Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 21 (23.5.1930)
- Date
- 1930-05-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 nung" die Rechte der jüdischen Studenten an der Universität, jene Rechte, die ihnen ihre Vorfahren mit ihrem Blute erkämpft haben, erschüttert werden. Man sollte glauben, daß die gesamte Judenschaft sich zusammenschließt, um diesen unerhörten Angriff auf die gesamte Judenschaft abzuwehren. Wenn man aber dieDenkschriitdes Wiener jüdischen Hoch Schulau sschusses an das Rektorat der Universität liest, dann muß man leider zur Ansicht kommen, daß Herr Dr. Qleispach in seinen Ansichten eine besondere Förderung durch einen Teil der jüdischen Studentenschaft erfährt. Es ist hier nicht genügend Raum, um die Gründe auseinanderzusetzen, die die Ansichten des jüdischen Hochschulausschusses über den Nationalismus widerlegen würden, es dürfen aber wohl an dieser Stelle u. a. Forderungen angeführt werden, die vom jüdischen Hochschulausschuß als eine wichtige Voraussetzung für die Rechte der jüdischen Studentenschaft hingestellt werden: a) Einräumung und der ungestörte Besitz geeigneter Räumlichkeiten an der Wiener Universität für die Fach- Organisationen. (Jüdisch-akademischer Juristenverein, Akademischer Verein jüdischer Mediziner, Jüdischakademischer Philosophenverein). b) Die Einräumung und der ungestörte Besitz entsprechender Räumlichkeiten für die Zentrale Wirtschaftsstelle des jüdischen Hochschulausschusses. c) Die Zuweisung und der ungestörte Besitz der erforderlichen Anschlagkasten und eines Werbetisches in der Aula. d) Die Benützung der dem Sport gewidmeten Räume. (Fecht- und Turnsaal, S c h i e ß s t ä 11 e). e) Die Gewährung des Farbenrechtes an die wehrhaften jüdischen Verbindungen wie auch die Sicherung des Bummels der jüdischen Studentenschaft an der Universität Selbstverständlich fordert der jüdische Hochschulausschuß auch gleiche Rechte und Pflichten für die jüdische Studentennation, das Recht der Mitwirkung und Mitbestimmung an allen Angelegenheiten der Universität, trotzdem aber scheint in einer Zeit, in der die Wiener jüdische Studentenschaft um ihre Gleichberechtigung an der Universität ringt, es unangebracht zu sein, Forderungen für die Benützung einer Schießstätte, für die Aufrechterhaltung des Bummels und für die Aufstellung eines Werbetisches in der Aula zu stellen, wenn es gilt, um alles zu kämpfen. Es muß von allen Juden, welcher politischer Parteischattierung sie immer sein mögen, zugegeben werden, daß die „Studentenordnung" nichts anderes als ein verkappter Vorstoß für den Numerus clausus ist. Die Erlassur.g der „Studentenordnung" ist ein antisemitischer Akt und geeignet, den Judenhaß unter den antisemitischen Studenten zu entflammen. Wer sich dieser „Studentenordnung" unterwirft, respektive die Schaffung von „Studentennationen" in der Form dieser „Studentenordnung" begrüßt, fördert die antisemitische Haßidee der „Deutschen Studentenschaft" und ihres akademischen Senates. Dessen möge jeder jüdische Student, möge er auch für das Aufbauwerk in Palästina noch so begeistert sein, eingedenk sein. * * •Jr. Universitätsboykott. „Der Schi 1 d", die ausgezeichnete Zeitschrift des deutschen „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten" schreibt über die R ü c k w i rkungderWienerHochschulpolitikauf Deutschland u. a.: „Ist es nicht eine Farce, wenn die deutschen Hochschulen in Wien an den reichsdeutschen Hochschulen Propaganda machen und dann an Ort und Stelle die ausschließen, die willens sind, den deutschen Kulturgedanken zu unterstützen? Ein englischer oder französischer jüdischer Student wird bei seinen Landsleuten in Wien mit Freuden aufgenommen