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Die Wahrheit · 1930-05-30 · Heft 22 (30.5.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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a.*i.ij»igEa«ayfr"u-riyg«i"gnriffT^*r.' z.a3*-jteT*vk&,^juB*aiB&*a*auP'& a^iiaitu3^taiitssititarsita^taMS^i«3^sasMiB!.-t Seite 4 DIE WAHRHEIT not mitarbeiteten, haben bei Nansen und seinen Komitees Entgegenkommen und Unterstützung gefunden. Nansen war um diese Zeit bereits Gberkommissar des Völkerbundes für die russischen Flüchtlinge. Hier bot sich für die großen jüdischen Hilfsorganisationen, denen die schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe der Unterbringung von hunderttausenden entwurzelter Juden oblag, die Gelegenheit, mit Nansen mitzuarbeiten. Die Jewish Colonisation Association hatte im Juni 1921 eine Konferenz nach Brüssel einberufen, au der aus" Deutschland der „Hilfsverein der Deutschen Juden" teilnahm. Die Konferenz befaßte sich mit der Frage der Uebersee-Auswanderung eines Teiles der Flüchtlinge. Lucien Wolf, als Vertreter der Jewish Colonisation Association, der Alliance lsraelite Universelle, des Hilfsvereins und zahlreicher anderer jüdischer Organisationen, verhandelte in Genf im August 1921 mit Nansen als Organ des Völkerbundes und dem Internationalen Arbeitsamt Er unterbreitete dem Generalsekretär des Völkerbundes eine Reihe von Vorschlägen betreffs einer Mitwirkung der jüdischen Organisationen und anderer privater Hilfsgesellschaften an dem Problem der Flüchtlingshilfe unter Hinweis auf die Notwendigkeit der Schaffung erleichterter Einwanderungsbedingungen in überseeischen Ländern und der Behebung der Paßschwierigkeiten für die Auswanderer. Diese Vorschläge wurden von einer Studienkommission, an der Vertreter von zehn Staaten beteiligt waren, gutgeheißen. Kurz darauf tagte im September 1921 eine zweite zwischenstaatliche Konferenz unter dem Vorsitz von Nansen, an der Lucien Wolf als Vertreter der jüdischen Gesellschaften teilnahm. Auf dieser Konferenz wurde (am 19. September 1921) der Beschluß gefaßt, ein beratendes Komitee von Vertretern der Hilfsgesellschaften für die Angelegenheiten der Flüchtlinge beim Oberkommissariat des Völkerbundes einzusetzen. Im Oktober 1921 gab Nansen seiner Zuversicht Ausdruck, daß jede jüdische Organisation, die an dem Hilfswerk für die jüdischen Flüchtlinge interessiert ist, ihr Möglichstes tun wird. „Als Oberkommissar", sagte er. „fühle ich, daß eine ungeheure Last von meinen Schultern gefallen ist, dank der Aussicht auf eine vereinte jüdische Mitarbeit". Dem Beratenden Komitee, das seine Fürsorge inzwischen auch auf armenische, assyrische und türkische Flüchtlinge ausdehnte, sind im Laufe der letzten acht Jahre zahlreiche Körperschaften beigetreten, von jüdischen u. a. der Hilfsverein der Deutschen Juden seit 1927: bis dahin hatte, wie oben erwähnt, Herr Lucien Wolf die Vertretung inne gehabt Die Arbeit des Nansen- Kommissariates kam vielen Tausenden jüdischer Flüchtlinge zugute. Der Nansen-Paß wurde für einen Teil von ihnen — denn in seinen Besitz kamen nur diejenigen Flüchtlinge, die das heutige Sowjetgebiet oder das damalige Armenien bis zum 1. Jänner 1923 verlassen hatten — das einzige fast überall anerkannte Ausweispapier. In den letzten zwei Jahren liefen die Bemühungen des Kommissariats darauf hinaus, daß seinen Vertretern in den verschiedenen Ländern quasi-konsularische Rechte zwecks eines wirksameren Rechtsschutzes der Flüchtlinge verliehen werden. In einer zwischenstaatlichen Konferenz, die auf Be-- treiben des Kommissariats im Juni 1928 in Genf tagte, wurde ein entsprechendes Uebereinkommen ausge arbeitet, dem bereits