Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1930-05-30 · Heft 22 (30.5.1930) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064145-3064167--17918-3082894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

diese Einwanderer dauernd daran hindert, ins Land zu kommen, verstößt dies nicht gegen die Bestimmungen des Mandates? Dr. Drummond Shiels erwiderte: Eine allgemeine Einstellung oder ein Verbot der Einwanderung hat nicht stattgefunden. Der Staatssekretär für die Kolonien weiß es, daß der High Commissioner infolge eines Mißverständnisses (!) eine Schedule über 3300 Personen im Mai für das mit dem 30. September d. J. endende Halbjahr bewilligt hat. Diese Schedule schloß 950 Personen ein, deren Zulassung schon vorher sanktioniert worden war. Die Regierung Seiner Majestät hat den Standpunkt eingenommen, daß im Hinblick auf die im Bericht der Shaw-Kommission gemachten kritischen Feststellungen und mit Rücksicht auf die darauffolgende Mission Sir John Hope Simpsons, der in Palästina die Fragen des Bodens und der Einwanderung studieren soll, es als erwünscht erscheint, daß bis zum Erhalt des Berichtes von Sir John Hope Simpson die weitere Einwanderung beschränkt bleiben soll. Demgemäß wurde beschlossen, die Ausgabe von Zertifikaten vorläufig auf die erwähnten 950 Personen zu beschränken. Es wurden keine Zertifikate für ungültig erklärt, noch wurde ein endgültiger Beschluß für die die Zeit bis 30. September 1930 betreffende Arbeiter- Schedule gefaßt Auf eine Frage Sir Robert Hamiltons, wieviele Personen durch die Suspendierung der Arbeiter-Schedule betroffen wurden, erwiderte Doktor Shiels: Ich glaube, daß etwa 2000 Personen hiervon betroffen sein werden: aber es ist kein Grund, anzunehmen, daß sie endgültig durch diese Maßnahme betroffen sein sollten. Zur Beruhigung der Araber. Die Palästina-Regierung hat mit Billigung des Kolonialamtes in London die folgende Kundgebung erlassen: Die in London zwischen Mitgliedern der britischen Regierung und der palästinensich-arabischen Delegation geführten Unterhandlungen sind beendet Die Delegation brachte ihre Ansichten über eine Anzahl von Themen, besonders über Boden, Einwanderung und Verfassung zum Ausdruck. Die Regierung Seiner Majestät hat diese Ansichten zur Kenntnis genommen und der Delegation gegenüber betont, daß die geforderten durchgreifenden konstitutionellen Aenderungen völlig unannehmbar sind, weil sie es der Regierung unmöglich machen würden, die aus dem Mandat ihr erwachsenden Verpflichtungen zu erfüllen. Die Regierung hat klar zum Ausdruck gebracht daß keinerlei Vorschläge in Erwägung gezogen werden können, die mit den Bestimmungen des Mandates unvereinbar sind. Da nun die Erfüllung der Wünsche der arabischen Delegation hinsichtlich einer demokratischen Regierung es der Regierung unmöglich machen würden, ihre Verpflichtungen als Mandatar zu erfüllen, und da trotz der von den Ministern abgegebenen Erklärungen und Versicherungen die Delegation nicht in der Lage war, ihre Haltung zu modifizieren, sah m?.n ein^ daß. ssäüie'"Än'ge 1 e g e n heft nicht mi t STützen weiter verfolgen könne; die Unterhaltungen, die durchwegs in freier, freundschaftlicher Form geführt wurden, wurden in der gleichen Weise beendet jedoch mit dem Bemerken, daß die Regierung nach Entgegennahme der arabischen Ansichten sich auf Grund der durch diese Unterhaltungen gewonnenen Information aus erster Hand mit dem Problem, die Interessen der nicht jüdischen Gemeinschaften in Palästina auf jede mit ihren Verpflichtungen als Mandatar zu vereinbarenden Weise wahrzunehmen, befassen wird. Die Regierung ist entschlossen, eine Politik, die die Zukunft dieser Gemeinschaften gefährden könnte, nicht zuzulassen. Aus diesem Grunde sowie im Hinblick auf die Empfehlungen