werden, jedoch der jüdische Deutsche, der an die deutsche Universität Wien geht, wird als Angehöriger einer nationalen Minderheit behandelt. Der neue Wiener Ukas hat das völkische Prinzip von Staats wegen sanktioniert. Der allein mögliche Grundsatz des deutschen Kulturprinzips, des Zusammenschlusses aller, die sich zu einem deutschen Kulturbewußtsein bekennen, ist von der österreichischen Behörde verworfen worden. Tiefer denn je ist dadurch die Kluft geworden, die einen wahrhaft großdeutschen Aufbau der Studentenschaften des Reichsgebiets und der auslandsdeutschen Hochschulen bisher verhindert hat. Die jüdischen reichsdeutschen Studenten werden die Wiener Hochschulen vorläufig meiden müssen." So weit ist es also schon mit unserer Alma mater gekommen, daß eine angesehene reichsdeutsche Zeitschrift eine wohl begründete Warnung vor dem Besuche unserer Stätten des Geistes ergehen läßt. Wir, die wir selbst stets gegen Boykottpropaganda auftreten, können diese Warnung nur verständlich finden. Wie traurig ist es um unsere Hochschulen bestellt, wenn jetzt sogar das befreundete Bruderland sich verekelt von Wien, dem Sitz der akademischen Reaktion, abwendet. Fricks Wirken — eine Blamage Deutschlands. Rassenprofessur in Thüringen. Das thüringische Staatsministerium hat auf Antrag des Kultusministers Dr. F r i c k beschlossen, einen Lehrstuhl für Rassenkunde an der Universität Jena einzurichten und ihn durch den Rassenschriftsteller und Antisemiten Dr. Günther zu besetzen. Nach außen hin wird das Fach Dr. Günthers den Namen „S o z i a 1 e A n t h r op o 1 o g i e" tragen. Das Staatsministerium hat die Ablehnung eines solchen Lehrstuhls durch die-Fakultäten nicht berücksichtigt. Insbesondere hat sich die Universität gegen die Berufung Günthers ausgesprochen, desseji antisemitischen Werke keinerlei wii s s e nisc h af 11 i che Ou;alitäten haben. Das „Berliner Tageblatt" äußert sich zu der Berufung Günthers u. a.: Nach der Schule und Religion, die Frick mit seinen nationalistischen „Gebeten" vergütet hat, nach dem Angriff auf die Staatssicherheit durch die Ernennung nationalsozialistischer Polizeidirektoren, die noch bevorsteht, nun der Angriff auf die Wissenschaft. So klein das Land Thüringen ist — wenn Herr Frick noch lange im Amte bleibt, wird es ihm gelingen, ein Stück Deutschlands beträchtlich zu blamieren. Ein Lehrstuhl für Antisemitismus, errichtet an einer deutschen Hochschule von altehrwürdigem Ruf, besetzt durch einen fanatischen Ignoranten, das ist auf jeden Fall keine Kleinigkeit. Und Stresemanns Parteigenossen leisten Hilfsstellung bei diesem Unternehmen, die deutsche Kultur herabzuziehen. Eine neue antisemitische Verordnung Fricks. Das thüringische Innenministerium hat eine Verordnung an die Stadtverwaltungen erlassen, in der bestimmt wird, daß Gesuche fremdrassiger Ausländer um Naturalisierung grundsätzlich abgelehnt werden müssen. Nur in besonderen Ausnahmefällen sollen derartige Anträge dem Innenminister zur Begutachtung vorgelegt werden. Hierzu wird noch mitgeteilt, daß der Begriff „fremdrassig" von a 11 zu Fall entschieden werden soll. Die Ver- .v,lausulierungen in dieser Verordnung haben wohl nur den Zweck, nichtjfidischen und nichtdeutschen Ausländern die Tür für die Naturalisierung offen zu halten. Ein offener Brief Dr. Ludwig Holländers. Dr. Ludwig Holländer, Direktor des Centrai- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens richtet in der „C.-V.