Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 24 (13.6.1930)
- Date
- 1930-06-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit n Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden1 und den . Ämtlichen Verlautbarungen der Israelifisdien Kultusgemeinde Wien M Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 13. Juni 1930 Nummer 24 Die Ereignisse in Palästina. Referat, gehatten von Dr. Ernst I. Ich will in meinem Referate versuchen, klarzulegen und zu beweisen, warum es im Heiligen Lande zu den großen Gegensätzen gekommen ist, welche die Ereignisse im letzten Jahre schließlich auslösten. Ich muß zu diesem Zwecke ein wenig in der Geschichte zurückgreifen, bis in die Zeit des Sommers 1915. Damals schloß der englische Oberkommissär in Aegypten mit dem Sheriff von Alekka Hussein einen Vertrag, in dem England sich bereit erklärte, ein groß-arabisches Reich unter Anerkennung der politischen Selbständigkeit der Araber zu gründen, wenn es den Arabern gelänge, das türkische Joch abzuschütteln. Schon nach kurzer Zeit mußten die Araber erkennen, daß sie sich bei Abschluß dieses Vertrages getäuscht hatten. England anerkannte zwar die politische Selbständigkeit der Araber, weigerte sich jedoch, ihnen die Selbstverwaltung zuzugestehen. Durch diese Auslegung der Vertragsbestimmungen war der Keim zu dem Hasse geschaffen, der zv/ischen Arabern und Engländern sich späterhin entwickelte. Schon einige Monate später, am 19. Februar 1916, schloß England unter Ausschluß der Araber einen neuen Vertrag m i t Frankreich und Rußland. In diesem Vertrage wurde die Schaffung eines Spezialregimes für Palästina, weiches die drei Mächte beizustellen hatten, vorgesehen und den Engländern zum Mißvergnügen Italiens die Häfen Haifa und Acco zugesprochen. Und wieder einige Monate später, im Mai 1916, schloß England unter Ausschluß Rußlands und der Araber einen neuen Vertrag mit Frankreich, der die Schaffung einer internationalen Verwaltung in Palästina vorsah. Am 2. November 1917 erschien schließlich die Balfour-Deklaration, die den Juden die Schaffung einer nationalen Heimstätte unter der Bedingung in Aussicht stellte, daß die politischen und religiösen Rechte der in Palästina lebenden Völker unberührt bleiben. England hat also auf vier Schachbrettern gleichzeitig gespielt. Und es war nicht zu verwundern, daß diese Art der Politik den Haß der Araber schürte. Der Weg von den Engländern zu den Juden war nicht weit. Die Araber sahen in den Juden nichts anderes als die Drahtzieher und Vorkämpfer englischer Politik und übertrugen daher ihre Haßgefühle auf die Juden. Es kann aber nicht möglich sein, daß diese Politik Englands allein jene Atmosphäre geschaffen hat, die schließlich zu den traurigen Ereignissen am 23. August 1929 in Palästina führten. Alle Juden der Welt ohne Unterschied ihres jüdischpolitischen Parteibekenntnisses gedenken in stiller Wehmut jener unglücklichen Juden, die diese Kämpfe mit ihrem Herzblute besiegelten. Das Herz aller Juden war mit tiefster Trauer erfüllt, als man erfuhr, daß jüdisches Blut im Heiligen Lande geflossen sei. 129 Juden, 90 Araber und 2 Engländer wurden getötet, 440 Schwerverletzte rangen mit dem Tode. Der Krieg ist aus, aber der Kampf geht weiter. 5000 englische Soldaten, einige britische Schutzleute, die Läufe der Kanonen und Maschinengewehre, Tanks und Flugzeuge sind imstande, die Ruhe im Lande aufrechtzuerhalten. Allein der Boykott alles Jüdischen durch die *) Siehe die Veröffentlichungen der „Union" aut Seite 5 der vorliegenden Nummer. Feldsbers am 5. Juni 1930.') Araber, die gegen die Juden geführte arabische Pressekampagne legen dafür ein Zeugnis ab, daß sich Juden und Araber unversöhnt gegenüberstehen. Ist doch die Boykottparole der Araber: „Kauft nichts bei Juden, nur Land, verkauft den Juden alles, nur nicht euer Land!" der beste Beweis für den fortgesetzten Wirtschaftskrieg. Religiöse, politische und soziale Gründe haben diese harten Gegensätze zwischen Juden und Arabern ausgelöst. Wir alle werden uns an die Konflikte erinnern, die immer wieder wegen der Klageniauer ausgebrochen waren. Es war wohl für die Juden das Traurigste, daß sich die Gegensätze zwischen Juden und Arabern gerade an den dem Gottesdienst gewidmeten heiligen Stätten entzündeten. Es ist für jeden Juden verständlich, daß die orthodoxe Judenschaft Palästinas diese Klagemauer liebt und dort am 9. Ab und am Jörn Kippur inbrünstig ihre Gebete verrichtet. Ist doch die Klagemauer ein aus grauer Vorzeit in unsere Tage ragender Obelisk, der letzte Rest des großen Salomonischen Tempels, in den; noch der Hohe Priester seine Tieropier darbrachte, die letzte Erinnerung an den Glanz des alten jüdischen Reiches. Aber auch die Mohammedaner erheben Anspruch auf die Klagemauer und verehren diese Stätte, da sie durch ihren Propheten geheiligt wurde. Der Koran erzählt uns in seiner 17. Sure, (Jaß Mohammed einst des Nachts auf dem Flügelrosse Burak von Mekka nach Jerusalem geflogen, dort mit dem Propheten