der Shaw-Kommission wurde Sir John Hope Simpson nach Palästina entsandt, wo er die Probleme des Bodens und der Einwanderung untersuchen und hierüber Bericht erstatten wird. Damit n u'n die nichtjüdischen Interessen durch die Verzögerung, die notwendigerweise eintreten muß, bevor auf Grund von Sir John Simpsons Bericht, ein endgültiger Entschluß gefaßt werden kann, nicht beeinträchtigt werden, werden jetzt besondere Maßnahmen zum Schutze der Interessen der landwirtschaftlichen Bevölkerung erwogen. Es sind auch schon zeitweilige Maßnahmen ergriffen worden, um zu bewirken, daß inzwischen die Einwanderung nicht einen Umfang annehmen solle, der die wirtschaftliche Zukunft des Landes gefährden könnte. Die Befürchtungen, die in einigen Kreisen geäußert wurden, daß die Politik der Regierung die Existenz der arabischen Gemeinschaft in Palästina gefährdet, sind also nicht gerechtfertigt, und es ist wichtig, daß im allgemeinen Interesse der Bevölkerung Palästinas in einem weiten Maße bekannt wird, daß Versuche seitens irregeleiteter Personen, welcher Rasse oder Gemeinschaft sie angehören mögen, irreführende Information über die Ansichten der Regierung zu verbreiten, die der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in Palästina zum Schaden gereichen könnte, streng bestraft werden würden. Wie der Premierminister am 3. April im Unterhaus mitgeteilt hat ist es die Absicht der Regierung, alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden, um die ihr durch das Mandat auferlegten Pflichten zu erfüllen. Der Vatikan und Palästina. Mehrere Tageszeitungen brachten folgende Nachricht aus Jerusalem: „Wie bekannt wird, forderte England den Vatikan auf, den römischen Patriarchen Jerusalems Luigi Barlesina und seinen intimsten Mitarbeiter, den Hilfsbischof Follinger, abzuberufen. Die beiden kirchlichen Würdenträger hätten durch ihre Verbindungen mit den Araberführern den Frieden mit den Juden iiniiuiiiiiiiiuiinimiuiiiuiQ S Union deutscuöslerrelctilscuer Juden ■ Wien IX., Berggasse 4 Tel. A 19-2-77 ■ EIN1ADVNG 5 zu dem am ■ Donnerstag, den 5. Juni, 8 Uhr abends, ■ im Goldsoal des Cale Silier, I., Scnwedeni .platz ■ , stattfindenden c s Diskussionsabend ■ 'über ■ Die Ereignisse in Palästina ■ Einleitende Worte: Dr. Ernst Feldsberg ■ . Gäste willkommen! 5 Das Präsidium der ■ „Union deulsdiOsierr. Juden" ^■■■■■■■■■■■■■■■■■■»■■■■■■■■■■■■■■l AKTIENGESELLSCHAFT l., Dauernmarht Nr. 10-12-14 Vll., nariahlllerstraße (Ecke Zieglergasse) 00 TEPPICHE VORHÄNGE PIODELSTOFEE ElNOEEtJl« DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preise! gestört. Unmittelbar nach den Unruhen liefen bereits Gerüchte um, daß der arabischen Zentralstelle bedeutende Anleihen gewährt worden seien. Follinger trat während der Unruhen als aktiver Teilnehmer der arabischen Propaganda hervor. Man spricht seit dieser Zeit davon, daß der Vatikan die Her ausnähme Jerusalems und Bethlehems aus dem Mandatsgebiet und ihre Unterstellung unter die Souveränität des vatikanischen Staates erstrebt. Der Konflikt hi Palästina ist der zweite Fall eines Zwischenfalles des Vatikans mit dem Britischen Reich. Der erste erfolgte bekanntlich in Malta." Die in dieser Meldung erwähnten Gerüchte über eine Verbindung zwischen dem Vatikan und den aufständischen Araberführern sind wirklich bald nach den August-Unruhen entstanden und wollen bis auf den heutigen Tag nicht verstummen. Nun erhalten sie durch den offiziell wohl noch nicht bestätigten Schritt Englands beim Vatikan neue Nahrung, und sollte sich diese Nachricht als richtig erweisen, so werden die Gerüchtemacher von sich sagen dürfen, daß i>ie nicht Gerüchte in die Welt gesetzt, sondern Tatsachen verbreitet haben. Sie können nun auch ein ziemlich stichhältiges Motiv anführen, nämlich den