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Die Wahrheit · 1930-05-02 · Heft 18 (2.5.1930) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 18 (2.5.1930)
Date
1930-05-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT * * müssen, daß s5ch Dreyfus in seiner Haltung mit den Royalisten im gleichen Lager befinde — eine geradezu groteske Vorstellung — und daß er (Torres) der Ansicht sei, die Affäre Dreyfus gehöre nicht dem Colone! allein, eine so tragische Rolle er darin auch gespielt habe, sortdern auch jenen, die für ihn gekämpft und gelitten hatten, wie Clemenceau,Zola, Labori und Picard. Es wäre überflüssig, feststellen zu wollen, wessen Standpunkt in der Affäre der „Affäre" der röchtigere ist, der des freiheitlichen Deputierten, der der Ansicht ist daß diese traurige Lektion nicht genug popularisiert werden könne, oder die des Colonels. der findet daß er sich durch seSne Leiden mindestens Anspruch auf Ruhe verschafft habe. Ohne Zweifel ist, daß das Stück, das in Paris nicht „Die Affäre Dreyfus", sondern kurz „Die Affäre" heißen soll, Signal zu Kämpfen geben wird, die kaum eine hohe Zahl von Aufführungen garantieren d^TTten. In diesem Falle sind es die Radaumacher, die Recht behalten, welcher Partei sie auch immer angehören. Man erinnert sich der Kurzlebigkeit des Stückes „Carcasse". das einen General nicht gerade als Ehrenmann schilderte und das die Leitung der Comedie f rancaise abzusetzen gezwungen war, weil die Royalisten Abend für Abend mit Klaxons, Stinkbomben und Signalpfeifen manifestierten. Das gleiche Schicksal fand Czinners „Napoleon", das den Gefangenen von Elba zeigte, wie er vermutlich in dieser Epoche gewesen war, als einen grantigen, cholerischen, leidenden Menschen, den seine Leberschmerzen mehr interessierten als das Schicksal Europas. Auch hier Geheul und Pfeifkonzert der Naiven, die sich vorstellten, er seä jede Stunde seines Lebens heroisch und großartig gewesen und habe sich auch in den peinlichsten und kleinlichsten Situationen anders benommen als gewöhnliche Sterbliche. Wenn sich die Blauhemden schon für Napoleon schlügen und für eftien imaginären General — was wird es erst für Kämpfe geben um ein Ereignis, dessen Nachwirkungen noch immer fühlbar sind? Das Theater, in dem die „Affäre" aufgeführt werden soll, wird gut daran tun, sich um besondere Sicherheitsmaßnahmen zu kümmern. Ebenso die Polizei. Denn die beiden gegnerischen Heere dürfen schon längst ihren Schlachtpian entworfen haben. („Der Tag.") * Wie wir dazu erfahren, wird die Dreyfus- Affäre dieser Tage 5n Paris zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion gemacht werden. Henry Torres hat in einem offenen Briefe dem Royalistenführer Daudet vorgeschlagen, eine öffentliche Disputatlion über das Thema stattfinden zu lassen. Daudet und Torres sollen je eine Stunde Redezeit erhalten und dann noch einmal eine Viertelstunde zu Wort kommen, um die Ansichten des Gegners zu widerlegen. Vier Schiedsrichter sollen das Ergebnis des Rededuells feststellen. Immerhin ein recht interessanter Versuch. * Ein Brief von Alfred Dreyfus an Bruno Weil Oberst Alfred Dreyfus richtete an Dr, Bruno Weil, Vizevorsitzenden des Centmal-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und Verfasser des soeben im Verlag Dr. Walther Rothschild. Berlin, erschienenen Buches „Der Prozeß des Hauptmannes Dreyfus", auf die Mitteilung über das Interesse, das Dr. Weils Vorträge erregten, ledn Schreiiben, das im deutscher Uebertragung Hautet: -Sehr geehrter Herr! Ich danke Ihnen vielmals für die Uebersendung des kurzen Berichtes des Vortrages, den Sie gehalten haben und von dem ich schon zahlreiche Auszüge in den französischen Presse gelesen hatte. Jeder Beitrag zur Bekundung der Wahrheit kaum nur dazu dfenen, alle Umstände aufzuklären, die das Werk der Gerechtigkeit betreffen, das