Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 19 (9.5.1930)
- Date
- 1930-05-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Gemeindemitglied in besonders warmen Worten die Führung und die Leistungen der Anstalt und die überaus humane und aufopfernde Pflege dankbarst anerkennt. Vom Prof. Dr. Kaiman Kupfer ist eine größere Zahl von Pastorierungs- und Interventionsberichten eingelangt. Vom Steueramte der israelitischen Kultusgemeinde liegen Konsignationen über die in der Zeit vom 12. Jänner bis 15. März 1930 aus dein Juden turne ausgetretenen Kultussteuerträg«rn auf. Dieselben verzeichnen den Abfall von 50 Steuerträgern, von welchen jährlich 20 Personen je S 1.— bis S 10.—; 20 S 10.— bis S 50.—: 5 S 50.— bis S 100.—: einer S 120.—. einer S 130.—, zwei S 400.—. einer S 705.— an Kultussteuern bezahlten. Der statistische Ausweis des Matrikenamtes der Kultusgemeinde für die Monate Jänner. Februar und März 1930 weist folgende Daten auf: Zahl der Trauungen 319; Scheidungen 91; Geburten 152 männlich, 143 weiblich, zusammen 295: Sterbefäile 735t Austritte aus dem Judentum 206: Eintritte in das Judentum 95. (Man beachte das furchtbare Mißverhältnis zwischen Geburten und Sterbefällen. D. Red.) Dem von Herrn Amtsdirektor Reg.-Rat Guido Fuchsgelb erstatteten Präsidalberichte entnehmen wir folgendes: Seit der am 24. März 1930 abgehaltenen Plenarsitzung des Kultusvorstandes, in welcher der Voranschlag für das Verwaltungsjahr 1930 verabschiedet wurde, waren die Kommissionen und das Vertreterkollegium intensiv mit der Erledigung all jener Angelegenheiten befaßt, die mit der Bewilligung des Budgets zusammenhängen.' In erster Linie wurden die Subventionsansuchen der Vereine und Anstalten der Bearbeitung unterzogen, durch die Rechnungskontrolle der Kultusgemeinde überprüft, in den Subkomitees. Kommissionen und dem Vertreterkollegium zum Teile auch schon erledigt, so daß in der heutigen vertraulichen Plenarsitzung über die diesfälligen Anträge Beschlüsse zu fassen sein werden. In umfangreichster Weise und bis an die Grenze der Möglichkeit wurden die Pessachunterstützungen durchgeführt, indem einerseits an Anstalten, Vereine und Einzelpersonen Mazzoth teils unentgeltlich, teils zu sehr ermäßigtem Preise abgegeben wurden. Pessachkost zur Verabreichung gelangte und Handunterstützungen gewährt wurden. Durch die Kultusgemeinde gelangten an 73 Vereine und Institutionen sowie an 517 Einzelparteien unmittelbar 14.700 kg Mazzoth zur Ausgabe. Im Lainzer Versorgungsheim und im Wilhelminenspital sind unter ansehnlicher Beitragsleistung der Kultusgemeinde zu Pessach 128 Personen rituell verpflegt worden. Für zirka 150 Häftlinge der Wiener Gerichte und Gefangenenhäuser wurde die Pessachverpilegung beigestellt. Im Wege des Wohltätigkeitsamtes der Kultusgemeinde sind im Laufe des Monats April d, J. an insgesamt 2236 Petenten S 21.000.