Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 23 (6.6.1930)
- Date
- 1930-06-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Adifanö! Seife S: Bädcriistet isen e ie 10cmrheif n Erscheint jeden Freitag mit den Veroffentlidmngen der Union deutschösterreichisdier Juden1 und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien « l!tfW»!!illl|1iitn!l!iililHil!!ül!l Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 6. Juni 1930 Nummer Leo Trotzki und sein „Judentum". Von Dr. Elias Hurwicz, Berlin, Bei einer aus dem Judentum herstammenden, zur weltgeschichtlichen Rolle emporgewachsenen (oder emporgetragenen) Persönlichkeit wie Trotzki, die in den Streit der Meinungen vielfach hineingezogen wird, verlohnt es sich wohl, deren Beziehungen zum Judentum nachzuprüfen, zumal wir dazu jetzt eine authentische Grundlage in Gestalt der Autobiographie Trotzkis, die kürzlich unter dem Titel „MeinLeben" (bei S. F i s c h e r, Berlin) erschienen ist, besitzen. Trotzkis Kindheit und erste Jugend, die er ausführlich und mit erstaunlicher Gedächtniskraft schildert, enthält auch nicht eine Spur irgendeiner religiösen Erziehung. Der Vater war ein Gutspächter, der völlig in den Sorgen um die Landwirtschaft aufging, nichts für Geistigkeit übrig hatte und den wir wohl einen „Amhaarez" nennen würden, die Mutter ohne jeglichen Einfluß in religiöser Beziehung. Doch lassen wir Trotzki selbst das Wort: „Religiosität existierte in der elterlichen Familie nicht. Anfangs wahrte man noch den Schein: an großen Feiertagen fuhren die Eltern in die Synagoge der Kolonie, an Sonnabenden nähte die Mutter nicht, mindestens nicht offen. Aber auch diese rituelle Religiosität nahm mit den Jahren ab, mit dem Heranwachsen der Kinder und des Wohlstandes der Familie.. Der Vater glaubte schon seit seinen jungen Jahren nicht an Gott, und im späteren Alter sprach er darüber offen vor der Mutter und den Kindern. Die Mutter zog vor, diese Frage zu umgehen und schlug bei passenden Gelegenheiten die Augen zum Himmel empor. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, galt allerdings der Glaube an Gott offiziell noch als selbstverständlich. Einmal fragte mich ein zugereister Gast, dem die Eltern wie gewöhnlich den Sohn vorführten, wobei sie mich zwangen, meine Zeichnungen zu zeigen und Verse aufzusagen: „Nun, und was ist Gott?" „Gott", antwortete ich ohne zu schwanken, „ist so ein Mensch." Der Gast schüttelte den Kopf: „Nein, Gott ist kein Mensch." (S. 83.) Kein Wunder, daß Trotzki es mit seinen eigenen Kindern ebenso hält; doch nein, er sreht noch einen Schritt weiter, als die Frage an ihn (in Wien im Jahre 1913) praktisch herantritt. „Als Ljowa in die Schule kam, entstand die Frage nach dem Religionsunterricht. Gemäß dem damaligen österreichischen Gesetz mußten die Kinder bis zu vierzehn Jahren in der Religion ihrer Väter erzogen werden. Da in unseren Dokumenten keine Religion vermerkt war, so wählte n" w ir für die Kinder den protestantischen Religionsunterricht, da diese Religion uns für die kindlichen Schultern und Seelen am leichtesten tragbar s c h i e n. Die Lehre Luthers unterrichtete eine Lehrerin außerhalb der Schulstunden, aber im Schulgebäude. Ljowa gefiel dieser Unterricht, das i sah man seinem Frätzchen an, aber zu Hause sich darüber auszulassen, hielt er für überflüssig. Einmal hörte ich, wie er schon im Bett liegend etwas flüsterte. Auf meine Frage antwortete er: ,Das ist ein Gebet; weißt du, es gibt mehr schöne Gebete, wie Gedichte*." (S. 221 u. 222.) An einer Stelle charakterisiert er selbst in scharfen Worten seine absolute Diesseitigkeit: „Seit ich zu denken begonnen hatte, war ich stets, zuerst intuitiver, dann bewußter Materialist; ich empfand nicht nur kein Bedürfnis nach anderen Welten, sondern ich konnte niemals eine psychologische Brücke zu jenen Menschen finden, denen es gelingt, gleichzeitig Darwin und die Heilige Dreieinigkeit anzuerkennen." (S. 230 u. 231.) Außerordentlich interessant ist das Gespräch, das zwischen Lenin und Trotzki gleich nach der Eroberung der Macht, stattfand, als es sich darum handelte, die höchsten Aemter zu verteilen: „Der 7. November brachte die Lösung. Ich hatte den gleichen Wunsch wie ein Chirurg nach Beendigung einer schweren und gefährlichen Operation: Hände waschen, Kittel abnehmen und ausruhen. Lenin dagegen forcierte, daß ich an die Spitze der inneren Angelegenheiten träte: der Kampf gegen