so glücklich zu Ende geführt worden ist. Ihne Darstellung Uefert hierzu einen Beweis. Wollen Sie gefälligst den Ausdruck meiner ausgezeichneten Gefühle genehmigen. Alfred Dreyfus." Ein Programm des Friedens. Die Jerusalemer Gesellschaft Brith Schalom, an deren Spitze bekanntlich der Kanzler der hebräischen Universität, Dr. J. L. Magnes steht, veröffentlicht soeben ihr Programm, das auch für Nichtzionisten recht interessant ist Es lautet im wesentlichen: Die Politik der Gesellschaft Brith Schalom basiert auf dem zionistischen Programm, wie es durch die Baliour-Deklaration und in dem Mandat zur Errichtung eines Nationalheims für das jüdische Volk in Palästina anerkannt ist. Die Politik des Brith Schalom basiert ferner auf der vom Zionistenkongreß im Jahre 1921 angenommenen Resolution, in der „feierlich der Wunsch des jüdischen Volkes, kundgetan wird, mit dem arabischen Volke in Beziehungen der Brüderschaft und gegenseitigen Achtung zu leben und zusammen mit dem arabischen Volke das beiden Völkern gemeinsame Heimatland zu einem blühenden Gemeinwesen zu entwickeln zur Sicherung des Wachstums beider Völker". Die Gesellschaft ist der Meinung, daß Palästina weder ein jüdischer Staat noch ein arabischer Staat, sondern ein bi-rassischer Staat sein sollte, in dem Juden und Araber — ohne daß ein Unterschied zwischen Mehrheit und Minder he it gemacht wird — die gleichen zivilen, politischen und sozialen Rechte genießen sollen. Die beiden Völker sollten, jedes unabhängig in der Verwaltung ihrer internen Angelegenheiten, aber vereinigt in ihren gemeinsamen Interessen sein. Die Gesellschaft ist der Meinung, daß eine der für die Realisierung des Zieles des Zionismus wesentlichen Bedingungen die Schaffung eines Uebereinkommens zwischen Juden und Arabern über die zukünftigen politischen Beziehungen in dem zu erbauenden Palästina ist, sowie über die Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern in der Zeit, während der die Schaffung des gemeinsamen Landes noch im fortschreitenden Werden ist Die Gesellschaft ist der Meinung, daß die Schaffung eines palästinensischen bi-rassischen Staates nur vollzogen werden kann bei einer entsprechenden Entwicklung beider Völker: einerseits durch jüdische Einwanderung, anderseits durch eine Besserung der wirtschaftlichen und kulturellen Lage der Araber. Eine Zusammenarbeit zwischen Juden und Arabern tut in allen Angelegenheiten not, die, das gemeinsame Heimatland angehen; an die Stelle eines rassischen Antagonismus sollte eine palästinensische Politik treten. Die Gesellschaft tritt für die allmähliche Entwicklung von Selbstverwaltungsinstitutionen in Palästina ein. die dazu angetan sind, die Bürger dieses Landes in der Verantwortlichkeit der Selbstregierung zu erziehen und auf diese Weise zu ermöglichen, daß die gemeinsamen Interessen von Juden und Arabern in der Landesverwaltung vertreten sind. Die Gesellschaft befürwortet die Aufnahme von Palästinensern in die den Regierungs- Departements angegliederten beratenden Ausschüsse, wie Eisenbahn-Ausschuß, Hafen-Ausschuß, Wegebau-Ausschuß und Ständige Kommission für Handel und Industrie. Die Gesellschaft befürwortet ferner die Entwicklung des Systems der Munizipalregierung in gemischten jüdischarabischen Gebieten und tritt für eine baldige Revision der Munizipälgesetze und der Methoden der Munizipalverwaltung ein. Die Gesellschaft ist der Meinung, daß die Interessen sowohl der Juden als auch der arabischen Steuerzahler in dem jetzigen Gesetzgebungssystem nicht angemessen geschützt sind. Die Gesetzgebung Palästinas sollte auf eine repräsentative Basis gestellt werden, vorausgesetzt, daß kein Schritt getan wird, um die Durchführung des Mandates in allen seinen Bestimmungen zu verhindern. •*■ Die Gesellschaft begrüßt es, daß die Jewish Agency die dringende Notwendigkeit