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Die Wahrheit · 1930-05-23 · Heft 21 (23.5.1930) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 21 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Stimmen Mandate Allgemeine Zionisten . . . 1524 31 Demokratische Zionisten . 864 18 Revisionisten .....317 6 Hitachduth...... 256 5 Zusammen . . 2961 60 Wir bezeichneten dieses Ergebnis als merkwürdig und es ist wirklich aus zwei Gründen überraschend. Vor allem kommt die eklatante Niederlage Strickers durchaus unerwartet, man hatte seiner Liste viel mehr Chancen gegeben, die sich nun als übertrieben erweisen. Wohl „bedeutet — nach der „Neuen Welt" — der Ausgang der Wahl einen Sieg des zionistisch-demokratischen Gedankens, des radikalen Zionismus", das ist aber nur eitel Augenauswischerei, denn die Zahlen sprechen eine sehr eindringliche Sprache. Auel» Strickers Feststellung, „daß hunderte parteifremde Personen, Leute, „die nichts mit dem Zionismus zu tun haben und vielfach in anderen politischen Parteien organisiert sind, von den Gegnern in die Wählerlisten einget ragen wurden", vermag nicht über die Tatsache der fatalen Niederlage der „Radikalen" hinwegzutäuschen. Wir erinnern uns, daß der gleiche Vorwurf gegen Strickers Liste bei den Kongreßwalüen mit dem Erfolge erhoben wurde, daß "tatsächlich von seinem damaligen Stimmengewinn ein erheblicher Prozentsatz vom zionistischen Kongreßgericht abgestrichen wurde. Er sollte also mit dieser Butter am Kopfe nicht gerade in die Sonne gehen. Seine nicht wegzuleugnende Niederlage wird hoffentlich die Parteiführer über die wahre Stimmung unter den österreichischen Zionisten belehren, die anscheinend genug haben von der gefährlichen „Landespolitik", deren unentwegte Vertreter eigentlich nur Stricker und sein, wie bewiesen wurde, kleiner Anhang sind. Aber auch die offiziellen Zionisten haben nicht allzu viel Grund zum Jubel. Wehmütig bedauert ihr Organ „Die Stimme" das ..betrübliche Moment, daß infolge der eigenartigen Wiener Organisationsverhältnisse nur über viertausend Zionisten wahlberechtigt waren." Sie tröstet sich wohl mit dem Gedanken, daß „die Zahl der Wiener Zionisten weit mehr als Zehntausend beträgt, was sich gelegentlich politischer und Kultuswahlkämpfe wiederholt (?) gezeigt hat". Allein diese Hoffnung ist eine trügerische, denn ein einmaliger Wahlerfolg, der nun schon recht lange zurück liegt, beweist gar nichts, sind doch seit damals Ereignisse eingetreten, die absolut nicht zu Gunsten der Jüdischnationalen sprechen. Und wenn zu Wahlen, für die von allen vier zionistischen Parteien mit solchem Kräfteaufwand agitiert wurde, kaum dreitausend Personen erschienen sind, so ist dies ein deutliches Memento. Wir müssen deshalb ausnahmsweise der „Stimme" Recht geben, die sich zum Wahlausgang wie folgt äußerte: „Die Wiener Zionisten werden vor allem ihren eigenen Haushalt in Ordnung zu bringen haben." Die Klagemauerkommission. Der Rat des Völkerbundes hat am 15. Mai in geschlossener Sitzung gemäß dem Vorschlag der englischen Regierung drei nichtenglischePersönlicbkeiten zu Mitgliedern der Kommission zurPrüfung der jüdischen und arabischen Rechte und Ansprüche in Verbindung mit der Klagemauer ernannt. Präsident der Kommission ist der ehemalige schwedische Außenminister Eliel Zoefgren. Mitglieder sind ferner der Genfer Richter Charles Barde und der Holländer Van Kempen, ein früherer höherer