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Die Wahrheit · 1930-05-23 · Heft 21 (23.5.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 21 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEH 1 f ir>'- l i.'; i c Verhandlungen auf das scliwerste verletzt, nach der zweiten sehen die Juden ihre Hoffnung auf Palästina schwinden, denn die Palästina-Frage soll ja „gemäß den arabischen Wünschen gelöst" werden. Einer dieser arabischen Wünsche betraf die Einwanderungssperre, die auch prompt unter einer scheinheiligen Ausrede verhängt wurde und in aller Welt einen Entrüstungssturm ausgelöst hat. So sieht hohe englische Politik aus! Nein, das heißt man Doppelzüngigkeit, wie sie von England, seitdem es Palästina zum Zielpunkt seiner Orientwünsche erwählt hat, stets an den Tag gelegt worden ist. Wie oft wurde in diesen Blättern betont, daß gleich die Balfour-Deklaration eine von drei Verheißungen ist, in denen die englische Regierung ungefähr gleichzeitig ihre künftige Palästina-Politik festgelegt hat, und daß diese drei Versprechungen so w i d e rspruchsvoll sind, daß sie sich unmöglich reibungslos miteinander in Einklang bringen lassen. Und wie England am Beginn seiner Palästina-Politik vorgegangen ist, so verfährt es nun, da viele, entsetzt über die Ereignisse im Heiligen Lande, das Ende des Aufbauwerkes gekommen glauben, ein Ende mit Schrecken. Denn, .was nun in Palästina sein wird, weiß kein Mensch und mit Bangen sieht man den nächsten Tagen entgegen. Sie kündigen sich unheilvoll genug an. Die Juden sind aufs äußerste erregt und drohen mit Generalstreik. Aber auch die Araber entwickeln eine Aktivität, wie sie ähnlich vor den schicksalsschweren August-Unruhen zu beobachten war. Man lese nur mit kritischen Augen die beiden folgenden J. T. A.-Meldungen: London. 14. Mai (J. T. A.) Die Erklärung, die die palästinensisch-arabische Delegation, bestehend aus dem Großmufti von Jerusalem flajamin el Hussein!, dem Präsidenten der palästinensisch-arabischen Executive Musa Kazim Pascha el Husseini dem Bürgermeister von Jerusalem Ragheb Bev Nashasbibi, dem Sekretär der palästinensisch-arabischen Executive Jamal el Husseini und Alfred Roch, zur Begründung ihres Entschlusses. London zu verlassen, gegeben hat, besagt: Die englische Regieruns hat unsere gerechten Forderungen zurückgewiesen, sie teilte uns nur mit, daß sie einen Experten nach Palästina entsendet, der die Probleme des Bodens und der Einwanderung von neuem studieren soll, und daß sie in kurzer Zeit gewisse konstitutionelle Aenderungen in der Regierung Palästinas vornehmen wird. Diese Aenderungen entsprachen nicht den Forderungen, die wir unterbreitet haben und die darauf hinausgehen, daß die Einwanderung nach Palästina gestoppt werden soll, daß gesetzliche Bestimmungen getroffen werden, wonach im Hinblick auf den Bodenmangel der in arabischem Besitz befindliche Boden nicht verkauft werden dürfe und daß eine demokratische Regierung in Palästina errichtet werde, an der alle Ein'wohner des Landes im Verhältnis zu ihrer Zahl teilhaben sollen. Nachdem die englische Regierung diese unsere Forderungen zurückgewiesen hat, gerieten die Besprechungen in eine Sackgasse, die Diskussion mußte beendet werden. Wir beschlossen, heimwärts zu reisen. Wir tun dies unter dem Eindruck, daß der palästinensisch-arabische Fall von der britischen Regierung nicht in gerechter Weise gelöst werden wird. Der starke Einfluß, den die Zionisten auf die Regierung ausüben, hindert diese daran, gegenüber den Arabern Gerechtigkeit zu üben oder Ungerechtigkeit nicht geschehen zu lassen. Die Delegation glaubt, daß nun die Araber alle geeigneten Mittel ergreifen werden, um die jetzige Politik zu bekämpfen. Jerusalem. 