Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 22 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Prides Wirken — eine Blamage Deutschlands. Die Frickschen Schulgebete. Im Haushaltsausschuß des deutschen Reichstages verlas Reichsinnenminister Dr. Wirth den Brief, den er in der Angelegenheit F r i c k an den Vorsitzenden des thüringischen Staatsministeriums, Staatsminister Baum, gerichtet hat. Der Brief schließt: „Nach unwidersprochenen Zeitungsmeldungen hat Herr Minister Frick durch einen Erlaß den thüringischen Schulen mehrere Schulgebete empfohlen, in denen sich Sätze befinden, wie „drum mach uns frei von Betrug und Verrat", „ich glaube, du strafst unseres Landes Verrat", „ich weiß, daß Gottlosigkeit und Vaterlandsverrat unser Volk zerriß und vernichtete". In diesen Gebeten ist nicht ohne Grund eine betont parteipolitische Tendenz erblickt worden, die um so peinlicher empfunden wird, als Herr Minister Frick in der Sitzung des Haushaltsausschusses des thüringischen Landtages erklärt haben soll, daß die Gebete sich gegen „rassenfremde Elemente, nämlich die Juden", richten sollten. Ich darf gestehen, sehr verehrter Herr Staatsminister, daß dieser Vorgang den Reichsminister des Innern, der über Sinn und Geist der Weimarer Verfassung pflichtmäßig zu wachen hat, schmerzlich berühren muß. Die Betonung politischer Dinge in einem Teil der empfohlenen Gebete und die von Herrn Minister Dr. Frick ihnen im Ausschuß beigelegte Tendenz werfen von selbst die Frage nach der Verfassungsmäßigkeit auf. Erlauben Sie mir noch, sehr verehrter Herr Staatsminister, mit allem Freimut als Mensch und Christ die Bemerkung hinzuzufügen, daß politische Hinweise in solchen Gebeten nach meiner persönlichen Auffasung dem Sinn des Religiösen widerspreche n." Gemeinschaftsstörend und widerlich. Der Reichsminister des Innern Dr. Wirth hat ein neues Schreiben an den Vorsitzenden des thüringischen Kabinettsrates, Minister Baum, gerichtet, in welchem er um die Zurückziehung der Verordnung über die Judenhaßgebete bei den Morgenandachten in den thüringischen Schulen ersucht. Dieser Brief des Reichsinnenministers Dr. Wirth an den thüringischen Staatsminister Baum lautet in seinen wesentlichsten Stellen: „Wenn ich sofort mich genötigt sehe, unter Vorbehalt meiner Stellungnahme im übrigen, auf die Angelegenheit der Empfehlung der Schulgebete einzugehen, so geschieht es. um nochmals zu betonen, daß ich dieser Angelegenheit eine große und vordringliche Bedeutung beimesse, wenn die Anordnung des thüringischen Volksbildungs-Ministeriums, welche Schulgebete empfiehlt, auch nur für kurze Zeit in Kraft bliebe..... Die Vertreter sämtlicher Parteien haben sich nicht nur meiner Auffassung ohne Vorbehalt angeschlossen, sondern darüber hinaus an den gegen die Reichsverfassung verstoßenden Inhalt einzelner Gebete und an der Tatsache, daß Gebete, die die Empfindungen Andersdenkender aufs schwerste verletzten, von dem thüringischen Volksbildungsministerium amtlich empfohlen sind, die schärfste Kritik geübt. Sie haben dabei insbesondere auch betont, daß über den Sinn und die offensichtliche verfassungswidrige Tendenz der Gebete nach der eindeutigen Auslegung durch Herrn Minister Frick nicht der mindeste Zweifel bestehen könne. Daß auch im übrigen einzelne der Gebete wegen ihres Inhaltes einmütig abgelehnt und sogar als gemeinschaftsstörend und widerlich bezeichnet wurden, will ich nur nebenbei erwähnen .... Ich richte die dringende Bitte an Sie, das thüringische Staatsministerium umgehend zu veranlassen, die Empfehlung der Gebete, von denen ich die Nummern 2, 3 und 4 in dem oben dargelegten Sinne beanstande, insoweit unverzüglich rückgängig zu machen ohne daß vorher noch weitere Erörterungen mit den wähnten anderen Stellen statfinden. Ich sehe sonst für mich keine Möglichkeit, die Anwendung der mir nach der Reichsverfassung zustehenden Befugnisse, insbesondere eine Anrufung des Staatsgericht sh o f e s, hinauszuschieben." Das dicke Ende. Reichsinnenminister Dr. Wirth hat beim Leipziger Staatsgerichtshof gegen das Land Thüringen die Klage wegen Verfassungsbruches, begangen durch die Verordnung Ober die antisemitischen Schulgebete, eingebracht Frick will nichts gesagt haben. Bei Beratung des Volksbildungs-Etats im thüringischen Landtag wurden auch die Frickschen Schulgebete erörtert. Dabei bestritt Dr. Frick die Richtigkeit der seit Wochen in aller