Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 20 (16.5.1930)
- Date
- 1930-05-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite h Antisemitismus in westlicher Mentalität Von Paul Doenen (Paris). Man sagt, im Westen gibt es keinen Antisemitismus, und das ist zum Teile wahr. Ein Antisemitismus wie hei uns in Oesterreich existiert hier in Frankreich nicht. Da ist es das Land der „egalite", der Gleichheit. Das zeigt sich in der Einstellung des Franzosen nicht nur gegenüber den Juden,, sondern auch gegenüber den anderen Völkern und Rassen seines weit verbreiteten Kolonialreiches. Der Neger fühlt sich als Franzose und wird auch von den „Originalfranzosen", wenn ich so sagen darf, als solcher betrachtet. Ein Jude kann hier ohne weiteres Minister werden, so wie er in England Minister und sogar, allerdings darf man nicht vergessen: in einem Einzelfalle. Vizekönig (also fast König) geworden ist. Nur darf man solche Einzelfälle nicht verallgemeinern und sagen: „Seht, wie frei ist dieses Land, wo so etwas möglich ist!" Im alten Spanien waien die Juden auch Ministep, Ratgeber der Könige, von höchstem Ansehen, und vor nicht allzulanger Zeit war im königlichen Vorkriegsungarn ein Jude Minister, was aber weder eine spanische Inquisition noch ein Horthy-Regime verhindert hat. Wenn ein Antisemitismus in Frankreich existiert, so ist er jedenfalls ganz unbedeutend (aber auch kleine Flöhe stechen). Es ist kein Antisemitismus im Sinne des unsrigen mit Radau und „Rassetheorien", sondern mehr in der religiösen Seite begründet. Der katholische Franzose hat einen größeren „Widerwillen" (das Wort ist zu stark) gegen den Protestanten als gegen den Juden. Dies ist aber auch in anderen stark katholischen Ländern so. Vom Standpunkte der sogenannten „Rasse" macht er aber gar keinen Unterschied zwischen den Franzosen gleichen und jüdischen Glaubens. Der, wie gesagt, unbedeutende Antisemitismus ist beinahe unfühlbar, wenn er auch vorhanden ist, und es ist nun interessant zu sehen, woher er ableitbar ist. Ich hatte wenig Gelegenheit und besonders nicht die Zeit, mich mit einem eingehenden Studium dieser Frage zu befassen, und besitze mein Material zu diesen Zeilen hauptsächlich aus Unterhaltungen mit dem „man in the street" (dem „Mann auf der Straße" des Engländers). Der ist für mich in vielem die richtigste Quelle. Das ist nicht der Mann, der sich beruflich mit Politik abgibt. Dieser Mann zeigt mir am besten, wie das Volk den Stoff, den ihm die Zeitungen und das eigene Erlebnis geben, verdaut. Und dieser Mann kommt mir mit einem Gallimathias von ganz blassen Ahnungen von Freimaurerei und ähnlichen Dingen. Ich sage: „ganz blassen Ahnungen". Er hat nicht dieselbe Belesenheit und dasselbe „Wissen", wie der deutsche Mann aus dem Volke. Es ist für ihn so uninteressant, daß es ihn große Mühe kostot, aus seinem Gedächtnis all diese Dinge auszugraben, die dem deutschen Manne derselben Gesellschaftsklasse in übermäßiger „Fülle" zur Verfügung stehen. Je weiter man nach Süden und Westen, nach Südwesten kommt, desto größer wird die Uninteressiertheit an diesen Phantasmagorien, die ebenso haltlos wie nutzlos sind. Das geht so weit, daß es nach dem Ausspruche eines meiner spanischen Freunde in Spanien ebensoviel ist zu sagen: „Ich bin Jude", wie: „Ich bin Sportsmann". Es ist die Privatangelegenheit eines Einzelnen. Dem Volke als Ganzen ist dieses „In-einem-Punkt-anderssein" einer Minorität ganz gleich. Das beweist, daß die Leute hier etwas Anderes und Besseres zu tun haben als bei uns in Oesterreich. Dafür gibt es hier auch nicht so eine Wirtschaftskrise und andere Krisen wie bei uns. Es wäre natürlich ein Nonsens, zu behaupten, daß das Fehlen oder Vorhandensein des