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Die Wahrheit · 1930-06-06 · Heft 23 (6.6.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 23 (6.6.1930)
Date
1930-06-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Je enger die Bluts- und Sprachverwandtschaft der Brüder, desto größer allerdings die politische und kulturelle Spannung. Die Pogroms waren in dieser Hinsicht als Wetterleuchtzeichen zu deuten. Aber die jüdischen Einwanderer bilden sich nur allzu gern ein, es handle sich da um von den Effendis verhetzte Fellachen. Kein Zweifel, daß die arabischen Großgrundbesitzer das ihrige dazu beigetragen haben, denn die Höherschraubung der Löhne durch die jüdische Arbeiterschaft war für sie keine sjTnpathische Angelegenheit Aber die Aversion lag tiefer: auch hier war der Antisemitismus der Sozialismus des kleinen Mannes. Daß die jüdische Arbeiterschaft hie und da mit der arabischen — die ganz klein ist — zu fraternisieren, ja zu kollaborieren versuchte, das war eine Ausnahme. Dabei fühlten die Araber, die um ein nationales Parlament kämpften, die Juden als Widersacher dieser Forderung. Auch beim Zuzug und der Seßhaftigmachung wüstenarabischer Elemente aus Transjordanien oder aus dem Süden fühlte man die jüdische Opposition. Der Kampf um den Boden war ein überaus heftiger, und nicht selten mußten die alten Araberpächter das Terrain verlassen, wenn die jüdischen Kolonisten einmarschierten. Dies verbitterte. Die Juden kamen aber nicht nur als Bauern — jene schöne und so erfreuliche Erscheinung in Neu- Palästina —, sondern auch als Industrielle, Grundbesitzer, Spekulanten, Händler, Techniker. Eine neue jüdische Herrenbourgeoisie wuchs auf und nahm teilweise arabische Arbeiter in Sold. Ein nicht vorausgesehener Klassenkampf entstand. Rußland fand guten Nährboden für diesozialeRevolution. Araber und Juden kamen einander aufdiese Weise nicht näher. Im Gegenteil. Auf der anderen Seite geschah wenig, um den katastrophalen Gegensatz zu überbrücken. Die Judenschaft fühlte sich wirklich als höhere Kulturrasse gegenüber dem eingeborenen Arabertum. Es gründete seine Schulen und vollzog die Renaissance des Hebräischen, lernte aber nichi die Umgangssprache seines Wirtsvolkes. Neue Städte, Kolonien, Spitäler, Elektrizitätswerke, Schulen, Hochschulen und riesige Industriebetriebe wuchsen aus dem Boden, aber der einfache Araber wußte nicht, ob er sie fürchten oder auf sie hoffen solle. Beides wäre möglich gewesen: aber das jüdische Bindeglied, das dieNeugründungen der Juden als Hoffnungen auch für das arabische Volk hingestellt hätte, fehlte. So gewannen allmählich die die Oberhand, die die Judengefahr, die. Judenmajorität, die Vergewaltigung der Araber als bevorstehendes Ereignis an die Wand malen konnten. Hie und da erhob einer die warnende Stimme, zuletzt Einstein, aber es war vergebens'. Das jüdisch -arabisch e Freundschaftskomitee, das den untfeuitteton Beziehungen des Judentums zur Philosophie. (Aus den Skizzen eines Suchenden.) Von Rabbiner Dr. L. Roth. Murska Sobota. S. H. S. In der wissenschaftlichen Ethik der letzten Jahre stehen vornehmlich zwei Richtungen einander gegenüber, die immer wieder an ältere Gedanken anknüpfend, dieselben fortbilden. Auf der einen Seite, die von den Engländern beeinflußten Uülitarier, die eine soziologische Prägung des Wertproblems bilden. Der soziale Gedanke der Gegenwart sucht in diesem Sinne die Gülerlehre in den Werten des Gemeinschaftslebens darzustellen. Der Imperativ dieser Richtung lautet: Handle so, daß Deine Handlung der Sozietät zugute komme! Das Individuum muß sein Interesse