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Die Wahrheit · 1930-05-02 · Heft 18 (2.5.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 18 (2.5.1930)
Date
1930-05-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite Seidener, Tel Aviv, bietet folgende bezeichnende Reminiszenz, bezeichnend-auch wegen ihres Ausblickes in die traurige Gegenwart mit ihrem modernen „Charter": „EinmaJ wies ich auf die Feindseligkefiten der arabischen Bevölkerung hin, durch die den jüdischen Siedlungen viel Schaden zugefügt werde. Das bekräftigte nur sein Widerstrehen gegen die Infiltration, gegen düe charterlose Ansiedtung. Et glaubte, daß mit einem Charte» solche lokale Schwierigkeiten aus der Welt geschafft werden könnten. Die Türken, welche als Hauptpartner rm Charter gedacht waren, sind auch ohne Charter vom KampffeWe verschwunden, die Araber jedoch sind auch mit dem heutigen Charter — der „Deklaration" — dageblieben und sind nichts weniger als eine quantite negligeabk." Alle übrigen Fragen, denen die heutigen Zionisten so viel ungebührende Aufmerksamkeit schenken, verschwanden bei Herzl gegenüber der Wichtigkeit der Kolonisierung; er lehnte solche Probleme entweder ab oder neglegierte sie. So erging es den Kulturzionisten, die sich Herzl mit voller Begeisterung angeschlossen hatten, deren Bestrebungen ihn aber ganz kalt ließen. In den Berichten seiner Zeitgenossen finden sich manch wehmütige Betrachtungen darüber: „Ate ich Herzl über die hebräische Kulturbewegung in Rußland erzählte, entgegnete mir Herzl: „Ach. ich wäi ja nichts über den Stand der kulturellen Dinge in Rußland wissen, mich mteressilert jetzt der Stand der zionistischen Bewegung! Wie viel Schekalim wurden verkauft? Nur durch die Zahl der SohekaKm läßt sich der Stand unserer Bewegung feststellen, ob unser mehr oder weniger geworden sind." Diese Worte Herzte verwunderten rräoh und ich hätte {hm gerne erklärt, wie sehr meine Anschauung über die hebräische Kulturbewegung sich von der seinen unterschied." (Hille! Zlatopolsky, Paris.) „Die Verhandungen zwischen den Kulturiqjmmissionen und Herzl glichen klappernden Miühlen. die nicht mahlen. Keiner unserer Wünsche wurde erfüllt, die auf unsere Arbeit .bezüglichen Kongreßbeschlüsse wurden nie ausgeführt, der hebräische Sprachverein, dessen Statut der zweite Kongreß einstimmig beschloss, ist rria ins Leben getreten. Herzt, der Einzige und EigenwtBge, wollte nicht — und es geschah rricM" (Oberrabbiner Dr. M. Ehrenpreis, Stockholm.) Es war nur folgerichtig, daß Herzl auch das schon damals von Weizmann geförderte Projekt einer Universität in Jerusalem ablehnte, wie Nationalrat Dr. D. Färb st ein, Zürich, erzählt. Hat er doch sogar über die Möglichkeit einer Verständigung in hebräischer Sprache in seinem „Judenstaat" ein äußerst abfälliges Urteil gesprochen, indem er meinte: „Wir können doch nicht hebräisch miteinander reden. Wer von uns weiß genug Hebräisch, um in dieser Sprache ein Bahnbillet zu verlangen?" Am stärksten dürfte es unsere modernen Zionisten enttäuschen, daß Theodor Herzl auch für ihren Augapfel, den jüdischen Nationalismus, herzlich wenig übrig hatte. Nahum Soko- 1 o w, sicher ein ganz genau Versierter, stellt dies mit tiefer Betrübnis fest, indem er sich wie folgt äußert: „Die jüdische Eigenart ist im Religiösen kfan vorhanden: sie genügt für eine Religionsgenossenschaft, sie genügt nicht für eine auftretende Nationalität. (Dann läßt man eben die „Nation" nicht „auftreten". O. H.) Letztere braucht außer religiöser auch nationale Eigenart. Wir haben die Empfindung (wohlgemaiikt; nur die Empfindung, nicht d£e Ueberzeugung! O. H.). daß diese Eigenart vorhanden ist. Unsere Aufgabe aber ist es, diese Eigenart unserem Volke zum Bewußtsein zu Wringen; dies ist aber nur dann möglich, wenn wir sie präzise bestimmen können. (Und wenn diese „präzise Bestimmung" mißlingen sollte? 