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Die Wahrheit · 1930-05-02 · Heft 18 (2.5.1930) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 18 (2.5.1930)
Date
1930-05-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden"/^im^ und den f-:/'*'^h& Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemefnde Wien «iiiiiim^ _Redaktion und Administration; Wien 18., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16_ XLVI. Jahrgang Wien 2. Mai 1930 Nummer IS r* 1 ' ~'.v^ I ' , v;.,>v>j Theodor Herzl. Heute jährt sich zum 70. Male der Tag der Geburt Theodor H e r z I s, des verstorbenen Schöpfers der modernen zionistischen Bewegung und Begründers der zionistischen Weltorganisation. Siebzig Jahre — man darf sagen, eine verhältnismäßig kurze Zeit in unserer so raschlebigen Epoche. Und doch schwankt auch schon tierzls Charakterbild, wozu nicht am wenigsten die Legenden beigetragen haben, die um seine Person und sein Wirken entstanden sind. „Die Herzl-Legende hat — merkwürdig genug in einer sachlichen Zeit, in der Legenden sich als kurzlebig erweisen — standgehalten." Diesen Satz schrieb Dr. T. Nüssenblatt im Vorwort des von ihm herausgegebenen Buches „Zeitgenossen über Herzl" (Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn), das, zum vorjährigen 25. Todestage Herzls erschienen, uns recht viel später zu Gesicht kam, so daß die Besprechung hier erst heute anläßlich des Gedenktages, den bezeichnenderweise die beiden Wiener zionistischen Organisationen in zwei getrennten Veranstaltungen feiern, erfolgen kann. „Das vorliegend« Buch", sagt Dr. T. Nussenblatt in seinem Vorworte weiter, „ist aus der Forschung der Herzl-Legende entstanden. Wie war Herzl wirklich? Wie sahen ihn seine Zeitgenossen, diejenigen, die in verschiedenster Eigenschaft mit ihm in Berührung kamen? Was wissen sie über Herzl zu berichten?" Diese Zeitgenossen Herzls, und zwar jene, die auch heute noch unsere Zeitgenossen sind, in interessanten Berichten über ihn zu uns sprechen zu lassen, unbeschadet ob sie seine Freunde oder Gegner waren, das war ein ganz glücklicher Gedanke des Herausgebers. So entstand ein ziemlich abgerundetes Bild von dem Manne und seinem Werke, das so anschaulich ist daß man die Herausgabe ähnlicher Bücher über andere bedeutende Männer unserer und früherer Tage nur als empfehlenswert ansehen kann. Sie werden wohl aufschlußreicher sein als die meist öden Biographien speichelleckerischer Lobredner. Ob es Nussenblatt gelungen ist, die Herzl- Legende wirklich zu erforschen, bleibe dahingestellt. In seinem Buche findet sich manch treffendes Wort, das geeignet ist, die von mancher Seite mit bewußter Absicht genährte Legende eher zu zerstören. So schreibt Nahum S o k o 1 o w, der Präsident der Exekutive der zionistischen Weltorganisation: „Man leiht nur dem Reichen", sagt ein Sprichwort. Es scheint, daß manche Biographen dieser Regel huldigen; denn, der alten Gewohnheit gemäß, ohne Kontrolle sich gegenseitig zu kopieren, schrieben sie Herzl Leistungen zu, die er nie geahnt hatte und die sein wohlverdienter Ruhm sehr leicht entbehren kann. Manche pausbäckige Lobredner. reich an Worten und arm an jüdischem Wissen, haben die Behauptung in Umlauf gesetzt, Herzl sei der erste Erfinder der zionistischen Idee gewesen. Diese Behauptung muß sowohl im Interesse der historischen Wahrheit, wie im Interesse Herzls berichtigt werden. Herzl würde nur daran verlieren, wenn er in eine jener märchenhaften Gestalten umgewandelt würde, die das Kuriositätsbedürfnis des urteilslosen Plebs befriedigen. Der Mann hat ein gutes Recht auf richtige Abschätzung statt Verhimmehing. Die Leistungen den Begeisterung und der Hingebung, die er geboten, sind