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Die Wahrheit · 1930-05-02 · Heft 18 (2.5.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 18 (2.5.1930)
Date
1930-05-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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„In Paris wurde Herzl von seinem Schicksal ereilt. Er warn Augenzeuge der Degradation des angeblichen Verräters Dreyfus, an dessen Schuld damals niemand zweifelte, auch Herzl natürlich nicht Ihm fiel nur die Grausamkeit auf, mit der der Akt vollzogen wurde. Franzosen sind ja geborene Schauspieler und so lassen sie sich Keine Gelegenheit entgehen, alles in ein glänzendes Schauspiel zu verwandeln. Sie setzten auch Wer ihre ganze Bravour ein, den Zusehern war es ein glänzendes Fest, wie da zunächst ein Offizier den Säbel des Verräters zerbrach und dann den Reihe nach ein Feldwebel, ein Korporal und schließlich die Mannschaft dem Ehrlosen Stück für Stück die Zeichen seiner bisherigen Ehre entrissen und vor die FBße warfen. Herzl. der darin d5e verdiente Strafe des Verräters sah, wunderte sich nur im Stillen über die sichtliche Freude, mit dem die Strafe vollzogen wurde, fast als ob es ein Volksfest wäre. Warum freuen sich die Leute so? Die Frage ließ ihn nicht los und als das Schauspiel vorüber, der Verräter abgeführt die freudige Erregung aber noch auf allen Mienen zu lesen war, fragte Herzl, mit den Kollegen von der Presse s5eh entfernend, einen von Amen: .Warum freuen sich1 eigentlich die Menschen alle so? Der Verräter hat sein Schicksal verdient; ihm ist sein Recht geworden, aber, wie kann man sich freuen, wenn ein Mensch leidet auch mit Fug und Recht leidet? Er ist ein Verräter, abew auch ein Verräter bleibt immerhin ein Mensch!' Der Wiener Kollege sagte: ,Nein, das ist er eben für das Gefühl der Franzosen nicht, sie sehen keinen Menschen in ihm, sondern nur den Juden. Und wo der Jud anfängt, hört das christliche Mitleid auf. Das ist ungerecht, aber wir werden es nicht ändern, so war es immer und so wird es immer sein!' In diesem Augenblick wurde der Zionismus geboren. Herzl hat mir das selber oft genug erzählt." Wie immer, Herzl hat seinen „J u d e n s t a a t" geschrieben, der zu bekannt ist, als daß wir uns hier mit seiner eingehenden Analysierung befassen müßten. Wichtiger erscheint uns Herzls politische Tätigkeit als Führer der neuen zionistischen Bewegung. Er war, so sagen seine Zeitgenossen, nicht allzu leicht zu bewegen, diese Führerrolle zu übernehmen. Ing. J. Seidener, Tel Aviv, schreibt darüber: „Es kostete anfangs eine gewisse Mühe, Herzl zu bewegen, zu uns zu kommen und mit uns zu arbeiten. Seine Aufgabe betrachtete er mit der Herausgabe seines Buches als abgeschlossen. Die Ausführung seines Planes sollten Menschen des praktischen und des politischen Lebens übernehmen. Natürlich traute sich niemand an die Sache heran. Er sali das schließlich ein und kam. Die Führung ist von selbst in seine Hände übergegangen." Als er aber dann Führer war, da war er es mit einem ganz unglaublichen Ehrgeiz. Wir stellen dies ohne jede böse Absicht fest, denn auch wir meinen, daß dem wahren Führer eine recht starke Portion von Ehrgeiz eigen sein muß. Immerhin mag es aber interessant sein, zu beobachten, wie überschwängUch er und seine Weggenossen darüber dachten: „Ein Herzl konnte selbst dem Papst die hergebrachte Jiuldigung des Handkusses verweigern... Kein Wunder, daß Herzl während der ersten Phase seines Traumes daran glaubte, daß der Tag nicht fern sei, wo er als Gleicher unter Gleichen mit den Herrschern der Welt verhandeln würde. Napoleon scheint ihm oft vorgeschwebt zu haben, denn in einem Brief an Nordau schrieb