Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT!»! ,i ,5;!»; Ii!1 i'i'i Ii Ii. m iÜi ■'W ■\< il; I llr 'jS* ■fii". >fÜ' :'lä -)l Ii' •Ii dieses nur eine Politisierung der Kuitusstnbe in radikalem Sinne herbeiführen könne. Präsident Dr. Jakob Ornstein erwiderte sofort auf die Interpellation des Vonredners an das Präsidium der „Union". Er betonte zunächst, daß seine einleitenden Bemerkungen keines besonderen Dankes bedurft hätten, denn die Teilnahme an den furchtbaren Geschehnissen in Palästina sei eine in der Judenschaft ganz allgemeine. Er schilderte, wie er im August des Vorjahres als geschäftsführender Präsident allein die schweren Vorarbeiten für die große Protestversammlung und die Sammlungen anJäßlich' der damaligen Unruhen im Heiligen Lande geleitet hätte. Er erklärte es als unerfindlich, wogegen man jetzt protestieren solle, denn der Berächt entspricht doch den Tatsachen, dagegen nützt keine Protestversammlung, vielmehr muß man beraten, wie den Juden in Palästina zu helfen ist. Auch Börserat I. Glück entkräftete glänzend die Argumente des zionistischen Redners, insbesondere dessen Bemerkungen bezKüglich der kritischen Ausführungen seiner eigenen Person. Er stellte fest, daß der Tenor seiner Rede ganz klar den war, daß es in Palästina nicht so weitergehen könne wie bisher und daß insbesondere alle jüdischnationalen Aspirationen in Oesterreich endlich aufhören müssen. Obermed.-Rat Dr. Heinrich Haase kritisierte in geistreicher Weise den jüdischen Nationalismus, der den Palästinaaufbau nur geschadet habe und für die Juden in Europa von größter Gefährlichkeit sei. Er zeigte dies an mehreren Beispielen einzelner Länder auf, in denen die Juden emanzipiert sind, d. h. die Christen sich durch diese Emanzipation aus dem Mittelalter emanzipiert haben. Wir Juden besitzen die Kultur der Länder, in denen wir leben, dazu noch unsere tausendjährige Geschichte. Deshalb sind Juden überall hervorragend tätig, der NationaJismus aber zerstört das Judentum. Präsident Dr. J. Canstein schloß hierauf die sehr gelungene Veranstaltung. Wahrheiten vom Ja&e Die Kritik sei frei! Wir erhalten folgende Zuschrift: Ich habe mit großem Interesse die Polemik verfolgt, die Hanns Saßmann mit verschiedenen jüdischen Kritikern reichsdeutscher Blätter geführt hat und die ihren Höhepunkt mit seinem im „Neuen Wiener Journal" veröffentlichten „Offenen Briefe" erreichte, der auch in Ihrem geschätzten Blatte kürzlich glossiert wurde. Ich stimme mit Hanns Saßmann vollkommen darin überein, daß er sich entschieden gegen die „Attacken auf die religiöse Sphäre des Christentums" wendet, und glaube, d(aß diese Attacken von keinem selbstbewußten Juden gebilligt werden können. Solche Juden würden diese Art von „Zersetzung des religiösen Gefühlswelt des Christen"- tums", um mit Saßmann zu sprechen, ebenso rückhaltslos verurteilen, wie wenn „gleiches gegen die religiöse Sphäre des Judentums geschähe." Hanns Saßmann irrt eben, wenn er meint, daß das bisherige Fehlen von Stücken, in denen jüdische Religionsbegriffe herabgesetzt werden, ein Beweis dafür sei, daß aufrechte Juden die Stücke, „in denen mit den religiösen Vorstellungen des Katholizismus Spaß getrieben wird", auch schon gutheißen. Daß wir mit Machwerken, in denen jüdische Bräuche verspottet werden, bisher glücklicherweise — wie lange noch? — verschont blieben, mag seinen Grund darin haben, daß dies noch nicht der maßgebenden „Mode" entspricht. Momentan sind aber, was gewiß nicht scharf genug verurteilt werden kann, — einem verderbten