16. Mai (J. T. A.) ..AI Hayat". das halboffizielle Organ der arabischen Executive, schreibt: Wenn ,wir bis jetzt einzig und allein die Zionisten bekämpfen, so ist es nun Zeit. England als unseren Feind anzusehen. Wi r ersuchen die englische Regierung dringend, unsere Forderungen zu erfüllen. Wir werden mit friedlichen Mitteln (?) kämpfen. Achtung. Araber. Euer Fall kann nur in Palästina gelöst werden! Achtung, Mosiemiten, das Heilige Land ist in Gefahr! Achtung, Christen. England will den Juden das Heilige Land, in dem Christus durch Juden gekreuzigt wurde, schenken! Wir Moslemiten haben alles, was wir vermögen, getan: jetzt müßt Ihr Christen an unseren Anstrengungen teilnehmen! Gewitterzeichen am Horizont, die von den maßgebenden Führern der Zionisten und der Agency beachtet werden müssen, soll nicht wegen ihrer Kurzsichtigkeit das ganze Aufbauwerk scheitern. Noch ist es Zeit zur Besinnung. Die Entrüstung über England hat die Araber vielleicht friedfertiger gemacht, als sie bisher waren. Schließt um Palästina willen Frieden mit den Arabern! O. H. „Studentenrecht." Von Dr. Ernst Feldsberg. Am 8. April 1930 hat der Rektor der Universität Wien, Prof. Dr. Wenzel Gleispach, eine Kundmachung an die Studierenden erlassen, die das Ergebnis einer Rektorenkonferenz vom 1. Februar 1930 war. In dieser Kundmachung ist eine „StudentenOrdnung" der Universität Wien enthalten, die im Punkte 1 folgende Bestimmung enthält: „Die ordentlichen Hörer der Universität Wien, die gleicher Abstammung und Muttersprache sind, werden als eine Studentennation angesehen." Dieser eine Satz der „Studentenordnung" sollte genügen, um alle Juden dieses Staates zu einigen, diesen Angriff gegen die österreichische Judenschaft abzuwehren. Herr Dr. Wenzel Gleispach versucht, durch diese Bestimmung Zustände an der Universität herzustellen, die ins Mittelalter gehören und bereits längst durch die moderne Wissenschaft beseitigt zu sein schienen. Man sollte doch von einem Rechtslehrer der Wiener Universität erwarten, daß ihm die Geschichte Oesterreichs so weit bekannt ist, daß er weiß, daß die alte österreichisch-ungarische Monarchie Angehörige verschiedener Nationen als ihre Staatsbürger anerkannte und daß es nur eine TEPPICHHAUS S AKTIENGESELLSCHAFT I., Baaernmarhl _ Nr. 10-12-14 VII., raanahlllerstraoe (Ecke Zieglergasse) Ä0 IEPPICHE VORHÄNGE MOBE1STOPFE KlMOEEUm DECKEN Größte Auswahl l Billigste preise! Folge der natürlichen Entwicklung war, wenn die Angehörigen der verschiedenen Nationen sich einander in familienrechtlicher Beziehung verbanden. Es ist nur eine selbstverständliche Tatsache, daß sich bei Auflösung des Stammbaumes der größten Anzahl deutscher Studenten und deutscher Hochschulprofessoren bald ergeben würde, daß dieselben der Abstammung nach nicht Angehörige des deutschen Volkes sind. Herr Dr. Gleispach aber denkt nicht daran, durch seine Verordnung jene Christen zu treffen, die der Abstammung nach nicht Deutsche sind, sondern er hat es in seiner bekannten Einstellung zur jüdischen Studentenschaft darauf abgesehen, durch diese Bestimmung vor allem die jüdische Studentenschaft zu treffen. Denn würde er seine .,Studentenordnung" juristisch so auslegen, wie er sonst als Jurist verpflichtet ist, Gesetze auszulegen, dann müßte er sich wohl eingestehen, daß so manche Professoren der Wiener Universität, die durch ihr Wissen und durch ihre Lehre dazu beigetragen haben oder noch beitragen, den Ruhm dieser Universität zu begründen, nicht das Recht hätten — hätte diese „Studentenordnung" zu ihrer Studienzeit gegolten —, sich Angehörige der -„Deutschen Studentenschaft" zu nennen. Das Verhalten des Quästurbeamten bei Einhebung der Mitgliedsbeiträge für die „Deutsche Studentenschaft" ist wohl die beste Auslegung der Ansichten des Rektorates der Wiener Universität, dessen Vollzugsorgan die Quästur ist. Wenn ein jüdischer Student