Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 20 (16.5.1930)
- Date
- 1930-05-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064165--17903-3082877- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«• DIE WAHRHEIT Seite 5 Als Nachfolger des großen, über konfessionelle Vorurteile erhabenen Menschenfreundes Pirquet wurde ein Mann berufen, den der Verblichene nicht vorgeschlagen hat. Daß die Weltanschauung dieses Nachfolgers bei dessen Ernennung kein Hindernis bildete, sollte die pietätvollen Verehrer Pirquets eigentlich nicht überraschen. Sie bildete ja eine Empfehlung. * 3: * Der Anwallt des arg bedrängten ^Wunderdoktors* Zeileis spielte sonderbarer Weise als letztes Argument gegen Professor Lazarus das — geographische Moment aus: er stamme aus — Czernowitz. Professor Lazarus hat als Gelehrter einen Namen in der Welt und man hätte wirklich meinen dürfen, daß er das Recht gehabt hätte, ungestraft das Licht der Welt sogar in — Tarnopol zu erblicken. * -i' 3: Die Affäre D r e y f u s erfährt noch in unseren Tagen in zahllosen Publikationen die seltsamsten Kommentare. So wird vielleicht auch später einmal in nicht juristischen Kreisen die Idee ihre Vertretung finden, daß Philipp Halsmann eigentlich niemals als — Vatermörder verurteilt wurde, denn für ein solches Verbrechen genüge nicht die Strafe von 4 Jahren Kerker. Man wird also dann nur die Frage diskutieren, wofür Halsmann diese Strafe zu erleiden hatte. * * * Ein Dialog: — Seltsam, daß diese jungen Leute das Hakenkreuz, das Zeichen konfessionellen Hasses, auch an den Rock heften . . . Ja, die Zeiten ändern sich. Im Mittelalter diente der — gelbe Fleck diesem Zwecke. * . * Die Straßenexzesse in Rumänien dauern noch fort. Die antisemitischen Studenten haben nämlich ein ausgezeichnetes Mittel gefunden, die ihnen momentan gerade unbequeme Beschuldigung antisemitischer Roheit zu widerlegen: sie mißhandeln jetzt die Passanten ohne Unterschied der Konfession. * * V Prinz Windi^chgrätz ierklärte neulich einem Interviewer, er wolle demnächst eine Kandidatur für das Parlament annehmen und daselbst folgendes Programm verfechten: „Aus sich heraus muß ein Staat wirtschaftlich gesunden und nicht durch andere Hilfe, die auf die Dauer verderblich ist." Man darf es dem Prinzen glauben, daß er jetzt für diese Ueberzeugung einstehen wird. Für •die gegenteilige ist er schon — gesessen. Ego. Veröffentfidjungen der Tinion öeutsd)österreid)isd}en Juden Bezirksorganisation Leopoldstadt. Donnerstag, den 8. d. M. fand im Wiener Theater-Cafe unter Vorsitz des Obmannstellvertreters der Bezirkskommission Leopoldstadt, Herrn Gustav Planer, eine Besprechung der Bezirksvertrauensmänner der „Union" statt. Präsident Dr. Jakob Omstein referierte in eingehender interessanter Rede über die Wichtigkeit der Bezirksorganisationen der „Union", bzw. der Bezirkskommissionen der Kultusgemeinde, die nun durch die Schaffung der F ü rsorgezentrale eine Erweiterung ihres Tätigkeitsgebietes dadurch erfahren haben, daß in den neugeschaffenen Bezirksfürsorgestellen, •deren Statut verlesen wurde, die Möglichkeit der Mitarbeit weitester Kreise an einem ungemein schönen und edlen Werke gegeben ist. Der Referent forderte in eindringlichen Worten zu dieser Zu Kaufen gesndif ♦ Tempel-Einrichtung SdiulbSnlfe etc. für Wien. Zuschriften unter „Hr. 5690" an die Administration dieses Blattes erbeten. Mitarbeit auf, ebenso appellierte er aber auch an alle Anwesenden, sich in der Bezirksorganisation- Leopoldstadt der „Union" zu tatkräftiger Arbeit zusammenzufinden. Dr. Omstein besprach dann noch in großen Umrissen das neue „Studentenrecht" an der Wiener Universität, das ein Attentat auf das österreichische Judentum darstellt, das die volle Gleichberechtigung wie alle anderen Bürger dieses Staates besitzt, dem aber durch die „Studentenordnung" wieder der gelbe Fleck aufgedrückt werden soll. Die Herren Doktor Ernst Feldsberg und Dr. Karl Steiner befürworteten die Einberufung einer Versammlung aller Funktionäre der „Union" sowohl des Kultusvorstandes wie der Bezirkskommissionen. Es sprachen noch die Herren Adler, Chefredakteur Ludwig Hirschfeld, Dr. S. Spitz er, Stern und Samuel Wechsler. Präsident Dr. Jakob Ornstein machte schließlich die erfreuliche Mitteilung von der beabsichtigten Schaffung einer Zweiganstalt des Versorgungshauses in der Herklotzgasse, wo 50 bis 60 Pfleglingen, die in dem räumlich beschränkten Versorgungshaus nicht mehr unterkommen können, ein behagliches Dasein Resultat abschließt. Wahrheiten vom Tage Das „Studentenrecht" der Wiener Universität. Ist Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, so ist Oesterreich ein Land der grenzenlosen Unmöglichkeiten. Zu diesen gehört das vom hohen Senate der Wiener Universität erlassene Studentenrecht, das