er einmal: .Ich werde mein Volk nach Palästina führen, wie Napoleon seine Armee nach Italien, ohne Schuhe.' Und in dem früheren Teil seiner Tagebücher sprach er davon, daß der Exodus aus unsener Galuth den aus Aegypten unter Moses bei weitem in den Schatten stellen werde. Aber in jenen früheren Tagen schien ihm jedes Land der Welt gut genug zur Verwirklichung seiner Träume. Sogar Südamerika." (Chief Rabbi Prof. Dr. J. L. Landau. Johannesburg.) „Ich denke mär. daß auch dSe Flausten, vor denen er stand, empfinden mußten: Hier steht ein ungekrönter König! ich glaube, daß er in höherem Maße diesen erträumten Typus darstellte, als Kaiser Wilhelm, der König von Italien. Eduard VII.. Franz Josef und Alfons von Spanien." (Hermann Struck, Haifa.) Ist es allzu verwunderlich, wenn angesichts solcher Uebertreibungen Ansichten über Herzl wie die im folgenden wieder von Chief Rabbi Prof. Dr. J. L. Landau geschilderten entstanden: „Wir wissen, daß Herzls persönlicher Freund, Dr. Emil Schiff, ihn allen Ernstes für geisteskrank hielt und deshalb an das Wiener Postamt t&legraphisch die Bitte richtete, einen Brief Herzls an Doktor Güdemann nicht zuzustellen, aus Furcht, daß am nächsten Tag die ganze österreichische Metropole von der Nachricht, Herzl sei' wahnsinnig geworden, widerhallen möchte. Und Alexander Scharf, der bekannte Wiener Journalist, antwortete auf die Frage, ob er nicht auch etwas für die zionistische Sache tun wolle, daß er bereit seil seinen Wagen zur Verfügung zu stellen, sobald Herzls Freunde die Notwendigkeit einsehen würden, diesen ins Narrenhaus zu bringen. Derselben Ansicht waren auch Herzls R eäa k t i on'sko 1 legen von der Neuen Freien Presse." Nicht immer handelte Herzl seinen Mitkämpfern zu Gefallen. Univ.-Prof. G. B e 1kowsky, Tel-Aviv, vermag einen Beweis von seiner beinahe trotzigen Eigenart zu liefern, der ein ziemlich düsteres Licht auf Herzl warft: „Dank meüun guten Beziehunger. in Petersburg brachte ich in Erfahrung, daß Herzl sich um eine Audienz bei W. Plehwe — damals Minister des Innern 5n Rußland — bewarb. Nach den Judenmassakers in Kischinew im Jahre 1903 waren Plehwes Hände mit jüdischem Blute besudelt. Ich hatte Gelegenheit, mich davon zu vergewissern. Seine brutale Judenpolitik hat tausende jüdischer Existenzen .vernichtet Er ist zum Schrecken der Judenmassen und der zionistischen Bewegung geworden .. Ich erachtete es als meine heilige Pflicht, gleich nach Wien zu reisen, um Herzl ausführliche Informationen mündlich zu erstatten und ihm vor der Reise nach Petersburg energisch abzuraten ... Er verstand gleich, was mich in'dieser Jahreszeit — einen Monat vor dem Kongreß «*— dorthin gebracht hatte. Er blickte mich streng an. Ich setzte' ihm alles auseinander. Er ließ sich auf das Meritorium gar nicht ein und versuchte nicht einmal, mein tatsächliches Material zu widerlegen. Er sagte mk nun daß die Reise nach Petersburg eine festbeschlossene Sache sei, von der er nicht abkommen könne." Wie oft dürfte Herzl solch lästiger Vorstellungen überdrüssig geworden sein. Wie oft dürfte es ihn überhaupt gereut haben, an eine Lösung der Judenfrage geschritten zu sein, die ihm so starke und heftige Gegnerschaft — auch im eigenen Lager — eintrug. Zornesausbrüche, wie der im folgenden von Prof. Dr. M. Berkowisz geschilderte, sind bei Herzl gewiß wiederholt an der Tagesordnung gewesen: „Am widerwärtigsten war ihm der Kampf gegen Unwahrheiten, die man gegen ihn ins Treffen führte. S.SCHEM AKTIENGESELLSCHAFT WIEN l., Bauernmarhf Nr. 10-12-14 vu.t Martaniiiersiraoe Nr. QA (Ecke Zieglergasse) 5JV fEPPlCHE VORHÄNGE nODElSTOfFE ElNOftEUl»! DECKEN 6 rößle Auswart! t Billigste preise t / Eine