Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 25 (20.6.1930)
- Date
- 1930-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen rnei n Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden' und den Ämtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien mininiiiiiiiiiiiniinniiira unamaue imnmnumminuiimi Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 20. Juni 1930 Nummer 25 Die Ereignisse in Palästina R e f c r a t, gehalten von Dr. Ernst Feldsberg am 5. Juni 1930. 11. Nach den blutigen Ereignissen der Augusttage des Vorjahres sah sich England veranlaßt, eine Untersuchungskommission nach Palästina zu schicken, die sich mit der Schuldfrage zu beschäftigen hatte und die überdies Vorschläge machen sollte, auf welche Weise künftighin ähn- \ liehe Ereignisse in Palästina verhindert werden Könnten. Die Untersuchungskommission hat vor allem festgestellt, daß die Schuld an den Morden in Palästina einzig und allein die Araber treffe, die, verhetzt und erbittert gegen die Juden, mit den Feindseligkeiten begonnen hatten. Die tieferen Gründe dieser Unruhen sind natürlich nicht, so berichtet der Untersuchungsausschuß, in irgendeinem zufälligen Ereignis zu suchen, das die blutigen Vorgänge in Palästina auslöste, sondern in wirtschaftlichen und sozialen Problemen, deren Untersuchung und Ueberprüfung allein die Gewähr dafür bieten wird, den richtigen Weg zu finden, künftighin ähnliche Ereignisse zu verhindern. Mit drei wichtigen Problemen befaßt sich der Untersuchungsbericht, die in Kürze anzuführen versucht werden soll. Die Untersuchungskommission stellte fest, daß bisher der allgemeinen Organisation der jüdischen Arbeiter Blanko-Zertifikate übergeben wurden, auf Grund welcher die Einwanderung nach Palästina ermöglicht sein sollte. Diese Blanko-Zertifikate wurden nun nicht nach wirtschaftlichen Grundsätzen an solche Arbeiter ausgegeben, die zu der ihnen obliegenden Arbeit befähigt waren, sondern es wurde vor allem auf das politische Glaubensbekenntnis des Arbeiters Wert gelegt. Man sollte glauben, daß gerade die Juden in der Welt gelernt haben müssen, wie traurig es ist, die Menschen nicht nach ihrer Fähigkeit, sondern nach ihrer politischen Einstellung zu beurteilen. Und gerade die Juden, die unter diesem System so viel zu leiden haben, bedienen sich in Palästina derselben Mittel, nur um eine politische Idee zu fördern, ohne Rücksicht darauf, ob dadurch nicht in höherem Sinne dem Lande, das sie als Heimstätte gründen wollen, geschadet werde. Die Ueberschwemmung eines Landes mit Arbeitern, welche die Wirtschaft nicht verträgt, ist vom ökonomischen Standpunkte unter allen Umständen abzulehnen. Es ist der palästinensischen Wirtschaft sicher nicht geholfen, wenn ohne Rücksicht auf die Aufnahmsfähigkeit des Landes die Einwanderung immer mehr gefördert wird. Ein Heer von Arbeitslosen wird dadurch geschaffen, welche eine Gefahr für den rationellen Aufbau des Landes bedeuten müssen. Allerdings hat Chaim Weizmann recht, wenn er sagt: „Ohne Menschen und ohne Boden gibt es kein nationales Hei m." Allein gegen die eisernen Grundsätze der Wirtschaft kann auch der begeistertste Idealist nicht kämpfen. Vielleicht ist es notwendig, die Einwanderung zu beschränken, selbst auf die Gefahr hin, dem Selbstbewußtsein der palästinensischen Arbeiter wehe getan zu haben. Allein das hohe Ziel, welches die Einwanderungsbeschränkung erfordert, muß eben diesen persönlichen Kränkungen vorangestellt werden. Hand in Hand mit der Einwanderungsfrage geht die Frage der Bodenreform. Es ist wohl das Gefährlichste, in einem feudalen Staate ein landloses Bauernvolk zu schaffen. Es genügt nicht, den Arabern das Land abzukaufen, man muß gleichzeitig dafür sorgen, ihnen anderes Land zu geben, denn das Geld, das der Araber für sein Land bekommen hat, versteht er nicht zu verwerten, er verbraucht es und wird in kurzer Zeit dazu gezwungen, sich selbst einen anderen Lebensunterhalt zu suchen, den er nicht finden kann. Denkt man nur daran, daß die Forderung der „nur jüdischen Arbeit" die Lebensmöglichkeit dieser landlosen Bevölkerung beeinträchtigt, eventuell unmöglich macht, so begreift man, daß jede Hetze, von welcher Seite sie auch immer kommt, bei diesen Menschen auf fruchtbaren Boden fällt. Es wäre allerdings möglich, durch intensive Bewirtschaftung des den Arabern gehörenden Grundes die Lebensmöglichkeit für mehrere Araber auf demselben Boden zu schaffen, auf dem bisher nur ein einziger gewirtschaftet hat. Eine solche Besserung der Bewirtschaftung ist aber nur dann durchführbar, wenn genügende Geldmittel vorhanden sind, um die Wirtschaft auf moderne Grundsätze umzustellen. Wie viel Zeit ist notwendig, um die Früchte einer solchen Arbeit zu sehen. Wie viel Geld ist notwendig, um eine solche Arbeit zu ermöglichen. Unbeantwortet wird natürlich die Frage bleiben, wer in einem Lande, um dessen Besitz konfessionelle Kämpfe geführt werden, Investitionen machen wird, die nur dann von Erfolg sein können, wenn ihre Durchführung durch langfristige Anleihen ermöglicht wird. Die Regelung der Einwanderungsfrage und die Durchführung einer Bodenreform können nur dann mit Aussicht auf Erfolg in Angriff genommen werden, wenn die politische Ruhe im Staate wiederhergestellt wird. Um dies zu ermöglichen, muß unbedingt das Problem der Selbstverwaltung in irgendeiner allen Teilen passenden Weise gelöst werden. 