Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 7 VonWodke %u Woche Generalversammlung der Pester israelitischen Religionsgemeinde. Die Repräsentanz der Pester isr. Reiigionsgemeinde hielt am 5. Juni im Prunksaale des Gemeindehauses unter Vorsitz des Präsidenten, Mofrat Samuel Stern, ihre ordentliche Generalversammlung ab. Präsident Stern gedachte der zehnten Jahreswende des Friedens von Trianon. Er erinnerte an die Samstag-Gottesdienste in den Tempeln, in denen gebetet wurde, daß Gott das Schicksal Ungarns bald wieder zum besseren wenden möge, und legte im Namen der Generalversammlung der Gemeinde Verwahrung gegen die Ungerechtigkeit von Trianon ein. Er gedachte des vor 100 Jahren auf ungarischem Boden geborenen berühmten Komponisten Karl Goldmark, begrüßte Dr. Bernhard Munkacsi, der als Schulinspektor 40 Jahre im Dienste der Gemeinde stand und der anlaßlich seines 70. Geburtstages überall in der Welt geieiert wurde. Der Präsident meldete, daß der verdienstvolle Generalsekretär Dr. Julius Gabor um seine Pensionierung angesucht habe, welchem Verlangen die Vorstehung unter Anerkennung seiner großen Verdienste auch entsprochen hat. Mit den Agenden des Generalsekretärs wurde Alexander Eppler, mit den juridischen Angelegenheiten Dr. Ernst Munkacsi betraut. Generalsekretär Eppler unterbreitete den Jahresbericht der des großen Bauprogramms der Gemeinde gedenkt, in dessen Rahmen die in Verbindung mit aem Tempel in der Dohany-ucca stehenden repräsentativen Bauten, namentlich der zur Verewigung von 10.000 ludischen Helden dienende Heldentempel, nunmehr begonnen werden können. Diese Bauten werden 1,400.000 Pengö in Anspruch nehmen. Die Schlußrechnungen pro 1929 weisen 4,523.521 Pengö Ausgaben aui. Nach einer eingehenden Debatte, die der stellvertretende Präsident Oberhausmitglied Dr. Samuel Glücks th al abschloß, wurde das Budget angenommen und die Austunrungen des Heldentempelbaues beschlossen. Ein Kantor dirigiert eine Regimentskapelle. In Czernowitz fand kürzlich ein jüdisches Wohltätigkeitsfest statt, an dem die Kapelle des dort stationierten Grenadierregiments freiwillig mitwirkte Sie wurde von Chorsängern der Synagoge in ihren musikalischen Darbietungen unterstützt und bei der Aufführung von „Moaus Zur", „Schin Hamalaus usw. von Pinkas Spektor, dem früheren Leipziger chassidischen Kantor dirigiert. Die nichtjudische Ortspresse schildert in 'langen Ausfühnungen das merkwürdige Bild, das sich dem Besucher des Konzertes bot: Männer mit Bärten und „Käppchen" in, um und vor den glänzenden Uniformen der Grenadiermusiker. Prof. Dr. Heinemann und Dr. Rabin Mitglieder der Prüfungskommission. Bekanntlich hat der preußische Kultusminister die Einführung den jüdischen Religionslehre als Prüfungsfach für das Lehramt an den höheren Schulen, und zwar als Hauptwie als Nebenfach, angeordnet. Die Heranbildung des höheren jüdischen Lehren- Standes hat in Breslau das Jüdisch-Theologische Seminar, in Berlin das Rabbiner-Seminar und die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums übernommen. Wie nun die Breslauer. „Jüdische Zeitung" mitteilt, sind zu Mitgliedern des wissenschaftlichen Prüfungsamtes in Breslau vom preußischen Kultusminister die Dozenten des Breslauer Jüdisch-Theologischen Seminars Prof. Dr. J. H. He ine mann und Dr. Israel Rabin als Prüfer in der jüdischen Religionslehre für das laufende Studienjahr ernannt worden. Schauspieler Theodor Weiß trug jüngst in der Strafanstalt Stein den Häftlingen — unter denen