Der Umfang der Arbeit wird durch eine große Landkarte Osteuropas veranschaulicht auf der im Relief sämtliche Anstalten der Ose- und Toz-Gesellschaften in all den Ortschaften, 96 an der Zahl, dargestellt sind, wo Abteilungen der Gesellschäften tätig sind. Es sind insgesamt 416 Anstalten, von denen die überwiegende Mehrzahl — 257 — der Kinderfürsorge gewidmet sind; hiervon dienen 51 dem Säuglings- und Mutterschutze; 27 der Bekämpfung der Rachitis; 85 der schulmedizinischen Fürsorge und 84 sind Sommerkolonien und Halbkolonien. Auch in den übrigen Anstalten, wie zahnärztliche Stationen, Polikliniken, Tbc-Dispansaires, nimmt die Kinderfürsorgearbeit einen breiten Raum ein. Besonders dicht ist das Netz der Anstalten in Litauen, Polen und Bessarabien, wo auch in den kleineren Ortschaften intensiv gearbeitet wird. Auf derselben Karte sind auch die Anstalten des Agro-Joint in der Sowjetunion dargestellt Wo die Tätigkeit sich auf 61 Städte in der Ukraine und Weißrußland erstreckt und ca. 150 Anstalten umfaßt. Die nächste Tabelle veranschaulicht die Ergebnisse der Gesundheitsarbeit im Jahre 1929. Man ersieht aus ihr, daß während dieses Jahres. 9329 Säuglinge betreut wurden, was mit 85.000 Besuchen verbunden war; über 900.000 Flaschen Milch und 50.000 Kilogramm Nahrungsmittel wurden an Säuglinge verteilt; rund 7300 rachitische Kinder befanden sich in Behandlung; unter dauernder schulmedizinischer Aufsicht standen ca. 60.000 Schulkinder aller Altersgruppen; 9600 Kinder hielten sich in den Sommerkolonien auf; zahnärztliche Hilfe erhielten 16.000 Kinder; etwa 9000 Kinder wurden mit Röntgenstrahlen behandelt hiervon rund 4300, die an Haarkrankheiten litten. Insgesamt werden über 100.000 jüdische Kinder in Polen, Litauen, Lettland und Rumänien von Ose und Toz systematisch betreut. Eine gleiche Arbeit,- in mancher Hinsicht sogar eine bedeutendere, leistet die medizinische Kommission des Agro-Joint in der Sowjetunion, deren Tätigkeit auf einer besonderen Tabelle dargestellt ist Ihre Anstalten wiesen im Jahre 1929 1,350.000 Besuche auf, von denen etwa ein Drittel auf Kinder entfällt Im Verlaufe einer fünfjährigen intensiven Tätigkeit wurden rund 26.000 Kinder, die an parasitären Haarkrankheiten litten, geheilt Eine weitere Tabelle veranschaulicht den inneren Aufbau der Ose- und Toz-Gesellschaften. Im Jahre 1929 ' existierten 11 Landesverbände mit 103 Abteilungen and rund 25.000 Mitgliedern. Wie sich die Tätigkeit der Gesellschaften auswirkt, das drückt am deutlichsten ein Diagramm der Säuglingsfürsorge in Chisinau (Kischinew, Beßarabien) aus. Während die durchschnittliche Sterblichkeit der Säuglinge in der Stadt Chisinau, infolge der Verschlechterung der allgemeinen Lebensverhältnisse, in den Jahren 1927 bis 1929 auf 10 von 100 gestiegen ist ist sie in der gleichen Zeitperiode bei den unter Aufsicht der Fürsorgestellen der Chinsinauer Abteilung der Ose stehenden Säuglingen von ca. 6 auf 4 vom 100 gefallen. Dies ist wohl der beste Beweis dafür, welch ein mächtiges Mittel die Säuglingsfürsorge im Kampfe gegen die Säuglingssterblichkeit darstellt Die Bedeutung der Schulhygiene wird durch ein Diagramm, das die Erfolge der schulmedizinischen Aufsicht in Kowjio darstellt, hervorgehoben. Durch planmäßige Arbeit sind die im Osten stark verbreiteten Erkrankungen an Trachom, Favus u. a. auf ein Minimum reduziert worden. Eine Reihe Diapositive in einer besonderen Vitrine bringt bildliche Darstellung verschiedener Ose- und Toz-Anstalten. Zwei besonders wichtige Anstalten — das Gesundheitshaus der Kownoer Abteilung der Ose und das Tuberkulose-Sanatorium der Bialystoker Abteilung der Toz — sind in großen Modellen dargestellt Beide Gebäude, erst in den letzten Jahren erbaut, sind in modernen Formen gestaltet und mit viel Licht und Luft und großen flachen Dächern, die als Sonnen- und Luftbäder dienen. Auch die Inneneinrichtung entspricht in jeder Beziehung den modernsten wissenschaftlichen Anforderungen. Das Kownoer Dr. S. Frumkin-Gesundheitshaus, in dem die wichtigsten Anstalten der Ose untergebracht sind, bildet das Zentrum der Gesundungstätigkeit der Ose in Litauen. Zu erwähnen sind noch die zahlreichen Broschüren; Flugblätter, Plakate, Zeitschriften und auch andere Veröffentlichungen der Ose und Tod in jiddischer Sprache, die der sanitär-hygienischen Aufklärung und Propaganda dienen. Aus einer Tabelle ist zu ersehen, daß in den letzten fünf Jahren über eine Million Exemplare von Werken hygienisch-sanitären Inhalts unter der jüdischen Bevölkerung Osteuropas verbreitet wurde. Was die Propaganda in Wort anbetrifft, so haben allein im Jahre 1929 ca. 1900 Vorträge, Volksversammlungen usw. stattgefunden, die . von rund 120.000 Personen besucht waren. Uta.)

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