fälschlich als „deutsches" Studentenrecht ausgegeben wird. Man bedenke: Wien ist die Bundeshauptstadt der Republik Oesterreich, die Wiener Universität eine österreichische Universität. Welches andere als das österreichische „Studentenrecht" gehört an diese Universität? Gerade zur selben Zeit hat übrigens der Bundeskanzler bei seinem Besuche in Paris verkündet: Deutschland und Oesterreich sind ein Volk, aber zwei Staaten. Wie ist es nun mit dieser These und der Verfassung vereinbar, wenn die österreichische Universität sich es herausnimmt, ein hiervon abweichendes Recht zu scharfen, nur um Studenten, obschon sie sich nach Geburt und Staatszugehörigkeit sowie nach Sprache als Oesterreicher und damit als Deutsche bekennen, wenn ihre Nase nicht gefällt, davon auszunehmen und dem Rechte eine Nase zu drehen. Anschluß und Rechtsangleichung werden angestrebt; ausgerechnet die Universität kann es nicht erwarten und ist im Wege eines Sonderrechtes der Entwicklung vorausgeeilt, hat aber offensichtlich die Rechtsangleichung mißverstanden, da sie gleiches Recht nicht einmal für die eigenen Bundesbürger und Volksgenossen gelten lassen will. Dr. Heinrich Schreiber. ■ Union dealsdiösferreUblsdier Juden ■ ■ Wien IX., Berggasse 4_Telephon A 19-2-77 ■ ■ " ■ i Einladung ■ ■ zu der am ■ 5 Donnerstag« den aa. Mal,'/,8 Uhr abends, ■ ■ im Festsaale des magistratischen Bezirks- ■ ■ amtes für den I. Bezirfc (Altes Rathaus), g ■ I., WipplingerstraBe 8 ■ ■ stattfindenden ■ [ VERSAMMLUNG | S- Tagesordnung: 5 ■ Die Gefahren der neuen ■ ■ „Studentenordnung" an - S der Wiener Universität; ■ Referenten: J ■ Or. Oskar Hein ■ ■ Reg.-Rat Dr. Max Lenk ■ Gäste willkommen' £ F. d. Union deutschösterreiebiseber Juden ■ der Präsident: Dr. Jakob Ornstein GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL WIEN IX* UROOASSR NR» 1» ■liUUJIi XVIII., WÄMWNOUISTRJISSS 9T Tdtpboa Nt. A 17-3-99 an < A 1S-9-34 Llafarant Mr Heilanstalt** AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsieht de» ehrar. Raebinates der law. KaHuflemelnde Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Man muß sich wirklich fragen, ob es sich noch der Mühe lohnt, gegen die Hakenkreuzherrschaft an der Wiener Universität weiter Stellung zu nehmen. Der Refrain des schönen Studentenliedes aus dem Freiheitsjahre 1848: ,.D i e Universität marschiert" hat auch heute noch seine Berechtigung. Allerdings eine traurige. Denn „die Universität marschiert" auf einer abschüssigen Bahn entgegen dem lockenden Ziele aller antisemitischen Studenten und ihnen so sehr gewogenen Professorert: dem Universitätsghetto. Und diese Herrschaften begnügen sich nicht mehr mit der ihnen durch die neue „Studentenordnung" recht leicht gemachten Erringung dieses Zieles, sie wollen weiter hinaus, sie bedrohen nun auch das Staatsganze. Da hat der hochgeborene Herr Rektor Graf Wenzel Gleispach, der jede bessere Heimwehrparadle mit seiner sicher gern gesehenen Anwesenheit auszeichnet, bei einer anderen Radauveranstaltung, einer Festsitzung der von ihm und seinen Gesinnungskollegen so ausnehmend bevorzugten „Deutschen" Studentenschaft" Weisheiten von sich gegeben, die dem hohen Grade der Wissenschaft, den sie bei der Erlassung des „Studentenrechtes" bewiesen, durchaus entsprechen. Er sprach die wohl trügerische Hoffnung aus, „daß dieses Studentenrechteineüber den Rahmen der Wiener Universität h i n a u s g r e i f e n d e Bedeutung erlangen und daß nach seinem Beispiel nach und nach auch die Gesetzgebung des Staates von dem heute geltenden Staatsbürgerprinzip infolge r i c h t i g e r (?) En twicklung zum Volksbürgerprinzipe übergehen wird." Da es bis dahin noch gute Weile haben dürfte, ist es müßig, sich mit dieser erleuchteten Weisheit, durch die die Trniks und Konnationalen „Volksbürger ersten Grades" werden sollen, schon jetzt näher zu befassen. Aber recht bezeichnend sind diese Zukunftspläne unserer Universitätsantisemiten. Sie verraten in ihrer Naivität mehr, als selbst ihre schlechte Sache verträgt. Die österreichische Judenschaft aber müßte diese für ihre Stellung im Staate sehr bedrohliche Entwicklung mit ganz aufmerksamen Augen verfolgen und ihr schon in ihrem Ausgangspunkte mit einem energischen Proteste begegnen. Denn wohin kommen wir, wenn der Geist, richtiger Ungeist des Herrn Gleispach sich auch im Staate durchsetzt! O. H. Bekenntnis einer blau-weißen Seele. „Noch nie war der Zustand der (zionistischen) Organisation ein so desolater, wie jetzt, wie unter dieser Führung. Die meisten Bezirksgruppen und Verbände bestehen nur auf dem Papier. .Generalversammlungen', bei wel- ■ ■ Heirenü DämeoMeitf&rl nur Ia Qualitäten, nach Maß und fertig I lagernd, eventuelle Zahlungserleicbte-1 rangen bis zu I jähr werden gewährt. [ r IEIDER-UN101 £Wtt;NvlKäsernen3.6 Tel.B20215