Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 22 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Die tDemrheil Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden und-den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien « Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 30. Mai 1930 Nummer 22 Das Erbe der Gemeinde Jakobs. Ein Wort zum Offenbarungsfest. Einen Rückblick in die Vergangenheit zuwerfen, abgeschlossene Zeiten so wieder herzustellen, wie sie sich ungefähr abgespielt haben, ist nicht leicht. Noch schwerer aber ist es, einen Ausblick in die Zukunft zu erlangen, den Schleier der kommenden Ereignisse, wenn auch vermutungsweise zu lüften. Und doch sind Erinnerung an die Vergangenheit und Ahnung der Zukunft die verläßlichsten Stützen der Gegenwart. Erstere ist der feste Grund, auf dem das Gebäude der Gegenwart ruht, letztere die Tür, die ins Freie führt. Ohne beide würde das Leben des Menschen der zwei großen treibenden Kräfte: Vorher und Nachher entbehren und unfruchtbar bleiben. Würde der Landmann die Aussaat im Schweiße seines Angesichtes bestellen, wenn er nicht aus der Vergangenheit wüßte und von der Zukunft hoffte, daß die Arbeit zur Ernte führt? Und würden Eltern auch dort, wo bereits der natürliche Instinkt aufhört, ihren Kindern Sorgfalt und Erziehung angedeihen lassen, wenn sie sich nicht sagten, daß ihre eigenen Eltern früher ihnen gegenüber nicht anders vorgegangen sind und daß später die Kinder ihre Liebe belohnen werden? Vergangenheit und Zukunft sind aber auch Maßstab und Pegel zur Beurteilung idealer Bestrebungen und Strömungen der jeweiligen Zeit, namentlich wenn diese tiefbewegt und stürmisch ist. Auch in der Gegenwart, in der vieles, was früher als unerschütterlich gegolten hat, dem Zusammenbruch und dem Umstürze anheimgefallen ist, tauchen Fragen idealer Natur auf, so insbesondere die schwerwiegende Frage nach dem Fortbestande der Religionen. Unser Zeitalter wird von den Naturwissenschaften beherrscht; auch der Ungebildete hört von Experimenten und Beweisen, der Glaube aber läßt sich nicht beweisen. Werden nun die politischen und sozialen Einflüsse, wie z.B. die Führer des heutigen Sowjetrußland es gerne sehen möchten, auch „d a s Erbe der Gemeinde Jakobs" vernichten? Oder wird das Judentum ohne Rücksicht auf die Verfallserscheinungen im Lager anderer die Kette der Tradition nicht zu Boden fallen lassen? Die Erinnerung an die Vergangenheit und die Ahnung der Zukunft mögen diese Frage der Gegenwart zu beantworten versuchen. Von einem Gelehrten, Rabbi Josef, erzählt der Talmud, daß dieser den Tag der Offenbarung besonders festlich zu begehen pflegte. Als Grund hierfür wußte er anzugeben: „Wenn dieser Tag nicht wäre, wie viele Josef gäbe es auf der Straße?" Er wollte damit sagen, daß sein ganzes Wesen und Wissen, die ihn vor anderen auszeichnen, in der Offenbarung gelegen seien. Das gleiche gilt auch von der Gemeinde Jakobs. Ohne die Offenbarung, ohne die zehn Gebote, ohne das Kleinod seiner Religion wäre das Judentum, seine Vergangenheit und auch seine Geschichte so bedeutungslos geblieben, wie all die vielen kleinen Völker, die sang- und klanglos kamen und verschwanden. Man will die „Auserwähltheit" Israels nicht gelten lassen, allein einen innerlich anders gearteten Glauben konnten die letzten vier Jahrtausende nicht hervorbringen. Die Lehren und Gesetze der Gemeinde Jakobs wurden verändert, umgebogen, umgeschaltet: der Kern ist