groß genug, um ein Bedürfnis, Nutzloses hinzuzufügen, nicht gelten zu lassen." Diese „richtige Abschätzung", die Sokolow hier statt der gerade in unserem Lande, in dem die Erinnerung an Herzl, den Wiener, besonders stark ist, vielfach geübten „Verhimmelung" fordert, ist tatsächlich ein Gebot der Notwendigkeit ,4m Interesse der historischen Wahrheit." Im folgenden soll versucht werden, eine solche richtige Abschätzung des Wesens und Schaffens Herzls an Hand des interessanten Buches vorzunehmen, das seine und unsere Zeitgenossen über ihm geschrieben. Wenn dieser Versuch mit kritische n Augen gemacht wird, so geschieht dies nicht etwa aus unserer gegnerischen Einstellung zum politischen Zionismus," der — mit Unrecht, wie nachgewiesen werden soll,— Herzl als seinen Begründer reklamiert, sondern wieder nur „im Interesse der historischen Wahrheit." Vorausgeschickt sei zum besseren Verständnis eine kurze Herzl- Biographie. Theodor Herzl wurde 1860 in Budapest geboren und starb 1904 in Edlach am Semmering. Er. der eine nur formale jüdische Erziehung genoß, widmete sich zuerst juristischen und licerairtschen Studien und schlug später endgültig die schriftstellerische Laufbahn ein. Von 1891 bis 1896 war er Vertreten der „Neuen Freien Presse" in Paris, Nach Fühlungnahme mit den Führern der bereits, bestehenden Organisationen der Chowewe Zion entschied er sich für Palästina als das Land dies zukünftigen Juden. Staates. 1896 verfaßte er die Broschüre „D e»ti Judens t a a t'\ in welcher er efnen Plan zur Lösung der Judenfrage auf zionistischer Grundlage entwirft. Bald nach Erscheinen des „Judenstaates" sammelten sich um Henzl alle ähnlich denkenden, zum Teil bereits organisierten Zionisten. Unterstützt von Max Nor da u, begann Herzl eine propagandistische Tätigkeit großen Stils und knüpfte politische Beziehungen an. Er faßte den Plan jährlich zusammentretender Weltkongresse und gründete aus eigenen Mitteln „Die Welt" als Zentralorgan der Bewegung. Der erste Zionistenkongreß wurde am 29. August 1897 in Anwesenheit von 197 Delegierten aus den verschiedensten Ländern in Basel eröffnet Er beschloß das sogenannte Baseler Programm, das die „Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" fordert. Herzl setzte die beneits vor dem Kongreß begonnenen Verhandlungen mit der türkischen Regierung fort und besuchte fin den folgenden Jahren die einflußreichsten europäischen Höfe. En wurde vom üroßherzog Friedrich von Baden. Kaiser Wilhelm II. und Könfg von Italien, dem Papst, dem Großwesir und wiederholt vom Sultan empfangen. Der britische Kolonienminister Cnamberlain, Lord Salisbury. Lord Landsdowne, deutsche und russische Persönlichkeiten wurden für die Sache zu gewinnen gesucht. Seit dem dritten Kongreß forderte Herzl einen „Charte r" unter türkischer Souveränität. 1899 gründete er als Finanzinstrument der Bewegung die Jewish Colonial Trust, die aber nur einen Teil des beschlossenen Aktienkapitals aufbringt. Da die türkische Regierung dem Judenstaafcsplan nicht zugeneigt war, vermittelte Chamberlain das Angebot einer großen Landkonzession mit „Charterrechten'" in British-Uganda. Dieses Anerbieten fand auf dem sechsten Kongreß (1903) heftigen Widerstand. Das Projekt wurde von dem nächsten Kongreß e n dgültig abgelehnt. Im Frühjahr 1904 erlitt Herzl, infolge der überstandenen Kämpfe und Aufregungen, einen Zusammenbruch seiner Gesundheit; am 3. Juli 1904 erlag er seinem Herzleiden und wurde auf dem Friedhof in D ö b 1 i n g zur letzten Ruhe bestattet. Außer in seinem „Judenstaat" schilderte Herzl in seinem großen Roman „A11 - N e u 1 a n d" das wiedererstandene Palästina. Er schrieb auch eine Reihe auf der Bühne erfolgreicher