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Die Wahrheit · 1930-06-06 · Heft 23 (6.6.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 23 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Ritual mordlegende entgegengetreten sind- In seiner Antwort beschränkte sich Kardinal Merri del Val auf die Mitteilung, daß der Inhalt der Kopien richtig ist und daß die Originale sich in der päpstlichen Bibliothek zu Rom befinden. Die zarischen Kreise befürchten, daß die Antwort Merri del Vals die zarische Gerichtsbarkeit (inzwischen war Bei Iis wegen Ritualmordes verurteilt worden) in eine kompromittierende Lage bringen könnte. Neledow wandte sich im Namen der Zarenregierung an den Kardinal Merri del Val mit einer offiziellen Anfrage betreffs der Antwort an Rothschild, woraufhin der Kardinal erklärte, die Bestätigung der Richtigkeit des Inhalts der Kopien bedeute noch nicht eine Ableugnung der Tatsache, daß Juden Christenkinder zu rituellen Zwecken töten oder zu Tode martern. Diese Tatsache, soll Merri del Val laut Bericht Neledows gesagt haben, sei „durch unsere Kirche niemals abgeleugnet worden." Neledow hatte auch ein Gespräch mit dem Kardinal Perata, der Kandidat auf die Papsteswürde war. Perata erklärte mir, berichtet Neledow, er sei überzeugt, daß die Juden Blut zu Ritualzwecken gebrauchen, er wisse von speziellen Studien, die über diese Frage angestellt worden sind. Diesem Bericht fügte Neledow die Bemerkung hinzu, daß die Erklärung der beiden hohen römischen Geistlichen als Material zur Rechtfertigung des Beilis-Urteils anger sehen werden dürfen. Mgr. Barlassina tritt in den Ruhestand. Die italienische Presse bestätigt die schon in der Auslandspresse verbreitet gewesene Nachrächt, daß der päpstliche Legat in Jerusalem Mgr. Louis Barlassina demnächst in den Ruhestand tritt, und daß auch sein Assistent, Bischof Fellinger. Palästina verlassen und nach Rom zurückkehren wird. Ein Teil der italienischen Presse greift die Zionisten an. weil diese angeblich ihren Einfluß bei der britischen Regierung ausnutzen und diese veranlassen, die Rückberufung Berlassinas zu fordern. Vor einigen Tagen meldeten bekanntlich einige Zeitungen, daß di» britische Regierung den Kardinal-Staatssekretär in Rom ersucht hat. Mgr. Barlassina und Bischof Fellinger von ihren Posten abzuberufen; dabei erklärte der britische Gesandte beim Vatikan, daß Barlassina und Fellinger eine Wiederannäherung der Araber an die Juden in Palästina zu verhindern suchen. Von Barlassina wird auch behauptet, daß er eine geheime Verbindung zu den arabischen Führern unterhält und sie in ihrer Unnachgiebigkcit gegenüber dem jüdischen Standpunkt ermuntert. Barlassina sprach sich auch gegen <lie Ernennung der in Artikel 14 des Palästinamandates vorgesehenen Kommission zur Untersuchung der Frage der Heiligen Stätten aus und brachte seinerzeit den englischen Vorschlag zum Scheitern. Begnadigung der zum Tode Verurteilten in Palästina? Die Jerusalemer hebräische Tageszeitung „H a arez" verzeichnet das Gerücht, daß der High Commissioner Sir John Chancellor anläßlich des Geburtstages des Königs Georg von England sämtliche in Verbindung mit den Uuruhen im August und im September 1929 in Palästina zum Tode verurteilten Personen begnadigen wird. Hindenburg zeichnet einen ungarischen Juden aus. Dem jüdischen Gastwirt und ehemaligen Feldwebel des Infanterieregiments 44, Koloman Fröhlich in Sorokujfalu, wurde soeben — 12 Jahre nach Beendigung des Krieges — eine seltene Auszeichnung zuteil. Vor einigen Tagen erhielt er im Wege des deutschen Konsulats in Budapest das Kreuz des Deutschen Ehrenordens übersandt, das ihm Marschall Hindenburg für sein im Kriege bewiesenes heldenhaftes Verhalten vor dem