0. H.) Was ist — neben dem Religiösen und in dem Religiösen — national-jüdisch, was haben wir schon so gründlich assimiliert, daß wir es ohne Schaden für das . eigene Gut behalten können? Absoluter Purismus ist bei diesem Problem, wie bei jedem anderen, unerreichbar. Man muß mit notwendigen Wechselwirkungen rechnen. Man muß, auch wenn man noch so radikal sein sotfte, gewisse Konzessionen machen. (Diese „Konzessionen" werden bei den durch den heutigen Stand der vielgelästartten Assimüatton erklärlichen „Wechselwirkungen" sehr große setin. 0. H.) Aber wo ist" die Grenze? . . . Für diese Probleme hatte Herzl wenig Sinn und hierauf beschränkten sich dfe Meinungsverschiedenheiten, die uns oft getrennt und auf die Herz in seinem im Sephen ha-Jobel abgedruckten Schreiben Bezug nimmt. Wie oft sagte er mir: „Ihr wollt einen Eimer voll Wasser ohne den Elmer!" Er wollte alle Energie auf die Erlangung dar Heimstätte gerichtet sehen." In diesem Zusammenhang mag auch eine treffende Bemerkung Nahum Sokolows wiedergegeben werden, die sich gegen unsere „Herzlianer" richtet: „Die Neuen, für die die ganze Herzl-Epoche ein Buch mit sieben Siegeln darstellt, sprechen vom verlorenen Paradies der allmächtigen Autorität und der attraktiven magnetischen Kraft der Judenstaatsparole. Leider haben sie nie gehört, oder das zufällig Gehörte vergessen. Sie wissen nicht einmal, daß Hanzl kraft seiner ganzen Autorität und mit seinem NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN IL, TABORSTRASSE Nr. 20» TEL R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN I REICHE AUSWAHL IN HIBRAIKA UND JUDAIKA h> englisch« und frauBstechM- Uteratar MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BAND GEBÜHR! TÄGLICHERUMTAUSCH 1 ganzen integralen Zionismus leider anstatt der 2 Millionen Pfund, die er vom Volke verlangt hatte, etwa nur den Masser (den zehnten Teä) bekam. Welche Erschütterungen hat er durchlebt!" Und ein anderer, Ing J. S e i d e n e r, Tel-Aviv, erklärt kategorisch: „Wem würde es sogar heute noch, nach der Baliour-Deklaration, einfallen, vom Judenstaate zu sprechen!" Genug über den Politiker, befassen wir uns nun etwas näher mit dem Menschen Theodor Herzl. Manch schöne Züge wissen seine Zeitgenossen von ihm zu berichten; wir wollen einige herausgreifen, die den Gegensatz zwischen ihm und seinen Epigonen besonders deutlich illustrieren. Prof. Artur Freud, Wien, lobt die menschliche WürdeHerzls. indem er folgende Reminiszenz schildert: „Eine die zionistischen Studenten herabsetzende Aeußereng des damaligen Kultusgemeindepjiäsidenten, eines bekannten Wiener Großindustriellen, weckte unsere helle Empörung und ich entlud sie in eftiem jugendlich aufbrausenden Artikel in unserem damaligen radikalsten Organ, der Brünner „Jüdischen Volksstimme". Das offizielle zionistische Organ, ,J3ie Weh", aber brachte m ihrer nächsten Nummer über