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Die Wahrheit · 1930-05-09 · Heft 19 (9.5.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 19 (9.5.1930)
Date
1930-05-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Sctte 3 den und für dieselben Wucherpreise zu zahlen — ihr Brot ist sechsmal teurer als das ihrer Mitbürger, die eine Karte haben. Das Leben istJür sie ein schrecklicher Kampf. Wer sind diese „Deklassierten'*? Nach den Gesetzen der Sowjets besitzen nur Arbeiter und Staatsbeamte Bürgerrechte. Alle anderen, die als ein „nichts schaffendes" Element betrachtet werden, bilden die Kategorie der sogenannten „Deklassierten". Sie genießen keine Rechte; sie haben keinen Anspruch auf Unterstützung durch den Staat; sie haben im Krankheitsfalle nicht einmal das Recht, in den von dem Staate unterstützten medizinischen Anstalten aufgenommen zu werden. Unglücklicherweise gehörten durch die restriktiven Gesetze des Zarenherrschaftsregimes die Juden der Ukraine in ihrer Majorität im Sinne des Statuts der Sowjetregierung keineswegs zu der Arbeiterklasse. Sie waren meistenteils Kleinhändler, Vermittler usw.. sie übten verschiedene Berufe aus, die sie heutzutage in die Armee der „Deklassierten" rangieren. Es sind ihrer über eine Million. Das Gesetz kennt ihnen gegenüber keine Milde, auch nicht gegenüber den Invaliden des Bürgerkrieges, den Witwen und Waisen, die ihre Stütze während der Pogrome nach dem Kriege verloren haben. Es wird ihnen nicht nur das Brot versagt, sondern alles, was zum Leben notwendig ist: Wasser, Licht und so weiter. Die Inhaber der Karte machen ihre häuslichen Einkäufe zu dem vorgeschriebenen Tarif. Die „Deklassierten" versorgen sich, wo sie können, und gewöhnlich zu Wucherpreisen. In Belatzerkow hat man mir schreckliche Sachen erzählt, die ich iür unglaublich hielt. Ich habe einen Stadtteil (Grusia) besucht, wo 250 jüdische Familien das elendste Leben führen, und ich bin Augenzeuge herzzerreißender Szenen gewesen. Ganze Familien leben dort in den schrecklichsten Löchern, ohne Fenster und Dielen, in schmutzigen Piützen, im furchtbarsten Elend und im Zustande der Erniedrigung. Und das ist nur e i n Beispiel, von denen es viele gibt. In diesem Wunsche, unabhängig zu sein, der für die Juden so charakteristisch ist, kämpft das jüdische „deklassierte" Elemente um das tägliche Brot, um der jüdischen Wohltätigkeit nicht zur Last zu fallen. Gegen ihren Willen müssen diese armen Leute die Wohltätigkeit in Anspruch nehmen und führen einen verzweifelten Kampf um ihre erbärmliche Existenz. Das Prinzip der Kooperation ist selbst in der kleinsten Gemeinde sehr entwickelt Aber der Kleinhändler ist allen Arten von Steuern und Schwierigkeiten unterworfen. Es ist ihm unmöglich, Kredit zu bekommen, und es fällt ihm sehr schwer, sich Waren zu verschaffen. Die allmächtigen Finanzinspektoren stellen die schlimmsten Forderungen. Ich war in Odessa Zeuge der folgenden Szene: Auf dem Trottoir verkaufte eine alte jüdische Frau Gurken. Ein Inspektor fordert von ihr 10 Kopeken als Platzgebühr. Die Unglückliche antwortete, daß ihre ganze Einnahme nicht 10 Kopeken betrage. Der Beamte erfaßte darauf in gröbster Weise ihren Korb und schleuderte ihn ins Wasser. Viele Juden mußten Handwerker werden. Sie bilden heutzutage 28 Prozent der jüdischen Arbeitsklasse in der Ukraine. Leider sind 50 Prozent davon Schneider und Schuhmacher, so daß diese Gewerbe überfüllt sind. In der kleinen Stadt Mohilew Podolsk gibt es z. B. 188 Schneider und 153 Schuhmacher. Kein Wunder, daß unter ihnen eine große Arbeitslosigkeit herrscht. Die Lage wird noch durch den Mangel von Rohstoffen, durch die Unmöglichkeit, mit den Kooperativen um ZuJagen