zugunsten der Gemeinschaft zurückstellen, denn diese bietet dem Individuum sittlichen Bestand. Auf der anderen Seite leben die Systeme des deutschen Idealismus wieder auf. Kant und Hegel und Fichte feiern ihre Auferstehung. Allerdings mit starken gedanklichen Korrekturen. Besonders leben die Kantschen Grundgedanken in der Fortbildung der neokantschen Ethiker fort. Einer der führenden Geister dieser Richtung. Hermann Cohen, hat die Gedanken des deutschen Idealismus in fruchtbarer Weise fortentwickelt Seine „Ethik, des reinen Willens" ist ein glänzendes Zeugnis tiefer Spekulation. Von Kant durch Hegel in das reine Anschauen der höchsten Aufgaben sittlichen Denkens, so könnte man dieses großzügige Buch nennen, das vollständig frei ist von jeder Schablone des Epigonentums. Man wird die schwierige Lektüre dieses Buches nichtohne Gewinn treiben. Auf jeder Seite zeigt sich Uns ein mittelbaren Kontakt der Völker gesichert hätte, kam nie zustande. Der Zionismusverließsichaufdengroßen englischen Onkel und seine Polizisten. Nun ist die Katastrophe — wenn nicht gekommen, so doch vor der Tür. Mit ihr ist die palästinensische Judenschaft sich dessen bewußt geworden, was auf dem Spiele steht. Sie weiß auf einmal, daß die Araber da sind und eine Macht darstellen, mit deren Wachstum man rechnen muß. Sie erkennt, daß der jüdische Sozialstaat, die ethisch orientierte jüdische Heimstätte, Ethos auch für die Araber haben soll und nicht gegen diese, nur mit ihnen errichtet werden kann und muß. Palästina ist sicherlich groß und fruchtbar genug für beide Nationen (?), vorausgesetzt, daß sie sich vertragen und einander helfen wollen. D i e Initiative kann von den Arabern nicht ausgehen, denn ihnen fehlt die Weite des Blickes, die Kulturhöhe und die Erkenntnis der Situation. Also müssen die Juden es beginnen. Sie müssen es den anderen klarmachen, eindringlich klarmachen, daß sie als Gebende ins Land kommen, nicht als Nehmende. Mittel und Wege dazu gibt es ungezählte. Aber die Zeit drängt. Auf nationalem Hader kann kein neuer Staat gegründet werden. Auch nicht auf Vergewaltigung. Auseinandersetzung und Bereinigung aller Differenzpunkte müssen unmittelbar vor der Tür stehen. Weder Asien noch Europa kann es ertragen, daß der Balkan bis nach Palästina ausgedehnt wird. Gelingt diese Verständigung zwischen den Brudervölkern nicht und nicht bald, dann steht der Zionismus und die jüdische Heimstätte allerdings vor einem bedeutsamen Wendepunkt. * Wie recht Paganus und jene, die, wie wir. ein jüdisch-arabisches Abkommen als einzige Möglichkeit eines friedlichen Wiederaufbaues ansehen und die bisherige Vernachlässigung dieser Möglichkeit als ein schweres Verbrechen an der jüdischen Sache betrachtet haben, geht aus einem Artikel des Organs der arabischen Exekutive hervor, der eine deutliche Sprache spricht „Falastin" erklärt dem Zionismus offen den Krieg, verlangt ein Verbot aller Bodenübertragungen an Judea und fordert die Araber in anderen Ländern, wie überhaupt alle Mohammedaner der Welt zu schweren Repressalien an Juden auf. Im betreffenden Artikel dieses Blattes heißt es aber anfangs: „Die Juden haben wegen ihres Starrsinns und ihrer blinden Loyalität gegen England Gelegenheit zu einer Verständigung mit den Arabern verpaßt Verständigung und Zusammenarbeit als Folge feines jüdisch-arabischen Abkommens wären möglich gewesen, wenn das konstruktive und das geistige Programm von Dr. J. L. Magnes und Professor Einstein akzeptiert worden wäre. Heute aber ist die Möglichkeit einer Wiederannäherung so fern wie die Erde vom Himmel. Wir müssen unseren Krieg gegen