Wunsch des Vatikans bezüglich Jerusalems und Bethlehems. Auch dieser Plan entbehrt noch der Bestätigung, die um so notwendiger wäre, als eine solche Aktion alarmierend wirken würde. Wir wissen, der Vatikan hüllt sich sehr gerne in Stillschweigen, hier wäre aber doch etwas Offenherzigkeit am Platze, schon weil die Meldung uns gerade in diesen Tagen erreicht, die für die palästinensische Judenheit äußerst schicksalsschwere sind. Feuilleton Beziehungen des Judentums zur Philosophie. (Aus den Skizzen eines Suchendeik) Von Rabbiner Dr. L. Roth, Murska Sobota. S. It S. Judentum und philosophisches Forschen sind von jeher eng verbunden. Philosophie als das Suchen nach dem „höchsten Gut" oder nach dem Zusammenhang uneres persönlichen Seins, Wollens und^Sollens hat die Propheten des alten Judentums beschäftigt (Micha 6, 8). Und das Suchen nach den großen umspannenden Weltgedanken ist prophetisch (Jesajas 40, 26 usw.). Nie hat das Judentum aufgehört, nach dem letzten abschließenden Weltengrund zu fragen, und im Denken der Propheten formt sich das All zum Kosmos, zum sinnvollen Ganzen; und parallel mit dieser Weltvernunft geht der zweite Gedanke: die Menschheit als Ganzes, als sinnvoller Makrokosmos. Das ist im Denken der Propheten die geeinte, erhöhte sittliche Gemeinschaft, die reich ist an Gefühlen der sozialen Sympathie; in der.die Tugend der Erkenntnis, des Gottsuchens die höchste Aufgabe ist (Intellektualismus). In dieser Gesellschaft als Einheit herrschen die hohen Gefühle gegenseitiger Hilfe und alle Arbeit des Einzelnen steht im Dienste der Allheit. Diese Vergesellschaftung des gesamten Gefühlslebens ist der prophetische Glaube an den Sieg menschlicher Gattungsarbeit und Gattungsvernunft und bildet das ewige Ferment der Ethik mit ihrem letzten Zukunftsahnen (Jesajas 11, Cap. 65. Micha C 4). Dieser Gedanke der einen Menschheit und der einen Gotteswelt bildet sowohl Ausgangspunkt wie Endziel des ethischen Fuhlens. Denn hier gewinnt des Individuum Antrieb zur Handlung und die alte Rätselfrage von Einheit und Vielheit ihre Lösung in der vereinten Menschheit Indem 4a$ Judentum die Einheit der Welt im Geiste proklamiert, hat es den entscheidenden Schritt von dem polytheistischen Chaos zum Kosmos getan; zugleich die Möglichkeit einer Ethik geschaffen. In einer Welt, wo die Kräfte in verschiedene Sein- Sphären auseinanderfallen, kann keine Naturwissenschaft aufkommen und vollends eine Ethik ist unmöglich. Das Judentum hat die Grundlagen der Ethik geschaffen und ist als Einheitslehre immer bestrebt, die Philosophie idealistisch zu beeinflussen. Daher der geschichtlich so überwältigend große Anteil, den die Juden an der philosophischen Forschung nahmen. In jüngster Zeit ist Henri Bergson der führende französische Idealist bewußter Jude, neben ihm Leen, Halevy, Levy-Brühl, Brunswigk, Ren6 Worms, Dürkheim (alle in Frankreich). Joel (Basel), Ernst Cassierer und noch viele andere in führenden Stellungen. Eine Geschichte des Anteils der Juden an der Philosoplüe der letzten 30 Jahre beweist uns die hervorragende Stellung der Juden in philosophischen Arbeiten. Hier sei heute von Hermann Cohen die Rede, der sich bewußt auf den Boden des jüdischen Denkens gestellt Er war nicht nur ein philosophierender Jude, sondern ein jüdischer Philosoph, für den die Religion der Propheten das Höchste war. Er hat den tiefen idealistischen Zug des Judentums verstanden, den Blick aufs Ganze und Große, wo das Leben ein Heiligtum und die Welt eine Gotteswelt wird. Darum seien einige Gedanken des im Jahre 1917 verstorbenen großen Denkers hier skizziert. Namentlich aus seiner Ethik und Lehre vom Staate. Es war ein kühnes, aber wahres Wort, das ein zeitgenössischer Philosoph sprach: die Philosophie einer Zeit werde weniger durch