Zeitgeschmack folgend — derartige pamphletische Stücke leider in Schwang und die Kritik muß sich mit ihnen nolens, volens vom rein künstlerischen Standpunkt befassen. Sie tut dies meines Erachtens ganz unbeeinflußt von dem Umstand, ob der betreffende Kritiker Jude oder Nichtjude ist, und so soll es auch sein. Ich habe für die Richtigkeit meiner Ansicht gewissermaßen ein exemplum ex contrario. Den Ausgangspunkt der Polemik Hanns Saßmanns bildete bekanntlich die Wiener Aufführung des Theaterstückes „D e r Lügner und die Nonne", gegen das Saßmann wegen „Verwendung von kirchlichem Orgelspiel, betenden Nonnen und katholischen Religionsbegriffen zur flachsten Volksbelustigung von der Bühne herab" kritisch Stellung genommen hatte. Was schrieb nun über dieses von Saßmann so scharf verurteilte Stück die hier doch sicherlich einwandfreie christlichsoziale „R e i c h s p o s t"? Man höre und staune: „Die Komödie ist gewiß nicht bös gemeint und richtet sich in ihrer Tendenz, soweit sie überhaupt eine hat, keineswegs bewußt gegen kirchliche Einrichtungen oder religiöses Empfinden, wie wir dies in der letzten Zeit mehrfach erleben mußten und stets mit Lederhandschuhfabrik Josef TjasCmger 1., Rotenturmsfraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 genügender Entschiedenheit aufzeigten." Nochmals, man möge mich nicht mißverstehen: Ich will mit der Anführung dieser wohlwollenden Kritik eines Blattes, das meiner Meinung nach von Partei wegen mehr Grund zur Aufregung gehabt hätte als der Dichter Saßmann, keineswegs der Verhöhnung von Religionsbegriffen von der Bühne herab das Wort reden, allein ich muß mich dagegen aussprechen, daß die Kritik solcher Stücke irgendwie von dem Umstände beeinflußt sein soll, ob der Rezensent Jude oder Nichtjude ist. Die Kritik soll frei sein, auch von religiösen und politischen Momenten, selbst im Oesterreich des Jahres 1930, in dem die Zensur eine so peinlich strenge wurde. Dr. H. G. Beschimpfung von Religionsgesellschaften. Im Strairechtsausschuß des deutschen Reichstages wurde ein Antrag angenommen, der die Bestimmungen über Beschimpfung von Religionsgesellschaften neu regelt. Die neue Fassung soll lauten: „Wer öffentlich eine im Reiche bestehende Religionsgesellschaft des öffentlichen Rechtes in gemeiner Weise beschimpft, wird mit Gefängnis bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Die Tat wird nur auf Verlangen der beteiligten Religionsgesellschaften verfolgt." Neuer Kurs unter König Carol? Dieser Tage empfing der neugewählte König von Rumänien Carol die Vertreter der ausländischen Presse. Ueber seine Haltung gegenüber dem Antisemitismus befragt, erwiderte der König, zu seinem Bedauern bestehe diese Frage in Rumänien leider noch immer. Aber das rumänische Volk sei tolerant und wenn eine kleine (?) antisemitische Gruppe in Rumänien existiere, so handle sie weder im Sinne der Regierung noch im Sinne des Volkes. Diese Erklärung läßt für die Zukunft des rumänischen Judentums vielleicht doch eine Besserung erhoffen. Berlin lehnt das Schächtverbot ab. Im Haushaltsausschuß der Stadt Berlin kam ein Antrag der Nationalsozialisten zur Abstimmung, der eine Einführung des Schächtverbotes für Berlin forderte. Für den Antrag stimmten nicht nur die Nationalsozialisten und die Deutschnationalen. sondern auch die Deutsche Volkspartei und die W i r t s c h a 11 spartei. Der Antrag wurde jedoch mit den Stimmen des Zentrums, der Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten abgelehnt. Das bayerische Antischächtgesetz verkündet. In