83 Prozent Araber und 17 Prozent Juden stehen einander gegenüber. Es ist sicher das schwierigste Problem, diese beiden Größen auf einen Nenner zu bringen. Der Bericht der Untersuchungskommission hat Fragen angeschnitten, deren Studium der Mühe wert ist. Es wird dem Lande damit sicher nicht geholfen werden, wenn Protestversammlungen veranstaltet werden, es kann dem Lande nicht geholfen werden, wenn ohne Rücksicht auf die wirkliche Situation, ohne Rücksicht auf die politische Lage ein aussichtsloser Kampf der Ideen geführt wird. Das Streben nach der Selbstverwaltung hat gerade bei den Arabern in den letzten Monaten konkretere Formen angenommen. Während die Araber früher die Möglichkeit hatten, 6 Abgeordnete in das ottomanische Abgeordnetenhaus zu entsenden, stehen ihnen heute diesbezüglich im englischen Unterhause keine Rechte zu. Die allindischmoslemitische Konferenz hat daher beschlossen, am 16. Mai einen Palästinatag der gesamten mohammedanischen Bevölkerung zu veranstalten; 75 Prozent der Arbeiter legten die Arbeit nieder, alle Geschäftsleute schlössen ihre Läden und es wurden in Bombay sowie in Jerusalem in erregten Protestversammlungen die Selbstverwaltung, die Beseitigung der Balfour-Deklaration und die Aufhebung des Mandates gefordert. Als Antwort darauf veranstalteten die Juden in l'aläsiina am 22. Mai einen halbtägigen Proteststreik gegen die Sistierung der Einwanderungszertifikate. Durch diese Streiks, durch diese Protestkundgebungen wird wohl wenig für die Wirtschaft des Landes und für die Lösung der Palästinafrage getan werden. Die Araber gingen noch weiter. Sie entsendeten eine Delegation nach London, welche eine durchgreifende Aenderung der Verfassung, vor allem aber die Selbstverwaltung forderte. Die Kommission fand in England nicht jenes Entgegenkommen, auf das sie rechnete. England beharrte auf der Durchführung des Mandatsauftrages und wies die Forderungen nach einer konstitutionellen Verfassung als zu weitgehend zurück. Die Delegation kehrte, man kann wohl sagen, unverrichteter Dinge in die Heimat zurück. Die Antwort auf die Ablehnung Englands war ein Aufruf der Araber nachfolgenden Inhaltes: „Wenn wir bis jetzt einzig und allein die Zionisten bekämpften, so ist es nun Zeit. England als unseren Feind anzusehen. Wir ersuchen die englische Regierung dringend, unsere Forderungen zu erfüllen. Wir werden mit friedlichen Mitteln kämpfen. Achtung, Araber, Euer Fall kann nur in Palästina gelöst werden! Achtung, Moslemiten, das Heilige Land ist in Gefahr! Achtung, Christen, England will den Juden das Heilige Land, in dem Christus durch Juden gekreuzigt wurde, schenken! Wir Moslemiten haben alles, was wir vermögen, getan; jetzt müßt Ihr Christen an unseren Anstrengungen teilnehmen!" Die Engländer mußten nach Kenntnisnahme dieses Aufrufes erkennen, daß es den Arabern sehr ernst um die Sache war. Sie mußten verstehen, daß der Aufruf der gesamten Christenheit zur Teilnahme am heiligen Kriege gegen englische Politik im übertragenen Sinne ein Aufruf zum heiligen Kriege gegen ihre jüdische Politik sei. England wurde gezwungen, sich mit dem arabischen Problem in Palästina eingehend zu befassen, um zu verhüten, daß England als Vorkämpfer jüdischer Politik hingestellt werde. Dazu kam noch, daß England, in dem schweren Kampfe gegen die von Ghandi in I ndien heraufbeschworenen Unruhen sich nicht mit den Mohammedanern, die ja die Gegner der Indier sind, verfeinden darf. So kam es, daß England eines schönen Tages die bereits ausgegebenen Einwanderungszertifikate'für jüdische Einwanderer mit der Begründung zurückzog, daß erst eine neuerliche Ueberprüfung der Bodenverhältnisse in Palästina stattfinden möge. England hat durch diesen Schritt deutlich bewiesen, daß es gewillt ist, seiner eigenen Politik die jüdische Politik in Palästina hintanzusetzen. Die Maßnahmen Englands in dem letzten Jahre müssen wohl allen Juden gezeigt haben, daß England in Palästina englische und nicht jüdische Politik betreibe. Das Verhalten Englands hat bewiesen, daß alle diejenigen, welche immer wieder die Jüdischnationalen davor warnten, alles auf die englische Karte zu setzen, leider nur zu recht hatten. Die allgemeine politische Entwicklung in Palästina hat gezeigt, daß die Schaffung des jüdischnationalen Heims von England zwar gewünscht, aber keinesfalls bisher so durchgeführt wurde, wie es von zionistischer Seite propagiert und gefordert wurde. Es ist Pflicht aller Juden