— als Unterstützungen ausgegeben worden. Der Umstand, daß das Ansuchen der Kultusgemeinde um einen Staatsbeitrag bisher unerledigt blieb, hat dem Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde Veranlassung geboten, neuerlich beim Herrn Bundesminister für Unterricht eindringlichst vorstellig zu werden und auch mit dem zuständigen Herrn Sektionschef dieses Bundesministeriums eine ausführliche Aussprache zu pflegen. Das Präsidium hat auch die erforderlichen Schritte eingeleitet, um beim Herrn Bundeskanzler nach dessen Rückkehr von der Auslandsreise neuerlich in dieser für die Erfüllung der Aufgaben der Kultusgemeinde so ungemein wichtigen Frage vorzusprechen und die endliche Erledigung der nun so lange anhängigen Ansuchen der Kultusgemeinde zu bewirken. Am 30. März d. J. hat im Kursalon der Stadt Wien eine interkonfessionelle Kundgebung zur Glaubens- und Gewissensfreiheit in SowjetruBland stattgefunden. Die Israelitische Kultusgemeinde wurde eingeladen, einen Vertreter der israelitischen Religion hierfür zu deleideren und es hat der Herr Gemeinde- . rabbiner Dr. Israel Taelicht dem Ersuchen des Präsidiums entsprechend, an dieser Kundgebung teilgenommen. Vom „Griechisch-katholischen Zentralpfarramt" als Einberufer der Kundgebung ist dem Kultusvorstande für die Entsendung des Herrn Rabbiner Dr. Taglicht, dessen würdevolles Auftreten und glänzende Rede zum Gelingen und zum eindrucksvollen Erfolg der Kundgebung viel beigetragen habe, der innigste Dank zum Ausdruck gebracht worden. Seit mehr als einem Jahrzehnt wurde in Räumen, welche die Gemeinde Wien im Lainzer Versorgungsheime zur Verfügung gestellt hatte, eine Koscherküche auf Kosten der Kultusgemeinde und unter Mitwirkung eines eifrigen Komitees geführt, wodurch es möglich war. jenen Insassen des städtischen Versorgungshauses, welche auf rituelle Küche reflektierten, die Koscherkost zu bieten. Nunmehr hat die Gemeinde Wien den Kultusvorstand verständigt, daß die Räumlichkeiten von ihr für andere Zwecke dringend benötigt, daher mit Ende April d. J. von der Kultusgemeinde nicht weiter benützt werden können. Das Präsidium hat beim Herrn amtsführenden Stadtrat Prof. Tandler vorgesprochen, konnte jedoch eine Abänderung der Verfügung der Gemeinde Wien nicht durchsetzen. Hingegen hat Herr Prof. Tandler zugesagt, solche Anordnungen zu treffen, daß die Koscherverköstigung für jüdische Insassen von der Kultusgemeinde in der Weise fortgesetzt werden könne, daß die außerhalb des Anstaltsterritoriums bereiteten Speisen in einem geeigneten Räume der Anstalt an die in Betracht kommenden Insassen verteilt werden. Bei diesem Anlasse wurde auch die Frage der Verpflegskostenvergütungen der Gemeinde Wien für die nach Wien zuständigen Insassen der Israelitischen Versorgungsanstalt einer eingehenden Aussprache unterzogen und. es ist zu gewärtigen, daß nunmehr in diesem Belange eine Verschlechterung nicht platzgreifen wird. Finanzreferent Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim legte nun den Rechnungsabschluß für das Jahr 1929 vor. aus dem die sehr erfreuliche Tatsache hervorgeht, daß das seit dem Jahre 1927 entstandene Gesamtdefizit nur mehr S 94.841 — statt der präliminierten S 466.066.— — beträgt, was auf günstigere Einnahmen im Jahre 1929 zurückzuführen ist. denen keine entsprechende Verschlechterung der Mehrausgaben gegenübersteht. Der Finanzreferent sprach die Hoffnung aus. daß es im Laufe dieses Jahres gelingen werde,- das Defizit möglichst verschwinden zu lassen, damit die Gemeinde ihre Mittel für neue längst dringlich gewordene Aufgaben frei bekomme. Er dankte Herrn Oberbuchhalter Schäfer für die große Gründlichkeit, mit der der Rechnungsabschluß zeitgerecht ausgearbeitet wurde, so daß er bei den Budgetberatungen pro 1930 als willkommene Unterlage dienen konnte. Präsident Prof. Dr. A. Pick sprach dem Finanzreferenfen, Herrn Reg.