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Die Wahrheit · 1930-05-23 · Heft 21 (23.5.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 21 (23.5.1930)
Date
1930-05-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien «IMIMIHIHIII^ Die tDahrhei __Redaktion und Administration; Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 23. Mai 1930 Nummer 21 Brandherd Die Nachrichten aus Palästina überstürzen sich wieder einmal. Die Situation ist total verworren, nur so viel steht fest, sie ist für die Juden keineswegs günstig. Zum besseren Verständnis dessen, was nun in Palästina vorgeht und schon auf Grund der sensationellen Meldungen der Tagesblätter die Judenschaft in größte Aufregung versetzt hat, ist ein Rückblick auf die wichtigsten politischen Ereignisse seit den furchtbaren Unruhen im August des Vorjahres notwendig. Nach diesem blutigen Aufstand der Araber ist bekanntlich von der englischen Regierung eine Kommission unter Vorsitz von Sir Walter Shaw nach Palästina entsandt worden, die die Aufgabe hatte, „die Ursachen, die unmittelbar zu dem Aufruhr in Palästina den Anstoß gaben, zu untersuchen und Vorschläge zu machen, welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, um eine Wiederholung ähnlicher Unruhen zu vermeiden." Eine der wesentlichsten Feststellungen dieser Kommission, die ihren merkwürdig lange verzögerten Bericht erst anfangs April d. J. vorlegte, war die bezüglich der jüdischen Einwanderung nach Palästina. Diesbezüglich besagte der Bericht der Untersuchungskommission: „Jüdische Unternehmung und jüdische Einwanderung haben, wo sie nicht die Absorptionsfähigkeit des Landes überschritten haben. Palästina wesentlichen Nutzen gebracht, von dem das arabische Volk profitierte. Wir erachten jedoch, daß die Ansprüche und Forderungen, die von zionistischer Seite hinsichtlich der Zukunft der jüdischen Einwanderung nach Palästina vorgebracht worden sind, von einer Art gewesen sind, daß sie unter den Arabern die Befürchtung geweckt haben, daß sie schließlich ihres Lebensunterhaltes beraubt und unter die politische Herrschaft der Juden kommen werden. Wir erachten ferner, daß Sir John Campbell im Recht war, als er darlegte. daßdieKrisisvon 1927 und 1928 auf die Tatsache zurückzuführen sei, daß mehr Einwanderer nach Palästina gekommen sind, als sie das Land wirtschaftlich absorbieren konnte. Es liegt unanfechtbares Beweismaterial dafür vor. daß inderAngelegenheit der Einwanderung ein stärkeres Abweichen seitens der jüdischen Aemtervonder 1922 durchdieZionistische Organisation angenommenen Doktrine. laut der die Einwanderung sich nach der wirtschaftlichen Kapazität Palästinas, neue Ankömmlinge zu absorbieren, reguliert werden solle, stattgefunden hat. Neben anderen und unmittelbareren Ursachen der Unruhen war das durch die jüdische Einwanderung bei den Arabern verursachte Furchtgefühl ein Faktor, der zu dem Ausbruch der Unruhen beigetragen hat." Eine der wichtigsten Empfehlungen der Kommission lautete demgemäß: „Jede Ungewißheit über die Linie der Politik in der vitalen Angelegenheit der Einwanderung muß sich in der Haltung und Stimmung der arabischen Bevölkerung und jener, die jüdische Interessen vertreten, widerspiegeln. Wir empfehlen deshalb, daß die Regierung Sr. Majestät bald eine klare und entschiedene Deklaration der Politik erlassen soll, die hinsichtlich der Regulierung und der Kontrolle weiterer Palästina. jüdischer Einwanderung nach Palästina befolgt werden soll, und daß sie bei der Abfassung dieser Deklaration unsere Konklusionen über das Thema der Einwanderung berücksichtigt. Die administrative Maschinerie iür die Regulierung der Immigration sollte das Ziel haben, eine Wiederholung der übermäßigen Einwanderung von 1925 und 1926 zu verhüten..." Bei diesen Forderungen stützt sich die Kommission u. a. auch auf die Sachverständigen, die seinerzeit gemäß dem Abkommen Weizmann-Marshall nach Palästina entsandt wurden. Wiederholt wird daraus Sir John Campbeils Zeugnis herangezogen, dessen Befähigung, Kenntnisse und Erfahrungen — er war unter anderem Kommissar des Völkerbundes für die griechischen Flüchtlinge — außer Zweifel stehen. Er bestätigt die Richtigkeit der Meinung der Shaw-Kommission. Die Gutachten von M e a d, Campbell, Adams, Russell u. a. dienten der jüdischen „Gemeinsamen Palästina- Kommission" dazu, jenen Bericht über den Aufbau Palästinas herzustellen, der seinerzeit als ökonomische Grundlage für die Bildung der Jewish Agency verwendet wurde. Auch hier heißt es (S. 139): „EssoIIteeinegründlichereAuswahl der einzelnen Immigranten, als dies bisher der Fall war, getroffen werden und dies mehr inUebereinstimmung mit den Bedürfnissen des Landes." Diese Worte sind wohl mit Rücksicht auf die