Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 20 (16.5.1930)
- Date
- 1930-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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keit und Berechtigung haben. Daß die Ich betrachte deshalb den Zusammenchhiß des Weltwesteuropäischen Juden für die von ihrer SchoHe Judentums in der Jewish Agency als eine sehr vertriebenen oder in ihrer alten Heimat hungernbedeutende Angelegenheit. Wenn diese Organisation den Glaubensbrüder eine neue Heimstätte errichten den richtigen Weg einschlagen wird, so kann sie ein helfen, finde ich selbstverständlich und menschlich, internationaler Machttaktor werden. Antisemitische Morgenluft Eine verdiente Abfuhr. deutschen Sprache" (Berlin 1874) und noch viele andere ausgesprochen. Insofern also Bartsch iür eine geläuterte, tiefinnigst empfundene Sprache eintritt, wird ihm wohl jeder, der es mit der Schönheit der Sprache ernst meint, nur beipflichten können. Wogegen ich mich aber hier aussprechen muß, ist der mit so nachdrucksvoller Erregung hingeschriebene Satz von der Schande, daß ein rassenfremdes Volk dem deutschen Kaufmann seine Sprache, die ehedem edel und rein war, völlig verdarb. Unter diesem rassenfremden Volk — sind wir doch einmal offen — kann nach der angefügten, sehr abgedroschenen, seichten und nur auf eine billige Wirkung hinzielende Anekdote nur der Jude gemeint sein. Da möchte ich nun, der ich doch in meinem Leben mit mehr Juden als Herr Bartsch zusammengekommen bin, — kennt denn Herr Bartsch überhaupt Juden? — sagen, daß der jüdische Kaufmann im allgemeinen im Gebrauch einer veredelten Sprache dem deutschen Kaufmanne durchaus nicht nachsteht. Daß dies nicht nur heute der Fall ist. sondern auch schon im Mittelalter so war, darüber wolle Herr Bartsch einmal meine jetzt erscheinenden „Urkunden und Regesten zur Geschichte der Juden in der Steiermark" nachlesen. Er wird dort finden, daß, um nur ein Beispiel herauszugreifen, die Eingaben des Juden Mandl (Urkunde XXXVI) in einem besseren Deutsch geschrieben sind als die der Stubenbergs Lederhandschuhfabrik L, Rotenfurmstraße 23 Telephon U 25-5-29 * IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40 S.SCHEIN AKTIENGESELLSCHAFT WIEN 1., Bauernmarkt Alf. 10-12-14 ¥11., Flarlahlllersiraoe (Ecke Zieglergasse) 00 TEPPICHE fORHMNGE mOBELSTOFFE EINOEEUPI DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preise! und die der niederösterreichischen Hofbeamten (Urkunden XXVII, XXVIII und noch viele andere). Ueberdies stand es ja dem deutschen Kaufmanne stets frei, sich sein Deutsch zu wählen und formen, wie es ihm am besten behagte. Ich zumindest habe bislang noch nicht von einem Zwange gehört, den jüdische Kaufleute dahin ausgeübt hätten, ihr Deutsch anderen aufzudrängen. Ich meine vielmehr, es ist immer sehr mißlich, Mängel einzelner allen anzulasten (Herr Bartsch wird mir dieses Wort wohl rot anstreichen!). Es gibt eben schlecht schreibende deutsche und es gibt gut schreibende jüdische Kaufleute, wie es umgekehrt gut schreibende deutsche und schlecht schreibende jüdische Kaufleute gibt. Das mag Herr Bartsch sich gesagt sein lassen. Und dann glaubt Bartsch wirklich auch nur im entferntesten an die Wahrheit der von ihm mit solchem Behagen erzählten Anekdote? Doch jaV weil ich ja sonst ihr Heranziehen nicht verstünde. Nun wer die deutschen Juden, auch Kaufleute kennt wie ich sie kenne, weiß, daß der Großteil derselben es durchaus nicht nötig hat, seine „Jüngels" erst in die beste Erziehungsanstalt Hannovers zu schicken, um dort Deutsch zu lernen, denn diese stehen Herrn Bartsch im Gebrauch einer guten deutschen Sprache durchaus nicht nach. Die beiden Wörter „Jüngels" und „Prinz" zeigen übrigens jedem, der sehen will, welcher Gesinnung Rudolf Hans Bartsch derzeit zusteuert. Ich weiß es aber und mit mir viele andere, es gab eine Zeit, in der Herr Bartsch ganz anderer Gesinnungwar. Wittert Herr Bartsch vielleicht wieder anti* semitische Morgenluft? Im übrigen meine ich, daß der, dem „jedes laufende Wasser reiner läutet" (so zu lesen in dem Aufsatze) — ich bitte um Verzeihung für die Inversion: läutet, wie auch dafür, daß ich durchaus für dieses tiefempfundene Bild kein Verständnis habe — nicht doch von so hohem