Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 20 (16.5.1930)
- Date
- 1930-05-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 ess=ss DIE WAHRHEIT <üesc Klagen werden aber von der Regierung als ungerechtfertigt bezeichnet Die von Professor C u z a geleiteten antisemitischen Organisationen waren namentlich in den ländlichen Distrikten intensiv tätig; die Bauern wurden gegen die Juden aufgewiegelt, man gab ihnen Versprechungen, daß ein Wahlsieg der Cuzisten bei den Wahlen in das Parlament und die Gemeinden eine Vertreibung der Juden aus dem Lande, Beschlagnahme des jüdischen Eigentums und dessen Verteilung unter das Volk zur unmittelbaren Folge halben werde. Die Ergebnisse der Munizipalwahlen Anfang März haben bewiesen, daß diese Kampagne der Cuzisten erfolglos war. Während die Juden in Altramänien, Bessarabien und Tnanssylvanien eine große Stimmenzahl auf ihre Kandidaten vereinigen konnten und rand 70 Sitze errangen, wurde Icein einziger antisemitischer Kandidat gewählt. (Inzwischen wurde Cuza selbst gewählt. Siehe „Wahrheiten vom Tage". D. Red.) Anderseits trifft die Regierung noch immer keine Anstalten, um die legitimen Forderungen der Minderheiten auf dem Gebiete konstruktiver Gesetzgebung zu befriedigen. Sogar das vor langer Zeit versprochene Nationalitätengesetz hat noch nicht das Licht der Welt erblickt Die Lage der Juden im Yeracm und1 der Yemen- Flüchtlinge in Aden und in anderen Gebieten am Roten Meer ist weiterhin eine Quelle der Besorgnis für das Commiittee. Die jüngst eingetroffenen Berichte aus dem Yemen zeigen, daß im Zusammenhang mit den Atigustunruhen in Paläst inadieNotderJu den imYemeneine Verschärfung erfahren hat Die moslemitisehen Fanatiker sind aggressiver geworden, im ganzen Lande reisen Agitatoren herum, die das Volk zur Ausrottung der Juden auffordern. In den Häfen des Roten Meeres zählt man etwa 300 jüdische FlüchÜingsfamiiien und etwa 250 jüdische Waisenkinder aus dem Yemen. 80 Waisenkinder sind in Aden. Alle diese Flüchtlinge leben in bitterstem Elend. Etwa 50 dieser Familien sind' kürzlich nach Palästina gebracht worden: es ist schwer, weitere Einreisezertifikate für diese Flüchtlinge zu erhalten. Die Reisespesen betragen 8 Pfund pro Kopf, die Palästinabehörden fordern als Garantie für die Erhaltung der Waisenkinder einen Betrag von 200 Pfund für jedes Kind. Bezüglich der Hilfe an die notleidenden Yemen-Juden steht das Joint Foreign Committee in Verbindung mit der zioniistischen Organisaton und dem American Jewish Committee. Lord Rothschild erstattete den Bericht des Schächtschu tzikomitees und führte aus, daß in jedem Lande der Welt von (gewissen Kreisen die Methode der jüdischen rituellen Schäehtung vom Standpunkte des Tierschutzes stark angegriffen wird; obwohl die gegen das Schächten angeilühr/ten Gründe durchaus widerlegt werden konnten. Die gesamte jüdische Bevölkerung sollte sich zusammentun, um für die Aufrechterhaltung der Schechi'ta einzutret e n. Alle Gemeinden sollten sich über die Einführung der W einher «'sehen SchächtzeOle einigen; es wäiirde nicht tgut sein, wenn London die Maschine einführt, andere Gemeinden aber dies nicht tun. Zeitlyn teilte mit, daß er mit mehreren Schächtausschüssen in der Provinz die Einführung den Weinberg-Maschine erörtert nabe. Ing. Weinberg hat neue Vorschläge über die Einführung und den Gebrauch seiner Maschine gemacht" In der Sitzung wurde ferner mitgeteilt, daß vom südafrikanischen Jewish Board of Dep u t i e s ein Brief an das Schächtschutzkomitee des englisch-jüdischen Board of Deputies eingelangt sei, in welchem mitgeteilt wird, daß dem Parlament der südafrikanischen Union eine Tierschlacht-Bill vorliegt, die eine humaneTötungsart vorschreibt,aber eine Klausel enthält, der gemäß f ü.n die jüdische Gemeinde eine Ausnahme bezüglich des rituellen Schächtens gemacht werden solle. Ungeachtet dieser Klausel aber