Oeffentlichkeit von ihm bekannt gewordenen Aeußerungen, daß sich die Schulgebete gegen die Juden richten. In den Gebeten, sagte Frick, steht kein Wort von Juden. Der Sozialdemokrat Greil verlas auf Grund seiner und seiner Kollegen Aufzeichnungen in den Sitzungen des Haushaltsausschusses die Aeußerungen Fricks über die Schulgebete. Danach hat Frick ausdrücklich erklärt, die Gebete richten sich gegen die Juden, die rassefremde Elemente sind und das deutsche Volk entsittlichen. Die Angaben Greils wurden von den übrigen sozialistischen Mitgliedern des Haushaltsausschusses vollauf bestätigt. Dr. Frick, immer mehr in die Enge getrieben, wurde sehr erregt, gab seine judenfeindlichen Aeußerungen zum T e i 1 zu und bestritt, daß es sich bei den Schulgebeten um einen Vorstoß gegen die Reichsverfassung handle. Die Fricksche Rede hinterließ auch bei den mit ihm in eine Koalition getretenen bürgerlichen Parteien einen sehr ungünstigen Eindruck. Auch volksparteiliche Abgeordnete erinnerten sich genau an Fricks judenfeindliche Aeußerungenim Haushaltsausschuß und sahen in seinem jetzigen Auftreten einen Versuch, in Anbetracht der drohenden Gefahren vom Reiche für Thüringen und für seine eigene Person die früher eingenommene Heldenpose aufzugeben. Der Lehrstuhl für Antisemitismus in Jena. Die „Deutsche Liga für Menschenrechte" ruft die Reichsregierung und alle Geistigen Deutschlands zum entschiedensten Einspruch auf gegen die von dem derzeitigen thüringischen Bildungsminister Dr. Frick verfügte Berufung des Dr. Hans G ü n t h e t auf einen neu geschaffenen Lehrstuhl für Rassenkunde an der Universität Jena. Die Liga Herren- und DieoHltii nur Ia Qualitäten, nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt. Herr und Frau Chefredakteur LUDWIG HIRSCHFELD erlauben sich, die Vermählung ihres Sohnes ERICH mit Fräulein HILDE WEINER am Sonntag, den l. Juni I. J., um 2 Ohr nachmittags, im Tempel II., Pa2manitengasse 6, anzuzeigen weist darauf hin, daß die ernste anthropologische Wissenschaft die Schriften von Dr. Hans Günther als ein Sammelsurium tendenziöser Klitterung betrachte, daß die Berufung eines solcnen Schriftstellers an eine der angesehensten deutschen Universitäten offensichtlich parteipolitische Zwecke verfolge und daß die Tätigkeit eines solchen Universitätslehrers bei der Ausbildung der Jugend in empörendem Widerspruch zu dem Artikel 148 der Reichsverfassung stehe. Es wird deshalb gefordert, daß die Reichsregierung einschreite. Das Eisenstädter Ghetto unter Denkmalschutz. Das Ghetto von Eisenstadt ist bekanntlich die einzige und letzte der vielen Judengemeinden, die es vor dem Umsturz im alten Oesterreich gegeben und die ihre politische Selbständigkeit bis zum heutigen Tage erhalten hat. So wählt diese jüdische Gemeinde ihren eigenen Bürgermeister, hat ihr eigenes Armenhaus, ihre konfessionelle Schule, ihre eigene Gemeindesteuergesetzgebung, kurz alles, was jede andere autonome Gemeinde besitzt. Um diese SelbständigkeitderEisenstädter Judengenieinde tobte nun seit Jahren ein schwerer Kampf, der dadurch ausgelöst wurde, daß die Stadt Eisenstadt vor einigen Jahren zur Landeshauptstadt vom Burgenland gewählt wurde. Damit erwuchsen der Stadt neue Aufgaben, wie der Bau einer neuen Wasserleitung, Regulierung der Straßen, Verbesserung des Lichtnetzes usw., deren Erfüllung nicht mehr hinauszuschieben ist und die gleichzeitig den Bewohnern der Stadt Eisenstadt neue Steuerleistungefn auferlegen. Da nun das Ghetto inmitten der Stadt liegt, ist es begreiflich, daß sowohl die Bewohner von Eisenstadt als auch die Behörden die Forderung erheben, die Gemeindemitglieder des Ghettos haben die gleichen Lasten zu tragen wie alle übrigen Einwohner der neuen Landeshauptstadt. Selbstverständlich muß zur Durchführung dieser Forderung erst die Judengemeinde der Landeshauptstadt einverleibt werden. Das wäre an und für sich nicht so schwierig. Allein, da es sich in diesem speziellen Fall eben um die letzte Judengemeinde, die sowohl in ihrer baulichen Anlage, wie vor allem in den verbrieften Rechten und Gebräuchen der Bewohner um ein Kulturkuriosum handelt, erwachsen dieser Einverleibung gewaltige Schwierigkeiten. So war es bisher — und das schon mehr als zwei Jahrhunderte — der Brauch, daß zur Wahrung der Sabbatruhe von Freitag bis Samstag abends die Zugänge zum Ghetto durch eine Kette und ein Tor abgeschlossen, die Hochzeiten, wie es das