Roße herab andere schulmeistern sollte!. In der am 11. Mai d. J. erschienenen Nummer der „Grazer Tagespost" veröffentlichte Rudolf Hans Bartsch unter dem Titel: „Unser liebes Deutsch" einen Aufsatz, in welchem er sich mit der Verdorrung der deutschen Sprache in unserer Zeit beschäftigt und in welchem er auch Goethe vorwirft, daß er nicht das schönste Deutscli geschrieben habe. Allerdings muß gesagt werden, daß in dem Aufsatze, und das dürfte vielleicht das einzig Richtige in demselben sein, Bartsch einbekennt, daß auch er kein gepflegtes Deutsch schreibe. Doch dies hat Herr Bartsch mit sich und seinen Lesern abzutun. Gegen Schluß dieses Aufsatzes aber leistet sich Bartsch, der sich ja bekanntlich vom ursprünglich antisemitischen Schriftsteller (den Titel „Dichter" wird er ja wohl selber für sich nicht beanspruchen) zum freiheitlichen gewandelt hat und jetzt scheinbar wieder zum antisemitischen sich häutet, folgende empörende Ausfälle gegen den jüdischen Kaufmann. Er schreibt: Ist es nicht eine Schande, daß ein rassenfremdes Volk, ohne Gefühl für unsere Sprache, dem deutschen Kaufmann seine Sprache, die ehedem edel und rein war, völlig verdarb? Der deutsche Kaufmann hat einen Fluch der Lächerlichkeit auf sich gezogen, wie er in hier erzählter Anekdote am klarsten so aufgezeigt werden kann: Ein jüdischer Geldgroßfürst schämt sich des üblen Deutsch seines Jüngels und schickt es in die beste Erziehungsanstalt Hannovers, wo bisher ein gutes Deutsch gelehrt worden war. Nach einem halben Jahre frägt er an, ob denn sein Prinz schon reiner spräche. „Das nicht", antwortet der Direktor, „aber die ganze Klass* jüdelt" Daraufhin ließ Landesrabbiner Prof. Dr. Herzog in Graz in einer Zuschrift an die „Grazer Tagespost" Herrn Bartsch folgende verdiente Abfuhr zuteil werden: In seinem unter dem Titel: „Unser liebes Deutsch" erschienenen Aufsatze tritt Rudolf Hans Bartsch wieder für den Gebrauch einer geläuterten, veredelten deutschen Sprache ein. Was Bartsch hier verlangt ist nicht neu und hat dies bereits Ernst Moritz Arndt in seinem Aufsatze: „Ueber Volkshaß und über den Gebrauch einer fremden Sprache" viel wirkungsvoller verlangt. Vielleicht aber noch schöner haben dies namentlich Emil du Bois Reymond in seiner wunderschönen Rede: „Ueber eine Akademie der tfeuitteton Karl Goldmarks Vater. Zum 100. Geburtstag des Komponisten. Am 18. Mai d. J. werden es 100 Jahre, daß der berühmte Musikkomposlteur Karl Goldmark in Keszthely geboren wurde. Der Oberrabbiner seiner Gefourtsgemeinde. Dr. Alexander Büchler, der berühmte Historiker und Universitätsprofessor in Budapest, beabsichtigt aus däesem Anlasse, die Lebensbiographie von Goldmarks Vater, des Rubcn Szimcha Goldmark, zu schreiben, und wandte sich an mich, daß ich ihm meine eventuellen Daten zur Verfügung stelle. Ich gebe die mir hierüber bekannten Daten den geschätzten Lesern dieses Blattes bekannt Karl Goldmark schrieb eine Autobiographie, die in Leipzig-Wien im Jahre 1922 (Nikolai-Verlag) erschien. Daten, die sich auf seine Eltern, auf seine Familie, oder auf die Gemeinden, in welchen der Vater wirkte, beziehen, sind sehn spärlich vorhanden. Sein Vater, Rüben Szimcuc Goldmark tKohen), war bis zum Jahre 1835 in der Eigenschaft als Kantor und Notar der Gemeinde Keszthely angestellt. In diesem Jahre vertauschte er seinen Posten mit dem der Gemeinde Tab. Jedoch bald verließ er auch diese und übersiedelte nach Deutschkreuz — in jüdischen Kreisen „Cetem" genannt In dieser Gemeinde wirkte er bis zu seinem Tode. Sein Vorgänger war Mayer Freuder. der angeblich der Vetter des Anselm Mayer Rothsclüid war. Mayer Freuder war ein gewiegter Talmudkenner und {unterließ im Manuskript ein Werk, das er „Medaleg al hehorim" benannte. Dessen zwei Söhne waren: Rabbiner Noszen Freuder in Csorna. Verfasser des Werkes gemach hasode" und Abraham Elijohu in Cobrendek. Krankheit oder Alter verursachten, daß Rüben Szimcha Goldmark schon zu Lebzeiten an seine Stelle gewählt wurde. Ein starker Kontrast war zwischen Vorgänger und Nachfolger. Während der erstere ein Talmudkenner war und einen frommen Lebenswandel führte und auch seinen Kindern eine demgemäße Erziehung gab, war der Nachfolger zwar auch ein Talmudkenner, er hatte aber auch schon