Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 21 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 üeröffantlichungan cUr Union dau+scnös+erreichischeftuden Telephon A 19-2-77 IX., Berggasse 4 Postspark.-Kto. 9.464 Mitglieöschaft Ottakring-Hernais. Dienstag, den 13. d. M., fand im Etablissement Oschwandner eine sehr gut besuchte Versammlung der kürzlich neu konstituierten Mitgliedschaft XVI/XVII der „Union" unter Vorsitz des Herrn Med.-Rat Dr. Jakob Deutsch statt. Die schöne Versammlung hat bewiesen, daß der neu gewählte rührige Vorstand der Ortsgruppe mit allen Kräften und größtem Erfolge bemüht ist. der „Union" auch in diesen Bezirken eine treue Anhängerschaft zu gewinnen, welche Aktion in nächster Zeit mit beonderer Intensivität fortgesetzt werden soll. Präsident Dr. Jakob O r n s t e i n referierte, lebhaft begrüßt, in ausführlicher Weise über die „Aufgaben der Kultusgemeinde und ihre Durchführung". Er verstand es, ein äußerst interessantes Bild über die weitverzweigte Tätigkeit der Kultusgemeinde, sowohl die aus dem Statut hergeleitete, als die über den Rahmen des Statuts hinausgehende, jedoch demselben sinngemäß entsprechende zu entwerfen. Das eingehende Referat fand starken Beifall, denn es war auf Grund desselben tatsächlich möglich, sich das, wie der Redner ausführte, oft fehlende Wissen von dem großen Aufgabenkreis der Kultusgejneinde und ihren mannigfachen Arbeiten zu verschaffen, bezw. zu ergänzen. Dr. Ornstein illustrierte das mangelnde Interesse an der Tatsache, daß bisher kein Kultussteuerzahler von dem ihm zustehenden Rechte, in das Budget und den Rechnungsabschluß, die öffentlich aufliegen. Einsicht zu nehmen und Erinnerungen vorzubringen, Gebrauch gemacht hat. Diese Interesselosigkeit der doch wahlberechtigten 59.116 Steuerzahler beweist aber auch die Unstichhältigkeit des Schlagwortes, daß den nicht Wahlberechtigten das Wahlrecht gegeben werden müsse, damit sie ein größeres Interesse an der Gemeinde haben. Dr. Ornstein führte u. a. aus: Nach dem staatlichen Grundgesetz für die Juden in Wien, dem Judengesetz vom Jahre 1892 ist es Aufgabe der Kultusgemeinde, für die religiösen Bedürfnisse der Juden zu sorgen und die diesem Zwecke dienenden Anstalten zu erhalten und zu fördern. Demgemäß hat sie sich also um die Erhaltung und Errichtung von Bethäusern etc., Bestellung von Rabbinern und Kantoren, Besorgung des Religionsunterrichtes. Errichtung und Erhaltung von Anstalten und Stiftungen für rituelle Erziehungs- und wohltätige Zwecke zu sorgen. Selbstverständlich ist die karitative Tätigkeit nicht darauf allein beschränkt, sondern das Feld der Gemilus Chasodim ist ungemein weit abgesteckt. Die Kultusgemeinde hat sich auch den Schutz der Ehre und des Ansehens des Judentums als Gebiet ihrer Tätigkeit arrogiert, so ist sie wiederholt für die in ihren Rechten bedrohten Studenten unseres Bekenntnisses eingetreten, ohne lange zu fragen. Sie hat ihre Aufgaben ganz autonom zu erledigen, da sie nach dem Staatsgrundgesetz eine vollkommen autonome Körperschaft ist. Es ist noch nicht ganz klar, wie groß die Zahl der Juden Wiens ist. Nach Dr. Goldhammer beträgt sie 203.000, sie dürfte sich aber auf ungefähr eine Viertel Million Seelen belaufen. Das Wiener Judentum krankt vor allem an zwei betrüblichen Erscheinungen, den Austritten und dem kolossalen Ueberwiegen derSterbefälle überdie Geburten. Seit dem Jahre 1919 beträgt die Zahl der aus dem Judentum Ausgetretenen 10.700. die der Ein- und Rücktritte dagegen 3300. Wir haben also ungefähr 7000 Juden in dieser Zeit durch Austritt verloren, was bei der großen Zahl der Wiener Juden keine besonders