jüdische Ritual vorschreibt, unter freiem Himmel abgehalten wurden und die Jugend des Ghettos zur Purimzeit ihren Scherz in den Straßen, deren Zugänge ja auch um diese Zeit versperrt waren, treiben konnte. Auch in bezug auf die bauliche Anlage des Ghettos birgt die Einverleibung der Judengemeinde mit der Landeshauptstadt mancherlei Gefahren. Bisher konnte die jüdische Gemeindevorstehung bei jeder baulichen Neuanlage Einfluß darauf nehmen, daß das durch Jahrhunderte erhaltene Gesamtbild nicht gestört werde. Bei einer Verschmelzung mit der Hauptstadt würde die Einflußnahme wegfallen, und so könnte es leicht geschehen, daß das kleine Stadtbild sein charakteristisches Aussehen verliert. Es ist also begreiflich, daß die Bewohner des Ghettos und die Kultusbehörde alles daran setzen, dieses religionsgeschichtliche Denkmal zu erhalten und dessen Fortbestand mindestens in kultureller Beziehung zu sichern. Wie nun der „Tag" erfährt, dürfte man in diesem Streit baldigst zu einem für beide Teile annehmbaren Kompromiß kommen. Im Schöße der burgenländischen Landesregierung wurde nämlich inzwischen in aller Stille folgendes Projekt ausgearbeitet: Rechtlich wird die Judengemeinde der Landeshauptstadt einverleibt; die Beibehaltung der religiösen Sitten und Gebräuche wird den Bewohnern gewährleistet und das ganze Ghetto selbst unter Denkmalschutz gestellt werden. Auf diese Weise würden den Ghettobewohnern alle bisher geübten Rechte auch weiterhin sichergestellt bleiben. Da, wie weiters mitgeteilt wird, alle an dieser Frage interessierten Parteien mit diesem Projekt einverstanden sind, wird in Kürze die politische Selbständigkeit des Ghettos ihr Ende finden, ohne daß, wie in den anderen Ländern, wo es vor dem Umsturz Judengemeinden gab, die kulturgeschichtliche Eigenart desselben zu bestehen aufhört. Da das Ghetto auch gleichzeitig eine besondere Attraktion des Fremdenverkehrs vorstellt, wird auch diesem nichts verloren gehen. IBM» ••••*■•■«■■«•■■•■•■■< Fridtjof Nansen und das jüdische Hilfswerk. Von Dr. Mark Wischnitzer, Berlin. Generalsekretär des Hilfsvereines Deutscher Juden. r IHDER-UNION kWlENVLKasernena^ Tel.B20215 Mit Fridtjof N a n s e n ist ein Europäer großen Formats dahingegangen. Polarforscher, Schriftsteller, Zeichner. Diplomat, Menschenfreund und Vorkämpfer des Friedens — eine vielseitige Persönlichkeit, deren Wirken weit über die Grenzen des eigenen Vaterlandes hinausreichte. Die karitative, soziale Arbeit, der er sich im letzten Jahrzehnt seines Lebens mit außergewöhnlicher Hingabe widmete, hat Nansen Millionen von Menschen unentbehrlich gemacht, die infolge des Krieges und seiner grauenhaften Begleiterscheinungen, des Hungers und der anarchischen Bürgerkriege in tiefstes Elend geraten sind. Man fragt sich unter dem frischen Eindruck der Nachricht seines plötzlich erfolgten Todes in den Scharen der Unglücklichen, die er betreut hat, und in den Kreisen der Organisationen, die ihm bei seinem Fürsorgewerk geholfen haben, wer sein Nachfolger sein, wer sich in Zukunft mit der gleichen Autorität und Kraft der Ueberzeugung für die Opfer der großen europäischen Umwälzung einsetzen wird. Unmittelbar nach Kriegsende übernahm er die Heimbeförderung der deutschen und österrreichischungarischen Kriegsgefangenen aus Rußland sowie der Russen aus den mitteleuropäischen Staaten. Wenn man an die Jahre 1919 und 1930 zurüchdenkt, an die chaotischen Zustände, die Scharen zerlumpter, halb verhungerter Menschen, die wochen- und monatelang wandern mußten, um ihren Heimatsort endlich zu erreichen, wird man beurteilen können, was es bedeutete, als Nansen, die Strapazen von Reisen nach Sibirien nicht scheuend, sich für die rasche Abwicklung der Kriegsgefangenentransporte einsetzte. Als Sowjetrußland 1921 von einer Hungersnot heimgesucht wurde und Hilferufe von dort an die ganze Welt gerichtet wurden, beschlossen die Rote-Kreuz-Gesellschaften auf einer Tagung im August in Genf, Nansen und Herbert Hoover mit der Kontrolle der in Rußland einzuleitenden Hilfsaktion zu betrauen. Die American Relief Administration (Ära) und Nansens Organisation leisteten Hilfe in Rußland ohne Unterschied von Glauben und Rasse. Die jüdische Bevölkerung der Ukraine, die am meisten von der Katastrophe betroffen war, wird Nansen seine großzügige Hilfstätigkeit nicht vergessen. Die jüdischen Organisationen, die bei der Aktion zur Bekämpfung der Hungers- : \ ) " ■im