solche-lag in der von Paris aus propagierten und hartnäckig behaupteten Meldung, die türkische Regierung hätte nach Herzls Auftreten verschärfte Maßnahmen gegen die Kolonisation in Palästina getroffen . . . Mit lauter, erregter Stimme forderte er mich auf, unverzüglich in den hebräischen Zeitungen zu erklären.: Dr. Herzl habe es nun satt, gegen Lüge und Gemeinheit zu kämpfen: er bedauere es lebhaft, den ,.J udanstaat" geschrieben undmit der Lösung der Jud'enfrage angefangen zu haben. Er wolle nichts mehr davon hören und wissen . . ." Am wichtigsten erschien Theodor Herzl bei seiner politischen Tätigkeit die Kolonisierungsmöglichkeit. Es ist bekannt, daß er hierfür nicht nur Palästina, sondern auch andere Ländereien ins Auge faßte, Projekte, die ihm die erbittertste Feindschaft der unentwegten Zionisten eintrugen. Er aber setzte sich für diese Pläne mit aller Vehemenz ein, insbesondere für El Arisch und Uganda, deren Anbot Dr. S. E. S o s k i n, Tel-Aviv, wohl nicht mit Unrecht als den „B eginn der Beziehungen zwischen dem Zionismus und England" bezeichnet. Wie sehr der Zionist Herzl für diese Pläne eingenommen war, geht aus dem hier schon mehrfach erwähnten, sehr interessanten Beitrag des Herrn Chief Rabbi Prof. Dr. J. L. Landau, Johannesburg, hervor: „Den Höhepunkt seines Ehrgeizes -erreicht« Herzl, als Chamberlain, der berühmte, und mächtige Kolonialminister Großbrittaniens, ihm zuerst El Arisch und darin Uganda zur Errichtung eines autonomen jüdischen Staates: anbot . . . Herzl setzte seine ganze Hoffnung auf das El Arisch-Projekt. Er unterließ es, von der Wiener Kultusgemeinde ein Grab für seinen Vaten zu kaufen, in den Hoffnung, daß er dessen sterbliche Ueberreste nach dem neuerrichteten jüdischen Staat werde bringen können. Jeder Nerv an ihm zitterte vor Erregung." Alles erwartete sich Herzl vom „Charter". Dieses Dokument, das er trotz aller Anstrengungen niemals erlangte, sollte, so meinte er, alle Schwierigkeiten beheben, auch die von den Arabern den eingewanderten Juden bereiteten. (Daß Herzl in seinem „Judenstaat" die Araber überhaupt nicht erwähnte, beweist seine Verkennung der Tatsachen in diesem Punkte.) Ing. J. Feuilleton Geschichte der jüdischen Aerzte vom frühesten Mittelalter bis zur Gleichberechtigung. Preisgekrönte Arbeit von Prof. Dr. Samuel Krauß, Wien, durchgesehen von Dozenten Dr. Isidor Fischer, Wien. Verlag der A. S. Bettelheim- Stiftung in Wien. Für den Buchhandel: Moritz Perl es. Wien und Leipzig. 1930. Es sei vor allem festgestellt, daß fleißiger Forscherarbeit berechtigter und wohlverdienter Weise des Preises Krone zuteil wurde. Wenn auch, bis auf die kulturgeschichtlich höchst wertvollen Ausführungen, solche Werke mehr das Gerüst eines großen Baues, als diesen selbst vor Augen führen, bleibt es großes Verdienst, durch richtige Auswahl nur einwandfreier Quellen, frei von jeglicher Uebertreibung und Beschönigung die interessante Materie übersichtlich und anregend wieder bearbeitet zu haben, was volle Anerkennung und weite Beachtung fordert. Um gleich bei den Quellen zu bleiben, werden in dem Werke die grundlegenden Arbeiten anerkannter Historiker dieses Spezialfaches, u. a. der bewährten Wiener Professoren Pribram. Neuburger sowie des Mitarbeiters Dozenten für Geschichte der Medizin, Dr. I. Fischer, aber auch Güdemanns Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der abendländischen Juden, ferner Steinschneider, Wae fast ein, Wolf gebührenderweise verwertet Wir wollen in folgendem einiges weniger Bekannte von der Fülle des Wissenswerten herausheben: zunächst, daß die Frage unentschieden ist, ob die jüdischen Aerzte allerorts ausschließlich ihre Glaubensgenossen