Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 23 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT die in der Darstellung dieser Stoffe auf der Bühne liegen, umgangen worden sind und jüdische Gestalten und Umgebungen zur Ehre der Judenheit in ihrer wahren, edlen Form dem gebildeten Europa gezeigt wurden. Die so geleistete Verständigungs¬ und Aufklärungsarbeit ist nicht hoch genug zu veranschlagen, um so mehr, als ja die Reinhardtschen Darbietungen an Künstlerischem von immerher das Bestmöglichste boten. Eine ganze Anzahl jüdischer Persönlichkeiten konnten sich im Kreise um Reinhardt frei entfalten und, Juden bleibend, zu einer Weltgeltung gelangen, die sie möglicherweise an anderen Bühnen mit ihrem Judentum hätten bezahlen müssen. Die Namen der Schauspieler, die durch und mit Reinhardt berühmt wurden, sind zu zahlreich und zu gewichtig, als daß mit ihrer einfachen Aufzählung irgend etwas gesagt werden könnte. 11 Unser liebes Deutsch". Sehr geehrter Herr Bartsch! Auch ich habe das Vergnügen gehabt, in der „Grazer Tagespost" vom 11. v. M. Ihren Artikel „Unser liebes Deutsch" zu lesen. Ich habe nun bei der Lektüre das Gefühl gehabt, daß Ihnen einiges aus der Literaturgeschichte Deutsch-Oesterreichs unbekannt sein dürfte, und so gestatten Sie mir, daß ich Sie mit einem Kapitel aus der Literaturgeschichte, das Sie doch unbedingt interessieren muß, bekannt mache. Sie werfen den Juden vor, daß sie die deutsche Sprache verderben. Vielleicht gelingt es mir durch Tatsachen, die nun einmal „leider" nicht hinwegzuleugnen sind, Ihnen das Gegenteil zu beweisen. Ich könnte Sie an die Verdienste eines Mendelssohn und anderer um die deutsche Sprache erinnern; doch Sie sind ein österreichischer Dichter und daher wollen wir bei ihrer Heimat bleiben. Der Name Josef v. Sonnenfels dürfte Ihnen wohl bekannt sein, wie auch seine großen Verdiensite um Oesterreich. Die Abschaffung der Folter und sehr viele der Reformen Josefs II. sind sein Werk. Unbekannt scheint Ihnen aber geblieben zu sein, daß Sonnenfels eigentlich erst die deutsche Sprache in Oesterreich salonfähig gemacht hat. Sie werden mir vielleicht darauf entgegnen, daß Sonnenfels Christ war, aber sein Vater Lipmann Perlin war nun einmal Jude und sein Großvater, Rabbi Michael der Fromme, war als Stadtrabbiner von Berlin weit und breit berühmt Wohl ist Lipmann Perlin unter dem Namen Alois Wiener ein frommer Katholik geworden, aber Mitglied der „Deutschen Studentenschaft" hätte der Hofrat und Reichsfreiherr Josef v. Sonnenfels nie werden können. Dieser Semit Sonnenfels erkannte scheinbar als Erster den gewaltigen Gegensatz zwischen Oesterreich und Deutschland in bezug auf die Sprache. Dort ein feines Deutsch, hier ein häßlicher Dialekt; denn die österreichische Mundart war damals (1758—1760) nicht gerade schön. Die unteren und mittleren Klassen wie auch der niedere Adel sprachen Dialekt, der auch in den Kanzleien allgemein üblich war, die Gelehrten sprachen lateinisch, der hohe Adel französisch oder italienisch. Reines Deutsch war verpönt. Es galt geradezu als ketzerisch, es zu sprechen. Hier nun wollte der Semit Sonnenfels Aenderung schaffen. Er las deutsche Musterschriftsteller, er mußte lesen, wie diese nicht, gerade sehr schmeichelhaft über Oesterreichs Literatur schrieben (wenn Sie Interesse haben, lesen Sie z. B. Nicolais „Briefe über die neueste Literatur", Band XII, was dort Engelschall über Oesterreich schreibt) und immer energischer wurde sein Wille, den Oesterreichern Deutsch zu lehren. Er wollte zu diesem Zweck gerne Professor für deutsche Literatur werden, wurde es aber nicht, sondern der Slave Popovic bekam das Amt. Sonnenfels dürfte wahrscheinlich zu gut Deutsch gekonnt haben. So wurde er vorläufig nur Mitglied und bald — trotz seiner nur dreißig Jahre — einer der Führer der „Deutschen Gesellschaft", einer Vereinigung, die für die Verbreitung der Bildung in Oesterreich sehr viel tat. 1761 hielt er dort eine Rede: „Von der Notwendigkeit, seine Muttersprache zu bearbeiten", die ihn berühmt machte. Finanzielle Sorgen erlaubten es ihm nicht, den Kampf um die deutsche Sprache so zu führen, wie er es gerne gewollt hätte. Erst als er Professor für Polizei- und Cameralwissenschaften an der Wiener Universität geworden war, konnte er ruhiger an die Arbeit gehen. 