Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT für das jüdische Volk zu errichten und gleichzeitig die bürgerlichen und religiösen Rechte der nichtjüdäschen Gemeinschaften zu wahren, sei sehr woW durchzuführen, indem die Errichtung des Jüdischen Nationalheims dem ganzen Lande dauernde Vorteile bringt zum Nutzen aller Elemente der Bevölkerung. Die britische Regierung erkennt die Wohltaten, die das ausgezeichnete Aufbauwerk der Juden dem Lande Palästina bringt. Erfolge, die der großen Hingabe der Juden zuzuschreiben sind, vollkommen an; diese Anerkennung -der jüdischen Arbeit ist auch in dem Bericht der Untersuchungskomtnission enthalten. Die Regierung wird nichts unternehmen, was den noblen Idealen der Juden und Ihrer Aspirationen in Palästina Abbruch tun könnte. Wir haben die feste Absicht, Mittel ausfindig zu machen, um die beiden alten Zivilisationen, die jüdische und die arabische, nebeneinander unter immer harmonischeren Bedingungen zu entwickeJn. Am Schluß der Sitzung erklärte der Vorsitzende, Marquis T e o d o 1 i. die Mandatskommission wünsche von der englischen Regierung Aufklärungen über ihre Ansichten betreffend die unmittelbaren und ferneren Ursachen der letzten Ereignisse in Palästina, über die Verantwortung an den Ereignissen sowie schließlich über die zur Vermeidung einer Wiederkehr ähnlicher Ereignisse geplanten Maßnahmen und über die künftige Regierungspolitik nach dieser Richtung hin zu erhalten. Die weiteren Beratungen der Mandatskommission. .Genf, 5. Juni. (J. T. A.) Ueber die zweite Sitzung der Mandatskommission*! wird offiziell mitgeteilt: Die Kommission befaßte sich heute mit der Prüfung der Ereignisse, deren Schauplatz Palästina von September 1928 bis August 1929 gewesen war. Seitens der Mandatarmacht war der Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Drummond Shiels anwesend, dem der Ctoefsekretär des Obarkommissariats in Palästina, Herr Luke, und die Herren Lloyd und Clauson vom Coionial Office assistierten. Nach chronologischer Prüfung der Ereignisse und ihrer unmittelbaren Ursachen befaßte sich die Kommission mit dem Moment der Verantwortung für die Unruhen im Herbst 1929 und deren tieferen Ursachen. Dr. Shiels gab der Kommission ergänzende Informationen und erwiderte auf seitens der Mitglieder der Kommission an ihn gestellte Fragen. Auch Luke erwiderte auf Fragen, die sich auf die Ereignisse in Palästina bezogen. Wie deri J. T. A.-Vertreter erfährt, hielt der Holländer van Rees eine längere Rede, in der er den Shaw-Bericht scharf kritisierte und auch Luke nicht schonte. —1 Shiels erklärte, die Juden im Auslande, die eine Einwanderung in weitem Maßstabe verlangen, ziehen nicht die Schwierigkeiten in Betracht, mit denen die Mandatannacht zu kämpfen hat Begnadigungen in Palästina. Ein offizielles Communiqu£ der Palästinaregierung teilt mit, daß der High Commissioner Sir John Chancelior in Ausübung seiner Befugnis gemäß Artikel 16 der Palästina-Kabinettsorder beschlossen hat. 23 im Zusammenhang mit den Unruhen im August 1929 zum Tode verurteilte Personen zu begnadigen und die Todesstrafe in lebenslängliches Gefängnis umzuwandeln. Nicht begnadigt wurden zwei Araber aus Hebron und ein Araber aus Safed, anscheinend darum, weil sie als schuldig befunden wurden, mehr als einen Mord begangen zu haben. Nicht in die Begnadigung eingeschlossen ist auch der vom Jaffaer Gericht zum Tode verurteilte sephardische Jude Joseph U rp h a 1 i, weil der Privy Council in London, an den Urphali gegen seine Verurteilung appelliert hat, über seinen Fall noch keine Entscheidung getroffen hat. Die von den zum Tode verurteilten Arabern beim Privy Council eingebrachten Appelle waren bereits zurückgewiesen worden. Mit dieser Amnestie, die mit den englisch-arabischen Verhandlungen in London woW nicht außer Zusammenhang steht, ist zugleich der in den letzten Monaten auch von uns lebhaft geäußerte Wunsch