Feinde verliehen hatte. Koloman Fröhlich hat im Weltkriege nahezu an allen Fronten gekämpft und alle Auszeichnungen erhalten, die für Mannschaftspersonen überhaupt erreichbar waren. Antijiidiscbe Kundgebungen in Bayreuth. Dieser Tage fand in Bayreuth ein großer Aufmarsch der Hakenkreuzler statt, bei dem ein Taumel herrschte, wie er bei einem Kaiserbesuch früher nicht vorgekommen ist Ganz Bayreuth war beflaggt und die Bevölkerung beteiligte sich aktiv an den zahlreichen Demonstrationen und Feiern. Die verschiedenen Redner der antisemitischen Verbände überboten sich in antijüdischen Aeußerungen und beleidigten das Judentum der ganzen Welt. Bei der bekannten Freundschaft Siegfried Wagners zu Hitler hätte er diese antisemitischen Kundgebungen wohl verhindern können. Zu diesen Vorgängen bemerkt der „Jewish Chronicle". London, daß sich unter diesen Umständen die jüdischen Musikfreunde darüber klar sein sollten, daß man in jeder beliebigen Stadt die Werke Wagners hören kann. Es bestehe daher keine Veranlassung, weite Reisen nach Bayreuth, einer durchaus antisemitischen Stadt, zu unternehmen, um Wagner-Opern zu hören. (JPZ) Bruno Well bei Alired Dreyfus. Dr. Bruno Weil, Vizevorsitzender des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Verfasser des vielgenannten Buches „DieAffäreDreyfus" (Verlag Walter Rothschild. Berlin-Grunewald) gibt der Presse die folgende Darstellung einer Begegnung mit dem jetzt 70jährigen Alfred Dreyfus: Dreyfus hatte mich durch Freunde wissen lassen, daß er gern mit mir über mein Dreyfus-Buch sprechen möchte. Ich fuhr nach Paris, suchte ihn auf: alter Offizier, aufrechte Haltung, äußerlich weit sympathischer, als er in Lederhandschuhfabrik Josef TjasCmgzr L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandsfraße 11 Telephon R 47-2-40 der Dreyfus-Literatur geschildert wird, kerngesund, macht noch immer jeden Tag seine mehrstündige Fußtour, seine Lebensgenossin stets bei ihm, jetzt über 60 Jahre alt. sozial tätig, betreut 350 Familien. Keine Spur von Bitterkeit merkt man Dreyfus an, absolut objektiv, geradezu erhaben steht er über den Vorgängen, die vor etwa 30 Jahren die Welt bewegten. Lebhaft diskutiert er über die Vorgänge, die in der neuen Literatur geschildert sind, besonders über die Rolle Bülows. In seiner Nähe lebt in Paris sein Sohn, in einer industriellen Firma tätig, seine Tochter ist mit einem Arzt in Toulouse verheiratet. Dreyfus und seine Freunde fordern jetzt auch die Veröffentlichung der Akten des Französischen Außenministeriums. Bisher haben sie eine unbefriedigende Antwort bekommen, aber demnächst wird diese Forderung, die sich d i e französische Liga für Menschenrechte zu eigen gemacht, auch auf parlamentarischem Wege erhoben werden. Ein Musterbeispiel hakenkreuzlerischer Infamie. Der bekannte Nürnberger Hakenkreuzler Julius Streicher ist vom Nürnberger Schwurgericht von der Anklage wegen Beschimpfung einer anerkannten Religionsgesellschaft freigesprochen worden, und die Hakenkreuzlerblätter stellen die Sache so dar, als ob der Hakenkreuzler das Opfer eines übereifrigen Staatsanwaltes gewesen wäre. In Wahrheit zeigt die Sache nur die Erbärmlichkeit des nationalsozialistischen Treibens. Die Anklage richtete sich gegen einen Artikel des „Stürmer s", eines hakenkreuzlerischen Wochenblattes, das Herr Streicher herausgibt. Der Artikel, der benannt war: „Der Jude und die deutsche Frau", tat so, als ob er einen Vortrag wiedergeben würde, den zwei Rabbiner, die mit Namen genannt waren, gehalten haben; da sich die ,;Rabbiner" in dem „Vor-, trag" in der gemeinsten" Weise über die christliche" Frau äußern, sollte mit dem Vortrag die „jüdische Gemeinheit" dargetan und damit gegen die Juden gehetzt