1765 gab er seine erste Zeitschrift heraus, der dann bald andere Journale folgten, in denen er seine Ansichten verfocht. Nebenbei führte er einen heftigen Kampf gegen das zweideutige Spiel auf der Bühne — gegen Schmutz und Schund würde man heute sagen — und siegte. Die Regierung verbot das zweideutige Spiel und setzte Sonnenfels als Zensor ein. Sonnenfels' Erfolge wurden immer größer. Alles las seine Schriften; nur der hohe Adel verstand Sonnenfels nicht; denn er schrieb — deutsch. Sogar „Nagel-Zeidler", dem Sie bestimmt nicht Philosemitismus nachsagen können, schreibt in seiner „Deutschösterreichischen Literaturgeschichte", Band II, S. 258 ff.: „Er hat Verdienste um die Reinigung des Geschmacks". „Der Geist seiner Geschmacksreform durchdrang das ganze österreichische Schrifttum". „Er war das Vorbild der österreichischen Journalistik". „Die Prosa stand der Schreibweise Lessings nahe" usw. Sein Kampf um die Einführung der richtigen deutschen Sprache war nicht leicht. Von allen Seiten wurden „dem Nikolsburger Juden" — wie er allgemein genannt wurde — Hindernisse in den Weg gelegt. Schon 1770 wollte Maria Theresia Sonnenfels im Studienrat haben; doch die Hofräte waren dagegen. Sonnenfels trat nämlich dafür ein, daß alle Kinder Lesen, Schreiben und Rechnen lernen, und das war scheinbar den Hofräten zu viel. Erst unter Josef II. wird er in die Studienhofkommission gewählt und nun beginnt seine eigentliche Tätigkeit. Er wird in die sogenannte Compulationskommission berufen, um die alten Gesetze umzuarbeiten und die neuen zu stilisieren. Man sah nun doch ein, daß Sonnenfels nicht nur recht habe, sondern auch die deutsche Sprache beherrsche. So faßt Sonnenfels alle Gesetze Josefs II. ab, ändert diese sogar manchmal, was dem Kaiser nicht immer gefiel. Er verbesserte aber auch die Schrift- und Geschäftssprache zu einer Zeit, da die Sprache über- UFA-TON-KINO Wien II., TaborslraS« 8 Telephon R 42-3-41 Emil Jannings Der blaue Engel mit Marlene Dietrich Ein deutscher Sprech- und Tonfilm der Erich Pommer-Produktion der Ufa Beginn der Vorstellungen: 7,6, 748 und 9 Uhr An Sonn, und Feiertagen ab 4 Uhr haupt noch nicht gereinigt war. Kaiser Josef II. übertrug ihm sogar die gesetzliche Verbesserung des Kurialstiles und verlieh ihm 1787 den Lehrstuhl für Geschäftssprache an der Wiener Universität. Bei der Ausarbeitung der Gesetze war er weiterhin tätig. Er wird allmählich Staatsstilist. Kaiser Josef II. drückt ihm schon am 30. Dezember 1785 für sein „eifervolles Arbeiten sein Wohlgefallen" aus. Ueber diese ganze Tätigkeit Sonnenfels finden sich im Archiv des Unterrichtsministeriums sehr viele Aktenstücke, die ich Ihnen, sehr geehrter Herr Bartsch, Ihrer angelegentlichsten Lektüre empfehlen möchte. Auch unter Leopold II. ist Sonnenfels in der gleichen Weise tätig. Leopold II. politische Gesetze und Verordnungen für die deutschen, böhmischen und galizischen Erblande sind von Sonnenfels verfaßt. Auch Kaiser Franz konnte ihn nicht missen. Das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch von 18Ii ist formal nicht zum geringsten Teil das Werk Sonnenfels. Ich hoffe, daß diese Tatsachen schon genügen sollten, um Sie von der Unrichtigkeit Ihrer Behauptungen zu überzeugen. Ich hoffe...! Beweise für die spätere Zeit anführen, ist bestimmt noch leichter, aber vorläufig genug damit. Es würde mich sehr freuen, wenn diese Zeilen Sie überzeugt hätten. Ich bin mit vorzüglicher Achtung Ihr Immanuel Rubin. Hindenburg