sich auch Halsmann befand — Szenen und Gedichte von Schiller, Goethe. Grillparzer, Anzengruber, Wildgans, Ginzkey und anderen vor und erzielte durch seine, jetzt selten gehörte Sprechkunst tiefste Wirkung. Regierurigsrat Adamek sprach dem Vortragsmeister, der bekanntlich ein guter Jude ist, den wärmsten Dank für die edle Tat ans. Verlobung. Fräulein Hilde Alt mann in Trier, Tochter des Herrn Oberrabbiner Doktor Alt mann und Frau, hat sich mit Herrn Max v, Mentz. Sohn des Herrn B. v. Mentz und Frau, in Den Haag (Holland) verlobt 70. Geburtstag. Frau Betty Adler. XIII.. Sechshauserstraße 122, eine durch ihren Wohltätigkeitssinn sehr geachtete Dame, feiert am 11. Juli ihren 70. Geburtstag. Wir wünschen ihr noch viele ungezählte Jahre, zur Freude ihrer guten Freunde und zum Wohle ihrer Armen. Hofrat Dr. Michael Holzmann, Oberbibliothekar d. K. der Wiener Universitätsbibliothek, wird am 21. d. M. siebzig Jahre alt. Er hat dauernde literarische Werke geschaffen. Von 1891 bis 1922 wirkte er voll Fleiß und Hingabe an der genannten staatlichen Bibliothek. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören die Würdigung von Ludwig Börne, die allseits bei den Germanisten großen Beifall fand, dann das siebenbändige „Deutsche Anonymenlexikon" und ein Band „Deutsches Pseudonymenlexikon", endlich eine große Anzahl von Aufsätzen in österreichischen und deutschen Zeitschriften. Vor allem aber ist die übergroße Bescheidenheit des Herrn Hofrates Dr. Michael Holzmann hervorzuheben. Er lebte und wirkte nur für seine Bibliothek und dann für Seebad Crikvenica (Jugoslawien) Streng orth. Gasthaus in der Villa - Astoria. Das beste und billigste Seebad an der Adria. Geräumige Speisezimmer, Gartenterrasse, feine Küche.' Referenzen der anerkanntesten orthodoxen Autoritäten! Prospekte sendet M. Jos. Engel. die Würdigung derJudenMährens und seiner engeren Heimat. Möge der treffliche Mann mit seiner Frau in Gesundheit und Zufriedenheit zur Freude seiner zahlreichen Verehrer noch viel Gutes schaffen! Dr. S. Kr. Gastpredigten. Im Tempel. IL, Pazmanitengasse 6, hält Herr Oberrabbiner Dr. Leopold Fischer aus V r § a c, Freitag, den 13. d. M., eine Gastpredigt (Beginn des Gottesdienstes 7 Uhr abends) und Samstag, den 14. d. M., vormittags 9 Uhr eine Derascha. Verband der Sabbatfreunde „Schornre Schabbos", Wien IL, Leopoldsgasse 16. Da heuer Erew Schewuaus auf einen Sonntag fiel, hätten die Wiener orthodoxen Konsumenten vier Tage lang keine frischen Lebensmittel erhalten können. Wie in den Jahren 1923 und 1927 wurde auch diesmal die Wiener Landesregierung als zuständige Behörde ersucht, den Lebensmittelhändlern und Fleischhauern die Sonntagssperre zu erlassen. Aber im Gegensatz zu den damaligen Entscheidungen verschloß sich die Landesregierung heuer zuerst allen Argumenten und vertrat den ganz unverständlichen Standpunkt, daß die Sonntagsruhe gewahrt werden müsse. Erst im letzten Moment ist auf persönliche Vorstellung des Präsidiums der Kultusgemeinde vom Landeshauptmann die Bewilligung erlangt worden, den Verschleiß von Koscherfleisch am Sonntag Erew Schewuaus vorzunehmen. Die Bewilligung wurde jedoch nun den Fletschhauern im II. Bezirk erteilt, während das Ansuchen Sur alle schabboshaltenden Lebensmittelhändler gestellt wurde. Die Wiener orthodoxe jüdische Bevölkerung nahm die zuerst gezeigte Unnachsichtigkeit der Landesregierung mit begreiflicher Erregung auf. die m einer Massenversammlung ihren Ausdruck finden sollte. Sonntag, den 1. Juni (Erew