Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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beite 2 DIE WAHRHEH DIE Zionisten errangen, groß war der Jubel, den die Balfour-Deklaration auslöste. Allein es fehlte an Warnern, die die Balfour-Deklaration so interpretiert hätten, wie sie von England verstanden wurde, es fehlte an Warnern, die daraus aufmerksam machten, daß man an dem Araberproblem nicht vorübergehen und nicht im Vertrauen auf die Allmacht der Gewehre alles auf die englische Karte setzen dürfe. Kein Geringerer alsAchadHaam schrieb über die Balfour-Deklaration und ihre Interpretation folgendes: „Aber wissen wir nicht alle, wie die Deklaration bei ihrer Veröffentlichung kommentiert wurde und welche prahlerischen Uebertreibungen sich viele Parteiieute und Schriftsteller von damals an bis heute hinein zu interpretieren bemühten. Das Judenvolk hörte es und staubte, daß wirklich das Ende des Golus gekommen sei und nach einer kleinen Zeitspanne Palästina ein Judenstaat sein werde. Auch das arabische Volk, das wir seit dem Beginne der palästinensischen Kolonisation immer als nicht existierend betrachtet hatten, hörte es und glaubte, daß die Juden kämen, um es von seinem Boden zu verjagen und nach ihrem Belieben mit ihm zu verfahren. All das mußte notwendig zu Reibungen und Erbitterung von beiden Seiten führen und hat zum großen Teile "jene Lage verschuldet, die sich in ihrer ganzen Häßlichkeit durch die Ereignisse in Jerusalem offenbart hat ... .." Würden schon religiöse und politische Gegensätze, wie sie aufgezeigt wurden, genügen, um zwei Völker unversöhnt einander gegenüberstehen zu lassen, so kommen doch noch soziale Unterschiede hinzu, die nicht außer acht gelassen werden dürfen, sondern wesentlich zur Vergrößerung des Hasses und der Verachtung zwischen Juden und Arabern beitrugen. Der C h a 1 u z, der nach Palästina kommt, betritt dieses Land in der Ueberzeugung, daß dieses Land seine Heimat ist, die Heimat, die einst seinen Ahnen als gelobtes Land gegeben worden war. Mit Recht ist der Chaluz stolz auf seine Arbeil. Er war es. der das Land kultivierte, der blühende Kolonien erbaute, der die Straßen im modernsten Sinne errichtete, der aber auch trotz des Tages Mühe seine geistigen Interessen nicht vergaß, Krankenkassen, Konsumvereine und Wanderbibliotheken schuf. Wie tief steht unter ihm der FeIiach e, der nicht lesen und nicht schreiben kann, der in seinen schmutzigen Hütten ein kümmerliches Dasein verbringt der glücklich mit jedem Piaster ist, der ihm für seine Arbeiten hingeworfen wurde. Der Chaluz bebaut das Land mit dem Dampfpflug, er erntet mit der Dreschmaschine. Er benützt die höchsten Errungenschaften moderner Technik. Und der Fellache: er läßt den Pflug vom Ochsen in derselben Weise ziehen, wie ihn seine Almen vor 1000 und 2000 Jahren zogen, sein Gesichtskreis ist ein ganz beschränkter. Er ist apolitisch, er kennt keine Versammlungen, er kennt keine Streiks, das einzige, das er besitzt, ist ein an Aberglauben grenzender niedriger Islamglaube, den er aber mit der ihm eigenen Zähigkeit verteidigt. Der Chaluz, der nach Palästina kommt, er bringt kein rein nationales Judentum mit. Er ist kein Makkabäer im biblischen Sinne, er kommt aus Rußland, orthodox erzogen, getreten unter dem zaristischen Regime, zum zweiten Mal enttäuscht durch den Terror des Bolschewismus. Er hat sich durchgehungert und durchgekämpft, geistig zum Sozialismus zwangsläufig erzogen, kommt er in das Land der Sehnsucht, in das Land seiner Väter und stößt dort auf den Chaluz, der aus England kam, Sohn eines Bürokraten. Antisozialist, vielleicht Freidenker, Gegensätze in den Weltanschauungen, Gegensätze im Verständnis für die Glaubenslehre schaffen jene Spaltungen innerhalb der Juden, die wir in den Selbstverwaltungskörpern der