eine Anzahl von Staaten ihre Zustimmung gegeben haben. Leider ist die Frage der Staatenlosen, die heute in große Zahl von Land zu Land, von Stadt zu Stadt gehetzt werden und bittere Not leiden, noch ungelöst Zwei andere große Aufgaben des Kommissariats — die Verpflanzung der Flüchtlinge nach neuen Ländern und die Arbeitsbeschaffung — harren ihrer Lösung. Hier stieß Nansen auf ungeheure finanzielle Schwierigkeiten, die nicht immer zu überwinden waren. Im Jahre 1923 waren von 754.000 russischen Flüchtlingen — die Ziffern aus England. Deutschland und Belgien lagen nicht vor — noch 110.138 ohne dauernde Beschäftigung oder nur gelegentlich beschäftigt und 48.366 arbeitsunfähig. Den jüdischen Organisationen zeigte sich Nansen als warmer Freund und treuer Helfer. In politischer Hinsicht leistete er uns Dienste von unschätzbarem Wert. Als Südamerika seine Pforten vor den jüdischen Einwanderern zu schließen beabsichtigte, intervenierte Nansen mit Erfolg zugunsten einer jüdischen Einwanderung. Als im Herbst 1923 eine Ausweisung der russischen Flüchtlinge, die sich in Polen angesammelt hatten, drohte, war es Nansen, der eine Sondertagung des „Beratenden Komitees" einberief und sich dafür einsetzte, daß der Ausweisungsbefehl zurückgezogen wurde. Er protestierte scharf gegen die rumänische Regierung, als diese sich anschickte, die jüdischen Flüchtlinge aus Bessarabien unter harten Bedingungen-auszuweisen. Nansens Protest bewirkte die Zurücknahme des Ausweisungsbefehls. Er intervenierte auf Veranlassung des Beratenden Komitees für die Flüchtlinge im April 1923 beim österreichischen Außenministerium zugunsten der ausländischen jüdischen Studierenden an der Technischen Hochschule in Wie n, für die ein Numerus clausus eingeführt worden war. Eine der letzten Taten von Nansen war die Hilfe bei der teilweisen Evakuierung der Flüchtlinge aus Konstantinopel, unter denen sich eine größere Zahl von Juden befand. Bei dieser Aktion war auch das American Jewish Joint Distribution Committee beteiligt, dem Nansen in früheren Jahren sich ebenfalls gern zur Verfügung stellte, wo es sich um politische Interventionen dringender Art handelte. Nansen war ständiger Berichterstatter der 6. Kommission, die die Mandatsangelegenheiten zu behandeln hatte. In der letzten Völkerbundstagung ergriff er anläßlich der Erörterung der Augustereignisse 1929 in Palästina als erster das Wort. Er hob hervor, daß England als Mandatarmacht eine internationale Verantwortung übernommen habe, die Bestimmungen des Mandats zur Durchführung zu bringen, und begrüßte die Erklärungen, die Mac Donald und Henderson abgaben, daß die englische Regierung sich in dieser Hinsicht durch nichts in der Welt werde abhalten lassen. Nansens Tod bedeutet für seine Hilfsbefohlenen einen unermeßlichen Verlust Das Kommissariat für Flüchtlingswesen hat einen Leiter verloren, der hohe Führerqualitäten besaß. Nansen war eine bestrickende Persönlichkeit, ein zäher Organisator, ein unermüdlicher Arbeiter, ein Mann von gewaltigem ethischem Pathos, das Menschen mitriß. Man konnte sich der Faszination, die dieser Mensch ausübte — äußerlich der typische Norweger, eine Hünengestalt'mit ruhigen, etwas befangenen Bewegungen.