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Die Wahrheit · 1930-05-16 · Heft 20 (16.5.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 20 (16.5.1930)
Date
1930-05-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen üdisdie ÜUrU »» Ersdieint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der Union deutschösterreichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien « ■;[ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 16. Mai 1930 Nummer 20 Indien und Die arabische Delegation aus Palästina, die sich gegenwärtig in London aufhält, veröffentlicht folgenden Beschluß der Allindischen Moslemkonferenz über Palästina (All-India Moslem Conference for Palestine), welche in Bombay getagt hat. Der Beschluß wurde einstimmig gefaßt und lautet folgendermaßen: „Die Konferenz der Mohammedaner von Indien erklärt hiermit, daß das Heilige Land von Palästina, welches in das Jazirat ul Arab eingeschlossen ist, dem Schutz der ganzen muselmännischen Welt und nicht der Muselmanen von Palästina allein untersteht und daß infolgedessen die indischen Mohammedaner tief berührt werden von der bestehenden Lage in Palästina und seiner zukünftigen Verwaltung. Während die Mohammedaner sowohl Christen als Juden erlaubt haben, in Palästina Gott zu dienen, entsprechend den Dogmen ihrer Glaubensbekenntnisse, und Palästina als Pilger jahrhundertelang zu besuchen, können sie nicht in diesem Augenblick zugeben, daß das Land als ein Abladeort für die Juden der ganzen Welt benutzt werde unter Ausschluß und zum Schaden der ursprünglichen Bevölkerung Palästinas, deren große Mehrheit Mohammedaner sind, welche in vollkommenem Frieden und Harmonie mit den christlichen und den jüdischen Einwohnern vor der Balfour-Deklaration gelebt haben. Die Moslems von Indien können es nicht dulden, daß armen palästinensischen Mohammedanern das Land ihrer Väter von Einwanderern abgekauft wird. Sie müssen auf eine Aenderung der Politik seitens der Verwaltung und auf Erlaß eines Landesveräußerungsgesetzes bestehen, um zu verhindern, daß die ursprünglichen Einwohner Palästinas ihr Land verlieren. Ebenso können es die Moslim von Indien nicht dulden, daß jüdische Monopole geschaffen werden, welche es bewirken, daß in nicht allzu langer Zeit das beabsichtigte jüdische Heim, entsprechend der Balfour-Deklaration, als ein rein jüdischer Staat entstehen würde, wie ihn die Zionisten in Palästina errichten wollen. Das einzige wirkliche Mittel, um den Eingeborenen Palästinas Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ist die Schaffung einer freien und unabhängigen Regierung entsprechend den Grundsätzen des Selbstbestimmungsrechtes, die ausschließlich aus den eingeborenen Einwohnern Palästinas bestehen und von jeder Kontrolle einer Mandatarmacht befreit sein soll, sei es im Interesse des Zionismus oder des Imperialismus. Die Konferenz beschließt daher, daß sowohl die Balfour-Deklaration als auch das Mandat aufgehoben werden müssen. Während die mohammedanische Welt keine Aenderung im Status quo ante bellum dulden kann in Verbindung mit der Verwaltung ihrer Heiligen Stätten aus Rücksicht auf eine andere Glaubensgemeinschaft und darauf besteht, daß er unverändert bleibt, betrachtet-die Konferenz die Einsetzung einer Untersuchungskommission über die Frage der Klagemauer in Jerusalem, für welche Großbritannien die Zustimmung des Völkerbundes erlangt bat, als völlig Palästina. überflüssig und gefährlich, und setzt sich daher energisch ihrer Ernennung entgegen. Es soll nach Europa eine Deputation geschickt werden, die den Mohammedanern von Palästina jede notwendige Hilfe leisten soll. Es soll ein ständiges Komitee der indischen Moslim für Palästina geschaffen und in allen islamitischen Ländern Propaganda gemacht werden. Obwohl die zur Untersuchung der Unruhen in Palästina im Jahre 1929 eingesetzte Kommission das Vertrauen der mohammedanischen Welt nicht besessen hat, hat sie doch zugegeben, daß die Hauptursache für den Friedensbruch darin bestand, daß die Juden absichtlich die Araber durch Beleidigung ihrer Religion provoziert haben. Daher verlangt die Konferenz, daß die Regierung von Palästina im Interesse des Friedens und der Ruhe und der Herbeiführung der Versöhnung zwischen den Einwohnern von Palästina von nun an alle mohammedanischen Araber freilassen möge, die infolge des Aufruhrs verurteilt worden sind. Die Konferenz beschließt, in ganz Indien, Birma und Ceylon nach den Freitagsgebeten am 16. Mai einen Palästina tag zu feiern. Sie würdigt, vollkommen die Bemühungen der arabischen Delegation in London, die gerechten Rechte und Forderungen ihrer Landsleute und die Unantastbarkeit der heiligen Stätten in Palästina zu verteidigen, und versichert sie der vollen Unterstützung und Sympathie der indischen Muselmänner für ihre Mission." « Die Bedeutung dieser von der arabischen Exekutive Palästinas mit einem Danktelegramme quittierten Resolution — mag man sich zu ihrem Inhalt stellen, wie man will, — besteht unter den gegenwärtigen Umständen darin, daß die Mohammedaner in Britischindien jetzt eine der wichtigsten Stützen der englischen Herrschaft in Indien sind. Der englischen Regierung muß aus diesem