weiter Kreise der am Aufbauwerk im Heiligen Lande beteiligten jüdischen Oeffentlichkeit erfüllt Die arabische Exekutive richtete an Sir John Chancellor den Appell, auch die Todesurteile gegen die nicht begnadigten drei Araber nicht vollstrecken zu lassen. Sir John Chancellor wies diesen Appell zurück, stellte es aber der arabischen Delegation anheim, eine telegraphische Petition an den König von England zu senden. „El Jatnea el Arabia" schreibt die Begnadigung der 23 Araber entschädigt die Araber nicht dafür, daß sie ihrer Unabhängigkeit beraubt worden sind, „Falastin" erklärt, die Begnadigung sei wertlos. weH sie nicht vollständig ist Die hebräische Tageszeitung „Haarez" schreibt: Mit der Begnadigung hat die Palästinaregierung eine große Verantwortung auf sich genommen. Aus Gründen der Humanität haben wir nichts gegen die Begnadigung, aber als Palästinenser wollen wir innerlich überzeugt sein, daß der Begnadigungsakt nicht ein Ausdruck der Schwäche der Regierung oder ein Nachgeben dem politischen Druck von Terroristen und Pogromisten ist. — Der politische Mitarbeiter des „Palestine Bulletin" schreibt: Niemand mißgönnt den Begnadigten, wenn sie auch Mörder sind, das Glück, dem Galgen zu entgehen. Einige von ihnen sind gewiß nicht mehr schuldig als jene Araber, die durch einen gerichtlichen Freispruch der Strafe entgehen. Die Regierung sollte die Anführer die volle Strenge des Gesetzes iühlen lassen. * Simpsons Untersuchungen. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, befaßt sich Sir John Hope Simpson bei seiner Untersuchungsarbeit gegenwärtig mit der Frage der zukünftigen Entwicklung des Landes. Sowohl jüdischen als auch arabischen Vertretern gegenüber wies er darauf hin, daß nach der vor sich gehenden Entwicklung die Bevölkerung Palästinas innerhalb 30 Jahren sich verdoppelt haben wird. Die arabischen Effendis brachte Simpson in große Verlegenheit, als er an sie die folgende Frage richtete: Gesetzt den Fall, daß Armut die Fellachen gezwungen hat ihren Boden an Juden zu verkaufen, warum verkauften aber die Großgrundbesitzer Boden an Juden? Dr. Arthur Ruppin hatte mit Sir John Hope Simpson eine Unterredung, die drei Stunden dauerte. Ruppin übergab Simpson eine Liste jüdischer Autoritäten, deren Urteil ins Gewicht fallen müßte. Auch der Direktor der Central-Cooperative Bank Harry V i t e 1 e s hatte eine Unterredung mit Simpson. Vor kurzem besuchte Simpson Petach Tikvah, Rechoboth und Rischon le Zion, wo er sich mit Smi- 1 a n s k y und Miller länger unterhielt Besonders interessierte sich Simpson für die Erfolge der Intensivwirtschaft Später besuchte er Nablus, Jenin und Beisan. Dazwischen nahm er Aufenthalt in der Arbeiterkolonie Ein Charod, wo er die Stallungen besichtigte. Die hebräische Arbeitertageszeitung „Dawar" erfährt, daß Simpson nach Beendigung der Untersuchung in Palästina auch Transjordanien in den Kreis der Untersuchung ziehen wird. x Englands Sorgenpunkte. Das „Berliner Tageblatt" veröffentlicht im Leitartikel seinen letzten Sonntagsnummer eine Betrachtung des ehemaligen Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes Botschafter z. D. Richard von Kflhlmann, die die Ueberschrift trägt: „Zwischenbilanz. Englands Sorgenpunkte: Aegypten, Sudan, Palästina. Indien." Zum Kapitel .Palästina" schreibt Herr v. Kühlmann: „In Palästina hat die Balfoun-Dekilaration die Hilfsmittel des englischen Weltreiches hinter das zionistische Kolonisations-Unternehmen gestellt Das Arabertum fühlt sich mit Recht oder Unrecht hierdurch in seinen wichtigsten Oerrelnd flniiüer nur Ia Qualitäten, nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt IEIDER-UN10N kWlENVl.Ka.sernena.6 Tel.B20215 NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 20a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UND JUDAIKA ip englischer und französischer Literatur MOHATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BANDGEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH! *) Weitere Berichte über die Fortsetzung und Beendigung der wichtigen Tagung sind infolge der Pfingstfeiertage nicht rechtzeitig eingetroffen; wir werden den Bericht deshalb erst in den nächsten Nummer abschließen. , Lebensinteressen bedroht und scheint fanatisch entschlossen, wenn nötig, auch mit Grausamkeit und Gewalt seine Interessen zu verteidigen. Den Versicherungen sehr glaubwürdiger und sachverständiger hoher englischer Beamter an Ort und Stelle zufolge, sind es nur englische Truppen und englische Maschinengewehre, die den Ausbruch eines grauenvollen Bürgerkrieges verhindern. Unruhen und Massakers haben schon einen Vorgeschmack gegeben, welche Greuel da zu erwarten wären. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß in einflußreichen englischen Kreisen diese Sachlage schwere Besorgnisse erweckt und man froh wäre, auf leidliche Art dieser Bürde zu entgehen, welche das englische Imperium mit der Gegnerschaft des gesamten Arabertums belastet zu einer Zeit, wo Vermeidung jeder unnötigen Belastung für England Grundregel sein müßte. Ein Aufgeben des Experimentes in Palästina wlürde sicher gefühlsmäßig schwer fallen. Es sollte aber nicht wundernehmen, wenn die weitblickenden und einflußreichen Schichten, die mit ihrem Geld und ihren Sympathien den Siedlungsversuch in Palästina gefördert haben, sich gleichfalls von dieser Sachlage Rechenschaft gebend, nach anderen Weltgegenden ausschauten, nach denen jüdische Kolonisation mit größerer Sicherheit geleitet werden könnte. Das hier Gesagte findet seine volle Bestätigung in den eben eintreffenden Nachrichten von dem endgültigem Abbruch der in London zwischen dem Kolonialministerrum und der Delegation der Araber Palästinas gepflogenen Verhandlungen. Die Schärfe des bei dieser Gelegenheit von den Arabern üben die Verhandäungen und ihr Scheitern ausgegebenen Communiques läßt auch nicht den geringsten Zweifel, daß in dieser Frage jetzt in der ganzen anabischen und islamischen Welt eine leidenschaftliche Agitation einsetzen wird, die den Interessen des britischen Weltreiches nur außerordentlich abträglich sein kann. Die vielfach sehr delikaten Beziehungen zum Arabertum im Irak, in Arabien, selbst in Aegypten und auch weiter in Afrika, können darunter nur leiden." Eine schwere Kränkung der ungarischen Juden. In der Budgetdebatte des ungarischen Abgeordnetenhauses wandte sich der Abgeordnete Paul Sandot (liberale Opposition) an den Ministerpräsidenten Grafen B e t h I e n, an den Reichsverweser H o r t h y und auch an alle Mitglieder des Hauses mit der Bitte, ein den Juden Ungarns zugefügtes himmelschneiendes Unrecht wieder gutzumachen. Der Heide norden, der vom ungarischen Staat subventioniert wird — führte Sandor aus — ist berufen, die Helden des Weltkrieges zusammenzufassen und jene, die im Krieg ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, mit dem Heldentitel zu belohnen. So weit ich unterrichtet bin; ist in den Satzungen des Ordens eine Bestimmung enthalten, wonach Juden nicht Angehörige des Heldenordens sein können. Ich weiß nicht, ob dies tatsächlich in den Statuten enthalten ist, aber Tatsache ist, daß der Heldenorden keinen einzigen Juden zu seinen Mitgliedern zählt Anläßlich einer früheren Budgetdebatte habe ich an den Ministerpräsidenten eine diesbezügliche Frage gerichtet. Der Ministeroräsidenfc hat geantwortet, er werde sich für die Sache interessieren und, falls meine Behauptungen der Wahrheit entsprechen sollten, auch bestrebt sein, eine Aenderung herbeizuführen. Der Ministerpräsident hat mir aber über seine Schritte keine Mitteilung gemacht. Den Heldenorden wird vom Staat subventioniert, und diese Subvention wird auch den Steuern der jüdischen Staatsbürger entnommen1. Meine Ehre als glaubenstreuer Jude und die Ehre des Judentums gebieten mir, zu fordern, daß die Unterschiede, die hier