geblieben. Sabbat wurde zum Sonntag, Pessach zu Ostern, Offenbarungsfest zu Pfingsten: die jüdische Marke haftet ihnen dennoch unverwischbar an. Unsere Weisen meinen, die Thora gleiche dem Wasser, wohl in dem Sinne, daß die sinaitische Lehre wie ein mächtiger wasserreicher Strom viele Länder und Gebiete durchflössen hatte, überall reichen Segen verbreitend unter den einzelnen Klassen, Familien und Individuen. Die Eltern, die an der Ehrfurcht!hr*>r Kinder Freude empfinden, die Ehegatten, Tlie in unverbrüchlicher Treue ihr Glück finden, die Arbeiter, die an einem Tage der Woche von ihrer Arbeit aufatmen, die Besitzenden, die ihr Eigentum als unantastbares Gut gelten lassen wollen, sie alle zehren vom Erbe, das die Gemeinde Jakobs am Sinai erhalten hatte. Zur verpflichtenden Vergangenheit gesellt sich aber auch die verheißende Zukunft. „Der Ewige wird regieren immer und ewig!" verkündet die Schrift. Eine Fabel des Morgenlandes weiß zu erzählen, daß einst ein Fürst eine Statue besaß, in deren Haupt ein riesig großer, aus Diamantenstaub kunstvoll zusammengesetzter Edelstein sich befand. Diese Statue wurde in einer Dunkelkammer dem bewundernden Volke gezeigt, das von leuchtender Pracht des künstlichen Steines geblendet, voller Verehrung hinsank. Eines Tages wurde die Statue dem Volke geraubt und ins volle freie Tageslicht herausgeführt. Da aber der Edelstein die zersetzenden Strahlen des Lichtes nicht ertragen konnte, zerfiel er wieder in einzelne Staubteilchen und der Zauber der Statue war verflogen. So dürfte es manchen, aus fremden Elementen zusammengesetzten konfessionellen Anschauungen im Lichte der modernen kritischen Wissenschaften ergehen. Von Israels Glauben aber gilt jenes Wort, das der Ewige an den Propheten gerichtet hatte: „Siehe, ich mache dich zu einer Veste, zu einer eisernen Säule und zu einer ehernen Mauer ... Sie werften Segen dich ankämpfen.und.nichts vermögen." Das vieltausendjährige Erbe der'' Gemeinde Jakobs wird unversehrt fortbestehen und noch die spätesten Geschlechter werden das Dichterwort betätigen: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen." ««■«■»■•■•■•■■•■••■■•■■»•■■■■■■■•sauaamaw Die Ereignisse in Palästina. Der Generalstreik in Palästina. Die vom Waad Leumi ausgegebene Streikparole lautete für die Zeit von 12 Uhr mittags bis zum Abend des 22. Mai. Pünktlich 12 Uhr mittags wurde in allen Büros und auf allen Arbeitsstätten die Arbeit niedergelegt und die Läden wurden geschlossen. Auch die auf jüdischen Grundstücken beschäftigten arabischen Arbeiter und Angestellten legten die Arbeit nieder. Bald waren die Straßen Jerusalems gedrängt voll von den in ihre Heime sich begebenden Massen der Juden und Araber. In den Straßen waren verstärkte britische Polizeiposten aufgestellt, auch wurden die öffentlichen Gebäude von Polizisten bewacht. Ueber der Stadt kreisten mehrere Aeroplane. Aus Anlaß des Generalstreiks erließ die Jerusalemer jüdische Gemeinde (Waad Hair) eine Kundgebung, in der es heißt: Die heutige Arbeitsruhe soll der zivilisierten Welt gegenüber unseren Schmerz über die uns zuteil gewordene Demütigung zum Ausdruck bringen; sie soll auch das Signal dazu geben, die Kräfte unseres Volkes zu mobilisieren und unsere friedlichen Bemühungen in der Abwehr der Verletzung der elementaren Rechte des jüdischen Volkes, nach Palästina zu kommen, zu verdoppeln. Der Waad Leumi hat die jüdischen Gemeinden in New York, Warschau, Berlin, London, Wien, Paris usw. über