die Philosophen derselben, als durch die Vertreter der allgemeinen Gedanken- und Erkenntnisgebiete repräsentiert Der Inhalt von Weltanschauungen wird von der Welterkenntnis bestimmt, diese aber vermittelt eine Reihe von Disziplinen der Natur- und Geisteswissenschaften. Helmboltz, Robert Meyer, Fechner und Männer, die noch ausschließlicher Naturforscher sind,.stellen das philosophische Bewußtsein des 19. Jahrhunderts dar. Spencer, Mach und Wundt und ihre Schulen haben den Zusammenhang mit der Naturwissenschaft als Fundament für ihre Philosophie niederzulegen versucht Und in der Tat liegt das philo-: sophische Bewußtsein einer Zeit in der gesamten, Bildung derselben; um so mehr diese neue Fragen und Verhältnisse des Individuums zur Natur und Geschichte aufweist, um so viel reicher wird dasjenige we'rderi, was wir Philosophie nennen. Dieser empirische Ursprung des philosophischen Stoffgebietes ermöglicht es gjeichwQhl, daß die Philosophie neben und über den Einzelgebieten ihre Stellung behaupte. Freilich an eine Begriffsdichtung, wie sie die Romantik erträumte, öder an ein alles umfassendes logisches Netz im Sinne von Hegel denken wir nicht mehr. Wohl aber an eine Begriffsschulung, die die Erkenntnis in ihrer allgemeinen Gültigkeit zeigt und wertet. Ja, man könnte die Philosophie fast die Wissenschaft der Werte schlechthin nennen. Denn ihr wertender Charakter verschafft ihr; neben und über den Einzelwissenschaften, eine eigene Stellung. In keiner Disziplin der Philosophie wiederum spielt der Wertbegriff eine solch ausschlaggebende Rolle, wie in der Ethik. Die Ethik gilt denn auch unbestritten als philosophische Disziplin. Woher aber die Werte, welche in der Ethik in Frage kommen? Der Grundton einer jeden Sittenlehre heißt: Du sollst. Woher stammt dieses Sollen und woher die Bestimmung der Werte, denen wir im Handeln den'Vorzug geben? Liegt die Wertskala in den Dingen um uns? Sind „Gut" und „Böse" etwas Ständiges, sich absolut Gleichbleibendes, das wir es ohne Mühe in der Außenwelt entdecken, oder sind wir es, die als handelnde Individuen die Wertung in die Verhältnisse und Dinge hineintragen. Und diese Fragen bergen wiederum eine Reihe neuer Fragen in sich. Ist denn das Sollen etwa schlechthin gegeben? Und liegt in ihm die wahrhafte Bestimmung des Menschen? Schon oberflächliches Nachdenken zeigt die verschiedenen Möglichkeiten der Beantwortung jener Grenzfragen. Individuelle Stimmungen, persönliche Wünsche, Werte des Einzelnen stehen gegenüber der objektiven Welt und verschmelzen sich mit allgemeinen Begriffen. Ich und Du, Individuum und Gesellschaft der Einzelne und der Staat, Persönlichkeit und Allgemeinheit, Einheit und Vielheit, so heißen die begrifflichen Gegensätze, aus denen das Bewußtsein des sittlichen Lebens herauswächst. Zwischen diesen — dies ist die Grundstimmung einer jeden ethischen Betrachtung — pendelt der Geist, der beständig ruft: Du sollst Wenn dann das wissenschaftliche Denken dem Ursprung eines dieser Begriffspaare nachgeht, erstehen die weitgehenden Fragen. Und so kann der ethische Wertbegriff nur im lebendigen Bewußtsein einer Wertung der Welt gefaßt und verstanden werden. Es ist kein Wunder, wenn in unseren Tagen mehr denn je diese Fragen immer aufs Neue und von neuen Gesichtspunkten durchgedacht und dargestellt werden. Je mehr auf der einen Seite historische Dogmen zerstört und die geschichtlichen Gebilde der Ethik einer fundamentalen Revision unterzogen werden, desto fehhafter wird der Wunsch nach fester und' sicherer Orientierung in den Problemen des' sittT liehen Lebens. Die fortschreitende Umwertung der sozialen Güter, und die Neugestaltung unserer Weltanschauung ruft nach einem neuen System der Werte. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.