werden. Bei der Gerichtsverhandlung mußte nun Herr Streicher zugeben, daß die beiden Rabbiner, die den Vortrag gehalten haben sollen, nie gelebt haben, daß vielmehr der „Vortrag" in der hakenkreuzlerischen Redaktion erfunden worden ist! Er wäre also einer Verurteilung nicht entgangen; nun half er sich damit, daß er als den Verfasser seinen Redaktionskollegen Holtz angab, der aber nicht angeklagt werden konnte, weil gegen ihn die Sache bereits verjährt war. Den Trick kennzeichnete der Staatsanwalt mit folgenden Worten: „Wenn man schon einen Kampf mit solchen Mitteln führt, dann sollte man auch den Mut aufbringen, für das. was man schreibt, einzutreten. Streicher schickt nun einen Mann vor, gegen den das Verfahren verjährt ist". Das ist n'cht männlich! So führt man einen Kampf nicht!" Alles in allem ein Musterbeispiel hakenkreuzlerischer Infamie. Gegen die Berufung Günthers. Wie der Rektor der Universität Jena mitteilt, haben Rektor und Senat der thüringischen Landesuniversität gegen die Berufung des Schriftstellers und Rasseforschers Dr. Hans Günther zum ordentlichen Professor der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät durch das Volksbildungsministerium tinstimmig Protest eingelegt. Cuzas Programm. In der rumänischen Kammer verlas der sozialistische Abgeordnete Lucian aus. dem offiziellen Blatt Cuzas, dem in Konstanza erscheinenden „Stralucitorul" den folgendenJEassus: „Wenn Cuza zur Macht gelangt, wird er. bevor er die Wahlen ausschreibt, sämtliche Juden hinschlachten lassen, sä rat liehe Synagogen und jüdischen Schulen dem Erdboden gleich machen." Die Verlesung des Zitats wurde auf Seiten der Regierungspartei mit peinlicher Verwirrung aufgenommen. Die Opposition veranstaltete eine Lärmszene. Finanzminister Madgearu erklärte, die Regierung werde gegen den Verfasser des Artikels strengstens vorgehen. (Wieder einmal eine rumänische Regierungsversprechung, deren Wert höchst zweifelhaft ist.) Judenaustreibung durch Cuzisten. In der Gemeinde Versinjeni, Bezirk Soroca, überfiel eine Gruppe von Bauern unter der Führung der cuzistischen Agitatoren Gavril Poli, Jon Rotaru und Ifrim Rusu die wenigen Einwohner dieser Gemeinde, zerstörte ihre Wohnungen und befahl ihnen, binnen drei Tagen den Ort zu verlassen. Ein Teil der eingeschüchterten jüdischen Einwohner kam dieser Aufforderung bereits nach. VonWoihe %u Wodke Notar Dr. Julius Bermann gestorben. Am 28. v. M. ist hier der Notar Dr. Julius .Bermann, der zu den angesehensten Mitgliedern des Wiener Notariats gehörte, im 75. Lebensjahre .gestorben. Dr. Bermann, in Kremsier geboren, absolvierte seine juristischen Studien in Wien, wo er auch das Doktorat erwarb. Der Verblichene hat sich außerhalb seines Berufes auch auf karitativem Gebiet in der großzügigsten Weise betätigt und eine ganze Reihe, insbesondere jüdischer Wohltätigkeitsvereine zählte ihn zu ihren tatkräftigsten und hilfsbereitesten Förderern. Das Leichenbegängnis dieses hervorragenden Mannes fand Freitag, den 30. v. M. auf dem Zentralfriedhofe, I. Tor, unter außerordentlicher großer Beteiligung der jüdischen Oeffentlichkeit, sowie der Vorstandsmitglieder und Mitglieder der Wiener und auswärtigen B. B. Logen, statt. Trauung. Sonntag, den 1. d. M.. fand im festlich beleuchteten und geschmückten Tempel in der Pazmanitengasse die Trauung des Frl. Hilde Weiner, Tochter des Herrn Richard Weiner und seiner Gattin Irma, mit Herrn Erich Hirschfeld. Sohn unseres Chefredakteurs Ludwig Hirschfeld und seiner Gattin Sidonie, statt. Eine große Anzahl von Gästen füllte das Gotteshaus und bemerkte man unter anderen: den Präsidenten der Wiener Israel. Kultusgemeinde. Prof. Dr. Alois Pick, Vizepräsident Dr. Jakob Ornstein. die Kultusvorsteher