zu kämpfen, verschlimmert. Außerdem sind die Bauern meistens mit den Erzeugnissen der jüdischen Handwerker unzufrieden, da ihre Arbeit grob und ihre Ware minderwertig ist. Der Monatsverdienst dieser Handwerker beträgt 10 bis 12 Rubel und viele von ihnen sind mehrere Tage in der Woche arbeitslos. Noch mehr Aufmerksamkeit verdient die Arbeitslosigkeit der Juden, die seit der Revolution In der Industrie beschäftigt sind. Die früheren russischen Arbeiter werden als besser und erfahrener qualifiziert, daher bleiben die Juden oft ohne Beschäftigung. Das Problem aber, das die größte Sorge erregt, ist die Lage der Jugend, die zum größten Teil in der entscheidendsten Periode ihres Lebens arbeitslos ist. Die jungen Leute können zu Handwerkern, die meistenteils arbeitslos und nicht imstande sind, ihnen das Handwerk beizubringen, nicht in die Lehre gehen. Daher leben 80 Prozent der jüdischen Jugend müßig, was um so ernster ist, da der größte Teil von ihnen aus jungen Mädchen besteht. In Belazerkow habe ich einen günstigen Eindruck von der Tätigkeit des dortigen Hilfskomitees gewonnen, welches von der Federation unterstützt wird. Dieses Komitee hat eine Werkstatt für Jungen — meistens Waisen — eingerichtet, die ich sehr eifrig bei der Arbeit gesehen habe. Sie verdienen ungefähr 10 Rubel monatlich. Leider aber kann die Werkstatt nur ein Kind einer Familie aufnehmen, so daß der Rest der Familie auf diesen einzigen Erwerb angewiesen ist. Das Hilfskomitee von Odessa entwickelt eine gleiche Tätigkeit. Es hat eine Werkstatt eingerichtet, wo junge Mädchen Schneiderei erlernen. Der Kurs dauert sechs Monate und die jungen Mädchen verdienen anfangs 30 Kopeken täglich. Wenn sie ausgelernt haben, so steigt ihr Verdienst bis zu 2.50 Rubel; aber sie sind verpflichtet, ihre Maschine selbst zu liefern, was oft für sie sehr schwierig ist Als ich die Werkstatt besuchte, land ich die jungen Mädchen recht fröhlich bei der Arbeit Der Ankauf von 10 Nähmaschinen bedeutet eine Ausgabe von 100 Pfund und würde die Arbeit von 20 anderen jungen Mädchen sichern. Diese Tatsachen beweisen das Elend der Juden in der Ukraine. Man muß sich die Frage stellen: „Wie leben denn eigentlich diese Unglücklichen und insbesondere die Deklassierten?" Einige von ihnen werden von ihren Familien im Auslande unterhalten. Ganze Dörfer werden von besser bemittelten Freunden unterstützt; an- NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH ■ IEN ll„ TABORSTRASSE Mr. 20a TEL R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN I REICHE AUSWAHL IN HIBRAIKA UND JUDAHCA I» oagluwbir und franzSsiscber Lltwratnr HONATSOEBUHR NUR S 3.— KEINE BAND GEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCH I dere verdankendie Fortdauer ihrer Existenz den Hilfskomitees. Der größte Teil aber stirbt vor Hunger. In Kieff war es herzzerreißend mit anzusehen, wie ehrwürdige Greise vor den Bäckereien stehen, in der Hoffnung, daß Glücklichere als sie ihnen eine Scheibe Brot geben werden, die sie als Zuschlag bekommen haben mögen. Frauen versteckten diese Scheiben in ihren Körben und eilten nach Hause, um dieses sehnsüchtig erwartete Brot ihren Kindern zu bringen. Da wo Entbehrung herrscht, wüten auch Epidemien. Der Typhus herrscht in verschiedenen Bezirken, wie in Minsk, Borisof, Bohruisk, Odessa, Mariupol und Kharkof, welche alle Mittelpunkte jüdischer Bevölkerung sind. Täglich fordert die schreckliche Krankheit neue Opfer. Aerztliche Hilfe ist dringend notwendig. Die Regierung beginnt nun, sich um die verzweifelte Lage der Juden zu kümmern. Eine spezielle Kommission ist in der letzten Zeit beauftragt worden, eine Untersuchung vorzunehmen. Hier ein Auszug aus ihrem Berichte: „Die