-Zeitung" an den Thüringer Kultus- und Innenminister Frick das folgende offene Schreiben: „Sie haben im Haushaltsausschuß des Thüringischen Landtags auf die Frage eines Abgeordneten, gegen welche „art- und volksfremden Kräfte" sich die von Ihnen angeordneten Schulgebete richten, folgendes geantwortet: „Ich will ganz offen sein. Wir brauchen uns da nichts vorzumachen. Die Entsittlichung des deutschen Volkes geht aus von rassenfremdeu Elementen, nämlich den Jude n." Es ist Ihnen als Minister eines deutschen Staates bekannt, daß man keinen schwereren Vorwurf gegen einen Teil der Bevölkerung erheben kann, als den. er entsittliche das Gesamtvolk. Dem so beschimpften Teile des Volkes wird vorgeworfen, er selbst habe nicht nur die Grundlage des Zusammenlebens der Menschheit, das Höchste und Erhabenste, was die Menschen in sich entwickeln können, nämlich das Gefühl für Sittlichkeit, verloren, sondern versuche es auch anderen zu rauben. Herr Frick. Sie haben Hunderttausende von deutschen Staatsbürgern mit Kot beworfen! Sie haben von den Juden gesprochen, haben also nicht etva behauptet, daß einzelne unter uns Juden entsittlichend wirken, sondern Sie haben die Gesamtheit angegriffen. Einzelne werden unter den Juden und unter den Nichtjuden stets aus dem Rahmen der Allgemeinheit fallen. Die deutschen Juden müssen sich aber in ihrer Gesamtheit dagegen wehren, daß Sie ihnen im Gegensatz zu ihrem heiligsten religiösen und menschlichen Sein, das ihnen gerade die Förderung der Sittlichkeit zur besonderen Aufgabe macht, einen so unerhörten Vorwurf entgegenschleudern. Wollen Sie. Herr Minister, nicht der Verleumdung geziehen werden, so geben Sie uns Beweise für Ihre Behauptung, daß die Juden die Entsittlichung des deutschen Volkes betreiben. Sie geben sich als der deutsche Mann, der die Wahrheit und die Ehre seiner Mitmenschen nicht beschmutzen will. Gut, bleiben Sie bei der Wahrheit und antworten Sie uns. Die Zeitung steht Ihnen zur Verfügung." Gegen Fricks Haßgebete. Der Reichsinnenminister Dr. Wirt Ii hat an den thüringischen Ministerpräsidenten Baum ein Schreiben gerichtet, um die thüringische Regierun« auf die Bedenken hinzuweisen, die das Vorgehen des Ministers Dr. Frick in mehrfacher Hinsicht hervorgerufen hat. Einmal handelt es sich dabei um die unwidersprochene Meldung, daß Frick beabsichtige, den früheren Staatsanwalt Floe), einen Nationalsozialisten, zum Polizeidirektor zu ernennen. Außerdem wird gegen die vielberuienen „Schulgebete", wie sie Minister Doktor Frick in Thüringen einführen will (und die, seiner eigenen Aussage zuiolge. sich gegen die Juden richten) protestiert, da sie die Verfassung verletzen, indem sie gegen die religiöse Freiheit deutscher Staatsbürger gerichtet sind und zur religiösen Unduldsamkeit aufstacheln. In parlamentarischen Kreisen verlautet übrigens, daß beabsichtigt sei, die Vorgänge in Thüringen und das Verhalten der Reichsregierung zu ihnen im Reichstag zur Sprache zu bringen Palästina and die Zweite Internationale. In der Schlußsitzung der am Dienstag, den 13. Mai abgehaltenen Tagung der Exekutive der Zweiten Internationale wurde über Antrag des Sekretariats die durch Vereinigung beider jüdischen Arbeitergruppen in Palästina neugebildete palästinensische Arbeiterpartei „Mifiegeth Poale Erez Israel" als jüdische Sektion derS. A.J. anerkannt. Diese Sektion vertritt territorial das Land Palästina und zugleich alle Landesgruppen der Poaie Zion als nationale Splitterparteien. Der Palästinasektion der Internationale, bzw. dem VVeltverband der Poale Zion wird für die Schaffung von und die Mitarbeit in den Ligen für das arbeitende Palästina freie Hand gelassen. Die jüdischen Mitglieder der Internationale können im übrigen nach freier Entscheidung in den Ligen für das arbeitende Ealästina mitarbeiten. Weiterhin wurde die Teilnahme der Poale Zion am Zionistenkongreß und an der Jewish Agency gebilligt. Der Tätigkeit der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina wurde die Sympathie der internationale ausgesprochen. Es wurde schließlich betont, daß die Internationale zur organisierten jüdischen Arbeiterschaft Palästinas das Vertrauen habe und ihr alle notwendigen Maßnahmen überlasse, um mit dem arbeitenden arabischen Volk eine Zusammenarbeit im Sinne internationaler Verständigung zu erreichen. Die aui der Tagung gefaßten Resolutionen haben folgenden Wortlaut: 1. Ohne über die Bedeutung und die Aussichten der Verwirklichung der zionistischen Bestrebungen in Palästina, über die die Meinungen innerhalb der sozialistischen Arbeiterschaft geteilt sind, in diesem Moment ein Urteil abzugeben, stellt die Exekutive der S. A. J. fest, daß jüdische Arbeiter, die nach Palästina eingewandert sind, vor den gleichen Aufgaben des Klassenkampfes stehen, wie die Arbeiter aller anderen Länder, ure! daß sie daher auch aui die gleiche Solidarität Anrecht haben, wie alle anderen Teile des internationalen Proletariats. Die Exekutive der S. A. J. hat mit Befriedigung zur Kenntnis genommen, daß die der S. A. J. angeschlossene Partei in Palästina in ihren Kundgebungen itets das gemeinsame Klasseninteresse mit den arabischen Arbeitern in Palästina betont hat und sich jedem Gedanken der Aufrichtung einer Herrschaft der jüdischen Nation über die arabische in Palästina widersetzt. 2. Die Exekutive der S. A. J. nimmt zur Kenntnis, daß ihre Palästinasektion die zionistische Organisation und die Jewish Agency, soweit diese Organe öffentlichen Rechts geworden sind, zur Vertretung ihrer Interessen benutzt. Sie erwartet von ihrer Palästinasektion, daß sie in diesen Institutionen den unbeugsamen Kampf gegen die Versuche des internationalen jüdischen und nichtjüdische n Kapitalismus, sie seiner Herrschaft zu unterwerfen, führen wird. (!) Die Zionistische Organisation und die Jewish Agency sind Institutionen im nationalen Rahmen. Eine Beteiligung der S. A. J. an ihnen kommtdaher in keiner Weise in Betracht. Wenn einzelne jüdische Mitglieder von Parteien, die der S. A. J. angeschlossen sind, sich im Interesse der Arbeiterschaft in Palästina an diesen recht komplizierten Institutionen beteiligen, so sind sie dafür der Partei verantwortlich, der sie angehören, die S. A. J. lehnt aber jede wie immer geartete Verantwortung für eine derartige Betätigung einzelner Sozialisten ab. 3. Die Exekutive der S. A. J. vertritt ganz allgemein die Tendenz, der Gründung von Ligen aller Art, die über den Rahmen der S. A. J. hinausgehen, und der Beteiligung an ihnen entgegenzuwirken. Die Exekutive der S. A. J. überläßt die Entscheidung über die Zweckmäßigkeit der Ligen für das arbeitende Palästina ihrer Palästinasektion und nimmt die Mitteilung der Konföderation Poale Zion zur Kenntnis, daß die Mitgliedschaft dieser Ligen auf Juden beschränkt bleiben wird. 4. Die Exekutive der S. A. J., die die Häufung internationaler Kongresse über politische Spezialprobleme für unzweckmäßig hält, nimmt zur Kenntnis, daß der geplante Weltkongreß für das arbeitende Erez Israel keineswegs eine internationale, sondern bloß eine Veranstaltung im nationalen jüdischen Rahmen sein soll, und daß weder die S. A. J. als solche noch eine ihrer Sektionen außer der palästinensischen zu ihm eingeladen werden wird. Die Meinungen der sozialistischen Arbeiterschaft über die Aussichten der Palästinabestrebungen sind geteilt, die Meinungen über den Unsinn, der von kapitalistischen Herrschaftsplänen bei dieser Bewegung spricht, werden gewiß ungeteilt sein. Kleider sofort Zahlungspäter Herren- und Damenkleider nach M»ß nnd fertig nur erstklassige Stoffe; bis 12 Monate Kredit Kleiderhaus Werter, Wien xvi.. enahrioncrifr. 17, Tel. A21-501