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Die Wahrheit · 1930-06-13 · Heft 24 (13.6.1930) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 24 (13.6.1930)
Date
1930-06-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 ~k GROSSFLEISCH HAUEREI II1GM, KORNMEHL laHBMMMMHMBHMHHa^M WIEN IX., BBIHIOJU» NR. 19 FILIALE ■ XVIII., WANRINaiRSIRASSB »7 Telephon Nr. A 17-349and A 18-9-34 Lieferant fOr lUiimwtalte» AbteilungetiffirKoscherfleiscIi unter Aufsieht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kaltmaemeind* Wim. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Reichspräsidenten Hindenburg ausgezeichneter Held in Ungarn seit zwölf Jahren darauf verzichten muß, daß die Verdienste gewürdigt werden, die er sich um sein Vaterland erworben hat, so gereicht dies der ungarischen Nation keineswegs zum Vorteil- Ich bitte um die Unterstützung des hohen Hauses, daß dieser Schmerz unserer Konfession gemildert werde. (Lebhafte Zustimmung links.) Zu dem Thema sprach noch der parteilose Abg. Sziilagyi, der behauptete, ungarische Juden hätten den Heldenorden in der brutalsten Weise angegriffen und dadurch die Lage jener Männer erschwert, die dar Auffassung waren, daß auch jüdische Kriegshelden in den Heldenorden aufgenommen werden müssen. Betrachtet man die Zahl dar iüldischen Reserveoffiziere, so wird man einen sehr günstigen Prozentsatz für die Dienste der Juden an der Front herausbilden können. Es ist aber die Ansicht eines jeden Christen, daß das Prinzip der Gleichheit dort, wo die Macht sich in den Händen der Juden befindet, nicht zuin Geltung kommt. Auf Sandors Frage, wo sich denn die Macht in den Händen der Juden befindet, erwiderte Szilagyi, die Mehrheit der Zeitungen befindet sich in den Händen der Juden, ebenso haben die Juden auch die Führung im Wirtschaftsleben inne. Im übrigen meinte Szilagyi, daß auch Juden in den Heldenorden aufgenommen werden sollen. Der Antisemit Kontra gab ebenfalls zu, daß es unter den Juden viele gegeben hat, die im Kriege ihre Pflicht getan haben, er zweifelte aber die Zahlen Sandors an und behauptete, ein riesiger Prozentsatz des Nationalvermögens befinde sich in jüdischen Händen. Es sei darum die Erbitterung gegen die Juden begreiflich. Abg. Dr. Hegymegie Kiß (Kb. Opposition) bezeichnete es als ein Verbrechen, wenn die Ungarn unter sich Unterschiede machen. Es sei nur recht und billig, daß die Pforten des Heldenordens auch für jüdische Helden geöffnet werden!. In seiner die Budgetdebatte abschließenden Rede erwiderte Ministerpräsident Graf B e t h 1 e n auf die Ausführungen Sandors. Vor einem Jahre, sagte Graf Bethlen, hat sich Sandor in der gleichen Frage an mich gewandt. Wir alle wissen ja, daß an den Fronten des Weltkrieges sich unter den tapferen Soldaten, unter den hervorragenden Helden auch Juden in großen Zahl befunden haben. Ich habe mich an den Heldenorden gewandt und die Aufklärung erhalten, daß die Leitung dieses Ordens sich durch konfessionelle Gesichtspunkte nicht leiten läßt. Die Aufnahmen in den Heldenorden seien jedoch bereits abgeschlossen. Infolgedessen könne das Ordienskapital die Sache augenblicklich nicht mehr reparieren. In einem späteren Zeitpunkt aber, wenn sich dazu eine neue Gelegenheit biete, werde diese Frage berücksichtigt werden. Flur die Aufnahme in den Heldenorden ist das Verhalten im Weltkriege bloß eine der Bedingungen; in Betracht gezogen wird auch das Verhalten während den Revolutionen, auch wird geprüft, ob der Betreffende an dem Wiederaufbau der Nation teilgenommen hat und ob eine Bürgschaft dafür besteht, daß er auch weiterhin der Sache der Nation, gemäß Vorschrift der Ordenssatzungen. dienen wird. Ich sage dies nicht, als ob ich etwa einen Unterschied zwischen Juden und Christen machen wolle; ich sage es bloß, weil es Fälle geben kann, daß jemand im Weltkriege ein sehr tapferes Verhalten bekundet hat und dafür auch dekoriert wurde, in der Zeit der Revolution jedoch und nach den Revolutionen ein Verhalten an den Tag legte, das von diesem Gesichtspunkte aus beanstandet wenden könnte. Ich meinerseits kann bloß in Aussicht stellen, daß, wenn es eine Neuaufnahme in den Heldenorden geben wird, ich alles aufbieten werde, damit in diesem Belange jegliche Diskriminierung ausgeschaltet wird. * Die ungarischen Kollegien im Auslande vollkommen judenrein. Im Verlauf der Beratung des Kultusetats im ungarischen Parlament richtete der Abgeordnete Dr. Paul Sandor an den