-Rat Doktor Hermann Oppenheim, dem Oberbuchhalter Schäfer und der Amtsdirektion den Dank für ihre Arbeit aus. .. . Sodann behandelte der kultusvorstand auf Grund eines interessanten Referates des Herrn Amtsdirektors Guido Fuchsgelb, das seinem im Vertreterkollegium erstatteten und von uns an leitender Stelle wiedergegebenen Entwurf entsprach, die sehr begrüßenswerte Schaffung den Fjüirsiopgezlentrfaile. Die Anträge wurden nach einigen berechtigten Abänderungsvorschlägen des Herrn Dr. H. Körner einstimmig angenommen. Präsident Prof. Dr. A.Pick dankte dem Obmanne der Fürsorgekommissionen Dr. K1 a b e r und dem Obmann-Stellvertreter Herrn Emil Engel für ihre wertvolle Arbeit Der Obmann der Unterrichtskommission, Doktor Josef Ticho, referierte noch über die Einrichtung einer Bibelschule im VIII. Bezirk für Mädchen (Gymnasiastinnen), im XIII. Bezirk für Volks- und Hauptschüler, über die Neuauflage des Jugendgottesdienstbuches, in dem der Schüler nun jedes einzelne wichtige Gebet findet, und über die sehr gute Frequenz aes Jugendgottesdienstes: im 1. Halbjahr 28.600 Schuler! Wert und Wirkung der Aufklärungsliteratur. Im Schlußteil seiner Artikelreihe „Ford und die Weisen von Zion" (Nummer 16 der „Wahrheit") äußert sich Herr Binjamin Segel auffallend skeptisch über die Wirkung der Aufklärungsliteratur gegen den Antisemitismus, indem er seiner Meinung dahin Ausdruck gibt, daß diese Schriften, bzw. die darin niedergelegten Argumente überhaupt nicht zum nichtjüdischen Publikum gelangten. Der Ausgangspunkt für diese pessimistische Auffassung ist die Ueberzeugung des Herrn Segel, daß seine außerordentlich wertvolle Gegenschrift gegen „Die Weisen von Zion" nicht genügend beachtet und ausgewertet wurde. Der verständliche Unmut über diese Tatsache rechtfertigt aber doch wohl nicht die ganz allgemein gehaltene Behauptung von der Wirkungslosigkeit der Aufklärungsliteratur überhaupt. Daß Herr Segel, der ja früher selbst sehr eifrig an der Aufklärungsliteratur mitarbeitete, zu einer solchen Auffassung kommen konnte, ist nur so zu erklären, daß er seit Jahren den Kontakt mit dem Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und dem Philo- Verlag in Berlin, denen ja die Schaffung und der Vertrieb der Aufklärungsliteratur ausschließlich obliegt, verloren hat. Dem jedoch, der Gelegenheit hat, die Arbeit der genannten Institutionen dauernd aus nächster Nähe zu beobachten, bietet sich ein wesentlich günstigeres Bild, wenn auch selbstverständlich zuzugeben ist, daß man den Anspruch auf Erfolg und Wirkung der Abwehr- und Aufklärungsarbeit gegen den Antisemitismus gar nicht hoch genug schrauben kann. Trotzdem erscheint eine Berichtigung der Auffassung des Herrn Segel notwendig, nicht zuletzt auch zur Beruhigung des jüdischen Publikums, das auf die Wirkung der Aufklärungsliteratur vertraut. Die teils vom Centrai-Verein herausgegebenen, teils im Philo-Verlag erscheinenden Zeitschriften und Bücher sind zum Vertrieb unter Juden und Nichtjuden bestimmt. Die Verbreitung unter den letzteren geschieht planmäßig unter der Regie der Landesverbände des Centrai-Vereines und unter steter Berücksichtigung der in den einzelnen Landesteilen herrschenden Verhältnisse und zutage tretenden Bedürfnisse. Der dauernden und regelmäßigen Aufklärung in nichtjüdischen Kreisen dient die „Monatsausgabe der C.