der letzten Nummer des bayrischen Gesetz- und Verordnungsblattes (Nr. 15) ist das vom Landtag beschlossene Gesetz über das Schlachten von Tieren mit Wirkung vom 1. Oktober« 1930 verkündet. Gleichzeitig gibt das Innenministerium die: Ausführungsbestimmungen bekannt, in denen es heißt: Unter Schlachten ist jede Tötung eines Tieres zu verstehen, bei der eine BJmtenfziehung stattfindet. Mit der Blntentziehunc darf erst nach vorausgegangener vollständiger Betäubuntr begonnen werden. Infolgedessen darf auch der Halsschnitt für das rituelle Schlachten erst dann vorgenommen werden, wenn das Schlachttier vor dem Schächtschnitt vollständig betäubt ist. Die Tiere dürfen erst dann in den SchlacTirraum gebracht werden, wenn alle Vorbereitungen zur sofortigen Abschlachtung getroffen sind; auch dürfen die Tiere erst unmittelbar vor der Betäubung gefesselt werden. In Schlachtbetrieben, in denen jährlich mindestens 100 Großtiere oder 200 Kleintiere geschlachtet werden, darf nur mit besonderen (mechanischen) Apparaten betäubt werden. Bei den ißbriigen Schlachtungen ist der KopfscMag bis auf weiteres noch gestattet. ...luden sollen draußen bleiben!" Im Thüringer Landtag wurde ein nationalsozialistischer Gesetzantrag beraten, der in Thüringen das rituelle Schächten unmöglich machen soll. In der Aussprache erklärte der national- Rerbetundvepbpisitet.DieWaliPliBit"! MMMMM IMM \mmm' sozialistische Fraktionsführer Sauckel u. a.: „Wenn die Juden künftig das Land Thüringen und seine Bade- und Kurorte meiden würden, hätten die Nationalsozialisten das erreicht, was sie wollten. Die Juden sollen draußen bleiben." Auch aus anderen nationalsozialistischen Reden ging hervor, daß für den Schächtverbötsantrag nicht Interessen des Tierschutzes, sondern lediglich Judenhaß maßgebend war. Das thüringische Staatsministerium hat dem Gesetzentwurf über Tierschutz zugestimmt, der das Schächten ohne vorangegangene Betäubung unter Verbot stellt Wie es heißt, ist der Beschluß nicht einmütig gefaßt worden. Die Regierungsvorlage wird in diesen Tagen dem Landtag zugehen. Es scheint, daß im Landtag eine Mehrheit für eine solche Vorlage nicht vorhanden ist. Die thüringische Judenheit an den Reichsinnenminister. Die thüringische Israelitische Religionsgemeinschaft richtete durch die israelitische Religionsgemeinde in Gera an den Reichminister des Innern, Dr. Wirth, das folgende Schreiben: „Die Empörung einer beleidigten Glaubensgemeinschaft ruft Ihre Ueberparteilichkeit als Reichsminister, Ihren Gerechtigkeitssinn in konfessionellen Fragen, Ihre Menschlichkeit als Menschen an. Minister Dr. Fr ick hat in amtlichen Aeußerungen den deutschen Juden die Fähigkeit der Einordnung in das Wohl der Gesamtheit und somit alle staatsbürgerlichen Tugenden abgesprochen, die sie nicht nur als zufällige Glieder des deutschen Volkes, sondern auch aus innerster Schicksalsverbundenheit zu erfüllen und zu erhöhen gewillt sind. Wir wissen, daß wir einen Mann, selbst im Range eines Ministers, der in wahnähnlichen Ideologien befangen ist, für ebensolche Handlungen kaum zur Verantwortung ziehen können. Ebenso wenig brauchen wir die Gesamtheit der Juden,, die sich in schweren Krisen der Tragik des deutschen Volkes würdig erwies, gegen die Anwürfe dieses Ministers zu verteidigen. Wenn Regierung und Parlament eines Landes in völliger Zersplitterung versagen, bleibt uns die letzte Hoffnung der Intervention in verfassungswidrige, noch nie erlebte Vorgänge das deutsche Reich! Die Wahrung unserer Menschenwürde im Kampf gegen Haß, Niedrigkeit und Verleumdung ist uns allein überlassen, den Schutz unserer verbrieften Bürgerrechte erwarten und fordern wir von Ihnen, Herr Minister." Was tut der Centrai-Verein? Die Berliner „C. V.