Kultusminister Grafen Klebeisberg die Frage, warum in die ungarischen Kollegien im Auslande noch kein einziger Hörer jüdischer Konfession aufgenommen worden ist. Eine Antwort ist nicht erfolgt. Glossen. Ein Dialog: — „Haben Sie in Nr. 24 der „Wahrheit" gelesen, daß in Hall (Tirol), offenbar zur Dokumentierung der antisemitischen Gesinnung, jüdische Gäste vom „Goldenen Esel" als unerwünscht erklärt werden?" Was, überrascht Sie das? Warum soll sich gerade der in Hall von so vielen seiner Gattung, was die Judenfeindlichkeit betrifft, unterscheiden? * In der Liste der judenfeindlichen Sommerfrischen, Kurorte usw., die die „Wahrheit" veröffentlichte, ist unter anderen der Vermerk zu lesen, daß die Verwaltung der Stiftswälder in Krems a. d. Donau noch immer den ..jüdischen Kurgästen das Betreten der Wälder" untersagt. Die Annahme, daß die Verwaltung schon von den geistlichen Vorgesetzten, auf die jedes religiöse und jedes humane Gefühl verletzende Tendenz dieser Verordnung aufmerksam gemacht wurde, war wohl eine irrige. Die Herren Verwalter aber haben offenbar keine Ahnung von dem Wesen des Christentums und scheinen die Bekehrungsversuche an den Juden in einer Weise zu betreiben, an die in früheren Zeiten auch die fanatischesten Missionäre nicht gedacht haben. Diese haben nur das Betreten des paradiesischen Jenseits mit dem Vorzeigen eines Taufzeugnisses in Zusammenhang gebracht. * * i>. In Aggsbach-Markt (Wachau) scheint — wenn ich mich nicht irre — ein erleuchteter Kopf sich die Frage vorgelegt zu haben: Wohin könne es führen, wenn man aucli in unseren Tagen konsequent auf dem von den Herren Verwaltern in Krems a. d. Donau betretenen Wegen fortfährt? Die Antwort, die er gefunden, ist, immer vorausgesetzt, daß ich nicht in einem naiven Irrtum befangen bin, eines wahrhaft erleuchteten Kopfes würdig. Er tritt nämlich mit dem Erlaß des Intoleranz-Ediktes auf: „Nur an Katholiken!" Bravo! Bravo! Kann man die Einladung: nur nicht an — Juden schärfer brandmarken, als daß man sie, um den mittelalterlichen Geist, den sie atmet, ironisch zu übertrumpfen, hinausschreit: „Auch nicht an Protestanten!" So verstanden, hat man in Aggsbach-Markt durch eine blutige Ironie, für die religiöse Duldung, für die schrankenlose Nächstenliebe, überzeugend demonstriert. Die Stiftsherren in Krems a. d. Donau, denen es offenbar gar nicht imponierte, daß der Papst vor wenigen Wochen erst einem Juden, in Würdigung seiner Verdienste als Wohltäter, einen hohen Orden verlieh, dürften vielleicht die Lektion aus Aggsbach-Markt — wenn ich sie richtig verstand — besser beherzigen. * * * Von befreundeter Seite wird mir zu meinen Bemerkungen über die Frage, ob Philipp Halsmann auf Recht oder auf Gnade zu warten habe, folgende Reminiszenz mitgeteilt: „Einer der genialsten Philosophen, der Engländer John Locke, war verdächtigt worden, der Autor einiger kleiner, die Regierung scharf angreifender Schriften zu sein, und zog sich dadurch die in jenen Zeiten sehr bedenkliche Ungnade des Königs Jakob II. zu. Locke befand sich damals in wohltuender Sicherheit in Holland, wagte es aber auch dann nicht, nach London zurückzukehren, als seine Unschuld an diesen Schriften festgestellt war und die Minister ihm die Gnade des Königs zusicherten. Locke meinte: „Ich bin nicht fähig, begnadigt zu werden, denn ich habe kein Verbrechen begangen." Philipp Halsmann ist ein 22jähriger Student und kein alter Philosoph, aber er mag sich, zumal nachdem auch 10 Geschworene ihre Unterschrift für seine Begnadigung erteilten, seltsame Gedanken über sein — Recht machen. * * * Die „Dötz" verzeichnet ein Pariser Telegramm unter der Aufschrift: „Geplanter Anschlag gegen die Jüdin Rothschild!" Da man der „Dötz" nicht zumuten darf, daß sie in diesem Falle von den Animus inspirandi geleitet, die von einem verbrecherischen Attentat Bedrohte wegen ihrer Konfession beschimpfen wollte, muß man wohl annehmen, daß sie durch diese Aufschrift die vermutliche antisemitische Gesinnung des schurkischen Attentäters annageln wollte. * * General Ludendorff erklärt ernstlich, alles Unheil, das Deutschland betroffen, stamme von Karl dem Großen, der das verjudete Christentum eingeführt, anstatt bei Wotan zu bleiben. Nun, es ist wahr, der Gott der Christen und der Juden ist Ludendorff nicht beigestanden. Möge — Wotan ihm bald geistige Genesung schenken. * * * Dem Redakteur eines antisemitischen ungarischen Hetzblattes, der wegen eines Artikels