Herzls Auftrag eine Notiz, welche diesen Aufsatz als private Meinungsäußerung bezeichnete, also einem Desavoue gleichkam. Herzl war stets darauf bedacht, auch Jm schärfsten Kampfe mit dem Gegner die menschliche Würde zu* wahren." Ob man das von seinen Nachfolgern auch sagen kann, möchten wir einigermaßen bezweifeln. Wir finden es zum Beispiel empörend, daß ein Herr Dr. B. Men to r, Wien, es für passend hält, in dem Buche „Zeitgenossen über Herzl" Dr. J. S. Bloch s. A., den überaus verdienstvollen Apologeten des Judentums, als einen „journalistischen Handlanger der Wiener Kehilla" zu bezeichnen, und können Herrn Dr. T. Nussenblatt, den Herausgeber des Buches, nicht von einer Mitschuld freisprechen, die darin fegt, daß er diese ganz ungeheuerliche Behauptung unzensuriert ließ. Von dem Verlage selbst sind wir ja ähnliche Entgleisungen nachgerade schon gewöhnt. Noch eine bemerkenswerte Eigenschaft Herzls sei hier nach dem Berichte von Dr. Julian Sternberg, Wien, aufgezeigt: „Er hat Gegenargumente vertragen. Hat sie mit heißem Mühen zu entkräften versucht, hat nie verfangt, daß man unkritisch hinnehme, was seiner Ueberzeugung entsprossen war. Nur eines hat Herzl nie geduldet. Das war der schale, der oberflächliche Witz, mit dem die Vielzuvielen sich über die Dasetnsfinagen seines Volkes hinwegsetzen zu können glaubten. Ich entsinne mich, wie er einmal in der Redaktion der „Neues Freien Presse" auf den Tisch schliug, daß das Tintenfaß sich bäumte und im heiligen Zorn ausrief: „Die Witzigen, dfe nichts als Witzigen, sind der Fluch Israels!" Auch hier fällt ein Vergleich mit den Epigonen Herzls zu Ungunsten der letzteren aus. Es gibt unter ihnen so viele, die glauben, „zwischen den Zeilen" witzig sein müssen, und nicht merken, wie sie dabei ihrer selbst spotten. Nahum S o k o 1 o w spricht (s. oben) von den „Erschütterungen, die Herzl durchlebt". Eine große Enttäuschung ist dem Vater Herzl erspart geblieben, die Taufe des geliebten Sohnes. Maria Stona, Schloß Trzebowitz, weiß von einer Zukunftshoffnung Herzls zu berichten, die nicht in Erfüllung ging, weil der Vater starb, der Sohn aber dem Glauben des Vaters untreu geworden ist. Maria Stona schreibt: „Er schilderte mir einmal die Straßenzüge von Zion, die Verkehrsmöglichkeiten, Lichtwege, moderne Einrichtungen und sagte vor sich hinsinnend: .Ich hoffe, daß mein Sohn einmal in dieser neuen und auf den besten Fundamenten aufgebauten Stadt m vollem Glücke leben wird . . .* Unser Streifzug durch das Leben und Wirken Theodor Herzls an Hand des Buches, das seine und unsere Zeitgenossen über ihn geschrieben, ist zu Ende. Der Leser vermag sich wohl auf Grund der hier wiedergegebenen kurzen Auszüge ein Urteil über das von Dr. T. Nussenblatt edierte Herzl-Buch zu bilden. Es ist tatsächlich recht interessant und lesenswert. Man wird gemerkt haben, daß das größere Kontingent der Mitarbeiter Wien und Palästina stellt, wobei hier neuerlich betont sei, daß die Auswahl ohne Rücksicht auf Sympathie oder Antipathie zum Zionismus getroffen wurde, auch die Zionisten haben, wie wir sahen, sich kein Blatt vor dem Mund genommen. Auffällig ist, daß der Präsident der zionistischen Weltorganisation, Chaim Weizmann. mit keinem Beitrag vertreten ist. Dafür finden sich gan? prominente Männer unserer Zeit ein, nnter anderen sogar der frühere König von Bulgarien, Perdinand I. Mancher