-Zeitung" schreibt: „Der Centrai-Verein arbeitet in engstem Zusammenhange mit seinen thüringischen Freunden in allen die deutschen Juden angehenden Fragen, die der thüringische Innenminister aufgeworfen hat. Alle entsprechenden Maßnahmen, die der Tag erforderte, sind ergriffen. Wir werden uns außerdem in einer Sondernummer der Monatsausgabe der „C.-V.-Zeitung" in Zehntausenden von Exemplaren an thüringische Mitbürger wenden, um den Verleumdungen des Ministers vom „art- und volksfremden Judentum" sowie vom „zersetzenden jüdischen Geist" die nötige Antwort zu geben. Am Dienstag, den 17. Juni, werden wir in einer großen Kundgebung im Berliner Herrenhaus ebenfalls Herrn Dr. Frick sagen, welche Empörung das deutsche Judentum in seiner Gesamtheit über seine Ausfälle ergriffen hat Auch in Thüringen selbst werden wir nicht schweigen. Unsere Freunde in Berlin und im Reiche können versichert sein, daß wir in diesen schweren Zeiten pflichtgemäß auf dem Posten sind in dem Bewußtsein, von jedem deutschen Juden moralisch in unserer Haltung und unserer Arbeit gestützt zu werden." Eine Mahnung Ludwig Holländers. Dr. Ludwig Holländer, Direktor des Centrai- Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, schreibt in der „C.-V.-Zeitung": „Gewisse Vorgänge in dem Verein für das Deutschtum im Auslande und jetzt auch im Sudetendeutschen Heimatsbund beweisen, wie völkischer Chauvinismus immer mehr um sich greift. Der Verein für das Deutschtum im Auslande ist in seinen reichsdeutschen Abteilungen zweifellos von dem Willen beseelt, jedem Deutschen, gleichviel welcher Religion und welcher Abstammung, freie Betätigung und zielbewußte Mitarbeit für seine guten Ziele zu gewähren. Soweit seine außerhalb des Deutschen Reiches liegenden Gruppen in Frage kommen, sind sie zum entscheidenden Teile chauvinistisch eingestellt und sehen in dem Juden nur den Gast im deutschen Wirtsvolk. Wir wissen von einer Reihe von Männern und Frauen, die im V. D. A. und im Sudetendeutschen Heimatsbund führend sind, daß sie diese völkische Einstellung außerordentlich bedauern und ihre Ueberwindung unbedingt erstreben. So lange es unsere Ehre und unsere Menschenwürde gestatten, wollen wir an den Aufgaben dieser Organisationen mit Freuden wirken. Wir müssen aber im Interesse der Aufgaben dieser Venbände fordern, daß mit dieser Abstammungsschnüffelei endlich einmal ein Ende gemacht wird. „Gedenke, daß du ein Deutscher bist", bedeutet etwas ganz anderes, als viele dieser „arischen" Auslandsdeutschen meinen." Ein gerechtes Testament. Dem Belgrader „Politika" zufolge hat ein vor kurzem verstorbener Senbe pravoslawen Glaubens 300.000 Dinar der jiüdischen Gemeinde von Belgrad vermacht Im Testament heißt es: Ab Kaufmann habe ich mit Hilfe meiner jüdischen Brüder ein Vermögen erworben. Es ist nur recht und billig, wenn auch die jüdische Gemeinde einen Teil davon erhält. Die Märtyrerin von Tisza Eszlar gestorben. In Budapest starb hochbetagt Frau Josef Scharf, die vor ungefähr 50 Jahren im Ritualmordprozeß von Tisza Eszlar auf Grund der falschen Aussagen ihres damals 12jährigen Stiefsohnes Moritz Scharf zusammen mit ihrem Gatten wegen Ritualmordes unter Anklage gestellt und zunächst verurteilt wurde. Moritz Scharf ist bekanntlich im vorigen Jahre als zu seinem Glauben zurückgekehrter Jude in Amsterdam gestorben. ■im