die Strafe von 14 Tagen Arrest erhielt, wurde neulich vom Richter die — geringe Intelligenz als Milderungsgrund zuerkannt. Schön. Bleibt es aber nicht doch bedauerlich, daß man, wie es scheint, früher in Ungarn in diesem Moment häufig nicht nur einen Milderungsgrund, sondern geradezu einen — F r e i b r i e f für die tückischen Verleumdungen gegen die Juden erblickte? Ego. Deröffanthckunqen der Union deutsch österreichischer Juden Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 Die Ereignisse in Palästina. Donnerstag, den 5. d. M., fand unter Vorsitz des Herrn Präsidenten Dr. Jakob O r n s t e i n eine Versammlung der „Union" statt, die der Besprechung der letzten Ereignisse in Palästina gewidmet war. Das traurige Schicksal unserer Glaubensgenossen im Heiligen Lande hält, wie Dr. Ornstein in seiner einleitenden Rede richtig bemerkte, seit den greulichen Ereignissen im August des Vorjahres die Judenschaft so sehr in Spannung, daß daraus der gute Besuch der Veranstaltung zu erklären ist Palästina will jetzt eben von der öffentlichen Diskussion aller Länder nicht verschwinden und die dortigen Geschehnisse bewegen uns alle ohne Unterschied der Partei. Das ganz ausgezeichnete einleitende Referat des Herrn Da Ernst Feldsberg, das mit lebhaftem Berfa! aufgenommen wurde, veröffentlichen wir in zwei Fortsetzungen, deren erste an leitender Steile der vorliegenden Nummer zu finden ist Dr. Ornstein dankte dem Referenten, der die Zuhörer mit dem schwierigen Problem und den Wurzeln, aus denen dieses Problem entspringt restlos und objektiv vertraut gemacht hat. Börserat I. Glück warf die Frage auf, wie die österre'ehischen Juden der veränderten Situation Rechnung tragen sollen. Wir alle bedauern lebhaft, daß es in Palästina so gekommen ist wie wir es vorausgesehen haben, denn wir haben nie an die Aufrichtigkeit der englischen Politiker geglaubt und haben gewußt, daß England das jüdische Palästina nur so lange schützen wird, als es ihm paßt Leider Gottes sind die von uns vorausgesehenen Ereignisse früher eingetreten, als wir befürchtet haben. Mit Bedauern allein ist aber niemandem gedient Der Redner entwickelte nun seine Ansicht, daß in Palästina für die nächste Zeit ein ernster Rückschlag eintreten werde, und folgerte daraus: Sämtliche Juden sollten zusammenhalten, am in diesem Lande die arg bedrohten jüdischen Interessen zu schützen; für eine Zeitlang sollten die Jüdischnationalen ihre nationalen Ideen zurückstellen. (Lebhafter Beifall.) In einer Zeit, da der Jude überall als vogelfrei erklärt wird, kann nur mit vereinten Kräften vorgegangen werden. Alle aufbringbaren Gelder sollten vor allem für österreichisch-jüdische Zwecke verwendet werden, denn die jüdischen Wohltätigkeitsanstalten befinden sich in einem desolaten Zustand, zumal, je ärger die wirtschaftlichen Verhältnisse, desto notwendiger solche Institutionen sind Sämtliche Parteien sollten zusammengehen und alle Parteipolitik beiseite lassen, um nun für das Wohl der österreichischen Judenschaft zn arbeiten. Die Zusammenarbeit ht der Kultusgemeinde ist ja ohnehin nicht so schwierig wie früher, mit gegenseitigem Verständnis läßt sich eben außerordentlich viel erreichen. Wir fühlen mit unseren Brüdern in Palästina, die mit ihrem Blut und Leben für die Idee gelitten haben und jetzt ihre Hoffnungen so arg enttäuscht sehen; in diesem historischen Momente fordern wir die Jüdischnationalen auf, mit uns zu arbeiten im Interesse der Allgemeinheit Wenn aber die Gegenseite nicht bereit ist, die dargebotene Hand zu ergreifen und trotz der mißlichen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse weiter eine gefährliche Politik treiben will, dann wenden auch win weiterkämpfen wie bisher. (Stürmischer Beifall.) Em Jffidischnationaler, Herr Brücke, dankte Herrn Präsidenten Dr. Jakob Ornstein für seine so warmen Gefühlen entsprungenen einleitenden Bemerkungen und rühmte die besondere Objektivität des interessanten Referates des Herrn Dr. Ernst Feldsberg. Et fragte das Präsidium, warum die heutige Versammlung keine Resolution beschließe, und wandte sich gegen die kritischen Ansichten des Herrn Börserates I. Glück bezüglich des Palästinaaufbaues. Besonderes Aufsehen erregte eine Schlußbemerkung dieses jödischnationalen Redners, der sich auf Grund persönlicher Ueberzeugung entschieden gegen das allgemeine Wahlrecht in der Kultusgemeinde aussprach, da

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