wirtschaftliche Lage der Juden in den Städten, besonders in den kleinen, ist in der Tat schlecht Der Privathandel, der größtenteils in den Händen der Juden war, hat der drückenden Last der Steuern und anderer Maßregeln, die angenommen worden sind, um die Privatunternehmungen aufzulösen, sehr abgenommen. Die Aermsten unter ihnen sind ohne Lebensmittel, 80 Prozent Handwerker sind infolge des Mangels an Rohstoffen arbeitslos. Was die jüdische Jugend anbetrifft, so sind 80 Prozent unbeschäftigt und haben für die nähere Zukunft keine Arbeitsaussichten. Die Lebensbedingungen der Armen sind außerordentlich schwierig. Familien von fünf und mehr Mitgliedern wohnen in engen und finsteren Baracken ohne Dielen. Die Kinder sind abgemagert und unterernährt" Dieser Bericht, der nur auf die Ukraine Bezug hat, könnte sich ebensogut auf ganz Weiß-Rußland beziehen. Die Aussage des Herrn Frucht, eines angesehenen Landbesitzers, lautet: „Die Bevölkerung der kleinen Städte leidet Mangel an allem, es sterben viele Menschen. Kartoffeln sind die einzige Nahrung." Die Regierung versucht, einen Ausweg aus dieser schrecklichen Lage zu finden, sie hat aber bis jetzt nichts erreicht. Während einer Versammlung der Volkskommissäre der Ukraine, welche im Februar stattgefunden hat, wurden einige Bestimmungen angenommen, um den Juden der kleinen Städte zu helfen; aber aus verschiedenen Gründen ist bis jetzt noch nichts unternommen worden. Es ist eine Bestimmung angenommen worden, die das Londoner Hilfsfederation interessieren dürfte; die Forderung an das „Volkskommissariat für soziale Wohlfahrt", Maßregeln zur Verbreitung der Tätigkeit der Hilfskomitees in kleinen Ortschaften zu treffen. Diese Komitees werden von der Londoner Federation unterstützt und das Volkskommissariat hat eingewilligt, die von der Federation bestimmten Summen an die örtlichen Hilfskomitees auszuzahlen. Diese Komitees, in der Zahl von 230 erweisen unschätzbare Dienste, indem sie Krankenhäuser, medizinische Stiftungen, Hospize iür Greise, Volkssuppen, Leihanstalten unterhalten, mit Eßwaren, Heizung und Kleidung versorgen, technische Schulen stiften, ebenso wie Werkstätten für ältere Männer. In 1928 haben diese Komitees 635 Stiftungen kontrolliert und hier ist eine kurze Uebersicht ihrer Tätigkeit. 32 Hospize für Greise haben 879 Personen aufgenommen; 26 Volksküchen haben 6000 Personen ernährt; 300 Werkstätten haben 5500 Personen empfangen und Handwerksunterricht erteilt; 1 „home" hat 70 Personen beherbergt; 37 medizinische Stiftungen haben in 3,200.000 Fällen helfen müssen; 32 Apotheken haben 3,000.000 ärztliche Verordnungen verrichtet; 38 Anstalten mit X-Strahlen haben sich mit 21.000 Fällen beschäftigt; 141 Leihanstalten haben Anleihen bewilligt in der Summe von 300.000 Rubel; 22 Kinderanstalten haben 794 Kinder aufgenommen. In 1928 haben die Gesellschaften 145.000 Rubel Unterstützung an 49.000 Personen ausgegeben; Heizmaterial an 7000, Schuhwerk und Kleidung an 3600. Ein jeder, der ein Handwerk erlernt, bekommt von dem Komitee eine Karte, die ihm ermöglicht, Brot und Lebensmittel zu ermäßigten Preisen zu kaufen. In mehreren Städten hat das Komitee eigene Bäckereien und Produktengeschäfte. Es scheint mir notwendig zu sein, die Tätigkeit dieser Komitees auszubreiten, um es ihnen zu ermöglichen, ihre wachsenden Aufgaben zu erfüllen. Ich schließe mit diesem Ruf der Juden der Ukraine: „Wir bitten euch, uns zu helfen, so lange es nicht zu spät ist Laßt nicht die größte Zahl des Judentums umkommen. Die Hilfstätigkeit muft von jetzt an unternommen werden, — es Ist keine Zeit zu verlieren." London, April 1930. * » * In Wien weilt zur Zeit Herr Z H. Wachsm a n, ein bekannter Journalist, Mitarbeiter