die Konterrevolution sei jetzt die Hauptaufgabe. Ich widersprach und brachte neben anderen Argumenten auch das nationale Moment hervor: Lohnt es sich, den Feinden noch eine solche Waffe wie mein Judentum in die Hand zu geben? Lenin warfastentrüst et:,Wir haben eine große internationale Revolution, welche Bedeutung können da solche Lappalien haben?' Bei diesem Thema entstand zwischen uns ein halb scherzhafter Wortwechsel: .Die Revolution ist gewiß groß, aber es sind noch Dummköpfe genug übriggeblie-' b e n\ erwiderte ich. ,Ja, wollen wir uns den Dummköpfen anpassen?' .Nicht anpassen, aber eine kleineKonzessionandieDummh e i t muß man mitunter schon machen: Wozu müssen wir gleich am Anfang eine überflüssige Komplikation schaffen?" (S. 326.) In den Diskussionen über die Rolle der Jaden im Bolschewismus spielt Trotzkis Name eine große Rolle, die Rolle eines Arguments. Die hier angeführten Stellen dürften den authentischen und hinlänglichen Beweis dafür erbringen, wie wenig Trotzki mit dem Judentum gemeinsam hatte. Man kann nicht einmal sagen, daß bei ihm — wie bei vielen anderen — irgendwie das unbewußte Ressentiment für das seinen jüdischen Volksgenossen vom Zarismus angetane große Unrecht mitwirkte. Die Antisemiten lieben es, als Argument Trotzkis wahren Namen Bronstein anzuführen. Aber in diesem Falle ist der angenommene Name psychologisch zutreffender als der Abstammungsname. Lenins größter Kampfgenosse ist wirklich mehr Trotzki als Bronstein. Judenaussperrung in Palästina? Im Wiener „Tag" vom 30. April lesen wir den folgenden bedeutsamen Leitartikel von Pag an us (Maximilian Schreier?). Der Aufsat« dieser meist der zionistischetv Bewegung recht sympathisch gegenüberstehenden Zeitung kommt zu ganz ähnlichen Schlußfolgerungen, wie wir sie seit jeher gezogen haben. Auch Paganns ist der richtigen Ansicht, daß der Wiederaufbau, wenn überhaupt, nur mit den Arabern, nicht gegen sie durchführbar ist und daß" deshalb von jüdischer Seite der Appell an die arabische Welt wegen eines Friedensschlusses im beiderseitigen Interesse ergchen muß. D. Red. Das ist eine ernste, ja eine böse Angelegenheit. Die englische Mandatsmacht will — entsprechend den arabischen Wünschen — die jüdische Einwanderung ins heilige Land für längere Zeit, wie man hört, für ein halbes Jahr, stoppen, selbst für die Familienangehörigen der bereits in Palästina seßhaften Juden. Aengstliche und verantwortungsvolle zionistische Führer, die die Schwierigkeiten, ja Zweideutigkeiten der Mandatsmacht und ihrer palästinensischen Exekutivorgane kennen, fürchten bereits die Verlängerung des Einwanderungsverbotes . . . vielleicht auf Jahre hinaus. Hierdurch kommt nicht nur die eingewanderte und eingebürgerte Judenschaft Palästinas gegenüber der siebenfach größeren Araberzahl in eine höchst mißliche Lage, fühlt sich bedrängt, sogar zur Rückwanderung veranlaßt. DerganzeZionismus und der Judenstaat sind auf diese Weise, quasi plötzlich über Nacht, in Frage gestellt worden, und die Ansicht der radikalen jüdischen Gemüter, die da meinen, daß unter solchen Verhältnissen die Mandatsmacht eigentlich nichts mehr in Palästina zu suchen habe, wird zumindest verstärkt. Wenn mit der Abberufung der Mandatsinacht alle Konfliktsfragen schon gelöst wären, dann wäre allerdings nichts einfacher als dies. Aber man übersehe nicht die Tatsache, daß 100.000 Mohammedaner m Bombay gegen die Balfour-Deklaratiou und für die Araberschaft in Palästina demonstrieren, kann jeder anderen Mandatsmacht, Frankreich, Italien zum Beispiel, ebenso passieren — wenn auch nicht gerade in Bombay. Jeder muß heute auf seine Mohammedaner Rücksicht nehmen, und diese sehen nun einmal in der jüdischen Einwanderung nach Palästina eine nationale Bedrohung und eine europäische Penetration nach Asien. Schließlich und nicht zu allerletzt haben natürlich auch die Araber im Lande ein Wort mitzusprechen, und dies um so mehr, als sich der erhoffte Ueberrennungsprozeß, der den Juden die Hälfte der Bevölkerung, ja die Majorität hätte verschaffen sollen, nicht vollzogen hat. Auf den Vollzug dieses Prozesses hoffend, haben es nicht wenige der führenden Zionisten versäumt, zu einer intimen und vertrauensvollen Verständigung mit den Arabern zukommen. Die beiden Völker — Juden und Araber — sind ganz eng verwandt: rassenmäßig und sprachlich. Die heutigen Araber sind zum guten Teil Nachkommen islamisierter Juden des Mittelalters.