Antisemitismus für diese Krisenzeit ausschlaggebend ist, aber es ist sicher, daß der Teil des Hirns, der sich bei uns mit diesen Sachen auf der einen Seite beschäftigt und auf der anderen ^Seite notwendigerweise beschäftigen muß, eine bessere Arbeit leisten könnte: Einen Weg aus der Krise für unser Land zu suchen, das von uns Juden trotz seiner Antisemiten geliebt wird. *~ Die Lage der Judenheit in der Welt. Unter dem Vorsitze des Präsidenten Leonard G. Montefiore fand am 4. Mai 1930 in London die 58. Jahresversammlung der Anglo-Jewish Association statt. Der Bericht über das abgelaufene Jahr, der der Jahresversammlung vorgelegen hat, enthält einen Ueberblick über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern, der folgendes feststellt: Der verhältnismäßig ungetrübte Ueberblick über das Jahr 1928 konnte für das Jahr 1929 nicht wiederholt werden. In Polen hat eine wirtschaftliche, in Rußland eine politische Verschlechterung der Lage Platz gegriffen, an den Universitäten Mittel-, Ost- und Südosteuropas war die antisemitische Hetze wieder entfacht worden, und schließlich war das Jahr überschattet worden durch die Erhebung der arabischen Bevölkerung Palästinas gegen die in Palästina lebenden Juden, ein Ereignis, das die öffentliche Meinung in der ganzen Welt tief erregt hat. Ueber ein weites Gebiet hin wurden jüdische Kolonien zerstört, die Aufbauarbeit des letzten halben Jahrhunderts ist in einem sehr hohen Maße vernichtet worden. Nic&t weniger als 130 Juden wurden abgeschlachtet, mehrere hunderte Juden wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Das Joint Foreign Committee der englischen Juden arbeitete Hand in Hand mit den übrigen Körperschaften, indem es gegenüber der Regierung dem Entsetzen und der Trauer der englisch-jüdischen Gemeinschaft über diese tragischen Vorkommnisse Ausdruck gab und die ernste Hoffnung aussprach, daß wirksame Schritte zur Bestrafung der Schuldigen, zur Entschädigung der Opfer und zur Verhinderung ähnlicher Vorkommnisse in der Zukunft ergriffen werden würden. Es hat auch den interessierten jüdischen Organisationen im In- und Auslande seine Dienste zur Verfügung gestellt, um es durchzusetzen, daß die Interessen der jüdischen Gemeinschaft von Palästina vor der außerordentlichen Sitzung der Mandatskommission des Völkerbundes, die sich mit den Ursachen der Unruhen und den Schritten zur Beruhigung des Landes zu befassen hatte, sowie bei der ad hoc-Kommission zur Festsetzung der Rechte von Juden und Moslemiten hinsichtlich der Klagemauer in Jerusalem angemessen vertreten werden. In Europa hat sich die Haupttätigkeit des Committee auf Rußland und Polen konzentriert. Im Verlaufe des Berichtsjahres machte sich in der Religionsverfolgung in Rußland und besonders in der Behinderung der religiösen Beziehung keine Milderung bemerkbar. Aus Gründen, die in den Committee-Berichten bereits dargelegt wurden, haben die Juden, obwohl das Gesetz angeblich keine Religionsunterschiede kennt, mehr als andere religiöse Gemeinschaften zu leiden gehabt Seit 1923 hat das Committee keine Gelegenheit versäumt, um den russischen Glaubensbrüdem zum Teile durch direkte Vorstellungen bei der Sowjetregierung, zum anderen Teile durch Inanspruchnahme der Intervention der englischen Regierung zu Hilfe zu kommen. Sofort nach Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Großbritannien und Rußland, im Oktober 1929, wurde eine Anstrengung nach dieser Richtung gemacht. Die Juden Rußlands haben aber im vergangenen Jahre nicht allein unter der Religionsverfolgung zu leiden gehabt. In der Errichtung landwirtschaftlicher Kolonien " in Südrußland und in Sibirien sah man eine Hoffnung für eine wirtschaftliche Rehabilitierung der