auf seinem Nationale sich als deutscher Oesterreicher bekennt, dann wird von ihm trotzdem der Mitgliedsbeitrag für die „Deutsche Studentenschaft" nicht angenommen, weil Juden nach Ansichtdieser Vereinigung und nach Billigung dieser Ansicht durch das Rektorat nicht deutsche Staatsbürger dieses Landes sein können. Man muß in dieser Frage von jeder jüdischen Politik absehen und diese Frage einzig und allein dahin prüfen, ob nicht durch die „Studentenord- Feuilleton Das Semester beginnt. Bilder von der Frankfurter Jescbiwah. „Daur haulech wedaur bo". Der veraltete Typus des Ghetto ist im Aussterben und ein neues Geschlecht entsteht Kerngesund, klar, gerade und sicher. An Stelle des alten, körperlich und infolgedessen auch geistig ungesunden Typus tritt ein neuer, frischer, gesunder und auch tatenfroher. Junge Menschen mit Selbstbewußtsein, mit geradem Rücken und mit klar und sicher in die Zukunft blickenden Augen. An Stelle des sogenannten „verkneitschten" Bocher-Typus tritt ein moderner. Junge Menschen mit neuer Form und altjüdischem Inhalt. „Tauro im derech erez" nennt man es. Vormittag Jeschiwoh, Nachmittag Universität. Vormittag Rebbe, Nachmittag Professor. Vormittag „Schor schenogach es haporo", 'Nachmittag „corpus juris". Vormittag „flu trefaus", Nächmittag „Anatomie". Unten, auf dem sonnenbestrahlten Hof der Jeschiwah, spazieren Bachurim verschiedenen Alters herum. Osten und Westen. Zwei verschiedene Welten mit verschiedenen Gestalten. Verschiedene Formen ein und desselben Inhalts. A11jüdischer Inhalt mit neuen Formen. Alte Gemoraus in modernen Aktentaschen, Studentenmützen und Käppchen. Man gibt einander „Scholaum alechem" und man erwidert mit östlichem Akzent „Alajchem schulajm". Denn auch der Osten ist vertreten. Schüchterne ungarische Bachurim mit noch zur Erde gebeugtem Haupt Flinke Galizianer mit unrasierten Gesichtern. Starrköpfige Litauer. Moderne Berliner, glattrasierte Universitätshörer mit Fahrrädern und Aktentaschen. Eine bunte, internationale Gesellschaft mit ein und derselben Grundlage; sie alle repräsentieren den modernen Bochertypus, den Bocher des zwanzigsten Jahrhunderts. Man interessiert sich für Fußballspiel und Pferderennen, für Zionismus und die hebräische Sprache. Man unterhält sich über Kunst und litauisches Derechhalimud. Man raucht und gestikuliert. Man diskutiert und tauscht Gedanken aus über Tagesfragen. Man spricht über Euklid und den Wilnaer Gaan, über Kopernikus und Koheleth. Man zitiert Goethe und Tnach. Und alles in einem Atem ohne Plan und System, aber geistreich und scharfsinnig. Mit demselben Scharfsinn, mit welchem am Vormittag der „Meherschoh" beantwortet wurde, löst man am Nachmittag mathematische Schwierigkeiten. Man hat die alte Form von sich weggeworfen und eine neue angenommen. Es heißt nicht mehr Sman, sondern Semester. Man sagt nicht mehr Bucher, sondern Bochur. Man wird gerader, korrekter, genauer und präziser. Plötzlich wird die Unterhaltung durch das dem östlichen Bocher fremdklingende Schellen des Sekretärs unterbrochen. Der Rabbiner ist in Begleitung der Kuratoriumsmitglieder angelangt, um das Semester feierlich zu eröffnen. Der Hof wird leer. Alles läuft in den Eröffnungssaal, um die Psiecho des Rabbiners zu hören. Der Saal ist überfüllt, die Stimmung feierlich! Der Rabbiner richtet an die Bachurim strenge Worte, rigorose Mahnungen, ernste Forderungen, in Blumensprache gekleidet. Genaues Einhalten der Vorschriften. Pünktlicher Synagogenbesucli. Körperliche Ertüchtigung? Nicht nur, daß man turnen darf, sondern man muß auch turnen. „Uschmartem es nof schausechem." „Dor holech wedor boh." Ein altes Geschlecht ist im Absterben, ein neues entsteht Der Sman ist vorbei,, das Semester beginnt. Henrik Lissauer. III1

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