traten Mitglieder des Parlaments anläßlich der zweiten Lesung der Bill dagegen auf, daß die jüdische Gemeinde von der Befolgung gewisser Verfügungen des neuen Gesetzes befneit werde. Im Hinblick auf diese Opposition gegen die Klausel ist der Verband der südafrikanischen jüdischen Gemeinden bestrebt, die maßgebenden Kreise über das Schächten zu informieren, und er ersucht das Londoner Schachtschutzkomitee, ihm Informationen über die Weinberg-Maschine und Literatur über das Schächten zur Verfügung zu stellen. Dieser Wunsch der südafrikanischen jüdischen Gemeinschaft wurde erfüllt Der Zwang Nationaljade zu sein. In der Berliner „C. V. - Z e i t u n g" finden wir folgende Stellungnahme zu den Ansichten der Jüdischnationalen über die „Siudentenordnung" an der Wiener Universität: Die „Jüdische Rundschau" veröffentlicht unter der Ueberschrift: „Der Zwang, J u d e. z u sein" eine mit „m. w." gezeichnete Glosse, der wir folgendes entnehmen. „...Wir stehen auf dem Standpunkte, daß die Juden ein Volkstum bilden und daß die jüdischen Studenten, wenn schon einmal Studentennationen an einer Universität stipuliert sind, zur jüdischen Nation gehören. Trotzdem liegt in dem Zwang, der in Wien gegen assimilierte Studenten ausgeübt wird, eine Gewissensvergewaltigung. Diese Sachlage ist bedauerlich, die Entwicklung war jedoch unaufhaltsam und vorauszusehen. Die Situation der assimilierten jüdischen Studenten ist in der Tat prekär, aber es ist nicht unsere Aufgabe, uns aktiv dieser problematischen jüdischen Studentenexistenzen anzunehmen. Zur Liebe kann man niemand zwingen, und es wäre gleichfalls eine Vergewaltigung der deutschen Studenten, wollte man ihnen durch Gesetz auftragen, ihnen nicht genehme Kommilitonen in ihren Verband aufzunehmen. Die jüdische Studentennation an der Wiener Universität ist jederzeit bereit, den deutsch-jüdischen Studentenassimilanteii durch Aufnahme das Vertragsrecht zu sichern. Mehr können die Jüdisch-Nationalen nicht tun... Die Nichtanerkennung des deutschen Volkstums jüdischer Assimilanten durch deutsche Studenten ist eine Sache, die die jüdischen Assimilanten selbst auszutragen haben. In diesem Punkt sind wir desinteressiert" Es unterliegt keinem Zweifel, daß die neue Wiener Studentenverfassung den Anfang einer Entwicklung darstellt, die, wie Rektor Gleispach übrigens will, auf andere Lebensgebiete übertragen, die Situation des deutschen Judentums grundlegend verändert. Man mag vom jüdisch-nationalen Standpunkt die Spaltung der deutschen Bevölkerung in eine deutsche und eine jüdische Nationalität als organisch und notwendig begrüßen. Wogegen wir'uns aber entschieden wehren müssen, das ist die Betrachtungsweise, die aus der Notiz spricht Man braucht keine „problematische jüdische Existenz" zu sein, wenn man seine jüdische Entscheidung nicht im Sinne des Nationaljudentums fällt. Der Zionismus, dessen Anhänger die jüdische Situation zu überschauen behaupten, sollte wissen, daß unsere jüdische Geschichte stets voller Spannungen zwischen einzelnen Richtungen innerhalb des Judentums war, und er sollte die Problematik der jüdischen Gegenwart nicht dadurch herabziehen, daß er sich als das Judentum der Gegenwart hinstellt, indem er alle sonstigen jüdischen Richtungen einfach nicht mehr zum Judentum rechnet und mit dem Schlagwort „Assimila#tentum" abtut. Eine derartige objektiv ungerechtfertigte Anmaßung kann nur einer groben Unkenntnis oder einer unverantwortlichen politischen Demagogie entspringen. Auch wir verurteilen eine jüdische „Assimilation", d. h. ein Hineinmischen in Angelegenheiten, die die Juden nichts angehen, und ein Verleugnen der jüdischen Abstammung und der jüdischen Eigen Wertigkeit. Aber wir verurteilen es mit der gleichen Entschiedenheit, wenn Unterschiede dort konstruiert werden, wo Der Vorstand des Prater Belhausvereir.es „Tefilath Jeschurun" gibt schtnerzerfüllt seiner