freundschaftlicher Beziehungen zwischen Juden und Arabern anerkannt hat. Die Gesellschaft empfiehlt eine Intensivierung der landwirtschaftlichen Ausbildung von Juden und Arabern, die Schaffung von landwirtschaftlichen Krediterleichterungen für Juden und Araber, die Ausdehnung der kooperativen Kreditgenossenschaftsbewegung auf das arabische Gebiet. Steuererleichterung auf landwirtschaftlichem Gebiet für Juden und Araber, Annahme eines gemeinsamen Programms für landwirtschaftliche Forschung seitens der Regierung und der Juden und Veröffentlichung der Ergebnisse dieser Forschung in hebräischer und in arabischer Sprache. Die Gesellschaft ist der Meinung, daß die Ansiedlung von Juden auf Arabern abgekauftem Boden unter folgenden Formen sich vollziehen soll; diejenigen früheren Pächter und rechtmäßigen Ansiedler, die dies wünschen, sollen Bodenkleinbesitz erhalten, wobei die Kosten zum Teil durch die gemäß der Pächterschutzverordnung erhaltene Entschädigung gedeckt werden sollen. Landeigentümer, die einen Teil ihres Bodens an Juden verkaufen, sollen darin unterstützt werden, den Rest ihres Bodens durch geeignete Investierung des aus dem Verkauf erhaltenen Geldes intensiv zu kultivieren. Die Gesellschaft befürwortet die Wiedererrichtung eines Regierungs-Departements für Handel und Industrie, die Gründung einer vereinigten Föderation jüdischer und arabischer Fabrikanten und die Wiedererrichtung vereinigter jüdischer und arabischer Handelskammern in Jaffa und Haifa. Die Gesellschaft regt an, daß die Kampagne für Verwendung palästinensischer Produkte so geführt werden solle, daß jüdische wie arabische Kreise aufgefordert werden, jüdische wie arabische Produkte zu kaufen. Die Gesellschaft billigt die Politik der Allgemeinen Jüdischen Arbeiter-Föderation, die in der Bildung gemeinschaftlicher jüdischer und arabischer Gewerkschaften ihren Ausdruck findet, und ist der Meinung, daß die Gesamtzahl der durch die Regierung beschäftigten Arbeiter und Angestellten jeder Gemeinschaft annähernd im Verhältnis zur Größe der Gemeinschaft stehen soll. Die Gesellschaft mißbilligt den Ausschluß jüdischer Arbeiter aus arabischen und arabischer Arbeiter aus jüdischen Unternehmungen. Sie empfiehlt die Festsetzung eines Minimallonnes, um jüdische wie arabische organisierte Arbeiter vor der Konkurrenz Nichtorganisierter zu schützen. Die Gesellschaft empfiehlt eine Zollpolitik, die die Bedürfnisse einer in der Entwicklung befindlichen Industrie, die Wirkung hoher Zölle auf importierte Fertigwaren auf die Lebenshaltung und die Wirkung niedriger Zölle auf importierte landwirtschaftliche Rohmaterialien auf die heimische Landwirtschaft in Rücksicht zieht Die Gesellschaft schlägt vor, daß ein vorbeugender Gesundheitsdienst in jüdischen wie in arabischen Gebieten durch die Regierung eingerichtet wird, und daß der Hospitaldienst allmählich auf die lokalen Behörden übertragen wird. UFA-TON-KINO =ü Wien II., T a b o r i I r a B e 8 Telephon R 42-3-41 Ab Freitag, den 2. Mai Der erste 100 prozentige deutsche Krlmlnal-Sprediilim aus der Unterwelt Berlins DER llOCR Regie: JOHANNES MEYER Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn, und Feiertagen ab 4 Uhr Iii Die Gesellschaft empfiehlt die Erhaltung des jüdischen Unterrichtswesens durch jüdische Körperschaften unter Regierungskontrolle und die allmähliche Einrichtung eines gleichen Systems für das arabische Unterrichtswesen. Den lokalen Unterrichtskomitees soll - größere finanzielle und administrative Verantwortung gegeben werden. Eine beratende Kommission von Juden und Arabern soll dem Unterrichts-Departement der Regierung angegliedert werden. Die Gesellschaft empfiehlt ein vermehrtes Studium des Arabischen in den hebr äi seilen Schulen und -Begünstigung der Erwerbung der Kenntnis des Hebräischen durch Araber. Die Gesellschaft schlägt