Schewuaus), 'AU Uhr vormittags, fand im Saale des Hotel „Bayrischer Hof" eine vom Wiener „Schornre Schabbife"-Verein veranstaltete Protestversammlung unter der"Devise: „Der jüdische Kaufmann und seine Rechte" statt. Es ist bezeichnend für. das große Interesse, das der „Schornre Schabbos"-Bewegung in Wien entgegengebracht wird, daß die Versammlung sehr starken Besuch aufwies. Als erster Redner sprach der Vizepräsiden der israelitischen Kultusgemeinde. Herr Dr. Jakob O r n s t e i n, der über die seitens der Kultusgemeinde gepflogenen Verhandlungen berichtete. Er bezeichnete die Bewilligung für die Fleischhauer als einen Erfolg, für den er dem Bürgermeister dankte, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß es in Zukunft gelingen werde, die berechtigten Wünsche der jüdischen Kaufmannschaft voll- Hggicnlsdics KöniösliclH |]UlilPliEyi^iMliMiill,lM \\w ILG iL kDlJ Seit rieten Jahren das anerkannt beste Irzeilli sw'rnatw Mau achte auf die ges. gesch. Marke „Hyglen. KönlgsllcM" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhirschengasse Telepbon P 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt auf durchzusetzen. Anhaltender Beifall belohnte den Redner für seine glänzenden Ausführungen. Herr Kuitusvorstehen Kommerzialrat Moritz L e i t n e r dankte dem Präsidium der Isr. Kultusgemeinde und der Leitung des „Schornre Schabbos" tür ihre Bemühungen. Er beklagte sich darüber, daß es noch nicht gelungen ist, die gesamte jüdische Kaufmannschaft im „Schornre Schabbos"-Verein zu organisieren. Herr Rothschild referierte über das Ansuchen, das für die schabboshaltenden Bäcker eingereicht wurde und konstatierte, daß nach dem bestehenden Gesetz die Bewilligung hätte wohl erteilt werden können, falls der gute Wille hierzu da wäre. Auch Herr Rothschild forderte energisch den Zusammenschluß aller gesetzestreuen Kaufleute und Handwerker im „Schornre Schabbos". Namens der Lebensmittelhändler ergriff Herr Samson Schneider das Wort, der in knappen Worten die Forderungen der- Lebensmitteilhändler überbrachte. Nachdem Herr Siegmund Stern in einer ausgezeichneten Rede zwei Resolutionen vorgeschlagen, die einhellig angenommen wurden, erhielt Herr Kultusvorsteher Viktor B a u m i nger das Wort, der uiber die geplante Kalemderr e f o r m sprach. En bat die Anwesenden, die Unterschriftbögen zu unterzeichnen, falls sie dies noch nicht getan haben. Vom Herzen kommend und zu Herzen gehend sprach Her Gremiatrat Jakob H a 1 p e r n über die traurige Tatsache, daß es noch nicht gelungen ist, tür jüdische Kinder Schulfreiheit am Samstag zu erwirken. Hierauf sprach noch Herr Georg Mayer über Verletzungen der Sabbatgesetze. Der Vorsitzende, Herr Alfred Stroh berichtete, daß die Leitung des „Schornre Schabbos" mit der Herausgabe eines Verzeichnisses sämtlicher schabboshaltender Firmen beschäftigt ist. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Israelitische Kultusgemeinde dieses äußerst wichtige Unternehmen im erforderlichen Maße unterstützen wird. Mit der Bitte, sich dem Verein „Schornre Schabbos" anzuschließen, schloß der Vorsitzende die glänzend gelungene Versammlung in später Mittagstunde. Die Versammlung beschloß ioigende Resolutionen: Die am 1. Juni 1930 im Bayrischen Hof" tagende Versammlung jüdischer Kaufleute Wiens spricht der Leitung des „Schornre Schabbos" Dank und Anerkennung aus, lür die Bemühungen, die sie an Interesse der Konsumversorgung der gläubigen Juden Wiens aufgewendet hat. Sie begrüßt in erster Linie