Juden so deutlich sehen. Der Chaluz soll für die „nur jüdische Arbeit" kämpfen, weil nur unter dieser Parole sein Fortkommen gewährleistet ist, dabei aber ist er auf dem Boden des Klassenkampfes erzogen, er soll selbst mithelfen, die armen arabischen Proletarier von der Arbeit auszuschließen. Der Jude, der durch seine Tradition, durch sein Verständnis für die Gleichheit der Menschen ein Vorkämpfer der Demokratie überall gewesen ist, er soll in Palästina plötzlich gegen die Selbstverwaltung kämpfen, er soll mithelfen, 83 Prozent der Bevölkerung (Araber) zu entrechten und 17 Prozentder Bevölkerung (Juden) mehr Rechte zu verschaffen, als ihnen in einem demokratischen Staatssystem in bezug auf die Leitung des Staatsapparates zustehen würden. Es ist nur selbstverständlich, daß all diese sozialen Gegensätze nur zu leicht zu Reibungen führen, welche durch Hetzpolitik zu lodernden Haßflammen entfacht werden können. Und tatsächlich wurde die Begeisterung der Jugend, die mangelnde Aufklärung über den eigentlichen Zweck der Balfour-Deklaration politisch ausgewertet. Die Revisionisten, die noch immer auf dem Standpunkte des Herzischen Judenstaates stehen, auf dem Standpunkte des Kampfes gegen England zur Anerkennung des Judenstaates, auf dem Standpunkt der jüdischen Legion, sie haben durch Aufrufe im „Doar Hajom" versucht, die Jugend zu revolutionieren, um ihren eigenen Ideen förderlich sein zu können. Diese Artikel sind es, aus denen die Araber ihre Waffen fabrizieren. Denn obwohl der Fellache nicht lesen und nicht schreiben kann, so ist er doch über jede Hetzrede gegen die Araber informiert, jeder Zeitungsartikel wird ihm übersetzt und so wiedergegeben, daß der Judenhaß dadurch noch mehr geschürt werde. Eine Artikelprobe wird wohl mehr sagen, als Worte, die ja sicher als unrichtig zurückgewiesen werden können. Am 5. August 1929, 14 Tage vor den Unruhen in Palästina, erschien im „Doar Hajom" ein Artikel, der auszugsweise folgendes enthielt: „Vor allem steht die Jugend vor der beschämenden Tatsache, daß unsere teure Mauer ge¬ Ohren der Jungen wirklich verstopft, daß sie das raubt wurde. Erstarrt ihr Himmel darüber? Sind die Stöhnen der Alten im Volke Juda, das Hinaufsteigen und Hineindringen in den Himmel nicht hören? Sind die Augen der Jungen blind, daß sie Fremde nicht sehen, die beim Licht der Sonne und unter den Augen der Alten unseres Volkes und der ganzen Welt das Heiligtum, das uns gehört, verunreinigen? Ist es zu glauben, daß unter den 20.000 Jugendlichen von Dan bis Beerseba nicht einer sich fand, der das Panier der Revolution erhebt um dem Schrecklichen ein Ende zu machen?" Es ist selbstverständlich, daß nicht religiöse Gefühle den Kampf für die Klagemauer entfachten. Kurz nach den Unruhen erschien im „Doar Hajom" ein Siegeslied, der auszugsweise wie folgt lautete: „Strömten aus den Städten der Abschaum Hebrons. Päderasten aus Nablus, Bastarde, Rowdies von Jaffa. Gesindel eines schmutzigen Hafens... In der Omarmoschee versammelten sie sich, die Moschee verwandelte sich in eine Mörderhöhle, ein Versammlungshaus für Tausende, die nach Schandtaten trachten. Ihr tapferen Söhne Zions, die ihr euer Leben in die Schanze schlagt, erhebt einen Siegesgesang, frohlockt: ihr ergebenen und stolzen Töchter Zions, Töchter eines unbesiegbaren Volkes, kommt hervor mit Pauken und Tänzen, denn heute feiern wir in Jerusalem ein Fest, ein Siegesfest für Generationen!" Die englische Regierung hat dieses Lied konfisziert, aber selbstverständlich gelangten die Araber in den Besitz des „Doar Hajom" und sie schrieben in ihren Blättern folgenden flammenden Protest: „... In dem Gedichte sind noch zahlreiche andere Beschimpfungen enthalten, die zu hören kein Araber vermutet hätte. Er hätte nicht den Tag zu erleben vermutet, wo er sie dennoch aus jüdischen