oder auch die christliche Bevölkerung behandeln durften, woher sie ihre medizinischen Kenntnisse geschöpft, d. h. an welchen auswärtigen Universitäten — da ihnen die deutschen versagt waren — sie studiert hatten und ein Examen machen konnten; ob sie außer der ärztlichen Kunst sich nebenher auch Geldgeschäften zu widmen genötigt waren: welche Umstände für die relativ so große Anzahl denselben maßgebend waren, ob das geringere Vertrauen in die christlichen Heilkünstler oder Aberglauben und die Tatsache, daß Fürsten und Geistliche so ausgiebigen Gebrauch von ihnen machten oder daß es an manchen Orten an christlichen Aerzten mangelte. Ein eigenes Kapitel widmet der gelehrte Autor den Anfeindungen und Verteidigungen derselben, wobei es in einer der letzteren (von Seite eines Christen!) bezeichnenderweise heißt: „...und sind sie auch in der theoretischen Wissenschaft weniger bewandert, als ihre christlichen Kollegen, so sind sie um so bedeutender in der Praxis und am Ende passiere es jedem, daß er irrt, es töten diese, es töten jene." Referent möchte das, wie der Verfasser richtig vermutet, aus dem Mittelalter überlieferte Gebet, das der Arzt vor dem Besuche seiner Patienten sprechen soll, nicht als eine schöne Verteidigung des jüdischen Arztes auffassen: „Außer der Gewissenhaftigkeit, mit der derselbe an sein verantwortungvolles Werk heranging und der Tücke, mit der ihn Feinde und Brotneider verfolgten", kommt eine sublime Ethik, eine tiefe Religiosität hier zum Ausdruck, die einen Abdruck, wenigstens im Auszug, hätte gerechtfertigt erscheinen lassen. Einer eingehenden Behandlung werden die Standesverhältnisse der jüdischen Aerzte unterzogen, wobei eine Fülle interessanter Einzelheiten geboten wird, so z. B., daß Elias Halfan im Jahre 1600 in Wien außerhalb des engbegrenzten Judenrayons, und zwar im Wiedenerviertel wohnte, oder die Doktorentracht nach einer aus Prag stammenden Beschreibung, das Vorrecht, den gelben Fleck nicht tragen zu müssen, ferner die Instruktion, welche im Jahre 1656 in hebräischer Sprache für die damaligen zwei Aerzte in Frankfurt a. M. herausgegeben wurde, nebst den Honorarsätzen für Erwachsene und Kinder. Höchst objektiv gehalten ist die Betrachtung über die Förderung der medizinischen Wissenschaft seitens der jüdischen Aerzte, die doch mangels klinischer, d. h. Spitalspraxis an jeglicher Fortbildung gehemmt waren. Vollkommen richtig jedoch der Hinweis auf die ebenso geringen produktiven Leistungen der nichtjüdischen deutschen Aerzte dieses Zeitabschnittes in wissenschaftlicher Hinsicht und die nicht zu unterschätzende hygienische Aufklärungsarbeit für die Juden selbst So ist besonders rühmlich die verbesserungsbedürftige Beschneidungsmethode und ihre Reform durch den Primarius des israelitischen Spitals in Wien mit Recht hervorgehoben und die ergötzliche Tatsache bekanntgegeben, daß ein gegen den gewohnheitsmäßigen Alkoholgenuß der Chassidim 1790 gerichtetes Buch eines Dr. Moses Marcuse von den Betroffenen gleich nach Erscheinen aufgekauft und vernichtet worden ist. Den Schluß der überaus lesenswerten Arbeit bildet in Bestätigung der alten Erkenntnis von der sternenlosen Finsternis des Mittelalters die Schilderung allgemeiner und speziell hervorragender Leistungen jüdischer Aerzte von der Zeit an. wo sie zum Studium an den Universitäten zugelassen wurden, und eine für den Gelehrten immerhin etwas naive, aber höchst ehrende Bemerkung, daß er mit erneuertem gründlichen Studium ein besseres -Zeugnis gerne meinen Kollegen in puncto Förderung der Wissenschaft hätte ausstellen mögen. Ober-Med.-Rat Dr. Heinrich"Haase.

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