die Arbeitsruhe der palästinensischen Judenheit und die Gründe derselben informiert. Das Hauptbüro des Waad Leumi verbreitete in arabischer Sprache ein Zirkular, in welchem die arabische Oeffentlichkeit über die friedlichen Absichten der Arbeitseinstellung aufgeklärt wird. An diesem Tage, heißt es in der Proklamation, proklamieren wir unseren Glauben an eine friedliche gemeinsame Anstrengung aller Bewohner Palästinas und fordern das jüdische Volk auf, alle seine Kräfte zur Verwirklichung des jüdischen Nationalheims zu mobilisieren. Am Streiktage besuchten Abgesandte der Agudah und des Rabbinates die jüdischen Distrikte und forderten die Bevölkerung zum Besuch der außerordentlichen Gottesdienste am Nachmittag auf. Bei diesen Gottesdiensten wurden Selichoth zitiert. Den einzigen Mißton am Streiktage brachten, in Flugzetteln verbreitete Aufrufe der palästinensischen kommunistischen Partei, die in jüdischer Sprache abgefaßt waren und in denen es hieß: Wir begrüßen den Arbeiterstreik, der nicht ein Protest gegen das Verbot der zionistischen Einwanderung sein soll, sondern ein Zeichen revolutionärer Erhebung von hunderten Millionen Kolonialsklaven. Eine Abordnung des Waad Leumi, bestehend aus dem Arbeiterführer J. Ben Zwi, dem Präsidenten der Jerusalemer jüdischen Gemeinde Joseph Meyuchas, dem früheren Präsidenten des Waad Leumi Dr. David Yellin, dem Bürgermeister von Tel Aviv Mayer Dizengoff, und Rabbi Ostrowski, besuchte am 22. Mai, dem Protesttage der palästinensischen Judenheit. den High Commissioner Sir John Chancellor und überreichte ihm einen formalen Protest gegen die Zurückziehung der neuen Einwanderer-Schedule. Die Abordnung verlangte eine neue Erwägung der Suspendierungs-Verordnung; auch forderte sie, daß von jetzt ab keine auf politischen Erwägungen basierende Einschränkung der freien Einwanderung von Juden nach Palästina Platz greifen solle. Die Einwanderungssperre vor dem Unterhaus. In Erwiderung auf Fragen von Sir Robert Hamilton und Herrn Marcus betreffend die Suspendierung der neuen Einwanderer-Schedule für Palästina erklärte Dr. Drummond S h i e 1 s, der Unterstaatssekretär für die Kolonien, im Unterhaus: Die Lage ist die, daß die.Positionen, die die neuen Einwanderer hätten einnehmen sollen, zeitbedingt waren, wie z. B. Wegebau und ähnliches. Wir haben versucht, in der Durchführung der im Weißbuch von 1922 niedergelegten Politik nur Einwanderer nach Palästina kommen zu lassen, die das Land wirtschaftlich absorbieren kann. Im Zusammenhang mit den Unruhen wurde eine Kommission eingesetzt. Diese Kommission kritisierte nicht das Ziel unserer Einwanderungspolitik, sondern die Art, in der diese durchgeführt wird, und sie machte den Vorschlag, daß ein Experte zur Prüfung der Bodenfrage entsandt werde. Ein solcher Experte ist nun entsandt worden, und es erscheint uns nur als eine Maßnahme gewöhnlicher Ueber- 1 e g u n g. daß inzwischen die Einwanderung eingeschränkt wird; man würde sonst den Vorwurf machen können, daß wir die Fehler, die wir nach der Ansicht der Kommission in der Vergangenheit gemacht haben, jetzt wiederholen. Sir Archibald Sinclair stellte nun die folgenden Fragen: Wenn die wirtschaftliche Kapazität Palästinas nicht eine solche war,, daß das Land 3300 neue Einwanderer absorbieren kann, warum hat dann der High Commissioner die Zertifikate gewährt? Wenn anderseits Palästina wirtschaftlich fähig ist. 3300 neue Einwanderer zu absorbieren, und wenn die Regierung 3 " I