Mäulern hören muß ... Ihr könnt die Araber, ihre Führer, ihre Moscheen, ihre Dörfer und Städte, ihre Beduinen beschimpfen, solange ihr euch in der schwerbewaffneten britischen Festung sicher fühlt... Bei Allah! (Schließt der äußerst heftige Protest)... Es ist ein Schimpf, den die arabische Welt reinzuwaschen wissen wird." Es ist nur selbstverständlich, daß diese Verhetzung zu Gegensätzen führte, wie wir sie im letzten Jahre erleben mußten. Es wäre wohl das Vernünftigste gewesen, wenn die Exekutive zwischen den Revisionisten und den übrigen Zionisten einen Trennungsstrich gezogen hätte. Es scheint aber nicht möglich gewesen zu sein, denn nur Begeisterung konnte in Palästina den Seilenden die Augen verschließen. Der „Brith Schalom" tritt diesen Hetzideen entgegen, er tritt für die Verständigungspolitik zwischen Arabern und Juden ein. Der Königsweg der Verständigung aber hieße Verzicht auf die Balfour-Deklaration. Das wäre aber der Schwanengesang des Zionismus, der Königsweg der Verständigung hieße bei den Arabern Anerkennung der jüdischnationalen Idee, was wohl den Todesstoß der national-arabischen Politik bedeutet. Politische, religiöse und soziale Gegensätze, verschärft durch politische Kampfmethoden, haben zwischen Juden und Arabern eine Situation geschaffen, die nun England Gelegenheit gibt, jenen Weg zu gehen, der dem englischen Staate nützt, ohne Rücksicht darauf, ob damit die Interessen der Juden oder der Araber verletzt werden. (Fortsetzung folgt.) Feuilleton Beziehungen des Judentums zur Philosophie. (Aus den Skizzen eines Suchenden.) Von Rabbiner Dr. L. Roth, Murska Sobota, S. H. S. (Schluß.) Die Orientierung der Ethik an dem Begriffe des Rechtes ist ein glücklicher Gedanke dieses c—tems: die Auffassung vom Staate, seine erziehende Macht und die Weite seiner Aufgaben, gehört sicherlich zu den bleibenden Gedanken unserer heutigen Kulturauffassung. Und wenn auch der ausgesprochen antipsychologische Zug des Cohenschen Systems uns so wenig gefallen mag, wie seine Ablehnung aller Nützlichkeit, sein völliges Sichlossagen von Lust, so bilden diese Ausführungen dennoch eine neue und reiche Art ethischer Gedanken. Seit den großen Tagen des deutschen Idealismus ist kaum ähnliches geschrieben worden. Das vorsichtige Abwägen der Begriffe, deren beständiges Messen an Gegenwart und Vergangenheit, atmet echten Denkergeist Es ist sehr lehrreich, daß diese hohe Auffassung vom Staate nichtsdestoweniger auch eine hohe Einschätzung des Individuums zuläßt. „Handle so, daß du deine wie die Person eines andern jederzeit als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst." (Kant). Diese zweite Formulierung des kategprischen Imperativs bedeutet für Cohen das sittliche Programm der neuen Zeit und aller Zukunft der Weltgeschichte. „Das sittliche Programm der Zukunft." Dieser Begriff ist jüdisch, prophetisch. Cohen hat hier als großer Jude bewußt die Ethik des Judentums mit einem Kantschen Grundgedanken ausgesprochen. Jeder ist Endzweck, Selbstzweck und die Menschheit wird dadurch zur Idee der sozial-ethischen, daß jeder Mensch als Endzweck der Entwicklung definiert wird. Zwei Gedanken der Ethik des Judentums hat Cohen vornehmlich ausgebaut. Erstens der „unendliche Wert der Person". Die Person hat nicht nur Wert — sie hat Würde. Wert hat jede Sache, das ist der Marktpreis. Die Persönlichkeit als ethisches Sein hat Würde. Diese Grundgedanken hat der Talmud in unzähligen Wendungen ausgedrückt. „Die Würde des Chaber sei dir so wie die eigene." Die erste Grundlegung der sittlichen Würde des Nächsten im 3. Buche Moses 19, 18, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ist eigentlich so zu verstehen: achte in der Person des Nächsten deine sittliche Persönlichkeit Achte ihn, denn in ihm bejahst du dich. Und im Satze ist nicht zu