Börserat I. Glü«-1- Eümund Hof mann, Dr. H. Körner, Kommerzialrat M. L e i t n e r, Gustav Moritz. Regierungsrat Doktor. Emil Adler, die Vorsteher Siegmund Ernst, Gustav Planer. Paul Schwarzstein. die Hofräte Bacsinsky, Engelsmann, Dr. Gans, Dr. Knett, Ing. J. Low y, zahlreiche Vorstandsmitglieder der „Union", den Gesamtvorstand des Leopoldstädter Tc-mpelvereins Aeschel Awrohom mit Obmann Oskar Schramek an der Spitze, eine große Anzahl Vertreter der Wiener Tempelvereine, Abordnungen des Gesamtvorstandes des Leopoldstädter jüdischen Frauenvereines mit Frau Dr. Margarete Grunwald an der Spitze, des Oesterreichischen Kantorenverbandes unter Führung von Oberkantor I. L ö w i t, der Vereine „Wohlfahrt". „Nächstenliebe" und „Montefiore" u. v. a. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Grunwald verlieh nur den Gefühlen der zahlreichen Freunde passenden Ausdruck, als er in einer von persönlicher Wärme durchdrungenen Rede auf die hohe Wertschätzung hinwies, die den Eltern des Brautpaares von weiten Kreisen des In- und Auslandes gezollt wird. Die kantorale Funktion versah Herr Oberkantor I. M ü 11 e r unter Assistenz des ersten Kantors A. Stift und eines verstärkten Chores in hervorragender Weise. Danksagung. Anläßlich des Ablebens meines unvergeßlichen Bruders, des emer. Rabbiners Salomon Baß, der am 27. v. M. nach langem und schwerem Leiden im 84. Lebensjahre das Zeitliche gesegnet hat, sind mir aus vielen Kreisen derart zahlreiche Kundgebungen des aufrichtigsten Beileids zugegangen, daß ich mich gedrängt fühle, allen jenen, die mir in diesen Tagen hilfreich zur Seite gestanden und auch durch die Teilnahme an dem am 29. v. M. stattgefundenen Leichenbegängnis ihre Wertschätzung für den Verblichenen bekundeten, vorläufig auf diesem Wege meinen Dank abzustatten. Dieser Dank gilt in" erster Reihe Herrn Rabbiner Dr. J. T a g 1 i c h t, der, ein langjähriger persönlicher Freund des Dahingeschiedenen, diesem einen tiefempfundenen Nachruf widmete, in welchem er ein ausgezeichnetes Charakterbild des Verblichenen entwarf und namentlich das vorbildliche Verhalten der Kultusgemeinde Aussig, in der mein sei. Bruder durch mehr als 25 Jahre als Seelsorger gewirkt hatte, rühmend hervorhob. Meinen herzlichsten Dank statte ich ferners dem Vorstand der Wiener Kultusgemeinde ab, der für die Veranstaltung eines würdigen Leichenkonduktes Vorsorge getroffen; dem Vorstand der Kultusgemeinde Aussig, die durch ihr in Wien domizilierendes Mitglied Herrn Fischel vertreten war; dem verehrlichen Vorstand der Chewra Kadischa Fünfhaus mit Obmann S a m e k; dem Frauenverein XV. (Präsidentin Frau Rabb. Dr. TaglLc.ht); dem Vorstand des Ausspeisevereins XII.—XV., der zur Leichenfeier eine Abordnung mit dem Präsidenten Herrn Kommerzialrat Artur Albers an der Spitze, entsandt hatte: dem verehrlichen Tempelvorstand desselben Bezirkes, in dessen Vertretung sich der Obmann Herr Kommerzialrat Bernhard sowie die Mitglieder T r i t s c h und B e r g e r eingefunden hatten; dem Präsidenten des Vereines „Hachnossas Kalo", Herrn Kari Altmann; dem Vertreter des Tempel Vereines KONKURS Beim Vorstande der Isr. Kultusgemeinde in Biala ad Bielsko (Polen) gelangt der Posten eines Kontors (Chasenl für den Tempel ohne Orgel zur Besetzung. GehaU nach Übereinkommen. Bewerber, welche polnische Staatsbürger sind und das 40. Lebensjahr noch nicht überschritten haben, wollen ihre entsprechend dokumentierten Offerte beim Vorstände der Isr. Kultusgemeinde in Biala ad Bielsko bis 22. Juni 1930 einbringen. Reisespesen für Probevorlrag Verden müdem Akzeptierten vergütet. Der Präses der kr. Kultusgemeinde in Biala ad Bielsko Dr. Feuereisen m. p. III

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