profanes Wissen und erzog seine Kinder in freiem Geiste. Schreibt ja Karl Goldmark selbst von der Mutter: „Meine Mutter war zwar eine eifrige Leserin, aber das mußte sie fast heimlich tun, denn es galt für Sünde, ein deutsches Buch zu lesen . . ." Die Folge war, daß die Gemeinde mit dem Nachfolger unzufrieden war. Vom Vorstande der Gemeinde und vom Rabbinate ward beim Preßburger Rabbiner, dem großen Chassam Sofer, über die Unverläßlichkeit des Rubeu Szimcha Goldmark Klage geführt Der Name des Gemeindevorstehers war: Zalmen Duckes, und des Rabbinatsstellvertreters: Noszen. Dies geschah im Jahre 1839. Der Geklagte erschien beim Preßburger Rabbiner persönlich, damit er die Anklagenentkräftige. Der „Morenu"-TiteI, mit welchem der Preßburger Rabbiner den Geklagten bezeichnet zeigt, daß er Talmudkenntnisse besaß; hingegen meidet der Chassam Sofer einen jeden anderen Lobspruch. Jede Zeile der Antwort zeigt auf die objektive Beurteilung und das Streben, die Anklage zu entkräftigen und .milde zu beurteilen. Wir sehen hier den edlen Charakter des großen Chassam Sofers. Die Anklagen waren schwerwiegender Natur, aber so leicht verurteilt man nicht und macht keinen des Vertrauens verlustig. Bezüglich einer der Anklagen bemerkt er, daß diese zwar auf leichtsinnige Denkungsweise, sogar auf Mangel an Gottesfurcht zeigt. Dennoch erlaubt er nicht, denselben seines Dienstes zu entheben. Unüberlegte Aussprüche sind es nur.* Aber sein weises Auge blickt in das Innere des Geklagten, er erkennt das Uebel, das die Fäulnis verursacht, was die religiöse Denkungsweise lockerte. Das Haschen nach fremden Blumen, ein Sehnen nach anderer Weltauffassung, das unrichtige Lesen fremder Lektüren verpestete das Innere. Es war ja die Zeit der angebrochenen Haskala, der Mendeissohn'schen Periode. Er konstatiert dies und diesem mißt er seine leichtsinnigen und unüberlegten Aussprüche zu. Er bindet ihm daher ans Herz und nimmt ihm das Versprechen ab. sich nur mit heiligen Lektüren zu befassen, in Bibel und Talmud sich zu vertiefen. Denn wenn er davon abweicht, wird er zu entlassen sein. (Ch. S. Rga V. 197.) Richtig ahnte er, der große Chassam Sofer. Denn Goldmark, der eine zahlreiche Familie hatte, erzog diese in ganz freiem Geiste schon in jener Zeit. Nicht nur diesen seinen Sohn Karl ließ er in Musik unterrichten. Er hatte noch einen zweiten Sohn, der auch einen hervorragenden Namen hatte. Dr. Josef Goldmarlc, sein ältester Sohn, studierte Medizin, wan im Jahre 1848 erster Sekundararzt im Allgemeinen Krankenhause <und hatte eine bedeutende Rolle bei der Revolution gespielt. Er und Dr. Adolf Fischhof waren die hervorragendsten Erscheinungen des Freiheitskampfes. Dr. Josef Goldmark war aber eine wesentlich andere Natur als Dr. Fischhof. Er hatte zwar nicht den idealen Schwung wie Fischhof. hingegen sah er in der Nähe schärfer. Er war der erste, welcher die von der Hofpartei sofort nach den Märztagen eingeleitete Konterrevolution erkannte und an die schlimmsten Racheakte von seifen der siegreichen Militärpartei glaubte. Seine Voraussicht hat ihn gerettet Er wurde in den Reichstag gewählt. Er wäre unzweifelhaft nach der Sprengung des Kremsierer Reichstages gehängt worden. Er ging nach Amerika und wurde dort Fabrikant Das Kriegsgericht erhob gegen ihn die Anklage, sich an der Ermordung Latours beteiligt zu haben und verurteilte ihn in contumaciam zum Galgen. Er. konnte diese Beschuldigung nicht auf sich ruhen lassen, kehrte später nach Oesterreich zurück und setzte, durch den Advokaten Dr. Knepler, die Wiederaufnahme des Prozesses durch, welcher die vollständige Nichtigkeit "des kriegsgerichtlichen Urteiles erwies. Außer diesen zwei Söhnen sind ihm in Zelem geboren: Ahron 19. Dezember 1849, Jizchok 20. Oktober 1845 (Moses: Inschrift, aus den 7 Gemeinden, 19); dieser letztere nahm an dem 1866 geführten Kriege teil. Auch hatte er einen Sohn Alexander (Goldmark: Autobiographie). Seine Tochter Johanna war mit dem berühmten Oberkantor der Budapester Gemeinde, Moritz Friedmann, verheiratet Der Verfasser des Theaterstückes „Königin von Saba" hörte von seinem Vater die Sabbat- und Feiertagsmelodien, die er zuhause sang, damit verewigte er doch das Andenken des Vaters: Sziniche Rubin Goldmärk. M. Stein.