verstehen „wie dich", sondern „denn so ist wie du". Naturgesetz und Sittengesetz sind im Grunde eins. Innig verflochten mit seinem Sein ist die Würde, die ich dann in jedem anderen zu schätzen habe. Diesen ethischen Altruismus hat.der Talmud noch vertieft. Denn die Ethik des Judentums hat im Talmud eine zartere Durchbildung und lebensvolle Ausgestaltung erfahren. So nennt Rabbi Akiba den obigen Satz der Nächstenliebe „elal "adol", „den Grundsatz der Lehre" und legt diesen Gedanken dahin aus. daß der Mensch im Ebenbilde Gottes erschaffen und deshalb absolute Würde hat (Abot 3). Ebenso Ben Asai (Abot 4). Daß sie aber die sittliche Idee der Nächstenliebe als den Sinn der Schöpfung hinstellen, beweist, daß die ethisch Idee nur ihre Verpflichtung nicht national oder rassenmäßig beschränkt, sondern universal und humanistisch. Und die sittliche Erkenntnis Jesajas „Kostbarer ist der Mensch als Feingold, der Erdensohn als Ophiers Schätze" (Jesajas 13, 12), ist der Kerngedanke der prophetischen Sittlichkeit. Durch ihn erhebt sich das Individuum vom Nationalismus zum ethischen Universalismus: es ist der Aufstieg der Volksreligion zur Weltreligion, der sich in den ethischen Grundgedanken Rabbi Akibas und seiner Nachfolger vollzieht. Die Seele dieser Nationalisten ist die Volksseele: sie weitet sich zur Weltenseele: die Konzeption des prophetischen Glaubens bricht die Enge des völkischen Geistes. Und die höchste Tugend ist das Streben nach Einsicht; nach Erkenntnis: wer diese üb.t, also „osek batora", gleichviel welcher Abstammung, welcher Nation er sei, ist höher zu achten, als der Hohepriester im jerusalemischen Tempel. Die Beschäftigung mit dem Ethos, die dianoätische Tugend, ist die höchste. (Aboda sara 3 a) (KiduSin 40 b, die schönste Stelle, ein Lob auf die Forschung), denn die Sittlichkeit verbürgt den Bestand der Welt. „Groß ist die Lehre, sie führt zur sittlichen Handlung." Diese ist Sinn und Rechtfertigung des Lebens; denn die ethische Idee erhält die Welt, sie geht aber nicht auf in der Welt. (Soachar tob zu Psalm 127; Nedarim 81., sehr wichtige Belege.) Der zweite Grundgedanke der Ethik ist die staatliche Gemeinschaft. Sehr fein entwickelt Cohen das Verhältnis des Staates zu dem Einzelnen. Der Staat, so sehr er absolutes Sein bedeutet soll im Sinne dieser Lehre die Teile nicht vernichten, sondern zu neuem Dasein führen. Im Talmud: Der Mensch findet seine Bestimmung erst in der Gemeinschaft: hier in dem Zusammenarbeiten mit anderen, für andere, als Teilhaber an dem Kulturprozeß findet er seine Bestimmung. Den im Gemeinschaftsleben entfalten und stärken sich die Gefühle der Sympathie und diese veredle den Meuschen und bereichere seine Seele, denn alle Tugend ist sozialer Natur und gewinnt in der Sozietät Sanktion (Beza 32). Im sozialen Wohltun entwickelt sich die Seele (Raba, wajikra 34). Cohen hat diese talmudische Tendenz in seiner Staatslehre erworben. Das Verhältnis der Nationalitäten zum Staate faßt er so auf. daß der Nationalismus ein staatsbildendes Ferment sei. Der Staat führt die einzelnen Nationalitäten zu höherer sittlicher Einheit. Der Prophetismus, der Glaube an den messianischen Beruf der jüdischen Religion, verschwistern sich bei Cohen zur Einheit der Religion. Er glaubt an den Sieg und an die Anerkennung der Ethik des Judentums. Hermann Cohens Arbeiten (Schriften zur Philosophie. 2 Bände, 1928, Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Berlin), bilden die Grundlage für die neokantische Philosophie. Sein Ruhm aber ist: daß er im Judentum geboren, erzogen mit allen Fähigkeiten seines großen Geistes, die ethischen Ideen des Judentums als die Grundlage der Gesittung und philosophischen Kultur für alle Zeiten proklamierte. Jesajas. der Talmud und Maimonides sind für ihn das Höchste an ethischer Triebkraft.