und Göbbels. Vor dem Schöffengericht Charlottenburg wurde am 31. Mai ein Beleidigungsprozeß verhandelt, den Reichspräsident von Hindenburg gegen den Führer der Berliner Nationalsozialisten, den Reichstagsabgeordneten Dr. Göbbels angestrengt hat Im Berliner Organ der Nationalsozialisten „Der Angriff" erschien im Vorjahre auf der Titelseite eine Karikatur Hindenburgs. Sie stellte den Reichspräsidenten schlafend dar unter dem Titel „So sieht der Retter aus". Die gleiche Nummer brachte einen Leitartikel, der sich mit der Haltung Hindenburgs anläßlich des Volksbegehrens auseinandersetzte und die Ueberschrift trug: „Lebt Hindenburg noch?" In diesem Artikel wurde der Reichspräsident mehrfach gröblich beleidigt, indem man ihm „Verrat am deutschen Volke" vorwarf und ihn einen „ehrvergessenen.Greis" nannte. Da der Verfasser dieses Artikels und der beleidigenden Karikatur nicht genannt war, stellte der Reichspräsident gegen den verantwortlichen Schriftleiter des „Angriff", Doktor Göbbels. den Strafantrag Gleich zu Beginn der Verhandlung erklärte der Verteidiger, daß er sowohl den Vorsitzenden als auch den Scbölfen Ries ablehne, weil sie jüdischer Rasse sind. Der Verteidiger bittet, diese Ablehnung als rein sachlich (!) zu betrachten und nicht etwa als persönliche Beleidigung aufzufassen. Der Vorsitzende erklärte nun, daß sowohl er selbst als auch der Schöffe Ries Juden seien. Dann unterbrach er die Verhandlung zur Beschlußfassung über den Antrag des Verteidigers. Nach der Beratung gab der Vorsitzende bekannt: Der Antrag auf Ablehnung der beiden Richter wird vom Gericht mit der Begründung abgelehnt. daß die ständige Rechtsprechung in dem Glaubensbekenntnis keinen Befangenheitsgrund sieht, und daß überdies auch die Richter sich als nicht befangen erklären. Dr. Göbbels suchte nun in einer der üblichen nationalsozialistischen Reden zu erklären, daß er Hindenburg weder als Offizier, noch als Reichspräsident oder gar als Mensch angegriffen habe, sondern nur den Politiker in ihm. Hindenburg habe bei seiner Wahl selbst erklärt, er sei ein politischer Laie und dürfe daher nicht für sich in Anspruch nehmen, als politische Autorität gewertet zu werden. Dann kamen die gewöhnlichen Ausfälle gegen den Young-Plan. Und so ging es fort. Als der Staatsanwalt, der neun Monate Gefängnis beantragte, das Vorgehen Göbbels als schwere Verletzung des nationalen Anstandes bezeichnete, protestierten die im Saal anwesenden Nationalsozialisten laut dagegen. Nach längerer Beratung wird Dr. Göbbels zu 800 Mark Geldstrale verurteilt und dem Reichspräsidenten zugebilligt, das Urteil in sämtliche™ Berliner Parteiblättern zu publizieren. Sowohl der Staatsanwalt als auch Dr. Göbbels legten gegen das Urteil Berufung ein. Vor dem Gerichtsgebäude waren einige Tausend Nationalsozialisten versammelt, die ihren Führer beim Verlassen des Gerichtsgebäudes mit Blumen überschütteten und große Ovationen bereiteten. Zu irgend welchen Zwischenfällen ist es Dank der außerordentlichen Maßnahme der Polizei nirgends gekommen. Armes Deutschland! * Prof. Dr. E. Nölting (Frankfurt a. M.): Was soll man gegen den Antisemitismus tun? Im wesentlichen der Zeit und dem guten Genius dieses Volkes vertrauen, das auch dieser Psychose Herr werden wird! Inzwischen aber, damit wir nicht ersticken in der grauen Lehmflut des Hasses und der Verleumdung, die über uns hinweggeht, auf die .Schanzen treten und ein Wort_der Beschwörung, der Warnung und der Belehrung in den entfesselten Aufruhr werfen; durch wissenschaftliche Forschung die Grundlage der Pseudowissenschaft des Rassenwahns und der völkischen Kulturlehre rücksichtslos zerstören. Vor allem aber durch lebendiges Beispiel den Beweis erbringen, daß auch in diesen verworrenen Tagen der Sinn für Humanität. Gerechtigkeit und menschliche Gleichachtung nicht bei allen erstorben ist. (Aus „Judenhaß". Eine Anthologie.) in