gemacht werden, endlich aufhören. Aus einem Urteil der kön. ung. Kurie hat sich ergeben, daß mehr als 10.000 ungarische Juden den Heldentod an der Front erlitten hatten, und diese Ziffer ist viel höher als die der Juden, die kraft des Numerus clausus-Gesetzes die Universitäten besuchen können. Ich darf das hohe Haus darauf aufmerksam machen, daß am Freiheitskampfe 1848/49 mehr als 20.000 Juden teilgenommen haben. Der General Haynau hat nach dem Freiheitskriege mehrere Juden hängen lassen, weil sie, wie es im Urteil hieß, „mit den Ungarn konspiriert hatten". Der sogenannte jüdische Haynau-Studienfonds ist auch heute noch im Besitz des Kultusministeriums. Dieser Fonds entstand in der Weise, daß Haynau den ungarischen Juden eine Kontribution auferlegt hat weil sie den Freiheitskrieg auf der ganzen Linie und mit allen Mitteln gefördert hatten. Zu Hunderten stehen Denkmäler und Gedenktafeln in diesem Lande, die die Namen jüdischer Helden des Weltkrieges tragen. Aber der Heldenorden hat noch keinen einzigen Juden, der auf dem Felde der Ehre gefallen ist, und auch keinen einzigen überlebenden jüdischen Helden des Weltkrieges unter seine ' Mitglieder aufgenommen. Wollen Sie mir glauben, daß es kein schrecklicheres Gefühl gibt, als sich als Ungar zu fühlen und dabei sein Ungartum in Zweifel gezogen zu sehen. Nach dem Bolschewismus hat schwere Erbitterung von der ungarischen Nation Besitz ergriffen, ein scharfer Grimm, der einen Prügelknaben gesucht hat. Wieder waren es, wie immer seit Jahrtausenden, die Juden, die daran glauben mußten. Aber werfen sie einen Blick in das Buch des Abgeordneten Vary, in dem die Namen von 460 jüdischen Opfern des Bolschewismus aufgezählt sind. In meinem Besitz befinden sich zwei Hefte, in denen dem Namen nach alle angeführt sind, die fün ihr tapferes Verhalten im Weltkriege höhere Auszeichnungen erhalten haben. Ich kann feststellen, daß acht jüdische Offiziere den Leopold-Orden, die höchste Auszeichnung, die überhaupt existiertei, erhalten haben, daß 84 jüdische Offiziere mit dem eisernen Kronenorden bedächt worden sind, der ebenfalls zu den höchsten Auszeichnungen gehörte, daß 177 Juden die Goldene Tapferkeitsmedaille und 840 jüdische Soldaten die große Silberne Tapferkeitsmedaille erhalten haben. Gibt es unter Ihnen, meinet Herren Abgeordnetenkollegen, auch nur einen einzigen, der diese jüdischen Helden nicht für würdig halten würde, dem Heldenstuhl anzugehören? Hält es die Gesamtheit der ungarischen Nation für richtig, daß dieser Zustand auch weiterhin aufrecht erhalten bleibt? In diesen Heften sind ferner 50 jüdische Familien dem Namen nach angeführt, die wenigstens fünf ihrer Söhne an die Front" geschickt habea Es gibt aber auch Familien, die 8 oder 10 Söhne an der Front stehen hatten, und schließlich' auch solche, die 9 bis 11 Söhne und Enkel an die Front geschickt haben. Es gibt aber auch 50 jüdische Familien, deren sämtliche Angehörige den Krieg in der vordersten Feuerlinie mitgemacht haben. Vor einigen Wochen hat Reichspräsident von Hindenb u r g einen jüdischen Restaurateur der Ortschaft Szarujfalu namens Klemens Fröhlich, für seine im Kriege erworbenen Verdienste mit dem Kreuz des Deutschen Verdienstordens ausgezeichnet. Der Text des Dokumentes hat folgenden Wortlaut: „Der Reichspräsident Feildmarschan v. Hindenburg und Beneckendorf will durch diese Auszeichnung für jeden wahren Soldaten ein Beispiel statuieren." Fröhlich hat sich an mehreren Fronten ausgezeichnet und hat die höchsten Auszeichnungen erhalten. Hat dieser Feldwebel die Aufnahme in den Verband des Heldenkapitels nicht verdient? Jüdische Helden fordern weder Grund und Boden, noch Hausstellen, sie fordern läberhaupt nichts, sie bitten nur, daß man sie nicht eir.niedr ige, sie, die ihr Leben unzählige Male aufs Spiel gesetzt haben. Ein Wort des Herrn Reichsverwesers genügt um diese Ungerechtigkeit auszumerzen. Wenn ein vom