Dramen, unter ihnen „Das neue Ghetto". Seine Feuilletons und seine Tagebücher wurden nach seinem Tode in Buchform herausgegeben. Herzls anfängliche Bedeutung lag also in seiner journalistischen Tätigkeit. Wie er zum Journalismus kam, darüber äußerte er sich zu S i 1 V a r a in einer beinahe allgemein gültigen Weise. „Was bleibt begabten Juden übrig," sagte er, ..denen der Sinn für Finanz und Handel abgeht? Sie müssen zum Journalismus. Ich wäre längst Minister, wenn ich nicht Jude wäre." Was wußte Herzl, der ausgezeichnete Journalist, damals von den Juden? Aus manchen Berichten seiner Zeitgenossen ersehen wir, daß dieses Wissen kein sehr großes war. Ja, M. M. Ussischkin sagte sogar, als er ihn kennen lernte: „Er hat einen großen Mangel . . . Erkennt die Juden ü b .e r h au p t n ic h t!" Ein hartes Wort zur Charakterisierung des Mannes, der sich anschickte, eine Lösung der Judenfrage vorzunehmen. (In Parenthese sei vermerkt, daß wohl zwischen Herzl und Ussischkin anfänglich große Differenzen bestanden, die sich insbesondere wegen des von Herzl geförderten Uganda-Projektes verschärften. „Damals ließ sich Herzl," schreibt Dr. E. M. Zweig, Jerusalem, „zu einer Kundgebung hinreißen, in der „Herr Ussischkin aus Jekaterinoslaw" schlecht genug wegkam. Wie konsterniert war ich, daß der Einiger der Judenheit sich so vergessen konnte, West gegen Ost auszuspie- 1 e n." Man stelle sich nur vor, daß solch ein unbedachtes Wort von einem der bösen „Assimilanten" gebraucht werden würde, wie würden unsere Zionisten wegen des „Volksverrates" aufschreien!) Aber Herzl scheint sich wirklich anfangs nicht allzu schwere Gedanken über die Judenfrage gemacht zu haben. Sonst wäre folgendes Projekt nicht möglich gewesen, das er nach einem Berichtetes Chief Rabbi Dr. J. L. Landau, Johannesburg, einst in Erwägung gezogen hat: „Er faßte sogar die befremdliche, ja abstruse Idee, alle Juden mit der Unterstützung des Papstes dem Katholizismus zuzuführen, unter Beibehaltung ihrer völkischen Sondcnart und ihreir Ueb e r I ief e r u nge n. Er, der sich jahrelang völlig eins gefühlt hatte mit seinen christlichen Mitbürgern, konnte es nicht verstehen, warum sein Volk noch weiter gesellschaftliche und politische Nachteile ertragen sollte, die ihren Ursprung in einem religiösen Bekenntnis hatten, das ihm und seinen literarischen Freunden nichts mehr sagte. Als er aber den beiden Chefredakteuren der. „Neuen Freien Presse", Bacher und Benedikt, seihe Absicht mitteüte, waren sie der Meinung, daß seine Idee so absurd sei, daß der Papst ihn gar nicht empfangen würde." Wie kam Herzl nun doch zu seiner „Judenstaats"-Idee? Auch nach Chief Rabbi Dr. J. L. Landau war es „D ü h r i n g s giftiger Angriff gegen die Juden, der zuerst seine Aufmerksamkeit auf die Judenfrage lenkte." ..Wenn seine Feststellung," sagt Dr. J. L. Landau dazu, ..und sein Bericht über den Eindruck, den jenes Buch auf ihn machte, richtig ist, dann ist es umso verwunderlicher, daß ersieh nie um die diesen Gegenstand behandelnde Literatur gekümmert ha t." Bekannter und wahrscheinlich auch glaubwürdiger ist die Version, daß Herzl erst durch die Gerichtsverhandlung und die Degradation des Hauptmannes D r e y f u s, der er als Korrespondent der ..Presse" beiwohnte, auf die Judenfrage aufmerksam wurde. Dieser Version verleiht auch Minister a. D. Prof. Dr. Josef Redlich Ausdruck, der eine leidenschaftliche Schilderung wiedergibt, in der Herzl. aus Paris nach Wien heimgekehrt, „die Schuldlosigkeit des angeklagten jüdischen Offiziers darlegte." Zu diesem Berichte im Widerspruch steht ein Beitrag von Hermann Bahr, der dazu folgendes zu sagen weiß: ,

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