-V.-Zeit u n g", die in einer Auflage von 55.000 erscheint und unter Nichtjuden aller Kreise und Berufsstände unentgeltlich zur Verteilung gelangt. Tausende beziehen die „Monatsausgabe" ununterbrochen schon jahrelang, und dies wäre wohl nicht der Fall, wenn die Bezieher mit der Belieferung UFA-TON-KINO Wien II., TaborstraB« 8 Telephon R 42-3-41 2. Woche Der erste 100 prozentige deutsche KrimlnOl-SpretflfilDl aus der Unterwelt Berlins DER TiagR Regie: JOHANNES MEYER Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn- und Feiertagen ab 4 Uhr nicht einverstanden wären. Den wenigen Ablehnungen stehen zahllose Anerkennungen und Danksagungen gegenüber. Die 1927 vom Centrai-Verein herausgegebene Broschüre „Unsere Monatsausgabe, ihre Entstehung, Verbreitung und Wirkung" bringt u. a. eine reiche Auswahl solcher Zuschriften. Eine Umfrage des Landesverbandes Hessen des Centrai-Vereines über den Eindruck der „Monatsausgabe" unter ihren christlichen Beziehern offenbarte einen vollen Erfolg. Lobend hervorgehoben wird „die religiöse Einstellung", „die sachliche und vornehme Kampf es weise, auch gegen Nationalsozialisten", „das Bekenntnis zur Volksgemeinschaft", „der vornehme Ton und die wissenschaftlichen Fundierung". Unterstrichen wird die weite und tiefe Wirkung noch durch die vielfachen Wünsche nach Material, „wie die Juden durch geschichtliche Verhältnisse zu ihrer besonderen wirtschaftlichen Betätigung kamen", über „Bekämpfung des Nationalsozialismus", über „Schächten und Beschneiden", über „Talmud, Schulchan Aruch und Sohar" u. v. a. Der Aufklärung über, bestimmte Streitfragen und Probleme der Judenfrage dienen die zahlreichen Broschüren des Philo-Verlages, die je nach Bedarf und Gelegenheit in Massen verbreitet werden. So ist z. B. die Broschüre „B1 u 11 ü g e n" anläßlich der Ritualmordhetze in Manau bei Bamberg in Franken in einer Auflage von gegen 60.000 verteilt worden; in Württemberg allein kamen 9000 Exemplare an Lehrer aller Schulgattungen zur Verteilung. Aus einem kleinen Bezirk eines süddeutschen Landes sind gegen 100 Anforderungen von Aufklärungsmaterial, ausschließlich aus Lehrerkreisen, eingegangen. Es hieße die Gastfreundschaft der „Wahrheit" über Gebühr in Anspruch nehmen, wollten wir die Verbreitung und Wirkung unserer Aufklärungsarbeit allseitig darstellen. Die angeführten Stichproben werden aber wohl hinreichen, den Pessimismus des Herrn Segel als unbegründet zu erweisen. Stellen wir der Aufklärung durch das gedruckte Wort noch diejenige durch die alljährlich nach Hunderten zählenden Aufklärungsversammlungen zur Seite, so dürfte es sich ergeben, daß der Central-Verein nicht nur das Menschenmögliche zu leisten versucht, sondern daß auch die Wirkung im richtigen Verhältnis zum Aufwand an Mühe und Kosten steht. Gewiß fühlt auch der Centrai-Verein nur zu sehr die Schranken, die seiner Arbeit durch die Begrenzung seiner Mittel gesetzt sind. Aber innerhalb dieser Grenzen verfährt er nach dem ökonomischen Grundsatz, unter Aufwendung möglichst geringer Mittel das möglichst hohe Maß von Erfolg zu erzielen. Dr. H. S t e r n, Berlin. Zu hänfen gesucht Tempel-Einrichtung Sdialbänhe etc. ♦ für Wien. Zuschriften unter uNr. 5690" an die Administration dieses Blattes erbeten.