Beamter der holländischen Kolonialverwaltung. Das persische Ratsmitglied Ala Khan enthielt sich der Abstimmung, erklärte aber, er habe Vertrauen zur Mandatarmacht, daß sie die Wünsche der Muselmanen ernstlich berücksichtigen wird. Wichtige Memoranden der Jewish Aeency. Das bereits vor einiger Zeit angekündigte Memorandum, in dem die Jewish Agency zu den Grundfragen des Palästina-Aufbaus Stellung nimmt, ist nunmehr fertig gestellt und wird dem Kolonialamt überreicht. Gleichzeitig mit diesem Dokument, das in den künftigen Verhandlungen über die Gestaltung der Palästina- Politik eine entscheidende Rolle spielen dürfte, wurde eine ausführliche, auf alle Einzelheiten eingehende Antwort auf die Feststellungen und Empfehlungen des Shaw-Berichtes abgefaßt. Dieses zweite Memorandum geht den Mitgliedern des britischen Parlaments und der Ständigen Mandatskommission beim Völkerbund zu. Unerhörte Vorfälle an der Universität Köln. Zu einem außerordentlich peinlichen Zwischenfall kam es bei der Gründungsfeier der Universität Köln im Gürzenich. Mehrere Studierende, vor allem Korporationsstudenten, störten die ausgezeichnete Rede des bekannten Rechtslehrers Prof. Dr. Lehmann über „Recht und Gerechtigkeit" durch fortgesetztes Lederhandschuhfabrik Josef TjasCmger ^■■■■^■■■■■^■B^B' 1., Rotenturmstraße 23 Telephon O 25-3-29 * IL, Hollandstraße 11 _Telephon R 47-2-40_ ■S555555nS55n Scharren. Nach Professor Lehmanns Rede wurden bei der Feier von dem Rektor Prof. Planitz die im letzten Jahre ernannten Ehrendoktoren der Universität bekanntgegeben. Es handelt sich um Bankdirektor Brüning, Generaldirektor Zapf und Alfred Tietz. Bei den Namen Zapf und Brüning spendeten die Chargen Beifall, bei dem Namen Tietz aber gab es Scharren und große Unruhe. Infolge der Peinlichkeit des Vorfalles vermochte der Rektor vor Beschämung kaum weiter zu reden. Die „Rheinische Zeitung" bemerkt dazu, daß ein Teil der Studenten stark unter den Nachwirkungen von Alkohol gestanden habe. Der Rektor der Universität gedenkt die schärfsten Maßnahmen zu ergreifen, um die Wiederholung solcher peinlichen Szenen auf jeden Fall unmöglich zu machen. Die Position der Juden Rumäniens. Professor Nicolas Jorga, Rektor der Bukarester Universität, der in diesen Tagen in Zürich weilte und vor den Studenten der Züricher Universität einen Vortrag über „Die Grenzen der Nationalitätsidee" hielt, äußerte sich dem JTA- Vertreter gegenüber über die Lage der rumänischen Juden wie folgt: Die Juden bilden in Rumänien nicht eine politische Minorität, sondern sie sind Rumänen. Ihre Gemeindegesetzgebung haben sie sich selbst geschaffen. In ihrem Schulwesen haben sie vollständige Freiheit (?) Die Studentenexzesse (die jetzt wieder in Rumänien an der Tagesordnung sind) bewertet er als „N a c h k r i e g srummel" (?), teilweise auch als Gegensätzlichkeit gegen die vielfach materiell bessergestellten jüdischen Studenten (?). Professor Jorga stellte fest, daß ein großer Teil der rumänischen Presse in jüdischen Händen ist. daß der Handel in jüdischen Händen ist. daß die Juden in Bukarest und in Jassy ganze Stadtviertel besetzten, wodurch viele Kirchen in demselben fast leer stehen. Die Juden in der Moldau charakterisiert er als schwer assimilierbares Proletariat.' um dessen Entwicklung und soziale Hebung die wohlhabenden Kreise der rumänischen Judenheit sich zu wenig kümmern. Auf die Bemerkung des JTA-Vertreters, daß ja