erhebliche Rolle spielt, obwohl um jede jüdische Seele, die uns verloren geht, zu klagen ist. Im vorigen Jahr sind ungefähr 600 Juden ausgetreten, die Zahl der Austritte nimmt also jetzt ab. Weit gefährlicher ist das zweite Moment, wenn auch bezüglich des Ueberwiegens der Sterbefälle über die Geburten zu konstatieren ist. daß es sich hier um eine allgemein europäische Erscheinung handelt, die durch die tristen wirtschaftlichen Verhältnisse bedingt ist. Seit dem Jahre 1919 gab es 27.000 Todesfälle und nur 22.000 Geburten. Im letzten Jahre hat sich auch diesbezüglich eine geringe Besserung gezeigt, indem die Zahl der Sterbefälle etwas abnahm. Die Kultusgemeinde ist ein kolossaler Verwaltungskörper mit ungefähr 31 Abteilungen, 18 Kommissionen (nicht gerechnet die Bezirkskommissionen) und 522 Beamten, die die Geschäfte der Gemeinde zu erledigen haben. Diese Arbeit der Beamten kostet die Kultusgemeinde mehr als ein Drittel ihres Budgets, im Jahre 1929 erhielten sie 2,477.000 Schillinge, im heurigen Jahre werden sie wegen der 5prozentigen Gehaltsaufbesserung um zirka 80.000 Schillinge mehr bekommen. Außer- NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 20a TEL R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UND JUDAHCA in engllsoher und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BAND GEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH! dem wird an 111 Beamte Pensionen, an 58 Hinterbliebene von Beamten Gnadengaben gezahlt. Dr. Ornstein erörterte nun das bekannte letzte Budget der Gemeinde von 6 Million Schilling, bei dem es infolge eiserner Sparsamkeit gelungen ist, das seit dem Jahre 1927 bestandene katastrophale Defizit wesentlich herabzumindern, und zog Vergleiche zum Berliner Gemeindebudget von 12 Millionen Mark, dessen Aufstellung schon deshalb leichter ist. weil dort die Kultussteuer in Form eines Zuschlages zur Einkommensteuer eingehoben wird, was schon wegen des Fehlens eines größeren Steuerapparates eine wesentliche Erleichterung darstellt. Er beschäftigte sich nun mit der Wiener Kultussteuer, deren Eingang im vorigen Jahr sehr günstig war: es waren 2,500.000 Schilling präliminiert und sind 2.300.000 Schilling eingegangen. Er stellte die folgende interessante Verteilung der Kultussteuerleistungen der 59.116 Steuerzahler auf: 6 Prozent der Steuerzahler bezahlten 58 Prozent der Kulrussteuer (über 100 S), 12 Prozent der Steuerzahler bezahlten 20 Prozent der Kultussteuer (50 bis 100 S). 82 Prozent der Steuerzahler bezahlten 22 Prozent der Kultussteuer (bis 50 S). Das Maximum von 6000 Schilling wird nur von vier Personen gezahlt: dem Verlangen nach einer Erhöhung des Steuermaximums steht das Finanzministerium entgegen, da die Kultussteuer eine Abzugspost bei der Einkommensteuer darstellt und der Staat deshalb durch eine Erhöhung des Maximums zu kurz kommen würde. Die niedrigste Steuer beträgt nach dem Statut 25 oder 60 Groschen. Beträge, die natürlich nicht ausgeschrieben werden können, weshalb von ungefähr 600 Personen zwei Schilling Kultussteuer eingehoben wird, wobei auf Rekurse selbst dieser Betrag bei drei Dutzend Personen auf einen Schilling ermäßigt wurde. Diese minimalen Beträge sind natürlich für jedermann erschwinglich und damit erledigen sich auch die Anwürfe, als ob die Kultusgemeinde kein allgemeines Wahlrecht hätte: wer nicht einmal diese geringfügigen Beträge zahlt, hat das kostbare Recht des Wahlrechtes verwirkt Dr. Ornstein behandelte m>n die mannigfachen Aufgaben der Kultusgemeinde, die wir im folgenden kursorisch anführen. Sie erhält 7 Gemeindetempel und zu den Feiertagen mehrere temporäre Bethäuser. Sie