den Zionismus nicht allein in Palästina, sondern in allen arabischen undmoslemitischen Ländern fortführen." Trotz dieser geharnischten Kampfansage und trotz der von dem arabischen Blatte behaupteten Ausschließung der Möglichkeiten einer Wiederannäherung im jetzigen Zeitpunkte müßte von jüdischer Seite jeder Versuch für eine solche friedliche Verständigung gemacht werden. Aus der Vergangenheit, in der man dummerweise Einstein und Magnes verlacht hat, was sich jetzt bitter rächt, müßte man lernen und den Arabern die Bruderhand bieten. Man darf aber nicht, wie dies eine jüngst in Tel Aviv abgehaltene Konferenz der allgemeinen Zionisten Palästinas getan hat. in eitler Verblendung gar so weit gehen, alle Anhänger des Brith Schalom aus der Organisation auszuschließen. Ein neues Palästina-Weißbuch der englischen Regierung. Im Hinblick auf den Zusammentritt der Mandatskommission des Völkerbunde s zu einer den Fragen Palästinas gewidmeten Sondersitzung hat die englische Regierung soeben ein Weißbuch veröffentlicht. In einem das Weißbuch einleitenden Statement wird die britische Politik in' Palästina in allgemeinen Zügen umrissen. In dem Weißbuch sind ein klare Darlegung der Politik der britischen Regierung in Palästina und Richtlinien für die zukünftige Palästina-Administration nicht enthalten; das Statement der Regierung nennt nur jene Punkte in dem Bericht der Shaw-Kommission, die die Regierung als die wichtigsten hinsichtlich der Durchführung einer weiteren Untersuchung oder Einleitung einer Aktion erachtet. Das Weißbuch gibt die bekannte Erklärung des Premierministers Ramsay MacDonald in der Sitzung des Parlaments vom 3. April wieder, erörtert eingehend die Schwierigkeiten eines Ausgleichs der „miteinander in Widerspruch stehenden Interessen" in Palästina und stellt fest, daß zwischen den zwiefachen Verpflichtungen des Mandates das Gleichgewicht gehalten werden muß. Während die Regierung erklärt, noch nicht in der Lage zu sein, konkrete und präzise Vorschläge hinsichtlich aller von der Shaw-Kommission aufgeworfe- .nen Themen zu formulieren, nimmt sie im allgemeinen die Befunde der Kommission hinsichtlich der Ursachen des Ausbruchs, sowie die zionistischen Klagen gegen den Großmufti, die Palästina- Regierung und die palästinensisch-arabische Exekutive, schließlich die weniger ins Gewicht fallenden arabischen Klagegründe zur Kenntnis. Die Frage einer zeitweiligen Suspendierung der Einwanderung — heißt es in dem Regierungs-Statement weiter — wird untersucht, Gesetzesverordnungen werden vorbereitet mit dem Ziele, die Enteignung der einheimischen land wirtschaftlichen Bevölkerung zu kontrollieren. Endgültige Beschlüsse werden jedoch erst nach Erhalt des Berichtes von Sir John Hope Simpson, der gegenwärtig im Auftrage der englischen Regierung in Palästina weilt und Untersuchungen hinsichtlich der Fragen der Einwanderung und des Bodens aneigener selbständiger Geist Und jede Seite zeigt ein tiefes Erwägen, ein vorsichtiges Vorwärtsdringen auf der schweren Bahn des Denkens. Fast jeder Satz regt zu Gegenbemerkungen an. Wie vorsichtig der Verfasser den „reinen Willen" von jedem psychologischen Merkmal ablöst, um nur ja möglichst die Reinheit des ethischen Willens zu gewinnen. Wie alle Beschreibungen des Willens, soweit sie empirisch sind, ausgeschaltet werden. Wie er dann den Begriff des „Nächsten" zu einer Idealität erhebt, aus weicher eine Handlung von Ich und Du oder ein DoppelwHle herauswächst, der sein Analogon im Rechiswillen findet. Der juristische Vertrag bildet den Typus für die Erscheinung des Willens, in dem derselbe eine