zusammengekommen und zum Himmel emporgestiegen sei. Dem Besucher der Heiligen Stätten werden heute noch der Platz, wo der Erzengel Gabriel das Flügelroß anpflockte, die Stelle, wo Mohammed sein Gebet verrichtete, und die Fußspuren, die nach seinem Aufstieg zum Himmel zurückgeblieben waren, gezeigt. Ein Besuch oder eine Pilgerfahrt nach Jerusalem zur Omar-Moschee ist mehr wert, als tausend Pilgerfahrten nach Mekka. Der Prophet selbst sang: „Oh Jerusalem, du bist geheiligt durch mein Licht, in dir ist die Stätte der Versammlung und der Auferweckung, zu dir eile ich am Tage der Auferstehung, wie die Braut zum Eheherrn." Die Stätten vor und hinter der Klagemauer sowie die Klagemauer selbst sind grundbücherliches Eigentum der mohammedanischen geistlichen Behörden, die eines Tages pochend auf arabisches Gewohnheitsrecht das Aufstellen von Gegenständen an der Klagemauer verboten. Nach arabischem Gewohnheitsrecht soll nämlich die Belassung an der Klagemauer aufgestellter Gegenstände das Recht verleihen, weitere Gegenstände aufzustellen, respektive Bauten zu errichten. Die Juden konnten zwar Photographien vorweisen, die 30 bis 40 Jahre zürückreichten und die Klagemauer mit der aufgestellten Scheidewand zeigten, allein die Araber wiesen eine türkische Urkunde vor. die das Aufstellen von Gegenständen verbot. Das Großrabbinat konnte mit einer gleichen Urkunde nicht dienen. Was war das durch eine Jahrtausende währende Tradition geheiligte Anrecht der Juden gegen die grundbücherlich festgelegten Rechte der mohammedanischen geistlichen Gesellschaft vom praktischen Standpunkte aus imstande? Die Engländer mußten dem Drängen der arabischen Behörden nachgeben und den Juden das Aufstellen von Gegenständen an der Klagemauer verbieten. Zu diesen religiösen Gegensätzen zwischen Juden und Arabern kam noch die traurige Tatsache, daß die Kämpfe um die Klagemauer politisch ausgewertet wurden. Es wurde ein „Für die Klagemauer-Ausschuß" geschaffen, der den Juden das Recht auf die Klagemauer erkämpfen sollte. Dieser Ausschuß war aber keine religiöse, sondern eine politische Aktion. Verschärft wurden die Gegensätze zwischen Juden und Mohammedanern noch durch das Verhältnis der katholischen Kirche zu den heiligen Stätten. Es ist eine bekannte Tatsache, daß wir Juden, weil wir an die Erlösung durch den Messias Christus nicht glauben, der verloren; Sohn der Kirche sind, der als ewiger Ahasverus verurteilt ist, durch die Welt zu ziehen. Weichs Folgen für die katholische Dogmatik, welche Folgen für die Anerkennung des Erlösergedankens hätte es, wenn jenes Volk, das an den Erlöser nicht geglaubt hat, nunmehr in jenem Lande wieder Auferstehung feiern würde, in jenem Lande, in dem der Erlöser gelebt, in dem er gestorben und in dem seine Gebeine ruhen! Es ist nur selbstverständlich, daß der nunmehr über englisches Ersuchen abberufene päpstliche Legat B a r 1 a ssina die Araber im Kampfe gegen die Juden unterstützte. Die italienische Presse hat schon die Zionisten beschuldigt, daß sie England zur Abberufung des Legaten gedrängt hätten. Wenn auch der päpstliche Legat in den Ruhestand tritt, das Lebensinteresse der katholischen Kirche an der Verhinderung der Entstehung eines jüdischen Reiches bleibt dadurch unangetastet. Am 2. November 1917 erschien die bekannte Balfour-Erklärung. Es war dies zu eine- Zeit, wo England noch gar nicht wußte, ob es als Sieger aus diesem Völkerringen hervorgehen werde, es war zu einer Zeit, wo England noch keine Rechte über Palästina hatte. England verfügt über ein Land, in dem seit 1300 Jahren die Araber wohnen und bodenständig wurden, und will es einem Volke geben, das vor 1800 Jahren aus dem Lande vertrieben, über die ganze Welt zerstreut wurde. Es gab bis vor 50 Jahren nur wenige Juden, zeitweise fast gar keine Juden in Palästina. Erst vor 50 Jahren begannen tastende Versuche einer Ansiedlung von Juden, die allerdings durch die zionistische Bewegung bedeutend gefördert wurden. Bei dieser Situation wäre es wohl erste Pflicht aller Palästina-Interessenten gewesen, die Frage der Verständigung mit den Arabern zu studieren und zu propagieren. Theodor H e r z 1 hat sich mit der Araberfrage in seinen Schriften sehr wenig befaßt. „Der Judenstaat" Herzls behandelt die Frage überhaupt nicht. Erst in den Nachkriegskongressen wurden immer wieder feierliche Erklärungen abgegeben, daß eine Verständigung zwischen Juden und Arabern im eminenten Interesse des Aufbaues in Palästina gelegen sei. Ohne Rücksicht auf die Araberfrage wurde die Wiederherstellung Palästinas als Heimstätte, die Verwirklichung der Jüdenstaatsidee verlangt. Dieses Verlangen aber v irrle in den Versailler Verhandlungen abgewiesen und lediglich die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina unter vollständiger Aufrechterhaltung der religiösen und politischen Rechte der in Palästina wohnenden Völker in Aussicht gestellt. Mit der Balfour-Deklaration war der Traum Herzls vom Judenstaate ausgeträumt. Groß war allerdings der Sieg, den die