—.nicht entziehen. Er war unvergleichlich als Konferenzleiter, er hatte eine ungemein gewinnende Art, Menschen verschiedener Mentalität zu behandeln. laaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaeaaaaaaaaaat Das bayerische Schäditgesetz. Aus einer Eingabe des Münchener Tierschutzvereines geht hervor, daß die bayerische Staatsregierung scheinbar die Ungesetzlichkeit des im Jänner dieses Jahres vom bayerischen Landtag erlassenen Schächtverbotes eingesehen hat und seine Verkündigung zu unterlassen gewillt ist Die Anfrage des Tierschutzvereines lautet: „Am 8. Juli 1926 hat der Bayerische Landtag die Staatsregierung beauftragt, .alsbald* ein Gesetz über das Schlachten von Tieren vorzulegen. Nach unausgesetztem dreieinhalbjährigem Drängen ist das Gesetz von der Regierung im Jänner 1930 endlich eingebracht worden. Noch am 29. Jänner 1930 wurde es vom Landtag verabschiedet Es bestimmt in seinem Artikel 4. daß es am 1. Oktober 1930 in Kraft zu treten habe. Da das Gesetz nicht als .dringlich' bezeichnet wurde, konnte dagegen innerhalb dreier Monate von der Wählerschaft oder vom Gesamtministerium die Volksentscheidung angerufen werden. Wurde ein solcher Volksentscheid nicht angerufen, so war das Gesetz unverzüglich, nach Ablauf der dreimonatigen Frist gemäß § 2 62, Abs. 1 der bayerischen Verfassung vom Landtagspräsidenten und Gesamtministerium auszufertigen und zu verkündigen. Ein Volksentscheid ist weder durch Beschluß des Gesamtministeriums noch durch Volksbegehren angerufen worden. Die dreimonatige Frist . ist am 29. April abgelaufen. Das Gesetz ist gleichwohl bis heute noch nicht verkündigt. Auf eine Anfrage im Staatsministerium des Innern, wann das Gesetz verkündet werde, wurde uns erklärt eine Antwort hierauf könne nicht gegeben werden. Nun wissen wir freilich von anderer Seite, daß Bemühungen der Schächtanhänger in Deutschland im Gange sind, die Aussetzung der Verkündigung zu erreichen, bis der Antrag des Zentrums-Abg. Bell (reichsrechtlicher Schutz des betäubungslosen Schächtens) im R e i c h stag angenommen sei. Es haben ferner im März d. J. der Präsident des .American Jewish Committee', das sich nach Mitteilung der deutschen Botschaft in Washington ,mit der Wahrung jüdischer Rechte in der Welt beschäftigt', und der Hauptschriftleiter der .Jewish Telegraphic Agency' in New York die deutsche Botschaft in Washington gebeten, die bayerische Regierung auf die durch den Landtagsbeschluß vom 29. Jänner entstehende M i ßstimmung in den jüdischen Kreisen der Vereinigten Staaten aufmerksam zu machen, und die deutsche Botschaft in Washington, das Auswärtige Amt und der Reichsminister des Inneren Wirth glaubte, dieser Bitte entsprechen zu sollen. Wir weigern uns aber, anzunehmen, daß jene Bemühungen und diese Mißstimmung. den maßgebenden Stellen des Freistaates Bayern beachtlicher erscheinen als der Beschluß des Bayerischen Landtages und die Bestimmungen der bayerischen Verfassungsurkunde. Die unverzügliche Ausfertigung und Verkündigung eines vom Landtag beschlossenen Gesetzes nach Ablauf der dreimonatigen Frist ist die verfassungsmäßige Politik der dazu berufenen Stellen. An diese Stellen lichten wir daher, zugleich im Namen der angeschlossenen bayerischen Tierschutzvereine, hiermit öffentlich die Frage: Warum wurde das vom Landtag beschlossene Gesetz noch nicht verkündigt? Wann wird es verkündigt werden?" * Das Münchner nationalsozialistische Organ, der „Völkische Beobachter", entfacht natürlich aus diesem Anlaß eine künstliche Aufregung und wirft der bayerischen Regierung einen „eklatanten Verfassungsbruch" vor. Der Verfassungsbruch, nämlich der Bruch der Verfassung des Deutschen Reiches, die sämtlichen deutschen Staatsbürgern freie Religionsübung gewährt läge natürlich bei den bayerischen Behörden, wenn sie dem Verlangen der völkischen Hetzer nachgeben würden. * * Bayern verleibt Auszeichnungen an Juden. Die Bayerische Staatsregierung hat in diesem Jahre ihre besondere Anerkennung solchen „Personen, die sich durch tatkräftige Unterstützung des Deutschen Museums besondere Verdienste erworben haben", dadurch ausgesprochen, daß sie ihnen Museumsringe