Trauer Ausdrude über das Ableben seines hochverdienten Bethausvorstehers, Gründers und Ehrenmitgliedes, Herrn David Waldmann weldier am 10. Mai d. ]. im 70. Jahre seines arbeitsreichen Lebens verschieden ist. Das vorbildliche Wirken des Verewigten, der in restloser Arbeit und unermüdlicher Pflichttreue um das Aufblühen uuseres Bethausvereines bemüht war und in aufopferungs- und hingebungsvoller Tätigkeit durch zwei Jahrzehnte seine unschätzbaren Dienste demselben gewidmet hat, kann nicht genügend gewürdigt werden. Wir beklagen seinen Heimgang auf das tiefste und werden ihm für alle Zeiten ein hochehrendes Andenken bewahren. UFA-TON-KINO^ Wien II., TaborslraBe 8 Telephon R 42-3-41 3. Woche Der erste 100 prozentige deutsche Hrlmlnal-Sprediiilm aus der Unterwelt Berlins DER flOER Regie: JOHANNES MEYER Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn, und Feiertagen ab 4 Uhr sie gar nicht vorhanden sind. Die Annahme einer jüdischen Nationalität in den westeuropäischen Ländern ist etwas Absurdes, wie wiederholt nachgewiesen wurde. Schaffen wir dem deutschen Judentum den Lebensraum, den es zu seiner Existenz braucht, aber gefährden wir seine Existenz nicht, indem wir durch politische Isolierung das Wunschbild der Antisemiten verwirklichen. Es ist ein typisches Zeichen der Assimilation an völkische Gedankengänge, wenn man einen eventuellen Aufnahmezwang von Deutschen, die ihres Judentums wegen „nicht genehm" sind, in die deutsche Studentenschaft als „Vergewaltigung" betrachtet. Erfreulicherweise wird der bedenkliche Standpunkt der „Jüdischen Rundschau" nicht von der gesamten zionistischen Presse geteilt Im Gegensatz zu ihr sprechen die Prager „Selbstwehr" und die Breslauer „Jüdische Zeitung für. Ostdeutschland" in sehr deutlichen Worten ihre Entrüstung über die Konsequenzen aus, die in Wien aus der äußerlichen Anerkennung jüdischnationaler Grundsätze gezogen worden sind. „. . . was uns Zionisten formal-rechtlich sogar erwünscht sein könnte, wird inhaltlich ein reaktionäres Machtwerkzeug." Die Frage, ob diese Konsequenz eintreten mußte, die die „Jüdische Rundschau" ja mit anerkennenswerter Offenheit bejaht, wird von den genannten Zeitungen verneint. Aber auch der dicke Trennungsstrich, den die „Selbstwehr" zwischen ihrer jüdisch-nationalen Auffassung und dieser pseudonationalen Geste der Studentenschaft zieht, kann leider die Einsicht nicht auslöschen, daß ein kausaler Zusammenhang zwischen beiden besteht. Für jeden deutschen Juden besteht der innere und äußere Zwang, sich zu seinem Judentum zu bekennen. Aber ein Bekenntnis zum Judentum bedeutet kein Bekenntnis zum Nationaljudentum. Qlossen. Wien, 12. Mai 1930. Der Vorstand. In der letzten Vollversammlung der „Deutjghen Studentenschaft" bemerkte der Herr Rektor Gleispach u. a., daß die „deutschen" Studenten auch das Studieren nicht vernachlässigen dürfen, „im Gegenteil, im erhöhten Maße in den Wettbewerb mit den Studenten anderer Volkszugehörigkeit treten sollen." Man kann sich denken, wie überraschend diese Aeußerung auf jene hakenkreuzlerischen Kreise wirken mußte, die bisher das „Studieren" als das nebensächlichste Moment im siegreichen Kampfe gegen die — jüdische „Konkurrenz" erachteten. ❖ * 7f. Die „völkische Jugend" hat dieser Tage in einer feierlichen Enunziation den Herrn Rektor Gleispach zum „großen Mann" ernannt. Er sei es, „der zum ersten Male die Rassenfrage in ihrer vollen Tragweite aufgerollt hat." Man darf den kleinen Männern der „völkischen Jugend" das Zeugnis nicht versagen, daß die Pläne, die der Herr Rektor für die Universität und den ganzen Staat schmiedet, mit Recht ausschließlich auf die Rassenfrage zurückzuführen sind. Rätselhaft aber bleibt, warum die „völkische Jugend" den Herrn Rektor wegen dieses Verdienstes gleich in die Reihen der „großen Männer" rückt. Es hätte wirklich genügt, ihn zum „großen Antisemiten" zu stempeln.