Arbeiterschaft Palästinas vorsichtiger, ja undeutlicher gefaßt als die Vorschläge der Shaw- Kommission oder die Aeußerungen Campbeils. Aber besagen sie im Grunde nicht dasselbe? Als die Shaw-Kommission ihren für den Wiederaufbau Palästinas sehr ungünstigen Bericht vorlegte, der denn auch von den Zionisten mit wahrer Bestürzung aufgenommen wurde, tagten in London zwei verschiedene Körperschaften. Die eine, das Administrative Committee der Jewish Agency, hatte gerade ihre bezüglich der Einwanderung recht aussichtsreichen Beratungen zu Ende geführt; 1000 jüdische Familien sollten nach dem auf dieser Tagung angenommenen Kolonisationsplan in Palästina mit einem Kostenaufwand von 350.000 Pfund landwirtschaftlich angesiedelt werden. Das Administrative Committee der Jewish Agency hatte also keine Gelegenheit mehr, zu den seine kühnen Hoffnungen begrabenden Feststellungen der Shaw-Kommission Stellung zu nehmen, es ist aber klar, daß sie der Agency äußerst peinlich waren. Viel freudiger nahmen den Bericht der Untersuchungskommission die zu gleicher Zeit in London weilenden Führer der palästinensischarabischen Delegation auf. Für sie war der Bericht bis auf die Feststellungen der Blutschuld der Araber in allen anderen Teilen höchst akzeptabel und sie begannen und führten denn auch ihre von maßgebenden englischen Parlamentariern unterstützten Unterhandlungen mit der britischen Regierung sehr hoffnungsvoll. Leider fanden zwischen der arabischen Delegation und der zionistischen Weltorganisation, bezw. der Jewish Agency keine Verhandlungen statt, vor allem deshalb, weil sich W e i z m a n n auf den höchst intransingenten Standpunkt stellte, daß, so lange die Araber die von ihnen seit jeher mit aller Entschiedenheit bekämpfte Balfour-Deklaration nicht akzeptieren, ein Verhandeln mit ihnen unmöglich sei. Wir haben schon vor längerer Zeit auf die Untunlichkeit eines solchen Standpunktes hingewiesen, der für das ganze Aufbauwerk, das nur im Einverständnis mit den Arabern durchführbar ist, von allergrößter Gefahr sein kann. Die Zionistenführer glaubten den Arabern die kalte Schulter zeigen zu können, weil Premierminister Mac Donald gleich nach Erscheinen des katastrophalen Shaw-Berichtes im Parlament verkündet hat, die Regierung werde die Verwaltung von Palästina gemäß den Bestimmungen des Mandats fortführen. Die Zionisten trauten, obwohl oft gewarnt, diesen neuen Versprechungen und haben damit neuerlich jene Kurzsichtigkeit bewiesen, die sie nun schon vielfach gezeigt haben. Denn wie sich England aus der für seine Position im Orient — man beachte nur die Vorgänge in Indien! — äußerst unangenehmen Situation herausdrehte — es gibt kein anderes Wort dafür —, das war wieder einmal eine Höchstleistung echt englischer Politik. Zwei der vielen Meldungen der letzten Tage zeigen diese Regierungskünste in ihrer ganzen Kraßheit. Sie seien hier zunächst nacheinander wiedergegeben: London. 15. Mai (J. T. A.) Das britische Kolonialamt hat Uber die Beendigung der Unterhaltungen mit der arabischen Delegation Palästinas ein offizielles Communique veröffentlicht, in welchem es heißt: Die in London zwischen Mitgliedern der Regierung und der palästinensischarabischen Delegation stattgefundenen Unterhaltungen sind beendet Die Delegation hat ihre Ansichten über eine Reihe von Themen, besonders über Boden. Einwanderung und Gewährung einer Verfassung, zum Ausdruck gebracht Die Regierung hat von diesen Ansichten Kenntnis genommen. Der Delegation gegenüber wurde betont daß die von ihr geforderten durchgreifenden konstitutionellen Aenderungen völlig unannehmbar seien, da sie es der Regierung unmöglich machen würden, ihren mit dem Mandat übernommenen Verpflichtungen nachzukommen. Eswurde in klarer Weise dargetan. daß Vorschläge, die mit den Bestimmungen des Mandats unvereinbar sind, in keiner Weise in Erwägung gezogen werden können. Jerusalem. 16. Mai (J. T. A.) Die arabische Zeitung „AI Hayat" teilt mit: Der Vizepräsident der arabischen Executive besuchte den Oberkommissär Sir John Chancellor und gab der Entrüstung der Araber über den Abbruch der Verhandlungen in London Ausdruck. Sir John Chancellor sagte im Verlauf der Unterredung. diebritiscbeRegierung sei bestrebt, die Palästina-Frage gemäß den arabischen Wünschen zu lösen. Der Oberkommissar sagte auch noch, er habe vom Kolonialamt in London Instruktionen erhalten, die Einwanderung einzustellen, bis die von Sir John Hone Simosonin Angriff genommene Untersuchung der Fragen des Bodens und der Einwanderung durchgeführt sein wird. Zwei Meldungen, von denen die eine der anderen ins Gesicht schlägt. Nach der ersten Nachricht wurden die Araber durch den Abbruch, der

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