Handlung darstellt. Diese Handlung aber, ohne jede affektive Beimischung ist das Merkmal des reinen Willens. Das Selbsibewußtsein des reinen Willens erschein nicht im Einzelindividuum, sondern im Staate. ..Der Staat als Selbstbewußtsein, ist die Einheit von Subjekt und Objekt im Willen." Die Unterscheidung Rousseau's zwischen dem volonte generale oder universelle und der volonte de tous, bildet die Grundlage dieses Fundamentalsatzes. Der Universalwille ist nicht die Zusammenfassung des Willens vieler Einzelner, sondern ein neuer eigener. Begriff: die Erscheinungsform des Willens in seiner Reinheit schlechtweg. Die vertragliche Handlung macht den Staat aus. In diesem Ich und Du nicht nur nebeneinander vereint: sie wird durch diese Form des Selbstbewußtseins des Willens eine neue Einheit geworden sein. Nicht mehr Vielheit, sondern Allheit (Ethische Sozietät). „Du und Ich gehören schlechterdings zusammen. Ich kann nicht ich sagen, ohne dich auf mich zu beziehen: ohne dich in dieser Beziehung mit dem Ich zu vereinigen." Dies ist die Wandlung, der innere Fortschritt in dem Begriffspaar: Ich und Du. Der Staat bildet diese Begriffe zu sittlichen Potenzen aus. in ihm erscheint das Selbstbewußtsein, welches das Band der Geister bildet. Aus dieser Korrelative des Einzelnen zum Nicht-Ich erwächst die Macht des Staates, die sein Recht bildet Das sittliche Recht und seine Kompetenz zu Erschaffungen von Gesetzen, die diesem dienen. Dieser Staatsbegriff erwächst aus dem juristischen Begriff der Genossenschaft (Chaberim), diese aber ist durchaus verschieden von dem der Gemeinschaft. In diesem Namen liegen affektive Merkmale, relative Einheiten; so ist z. B. das Volk aus Gemeinschaft, während der Staat eine absolute Allheit darstellen müsse. Von diesem Fundamente ersteht für Cohen die Vertragstheorie, welche allen Deutungen des Staatsbegriffes, namentlich der historischen Rechtsschule zuwider läuft. Diese hatte die Ouelle des Rechtes und hiermit den Begriff des Staates aus dem Volksgeist entstehen lassen. Mit allem Nachdruck zeigt nun Cohen, wie enge dieser Begriff sei, viel zu enge, um aus ihm das „Selbstbewußtsein des reinen Willens" herauswachsen zu lassen. Den Naturalismus, . welcher der historischen Rechtsschule zugrunde liegt, bekämpft die Ethik des reinen Willens aufs Entschiedenste. „Recht und Staat sind Gebilde des Geistes; das Volk dagegen ist ein Produkt der Natur." Und nun wendet sich Cohen gegen die Konsequenz des Naturalismus, gegen den geschichtsphiiosophischen Materialismus eines Lassalle. Mit einer scharten und tiefen Dialektik und der reinsten Klärung der Begriffe wird hier die Lehre vom Staate von den verschiedenen Einseitigkeiten befreit. Die Romantik sowohl, wie der Sozialismus kranken an begrifflichen Irrtümern und unterschätzen den methodischen Wert der Ethik. Jene verflacht den Begriff durch Hervorkehrung von Affekten, dieser aber verwechselt Natur und Geist, Ideales und Reales, Absolutes und Relatives. Ueber diese Gegensätze erhebt sich für den Denker der Staat zu einem ethischen Kulturbegriff, der allen Einzelbestrebungen gegenüber sein Dasein in der begrifflichen Superiorität verbürgt hat. Die theoretische Kultur bildet den sittlichen Bestand des Staates, die Ouelle seines Daseins, die Höhe und allumfassende Bedeutung über alle partikularen Begriffe, wie folgt; wie Volk, Rasse. Stamm usw. So ist für die idealistische Betrachtung des Grundverhältnisses von Individuum und Staat, der letztere das logische, sittlich Erste, das Allumfassende. (Fortsetzung folgt)

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