Grunde ungeheuer viel daran liegen, den Moslim in Indien entgegenzukommen. Ihre Solidarität mit den Arabern in Palästina bildet folglich bei den enormen Schwierigkeiten, mit welchen England jetzt angesichts der Unabhängigkeits- und der Gandhibewegung in Indien zu kämpfen hat, eine außerordentlich wichtige politische Tatsache, deren Unterschätzung seitens der Zionisten offenbar ein sehr großer Fehler ist. Je größer die Fortschritte Gandhis in Indien sind, desto größer müssen die Konzessionen sein, welche England den Mohammedanern in Indien und somit auch den Mohammedanern in Vorderasien und Palästina gewähren muß. Ein unabhängiges Indien kann unter Umständen das Ende des jüdischen Palästina bedeuten, das seine Unabhängigkeit und Zukunft auf Englands Gnaden aufgebaut und aus Englands weltpolitischen Interessen hergeleitet hat Aber ganz abgesehen von den Rückwirkungen auf palästinensische Dinge verfolgt das Judentum, das nicht ganz im Banne der englischen Interessen steht, den großen Kampf des ebenso wie sein Nachiolger verhafteten Gandhis nicht unsympathisch, denn seine im Interesse seines Volkes gelegenen Bestrebungen entsprechen den Tendenzen des Judentums, das die Freiheit des Individuums und der Gesamtheit stets als Ideal betrachtet und verfochten hat. Antisemitismus, Bolschewismus, Zionismus. Graf Richard Coudenliove- Kaier;;i weilte vor kurzem in Budapest, wo er nebst Vorträgen über Paneuropa auch einen viel beachteten Vortrag über das von ihm neu herausgegebene Ruch seines Vaters. „Wesen des Antisemitismus", hielt. Im Anschluß an dieses Referat brachte er folgende eigene Anschauungen über die Judenirage zum Ausdruck, die als Ansichten eines ganz prominenten Nichtjuden von besonderem Interesse iür uns sind: Die Masseneinwanderung von russischen und polnischen Juden nach Amerika und Westeuropa hat in den Vereinigten Staaten dien Antisemitismus geschaffen, in den westeuropäischen Ländern ihn befestigt. Amerika hat bis zu den Jahren 1904/05, als iniolge der Pogrome eine starke Invasion von polnischen und russischen Juden dorthin erfolgte, vom Antisemitismus nichts gewußt. Diese jüdischen Einwanderer waren Menschen aus einem anderen Milieu und einer anderen Kultur und konnten sich in Amerika schwer assimilieren, zumindest schwerer als die jüdischen Einwanderer aus Westeuropa. Dazu kam noch der Umstand, daß die Mehrzahl dieser vor den Pogromen flüchtenden Juden bettelarm in ihrer neuen Heimat anlangte. Da ihnen auch der legitime Lebenserwerb vielfach versperrt war, mußten sie sich manchmal auf illegitime Weise das. Stückchen Brot verschaffen, um ihre großen Familien notdürftig zu ernähren. Aus all diesen Gründen hat sich in-Amerika eine gewisse judenieindliche Strömung bemerkbar gemacht, die während des Weltkrieges und der Nachkriegszeit sich durch die weitere Invasion nur noch verstärkte. Die vor den Pogromen geflüchteten Ostjuden waren nirgends gern gesehene Gäste und wenn es gar dem einen oder anderen gelungen ist, reich zu werden, so hat dies den Neid der nichtjüdischen Bevölkerung ausgelöst. Die Masse bemerkte eben nur den Einzelnen, die Tausende und Abertausende aber, die hungerten und um ihr Dasein mühselig kämpften, wurden geflissentlich übersehen. Ein weiterer Grund des Antisemitismus ist darin zu suchen, daß die vereinzelt reich gewordenen Juden manchmal in naiver Weise mit ihrem Vermögen protzten, was die Animosität noch steigerte. Nach dem Kriege haben die Juden dem Antisemitismus mit zwei Waifen begegnen wollen: dem Bolschewismus und Zionismus. Wohl sind in einzelnen Ländern die Führer der Kommunisten Juden, aber man darf nicht vergessen, daß die politische Einstellung der Juden sich nach der ihnen zuteil gewordenen Behandlung richtet. Die englischen Juden sind konservativ, die französischen liberal, genau so wie die nichtjüdischen Engländer oder Franzosen; die italienischen Juden sind mit Herz und Seele Anhänger des neuen Italien. Man darf sich also auch nicht darüber wundern, daß die Juden des zaristischen Rußlands das dort herrschende grausame System gehaßt und mit alten Mitteln versucht haben, es zu ändern. Es gibt in Europa Staaten, die wohl keine Pogrome kennen, in denen die Juden sogar die Gleichberechtigung — wohl nur auf dem Papier — genießen, aber gesellschaftlich sind sie nicht gleichberechtigt In den meisten Staaten Mitteleuropas ist der Jude Bürger zweiten Grades, den man in den Hintergrund drückt und verhöhnt. Es ist verständlicb, daß zielbewußten Juden diese Behandlung weder in Deutschland noch in Oesterreich gefällt. Es gibt aber auch verblendete Juden, die meinen, daß sie durch den Bolschewismus die vollständige Gleichberechtigung erkämpfen können. Ein anderer Teil des Judentums sucht wieder im Zionismus sein Heil. Das verletzte Selbstbewußtsein glaubt in der Zusammenfassung aller Juden auf nationaler Basis und ihrer Absonderung eine Lösung zu finden. Ich halte den politischen Zionismus (Nationalismus) in den mittel- und westeuropäischen Staaten, wo die Juden Gleichberechtigung besitzen, für überflüssig und schädlich. Für die osteuropäischen Staaten mag er seine Nützlich-

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