unterstützt 53 Vereinstempel und Minjamin, sie hat einen Barmizwahunterricht eingerichtet, veranstaltet alljährlich eine Mazzothaktion, gibt an Arme Betsitze unentgeltlich oder zu ermäßigten Preisen, erhält ein rituelles Bad und besorgt die Schechita. Dr. Ornstein beschäftigte sich hierauf mit dem Friedhofswesen und erwähnte insbesondere die Zeremonienhalle, bei deren Bau angeblich Verschwendung getrieben worden ist. Diese Vorwürfe lassen sich dadurch entkräften, daß dafür erstens alle Parteien des Kultusvorstandes einhellig stimmten und zweitens bei diesem Monumentalbau nur eine Ueberschreitung von 4 bis 5 Prozent des Kostenvoranschlages entstanden ist. Eine der wichtigsten Aufgaben der Kultusgemeinde bildet der Religionsunterricht, denn das Judentum kann nicht erhalten werden, wenn nicht der Jugend die Ideale des Judentums gelehrt werden. An den Volksschulen sind 42 Religionslehrer beschäftigt, davon 14 durch die Gemeinde übernommene. Bibel- und Talmudschulen dienen dem Ergänzungsunterricht und es besteht jetzt das Bestreben, sie zu vergemeindlichen. Der Jugendgottesdienst steht auf besonders hoher Stufe, im Jahre 1924 besuchten ihn nur 6000 Schüler, im Jahre 1928 bereits über 40.000 Schüler. Dr. Ornstein erwähnte noch die Talmud Thoraschule. das jüdische Realgymnasium und die theologische Lehranstalt unter Leitung des Herrn Rektors Schwarz, welch letztere eine Zierde der Gemeinde bildet. 13.000 Schilling werden für Promotions-, Inskriptions- und Rigorosentaxen ausgegeben, das Jugendreferat beaufsichtigt 30 Jugendbünde, insgesamt werden für Zwecke der Jugenderziehung 300.000 Schilling verausgabt. Der Referent beschäftigte sich sodann in ausführlicher Weise mit dem Spital und dem Versorgungshaus, diesen Musteranstalten der Wiener Kultusgemeinde, die ihr zur größten Ehre gereichen. Er besprach lobend das Kinderambulatorium im Augarten unter Leitung des Herrn Prof. Zappert und den Kindergarten in der Othmargasse. Die Jugendfürsorge hat im Jahre 1929 in 19.000 Fällen in zweckmäßiger Weise interveniert An Monatsgaben werden jährlich 64.000 Schilling, an laufenden Unterstützungen 88.000 Schilling ausgegeben, daneben gibt es noch Speisemarken, arme Bräute werden unterstützt usw., die Kultusgemeinde ist also höchst freigebig, denn 2.032.092 Schilling werden für karitative Tätigkeit allein verausgabt. Die Stiftungen, die vor dem Kriege 7 Milliarden Kronen wert waren, stellen heute nur mehr einen Wert von 40.000 Schilling dar, davon 30.000 Schilling an Nachkriegsstiftungen. Die Kultusgemeinde besitzt acht Stiftungshäuser, die bisher sehr wenig eintrugen. Die Gemeinde beteiligt sich jetzt auch an der Kreditkassa für Gewerbetreibende mit 20.000 Schilling Anteilscheinen, sie erhält eine Bibliothek, die einen Milliardenwert darstellt, ihre historische Kommission hat sehr viele interessante historische Werke herausgegeben. Eine Spende von 5000 Schilling wird es der Kultusgemeinde ermöglichen, nun auch an den Bau eines Studentenheimes zu schreiten, für das eine Stiftung geschaffen werden soll. Präsident Dr. Jakob Ornstein schloß seine mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen mit dem Appell an alle Anwesende, das Beispiel der Vorfahren zu GROSSFLEISCHHAUEREI IIIGM. KORNKIHI WIEN IX., BERQOASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAMRINOERSTRAUE ET Telephon Nr. A 17 3-99und A 16-9-34 Lieferant fOr Heilanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsieht des ehr«. Rabbinates der ler, Knltueaemeiade Wlaa. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen befolgen und unsere mit Recht als altehrwürdig bezeichnete Kultusgemeinde unseren Nachfahren in gleicher Erhabenheit zu erhalten. Herr Dr. Ernst Feldsberg besprach die einzelnen Punkte der „Studentenordnung" und wies darauf hin, daß der ganze Inhalt der „Studentenordnung" geeignet ist, alle Juden ohne Unterschied ihres jüdischpolitischen Bekenntnisses in ihren Rechten zu verletzen. Die Teilung der Wiener Studentenschaft in ..Studentennationen" nach dem Gesichtspunkte der Abstammung allein genügt, um den antisemitischen Charakter dieser Verordnung zu dokumentieren. Es scheint unverständlich zu sein, daß die Führer der Wissenschaft in Oesterreich daran vergessen, daß die Lern- und Lehrfreiheit und die mit diesen Rechten verbundenen Konsequenzen eine unbedingte Voraussetzung für die Förderung der Wissenschaft sein müssen. Gerade der akademische Senat darf nicht daran vergessen, daß es unwissenschaftlich ist, in die Herzen der studierenden Jugend, die schließlich einst dazu berufen sein wird, als Aerzte der Menschheit zu helfen, als Richter das Recht zu suchen, als Lehrer die Kinder zu erziehen und als Priester die Nächstenliebe zu lehren, den Haß gegen ihre eigenen Kollegen zu pflanzen, der akademische Senat sollte doch sich dessen bewußt sein, daß gerade die Eindrücke, die der junge Mensch empfängt, am meisten in seinem Leben nachwirken. Es ist Pflicht aller Oesterreicher, vor allem aber der gesamten Judenschaft, einmütig gegen diese, die Rechte der Judenschaft erschütternde Verordnung Front zu machen und von Mann zu Mann in der Oeffentlichkeit dahin zu wirken, daß der akademische Senat gezwungen werde, diese uns in das Mittelalter zurückversetzende Verordnung aufzuheben. Im Zusammenhange mit dieser „Studentenordnung" wies der Redner darauf hin, daß es im allgemeinen politischen Leben für die Judenschaft schädlich sei. wenn Juden an der Spitze politischer Parteiorganisationen zur Beunruhigung des Wirtschaftslebens beitragen. Es ist eine geschichtlich erwiesene Tatsache, daß die Schuld an jeder Krise immer in die Schuhe der Judenschaft zu schieben versucht wird, wenn sich nur der leiseste Anhaltspunkt dafür ergibt. Es ist daher unter allen Umständen Pflicht eines jeden Juden, möge er von seiner politischen Idee noch so begeistert sein. Rücksicht zu nehmen auf seine Glaubensgenossen und zu ihrem Wohle auch darauf zu verzichten, der Vorkämpfer seiner politischen Idee zu sein. (Stürmischer Beifall.) Med.-Rat Dr. Jakob Deutsch schloß in später Stunde die schön verlaufene Versammlung. Wahrheiten vom finge Der besiegte Radikalismus. Die österreichischen zionistischen Parteien haben sich in letzter Zeit mit besonderer Inten sivität eigentlich nur mit einer Sache beschäftigt: den Wahlen zum Deiegiertentag der österreichischen Zionisten. Gegenüber der Bedeutung dieses „wichtigen" Ereignisses verschwanden alle anderen jüdischen Aktualitäten. Der Delegiertentag nahm alle Kräfte in Anspruch, waren doch vier wahlwerbende Parteien in heißem Ringen auf den blau-weißen Plan getreten: die allgemeinen Zionisten (Listenführer Dr. Jakob Ehrlich), die demokratischen Zionisten (Oberingenieur Robert Stricker), die Revisionisten (Dr. Karl Po11 ak) und dieHitachduth (Dr. G e 1 b a r d). Mit einer fast unglaublichen Schärfe wurde der Kampf geführt, mit einer selbst vor persönlicher Verunglimpfung nicht zurückschreckenden Gehässigkeit, die unter Verfechtern ein und derselben Idee, deren Weg nur ein verschiedener ist, ihresgleichen sucht. Mit größter Spannung wurde dem 13. Mai, dem Wahltag, entgegengesehen, er ist — wie der Kriegsbericht meldet — „durchaus ruhig verlaufen" und brachte folgendes merkwürdige Ergebnis: L9S0tDaflVGrörßilfit„DIEWfiHRBElT"! Ii aa