die Gründung eines Instituts zur Vorbereitung von jüdischen und arabischen Kandidaten für Anstellungen bei der Regierung vor, in welchem für alle Studenten das Englische, Arabische und Hebräische als Unterrichtssprache gelten soll. * * * Der Kampf gegen J. L. Magnes. In der Berliner zionistischen „Jüdischen Rundscha u" befaßt sich Dr. Robert Weltsch mit der Position von Dr„ J. L. Magnes, Kanzler der hebräischen Universität in Jerusalem, dessen "Broschüre „Wie alle Völker?" nunmehr auch in einer deutschen Ausgabe vorliegt. Man kann, schreibt Dr. Weltsch, über die Anschauungen von Magnes verschiedener Meinung sein, man kann sie für richtig oder falsch, für nützlich oder schädlich halten; es sind gewiß tiefgehende Probleme, einer, ernsten Diskussion wert, die wohl auch weiter wird geSührt werden müssen. Aber auch die Gegner von Magnes werden wohl in ihrer großen Mehrheit die Formen verurteilen, zu denen der Kampf gegen ihn jetzt herabgesunken ist. Man fragt sich immer verwunderter, wo wir eigentlich stehen. Ist wirklich der Geisteszustand' des heutigen Zionismus ein solcher wie im Deutschland der Kriegsjahre? Haben wir alle schon vergessen, was wir damals empfanden? Soll auch bei uns Unduldsamkeit, Terror gegen jede abweichende Meinung, „patriotische" Pöbel ei einreißen? Wofllen wir zulassen,, daß unreife Studenten, verhetzt von den täglichen Demagogien einer nationalistischen Presse, in Jerusalem die Methoden einführen, die wir in anderen Ländern so oft mit Recht verurteilt haben? Wenn Studenten das Recht haben, über die Würdigkeit und nationale Zuverlässigkeit des Kanzlers der, Universität „abzustimmen", dann kann man dieses Recht auch den völkischen Studenten, die keine jüdischen Professoren wollen, nicht absprechen. Daß die palästinensische Oeffenrlichkeit das Benehmen der Studenten nicht als einen Schlag ins Gesicht der jüdischen Nation empfindet, erfüMt uns mit Schrecken. Denn wir erinnern uns zu genau unserer eigenen Gefühle, wenn Teile der deutschen OeffenÜichkeit ihre „nationalen" Studenten als eine Art Heiden feierten. Dr. Weltsch bezweifelt die Richtigkeit des von der ITA verzeichneten Gerüchtes, wonach Dr. Magnes zu resignieren beabsichtigt und schreibt: Das Eine ist sicher: ein Rücktritt von Magnes in diesem Moment und unter dem Dratck dieser Agitation wäre eine schwere Diskreditierung des Zionismus. Die OeffentJiohkeit, besonders der englisch-sprechenden Länder und vor afflem Amerikas, soweit sie sich überhaupt für Palästina interessiert, hat die Kampagne gegen Magnes mit wachsendem Befremden verfolgt; sie zieht daraus Schlüsse auf das Wesen und die Ziele dies Zionismus, und ein Rücktritt von Magnes würde eine Deutung erfahren, die niemand wünschen kann. Aber auch die Folgen für die Universität selbst und für die ganze Palästina-Arbeit können sehr unerwünschte sein. Dr. Weltsch findet es unbegreiflich, daß die Zionistische Exekutive, die zweifellos die Macht hätte, durch ein energisches Wort - der Kampagne ein Ende zu machen und z. B. die Studenten in ihre Schranken zu weisen, zu all dem schweigt Die Exekutive kann die Anschauungen Magnes' bekämpfen, das wird niemand mißdeuten; aber Kampf me thoden wie die in diesem Fall in manchen Kreisen des Zionismus eingerissenen, deren Hau p t i ns t r u m en t die Entstellung der Meinung des Gegners ist, hätten nicht zugelassen werden dürfen. Und gerade weil die Exekutive anderer Meinung ist als Magnes, hätte sie — im Interesse des Zionismus — Fairriess als eine Grundbedingung des Kampfes allen Zionisten zur, Pflicht machen müsen. Dies aussprechen heißt keineswegs für Dr. Magnes Partei nehmen, sondern die Imponderabilien eines solchen innerpolitischen Kampfes in Rechnung stellen, der sonst auf der abschüssigen Ebene noch weiter abgleiten könnte.

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