die Tatsache, daß die Leitung des „Schornre schabbos" die verantwortlichen jüdischen Stehen, insbesondere die israel. Kultusgemeinde, zu verantwortungsvoller Tätigkeit aui diesem Gebiete energisch veranlaßt hat. Die — wenn auch in letzter Stunde — erilossene Verfügung dis Herrn Landeshauptmannes, mit der den Fleischhauern im zweiten Wiener üememdebezirk am heutigen Sonntag vh:r Stunden zum Verschleiße neigegeben wurden, ist als ein dankenswerter Teilerfolg zu begrüßen. Die Versammlung erwartet, daß darür Sorge getragen werde, daß künftighin solche Vertüguiigen rechtzeitig erlassen werden. Die Versammlung tordert gleichzeitig, daß diese begonnene Arbeit systematisch fortgesetzt werde, um die zuständigen Behörden von der Berechtigung der Wünsche der „Schornre Schabbos" zu überzeugen. Es muß gelingen, daß in Angleichung an die Gesetze in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Lugianu, iloiiand, letztens auch Litauen usw., auch in (Jestereich sämtlichen jüdischen Firmen, die die Sabbatruhe einhalten, der Sonntag — wenn auch nur teilweise — als Arbeitstag freigegeben werde. Die derzeit bestehenden Gesetze geben den Landeshauptleuten das Recht, für einzelne ivategonen Ausnahmsvenügungen zu treffen. Sämtliche im Verband der Sabbatfreunde „Schornre Schabbos" organisierten sabbathaltenden Kaufleute, und insbesondere die, die Koscherwaren führen, sind als besondere Kategorie zu werten und es wird Auigabe der Leitung sein, bei den einzelnen Landeshauptleuten solche Ausnahmsvenügungen zu erwirken, in Ländern, in denen diese f orderungeu nicht sofort durchgesetzt werden können, ist zumindest zu erwirken, daß im Interesse der Konsum- Versorgung der jüdischen Bevölkerung mit irischen Koscher-Artikeln, den in Betracht kommenden Kauiieuten (Kategorie der Kosclierwarenliäiitller) an Samstag-Abenden in den Sommermonaten zwei stunden nach der allgemeinen üeschäitssperre zum Verschleiße freigegeben werden. Sämtliche schabboshalteude Geschäftsleute und Handwerker haben sich im Verband der Sabbatfreunde „schornre schaDDos' zu organisieren, ua nur eine test organisierte Standevertretung in der Lage ist, die Interessen der schabboshaltenden Kautieute und der orthodoxen Bevölkerung, nach außen und innen hin, zu vertreten. Der Leopoldstädter Kranken- und Unterstützungsverein „Nächstenliebe", dessen ersprießliche Tätigkeit aui jüdisch-humanitärem Gebiete rühmlichst bekannt ist, leiert in der nächsten Zeit sein fünfzigjähriges Jubiläum. Aus diesem Anlasse wurde das langjährige Ausschußmitglied, Frau Ottilie Politzer, vom Vereinsvorstande für. die Würde eines Bundesfürsorgerates in Vorschlag gebracht und, wie wir bereits meldeten, mit diesem Titel vom Bundespräsidenten ausgezeichnet. Konzert in der Lainzer Altersversorgung. Dank der rührigen Tätigkeit des Fürsorge-Komitees der jüdischen Insassen des Lainzer Versorgungshauses, das sich die löbliche Aufgabe gestellt hat. das freudlose Dasein der Greise zu verschönern, fand am 1. d. M. im Festsaal des Pavillon IX eine Jause statt, bei der zirka 200 Insassen bewirtet und beschenkt wurden. Daran schloß sich ein Konzert, dem unter vielen Ehrengästen auch der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. J. O r n s t e i n beiwohnte. Einige begabte junge Leute, darunter Schüler des Wiener Konservatoriums, hatten sich in den Dienst der guten Sache gestellt. Das „Kol Nidrei" von Bruch wurde durch Ernst Klein, einem vielversprechenden jungen Geiger, zum Vortrag gebracht, ferner Komposi-