Artikel hätte füglich weggelassen werden können, so die Erzählung eines Senators, der als „eine Erinnerung für viele" toine bessere wiederzugeben weiß, als daß er Herzl einen Schnorrer cmpiahl. der dem Vielbeschäftigten kostbare Zeit wegnahm, weshalb sich Herzl mit Recht beschwerte. Oder welche Eigenliebe liegt in der Feststellung eines Mitarbeiters, daß es bessere Porträts seiner Person gebe als eine Karikatur, die Herzl von ihm machte. Gerade am heutigen Gedenktage ist das von .besonderer Stichhältigkeit, was in dem hier besprochenen Buche Prof. Dr. J. Moses, Mannheim, schreibt: „Mit dem letzten derer, die mit und um Herzl lebten, werden die Erinnerungen persönlicher Natur schwinden und den Nachfahren werden in dem Bilde die Züge des rein Menschlichen, das sich uns Weggenossen in seiner ganzen strahlenden Wärme offenbarte, fehlen." Oskar Hirschfeld. NeFbet undseFbFBitBt .DIb RglirbBit* t Die „Affäre". Seit einigen Wochen wird der Pariser Advokat und Deputierte Henri Tor res der regsten Aufmerksamkeit von serten der royalistischen Jugend gewürdigt. Wo immer er sich zeigt, wo immer er spricht, ist ein Trupp junger Leute da, die seine Worte mit ä bas-Rufen, Pfiffen und Autohupengeheul begleiten. Diese treue Gefolgschaft gilt weder dem Deputierten Torres noch dem Advokaten, der, um nur einige aus der langen Reihe zu nennen, der Verteidiger Colonel Maccias in der katalonischen Verschwörungsaffäre und der Verteidiger Schalom Schwarzbarts war. Es ist Torres, der Autor, der ausgepfiffen und überschrien wird, oder genauer gesagt, der Mitautor, Ueberarbeiter des Herzogschen Stückes „Die Affäre Dreyfus", das noch in dieser Saison in Paris zur Aufführung gelangen soll und das so mancherlei Ueberraschungen verspricht Man weiß, daß für die RoyaTisten, die Actionfrancaise-Leute, die Daudet-Anhänger, die Affäre Dreyfus den gleichen Aspekt hat wie etwa zu der Stunde, da man das berühmte „borderau" auffand. Das heißt, daß für sie der Kapitän Dreyfus schuldig und efn Landesverräter ist den nur niederträchtige Machinationen der Antimilitaristen und Freimaurer zu einem Märtyrer umschminken konnten. An die „Affäre" zu rühren, heißt noch immer, sich mit einer brennenden Zündschnur einem Pulverfaß nähern, und sie darzustellen, wie es im Herzogschen Stücke geschieht, in ihrem ganzen tragischen Irrtum, ist gleichbedeutend mit Hochverrat. Daß ein Deutscher gewagt hat die Affäre zu dramatisieren, mag noch hingenommen werden. Aber daß ein Franzose, ein Deputierter sich dazu hergibt die Umarbeitung zu besorgen und das Stück in Paris zur Aufführung zu bringen, das betrachten die jungen Daudets als eine Kampfansage. Torres hat beschlossen, vor der Umarbeitung eine Korrektur an der Rolle Schwartzkoppens vorzunehmen, die die Veröffentlichungen dar letzten Monate in einem neuen Lichte erscheinen lassen. Angeblich soll Colonel Dreyfus, der in Südfrankreich in größter Zurückgezogenheit lebt (zum letzten Male zeigte er sich bei der Anbringung1 der Gedenktafel an dem Sterbehause Zolas der Oeffentlichkeit), sowie seine Familie ihrem Unwillen über eine Aufführung der „Affäre" in Paris Ausdruck gegeben haben. Torres wurde befragt wie er sich zu dieser feindlichen Stellung Dreyfus' seinem Projekte gegenüber verhalte. Er antwortete, daß es ihn außerordentlich schmerzlich berühre, annehmen zu

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