verlieh. Unter den so Ausgezeichneten befinden sich Julius Rosenwald, der bekannte amerikanischjüdische Philanthrop, und Felix Warburg, New York. UstlDjYeMJE WAHRHEIT"! UFA-TON-KINO Wien II., Taberilrali 8 Telephon R 42-3-41 Lilian liarvey — Willy frifsdi in Liebeswalzer mit Georg Alexander Die erste deutsche Fllmeperette der Erich Pommer-Produktion der Ufa Beginn der Vorstellungen: 7,6, '/t8 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr Glossen. Herr Dr. S t e i d I e hat in seiner Feldkirchner Rede den Versuch unternommen, das Korneuburger Bekenntnis zum Faschismus aus der Welt zu schaffen. Zu diesem Zwecke behauptete er in Feldkirchen: Schober ist der Vertreter des Bolschewismus! Das war wirklich ein genialer Einfall des Herrn Dr. Steidle. Wer es ihm glaubt, daß Schober, der ehemalige Polizeipräsident und dermalige Kanzler ein Bolschewik ist, der kann auch einen Eid darauf leisten, daß Herr Dr. Steidle und die Seinen keine Freunde des — Faschismus sind. * " * Ein seltsamer Einfall des Herrn Dr. Steidle, des ersten Bundesführers, war es, in dem wutgeschwollenem gegen den Minister Schumy gerichteten Passus seiner Feldkirchner Rede die Erinnerung an den Gerber Kleon wachzurufen. In der Tat, gründlicher als Minister Schumy hat noch keiner das Fell gewisser Heimwehrführer — gegerbt. * Herr Hans S a ß m a n n; der erfolgreiche Dichter des „Metternich", hat dieser Tage im „Journal" einen sehr beachtenswerten Artikel über seine „Stellung zum Antisemitismus" veröffentlicht. Er bekennt sich in dem Artikel als Philos'emiten; führt aber bei dieser Gelegenheit scharfe Hiebe gegen manche Kritiken in der „liberalen" Presse, für die er aber nicht die „liberale" Presse, sondern die — Juden verantwortlich macht. Bei den Antisemiten ist diese Angriffsmethode bekanntlich sehr beliebt Aber den „Philosemiten" Saßmann, dessen guten Glauben und gute Absicht ich nicht in Zweifel ziehe, möchte ich denn doch darauf aufmerksam machen, daß er durch eine solche Identifizierung von Liberalismus und Judentum sich nicht nur an den Juden, sondern auch an Wahrheit und Logik versündigt. Herr Saßmann beklagt es, daß jetzt Stücke gespielt werden, in denen „mit den religiösen Vorstellungen des Katholizismus Spaß getrieben wird". Herr Saßmann unterläßt es, darauf hinzuweisen, daß in sämtlichen „jüdischen" Blättern die in Frage stehenden Werke Hasenclevers und Zuckmayers scharfe Zurückweisung gefunden haben. Er übersieht es auch, daß diese Autoren „reinrassige" Nichtjuden sind, aber um so vehementer fällt er über „die besten jüdischen Namen der liberalen Journalistik" her, die angeblich jeden „nichtjüdischen" Schriftsteller wütend anfallen, „wenn er gegen' eine weitere Zersetzung der religiösen Gefühlswelt durch plebejische Satire Stellung nimmt". Herr Saßmann irrt sich. Ein Schriftsteller, der sich als Jude fühlt, würde sich, mag er von den dichterischen Fähigkeiten Hasenclevers und Zuckmayers wie immer denken, gerade weil er Jude ist, hüten, der Mißachtung der religiösen Gefühlswelt des Christentums Beifall zu zollen. » * * Ein Dialog. — „Sagen Sie, wie hätte der Rechtsgelehrte Gleispach sich vor Männern wie Unger, Glaser, Grühhut usw. gefühlt, die als Lehrer an der Wiener Universität einen Weltruf erworben hatten?" „Lächerlich! Er hätte ihnen einfach erklärt: Ihr habt die Unsterblichkeit durch eine lange Reihe epochaler Werke, auf Grund tiefer, Jahrzehnte umfassender Forschungen erwerben müssen. Ich aber habe gezeigt, wie ich schon durch eine kleine, in einer Stunde fertig, gemachte Arbeit, durch mein .Studentenrecht' die ganze zivilisierte Welt von mir reden machte."

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