dem Staat in dieser Hinsicht Pflichten auferlegt sind, erwiderte Prof. Jorga, daß Rumänien durch den häufigen Parteiwechsel keine Kontinuität besitzt und nicht in der Lage ist, seine Pflichten gegen die Juden in vollem Umfange zu erfüllen (?). Prof. Jorga bemühte sich, den Korrespondenten davon zu überzeugen, daß die Juden in Rumänien nicht zurückgesetzt werden: sie haben etwa 10 Deputierte im Parlament, denen es freisteht, Beschwerden zu äußern, auch bekleiden Juden Professuren, wie z. B. der Mathematiker David Emanuel. Er bedauert es. daß unbedeutende Zwischenfälle oft durch die Presse aufgebauscht , würden, was nicht im Interesse der jüdischen Bevölkerung läge. Er versicherte. da*ß er auch künftighin seine Autorität in die Waagschale werfen werde, um Ausschreitungen möglichst zu verhindern und für eine gerechte Konkurrenz in zivilisierter Form einzutreten. Die elementaren Kräfte, sagte er, lassen sich nicht auf einmal bändigen, man müsse langsam an ihrer Eindämmung arbeiten. (Momentan sind diese „elementaren Kräfte" anscheinend wieder einmal trotz aller schönen Versicherungen nicht zu „bändigen". D. Red.) Zehn Jahre Numerus clausus in Ungarn. Mit diesem Semester beendet der Numerus clausus in Ungarn seine zehnjährige Existenz. Die Budapester jüdische Zeitschrift „E g y e n I ö s e g" rechnet aus, daß infolge des Numerus clausus alljährlich 346.000 Pengö zur Unterstützung der im Auslande studierenden armen jüdischen Hochschüler, von denen es jährlich im Durchschnitt 550 gibt, in das Ausland gesandt werden müssen. Dreimal so hoch ist aber die Zahl der auf die jüdische Wohltätigkeit nicht angewiesenen, im Auslande studierenden Juden, die von ihren Angehörigen jährlich insgesamt etwa 2,227.000 Pengö erhalten. Im Verlauf dieser zehn Jahre mußten rund 26 Millionen Pengö infolge des Numerus clausus aus Ungarn nach dem Auslande gesandt werden. „Elserner Besen". Aus Salzburg wird uns geschrieben: Der Kolporteur des sattsam bekannten antisemitischen Blättchens „Der eiserne Besen", Karl Länger, wurde wegen Verbrechens der Unzucht wider die Natur dem Landesgerichte eingeliefert. Es wird diesem Verbreiter des streng arisch-deutschen Preßproduktes zur Last gelegt, daß er mit einem Lehrjungen unerlaubte Beziehungen unterhalten hat. Wie wäre es. wenn die Herren Schriftleiter des Blattes gegen die eigene Leitung den eisernen Besen anwenden würden. Israelitischer Jugendgottesdienst Am Samstag, den 24. Mai 1930, um 3 Uhr nachmittags, findet der Jugendgottesdienst für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirks-Synagogen statt. VonWotäe zu Wodke Luden Wolf Ehrendoktor. Rabbi Dr. Stephen Wise teilte Mr. Lucien Wolf (London) mit, daß das „Jewish Institute of Religion" in New York beschlossen habe, Mr. Wolf zum Ehrendoktor der Hebräischen Wissenschaft zu ernennen. Als amtierender Sekretär des. „Joint Foreign Committee" . ist Lucien Wolf unermüdlich für den Schutz der jüdischen Minderheiten in Europa tätig, und als Präsident der Jüdischen Historischen Gesellschaft Englands, deren Begründer er ist, hat er auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte Werke von bleibender Bedeutung geschaffen. So ist er der Verfasser zahlreicher Stammbäume und englisch-jüdischer Familiengeschichten, der „Bibliotheca Anglo-Judaica" (einer Bibliographie der englisch-jüdischen Geschichte), eines Buches über die Intervention des Amsterdamer Rabbiners Menassah