Juden, die diesbezüglichen Projekte der Sowjetregierung hatten in Westeuropa und in Amerika viel Sympathie und Förderung gefunden. Vor ganz kurzer Zeit aber begann die Moskauer Regierung eine neue Landwirtschaftspolitik zu betreiben, die dazu angetan war, die ganze ackerbautreibende Bevölkerung auf eine streng kontrollierte kollektivistische Basis zu setzen. In Polen hat die stufenweise sich verschlechternde Wirtschaftslage der Juden den Grad einer neuen Krisis erreicht. Wegen der verminderten Kaufkraft der Bauern sind letztens wieder große Massen der Kleinhändler an den Rand des Ruins gebracht worden. Die Hilfsgesellschaften können eine wesentliche Hilfe nicht bringen und allgemein wird anerkannt, daß nur eine Auswanderung auf breiter Basis die jüdische Bevölkerung vor Hungersnot retten kann. Nun aber bestehen in den Ueberseeländern harte Einwanderungsbeschränkungen. Das Quotensy_stem Nordamerikas und Australiens wird gegen Osteuropäer mitleidlos geübt, jetzt hat auch noch Südafrika ein Quotengesetz angenommen, das noch härter als das anderer Länder ist. Für auswärtige Organisationen ist es eine delikate Angelegenheit, sich in eine innere Gesetzgebung dieser Art einzumischen, aber die Lage der jüdischen Massen ist eine so verzweifelte, daß man sich aus humanitären Gründen wird entschließen müssen, solche Skrupel fallen zu lassen. Im Gegensatze zu den genannten Ländern ist die Lage in Ungarn und Rumänien, Länder, die viele Jahre lang als schwarze Flecke auf der Landkarte der europäischen Judenheit figurierten, weniger beunruhigend geworden. Als im Herbst 1929 an den Universitäten dieser Länder die Studenten die Numerus dausus-Propaganda wieder aufnahmen, wurden sie mit starker Hand in den Grenzen der Ordnung gehalten. In Ungarn besteht erfreulicherweise die Neigung, das verbesserte Numerus clausus-Gesetz zu respektieren, der Unterrichtsminister Graf Klebeisberg hat in einer bedeutsamen Ansprache kundgetan, daß er mit einer antijüdischen Gesetzgebung nichts mehr zu tun haben will. Was Rumänien betrifft, so bereitet es, ohne mehr eine Quelle akuter Besorgnis zu sein, immer noch Enttäuschungen. In dem letzten Bericht des Joint Foreign Committee wurden große Hoffnungen auf die neue Regierung Maniu gesetzt, die Hoffnungen haben sich nicht NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 30a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HBBRAIKA UNO JUDAIMA Id englischer und firanzfolscher Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BANDGEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH l erfüllt. Nicht nur fehlt es an Anstrengungen, die jüdischen konstitutionellen Klagegründe zu berücksichtigen, sondern wo immer eine die Juden berührende Gesetzgebung Platz gegriffen hat — wie z. B. bei dem Gesetz über religiöse Gemeinden und dem Gesetz betreffend Kooperativen — sind neue die Juden benachteiligende Unterscheidungen gemacht worden. Man hat Grund anzunehmen, daß vieles davon auf Parteitaktik zurückzuführen ist. aber die Tatsache bleibt bestehen, daß Interessen der gesamten jüdischen Gemeinschaft dadurch geopfert werden. Das Joint Foreign Committee hat jede sich bietende Gelegenheit ergriffen, um seine Meinung der rumänischen Regierung mitzuteilen, es hat Zusicherungen erhalten, an die man Hoffnungen knüpfen kann. In einer Hinsicht sind diese Zusicherungen kategorisch. Ein Nationalitätengesetz ist ausgearbeitet worden, um das skandalöse Problem der Staatenlosen in den annektierten Provinzen einer Lösung zuzuführen. Der Gesetzestext ist noch nicht veröffentlicht worden, aber dem Committee wurde die Zusicherung gegeben, daß die von ihm dargelegten Ansichten in dem Gesetze berücksichtigt sind. Die Schritte des Committee