der belgischen und holländischen jüdischen Presse. Er ist hier im Auftrage der „Federation of Jewish Relief Organisations" (Federation der jüdischen Hilfsverbände) in London bemüht, eine Spezialaktion für die deklassierten Juden Rußlands durchzuführen. Es ist ihm bereits gelungen, mit der Kultusgemeinde, einzelnen großen jüdischen Verbänden und Privatpersonen in Verbindung zu treten, die sich der Aktion annehmen wollen. Voraussichtlich werden kommenden Sonntag die interessierten Kreise zu einer Besprechung in der Kultusgemeinde zusammentreten, um darüber zu beraten, wie die Aktion in die Wege geleitet werden kann. Die „Federation" hat in ihrer zehnjährigen Tätigkeit für die Judenheit Osteuropas, insbesondere Rußlands, sehr viel geleistet. Nach ihrem letzten Jahresberichte hat sich die Summe der von ihr ausgegebenen Hilfsgelder auf 29.000 Pfund belaufen. Die hier angeregte Aktion ist nur auf das wärmste zu begrüßen. Aus dem Wiener Kultusvorstand. Dienstag, den 29. v. M. fand eine öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes unter Vorsitz des Präsidenten Prof. Dr. A. Pick statt Vor Eingehen in die Tagesordnung gedachte der Präsident, während die Anwesenden sich von den Sitzen erhoben, in sehr warmen Worten des kürzlich verstorbenen Kultusvorstehers David Dohan, der mit seinem ganzen Herzen an der Wiener Kultusgemeinde gehangen und dessen echt jüdische Liebe zu den Armen ihm die Herzen unzähliger Glaubensgenossen gewonnen. In vielen Kommissionen der Gemeinde hat der Dahingegangene überaus wertvolle Arbeit geleistet, besonders hob der Präsident die Verdienste Dohans um das Versorgungshaus hervor. Prof. Dr. A. Pick teilte ferner mit. daß Herr Emil Engel, der seit dem Jahre 1924 dem Kultusvorstande angehörte und in mehreren Kommissionen und Kuratorien sehr ersprießlich tätig war, sein Mandat niedergelegt habe. Der Präsident dankte ihm für seine Wirksamkeit im Vorstande und gab im Namen'äller der besonderen Freude darüber Ausdruck, daß die neue Tätigkeit in der Gemeinde Herrn Engel Gelegenheit geben werde, seine großen Fähigkeiten zu beweisen. An Stelle der beiden genannten Vorsteher wurden die Herren Edmund Hof mann und Obermedizinalrat Dr. Heinrich Haase in den Kultusvorstand berufen, die Präsident Prof. Dr. A. Pick herzlich begrüßte. Im Einlaufe befanden sich: Eine Spende von S 1400.— für 19 jüdische Pürsorgeinstitutionen, welche „von einem Juden aus dem III. Bezirke" gewidmet wurden. Anonym und ohne jedes Begleitschreiben sind S 100.— als Spende für die Versorgungsanstalt eingelaufen. Anläßlich der Gottesdienste am Pessach wurden von den zur Thora Gerufenen zahlreiche Spenden für wohltätige Zwecke und Vereine gewidmet Dankschreiben sind eingelangt: Von Prof. Max Neuburg e r für die Beileidskundgebung anläßlich des Ablebens seiner Gattin. Von Frau Lina H e 11 m a n n anläßlich der Gratulation des Kultusvorstandes zu deren 80. Geburtstag. Vom Schriftsteller Julius Bauer für die Gratulation anläßlich seiner Goldenen Hochzeit Das Komitee zur Ehrung des Schriftstellers D. I. Silberbusch dankt für die dem Genannten anläßlich seines 75. Geburtstages bewilligte Ehrengabe der Gemeinde. Der Vorstand des Israelitischen Frauenwohltätigkeitsvereines im I. Bezirk bringt seinen wärmsten Dank für die Aufnahme seiner unvergeßlichen Präsidentin, Frau Baronin Charlotte Königswarter in die Haskarah des Stadttempels zum Ausdruck. Von einem angesehenen Gemeindemitgliede, dessen Mutter in der Versorgungsanstalt der israelitischen Kultusgemeinde untergebracht war und daselbst kürzlich im SO. Lebensjahre gestorben ist. ist ein Dankschreiben eingelangt in welchem dieses

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