ben Israel bei Oliver Cromwell zugunsten der aus England vertriebenen Juden etc. Seine spezielle Aufmerksamkeit wendet Lucien Wolf der Lage der Juden in den osteuropäischen Staaten zu und setzte sich stets für sie ein. Besonders anläßlich der VersaillerFriedenskonferenz von 1919 hat er ihre Interessen erfolgreich als Führer der jüdischen Delegation verfochten, wobei er seine Interventionen durch aufschlußreiche Abhandlungen über die Lage der Juden in Europa verstärkte. Seine jüngste Abhandlung befaßt sich mit den Marannen in Portugal. Adolph Zukors Reise durch Europa. Der Präsident der Paramount Public Corporation Adolph Zukor befindet sich auf einer Studienreise durch ganz Europa,, die ihn über Frankreich, Ungarn, Oesterreich, Tschechoslowakei auch nach Deutschland führte, um über die Voraussetzungsmöglichkeiten einer Vielsprachenproduktion der Paramount auf europäischem Boden Verhandlungen zu führen. Auf seiner Reise hielt er sich auch in seinem Geburtsort Riese auf, wo seine Ankunft ein ungeheures Ereignis bildete. Er wurde u. a. von Vertretern der jüdischen Gemeinde empfangen. Zukor ist bekanntlich Jude und erhielt aus dem kleinen Orte nicht weniger als 400 Bittgesuche von Hilfsbedürftigen. Zukor, der in diesem Orte die Synagoge erhält und eine Reihe von Stiftungen geschaffen hat, mußte schließlich fluchtartig den Ort verlassen, da auch aus den tschechoslowakischen Grenzgemeinden hunderte von Bittstellern mit ihren Gesuchen kamen. Ein neues jüdisches Religionsgesetz in der Tschecho-' Slowakei. Wie der JTA-Vertreter erfährt, schweben zwischen der Regierung und den interessierten jüdischen Kreisen Verhandlungen zur Schaffung eines neuen Gesetzes über die jüdische Religionsgemeinschaft in der Tschechoslowakei, durch die insbesondere die Gemeindeautonomie und das Wahlrecht in den jüdischen Gemeinden neu geregelt werden sollen. Das alte Religionsgesetz, das auf einer Regierungsverordnung aus dem Jahre 1860 basiert, entspricht nicht mehr in allen seinen Teilen den Anforderungen. Ehrung. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien hat an Herrn Siegmund Schönau folgendes Schreiben gerichtet: Die Vollendung Ihres 79. Lebensjahres ist dem gefertigten Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde erwünschter Anlaß, um Sie herzlichst zu begrüßen und Ihnen zum Eintritt in das 80. Lebensjahr herzlichst Glück zu wünschen. Seit Jahrzehnten sind Sie als überzeugungstreuer, aufrechter Glaubensgenosse bemüht, durch Wort und Schrift jede Verunglimpfung, die über unsere Glaubensgenossen niedergeht, mit allen Kräften abzuwehren. Furchtlos haben Sie zu wiederholten Malen in der Tagespresse den Kampf aufgenommen und bewiesen, daß wir Juden berechtigt sind, im Lande den gebührenden Platz zu fordern. Möge es Ihnen, sehr geehrter Herr Schönau, vergönnt sein, noch recht viele Jahre sich diesen idealen Bestrebungen zu widmen, bei vollster Gesundheit und geistiger Frische. Mit vorzüglicher Hochachtung Reg.-Rat Dr. Adler m. p. Prof. Dr. Alois Pick m. p. Amtsdirektor und I. Sekretär. Präsident. Der Oberrabbiner von Prag, Dr. Heinrich B r o d y, der bekanntlich vor einigen Wochen sein Rücktrittsgesuch übergab, hat sich zu einer Aufforderung der Repräsentanz der Prager Jüdischen Gemeinde, im Amte zu verbleiben, ablehnend gestellt, so daß sein Rücktrittsgesuch als angenommen zu betrachten ist.

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