gegen die Einführung eines Schachtverbotsgesetzes in Norwegen waren leider ohne Erfolg. Glücklicher war das Committee in seiner Intervention gegen die Ausweisung der russischen Flüchtlinge aus K o n s t a n t i n o p e I, die bisher nicht durchgeführt worden ist. Zusammen mit der Zionistischen Organisation und dem American Jewish Committee war das Joint Foreign Committee bestrebt, den verfolgten Juden des Y e m e n zu helfen. Diese Arbeit steht aber noch im Stadium der Untersuchung. Das Committee bemühte sich, vom Völkerbund einen Kalenderreformplan zu erhalten, der die Beobachtung der jüdischen religiösen Vorschriften nicht gefährdet, es ist dem in Zürich errichteten speziellen Büro zur Aufklärung der öffentlichen Meinung über die jüdische Stellungnahme zur Kalenderreform und zur Erhebung von Vorstellungen beim Völkerbund beigetreten. Joseph Melier berichtete über die Bewegung zur Rückkehr zum Judentum unter den Marranen Nordportugals. Die Bewegung macht unter der Leitung der Herren Samuel Schwanz und Kapitän Barros Basto gute Fortschritte. In Braganza ist die Synagoge in größere und geeignetere Räumlichkeiten verlegt worden. In Covilto, dem portugiesischen Manchester, ist eine kleine Gemeinde gebildet worden; am letzten Jörn Kippur waren 40 Andächtige zum Gebete versammelt. In Belmonte versammeln sich an jedem Sabbath-Tage mehrere Marranen-Familien im Hause von Seuor Jose Pereira de Souza, um dessen Ansprachen über jüdische Themen anzuhören. Das Hauptbüro der Bewegung besteht in Oporto, wo Kapitän Basto die Arbeit mit nie ermüdender Energie führt. Er gibt die Monatsschrift ..Halapid" („Die Fackel") und andere Publikationen historischen und religiösen Charakters heraus. In einem theologischen Institute zur Ausbildung jüdischer Religionslehrer unter den Marranen wird bereits eine Anzahl Juden für den Lehrerberuf unter den marranischen Volksgenossen vorbereitet. Dringend notwendig ist die Ernennung eines Rabbiners, für dessen Besoldung (400 Piund jährlich) ein in Holland gebildetes Komitee aufkommen will. Die Auswahl wird unter drei geeigneten Kandidaten für dieses Rabbineramt getroffen werden. In der in London am 28. April stattgeSundenen Sitzung desJewtshBoardofDeputies erstattete Herr Lucien Wolf den Bericht des Joint Foreign Committee und teilte mit, daß der Sowjetbotschafter in London bisher den Empfang der vom Jewish Board of Deputies und der Anglo-Jewish Association am 16. März d. J. gefaßten Resolutionen über die antireligiöse Politik in derSowjetunton nicht bestätigt hat. Der Text den Resolutionen wurde sowohl der britischen Regierung wie dem Sowjetbotschafter übersand*. Der StaatssekretärfürauswärtigeAngelegenheiten der britischen Regierung hat dem Joint Foreign Committee den Empfang der Resolutionen bestätigt und mitgeteilt, daß er bei! einer sich etwa darbietenden Gelegenheit es nicht versäumen werde, seinen Einfluß zugunsten de« religiösen Freiheit einzusetzen. Hinsichtlich der allgemeinen Lage in Rußland teilte Lucien Wolf mit, daß ungeachtet der weiteren Geltung der antireligiösen Gesetze die Propaganda gegen die Religion und die Verfolgung der Reiigionsbekenner durch die lokalen Behörden in einem hohen Maße gemildert worden ist. Lucien WoH erstattete sodann Bericht über die Lage der Juden in Rumänien und teilte mit, daß das Joint Foreign Committee im Besitze einen detaillierten Chronologie der Ereignisse seit Beginn dieses Jahres ist, die beweist, daß im Verlauf dieses Jahres eine irgendwie ernste Störung der Ordnung zum Schaden der Juden nicht stattgefunden hat. Es haben sich wohl kleinere Zwischenfälle antisemitischen Charakters ereignet, in deren Zusammenhan« Klagen über die Untätigkeit der Polizei erhoben wurden;